#Sommerklassiker 6: Gottfried Keller und das Lachen

Publiziert am 7. August 2026 von Matthias Zehnder

Klassiker in der Literatur sind wie Bilder in einem Museum: einbalsamierte Kunst, überhöht und deshalb stillgelegt. Klassiker ärgern niemanden mehr. Schade eigentlich. Als kleine Sommerserie habe ich mir dieses Jahr deshalb vorgenommen, sechs Klassiker mit frischem Blick zu lesen. Nach Jeremias Gotthelf, Meinrad Inglin, Conrad Ferdinand Meyer, Johanna Spyri und Olga Meyer folgt zum Abschluss heute Gottfried Keller. In seiner Jugend war er ein radikaler politischer Rebell, der gegen die Obrigkeit aufbegehrte. Längst ist er zum Klassiker erstarrt, eine Marmorbüste im Eingangsbereich des Museums, auf der man achtlos seinen Hut deponiert. Doch Kellers Erzählungen über die Leute von Seldwyla hätten heute noch Sprengkraft. Zum Beispiel die letzte Novelle des zweiten Bandes: «Das verlorene Lachen» erzählt vordergründig die Geschichte einer Ehekrise. Die beiden Eheleute Justine und Jukundus Meyenthal flüchten sich beide in einen Wahn: Jukundus landet verbittert in populistischer Politik, Justine naiv in einer bigotten Religion. Gottfried Keller kritisiert mit seiner Erzählung den Kulturkampf und die Parteipolitik der 1870er Jahre in der Schweiz. Die Jahreszahl können Sie aber getrost vergessen: Seine Kritik ist heute genauso aktuell. Als interaktive Ergänzung habe ich dazu das «Sommerklassiker-Quiz» kreiert. Da können Sie Ihr eigenes Wissen über alle meine Sommerklassiker testen.

Die Erzählungen von Gottfried Keller gehören heute zum Inventar der Schweizer Literatur wie das Aromat auf dem Tisch in einer Landbeiz: Alle finden es nett, dass es da ist, kaum jemand benutzt es noch. Viele wissen gar nicht, dass «Kleider machen Leute» der Titel einer Novelle von Gottfried Keller ist. Geschichten wie «Der Schmied seines Glückes» sind so zeitlose Studien der menschlichen Schwächen, dass sie heute genauso funktionieren. Ich habe mir als Abschluss meiner Sommerklassiker-Serie eine weniger bekannte Erzählung ausgesucht: «Das verlorene Lachen» ist die letzte Erzählung über «Die Leute von Seldwyla». Auch der Name des fiktiven Städtchens ist sprichwörtlich geworden.

Gottfried Keller selbst beschreibt Seldwyla als «wonnigen und sonnigen Ort». Es handle sich dabei um eine kleine Stadt irgendwo in der Schweiz. Sie stecke noch in den gleichen alten Ringmauern und Türmen wie vor dreihundert Jahren und sei also immer «das gleiche Nest». Mit seinen Geschichten aus diesem Seldwyla karikiert Keller mal liebevoll, mal mit beissender Ironie seine Zeitgenossen.

Die Krise kommt so sicher wie der Donner nach dem Blitz

Unsere Geschichte beginnt mit dem Sommerfest des Männerchors von Seldwyla. Auf diesem Fest lernen sich die beiden Hauptfiguren kennen: Jukundus Meyenthal ist ein schlank gewachsener junger Mann mit bildschönem Antlitz. Er singt mit schönem Bariton und trägt die Fahne des Chors. Justine Glor ist die Erbin der wohlhabenden Schwanauer Seidenfabrikanten-Familie Glor. Es kommt, wie es kommen muss: Justine und Jukundus heiraten. Nun wissen wir alle: Wenn eine Geschichte mit einer Hochzeit endet, dann leben die beiden glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende. Wenn sie aber schon im zweiten Kapitel verheiratet sind, dann müssen wir mit allem rechnen. Das ist auch bei Gottfried Keller so: Bei Justine und Jukundus kommt die Krise so sicher wie der Donner nach dem Blitz.

Zunächst leben die beiden tatsächlich glücklich und zufrieden in Seldwyla im Haus von Jukundus. Er versucht sich als Holzhändler, gerät aber rasch in Schwierigkeiten, weil er bei der rücksichtslosen Ausbeutung der Wälder nicht mitmachen will. Gottfried Keller verwendet durchaus drastische Worte für die Rücksichtslosigkeit der Forstwirtschaft:

Aus Widerwillen gegen die Baumschlächterei änderte Jukundus nach und nach, aber so rasch als möglich, sein Geschäft, indem er den Holzhandel verließ und dafür sich auf den Verkehr mit jenen Schätzen warf, welche aus dem Schoße der Erde kommen und das Holz ersetzen.
— Gottfried Keller: Das verlorene Lachen, S. 266

Leider funktioniert das alles nicht so richtig. Als Jukundus für viel Geld eine tausendjährige Eiche kauft, um sie vor der Axt zu retten, rasselt er in den Bankrott. Er muss in die Seidenweberei seiner Schwiegereltern eintreten, in die noble Firma Glor. Es ist ein schnelles und anspruchsvolles Geschäft. Es wird mit harten Bandagen verhandelt. Die Herstellungsprozesse werden unbarmherzig rationalisiert.

In dies verwickelte Getriebe war nun Jukundus hineingestellt, um darin schwimmen zu lernen, und er bestand die Probe nicht gut. Im Anfang, bei den einzelnen einfacheren Hantierungen, ging es ordentlich, weil er aufmerksam und sorgfältig arbeitete. Allein man klagte bald über Langsamkeit, da die Beweglichkeit und der leichte Sinn der ersten Jugend vorüber war, und es hieß, er käme nicht recht von der Stelle. Um ihn nun mit Gewalt schwimmen zu lehren, wurde er köpflings in den Strudel gestürzt, und er trieb sich auch mit gezwungener Lustigkeit oder vielmehr mit einer gewissen Angst hastig in demselben herum, daß ihm Hören und Sehen verging. Arbeiter betrogen ihn um die anvertraute Seide, indem sie das Gewebe zu leicht und locker machten und ihn über die Ursache belogen. Andere wußten ihm Geschäftsgeheimnisse abzuschwatzen, um auf eigene Faust eine schädliche Konkurrenz zu eröffnen. Den Mäklern und Zwischenhändlern glaubte er gegen alle gefaßten Vorsätze immer wieder aufs Wort und genehmigte alle ihre Angebote schon, wenn die andern erst begannen, ihnen halbwegs zuzuhören und Antwort zu geben. In diese Ungeschicklichkeit arbeitete er sich recht eigentlich noch hinein, mehr als es in seinem Wesen bedingt war; eine Art unnatürlicher Dummheit legte sich auf seine Seele und umschleierte seine Gedanken, sobald es sich um Geschäfte handelte, und ehe ein halbes Jahr vorüber war, hatte er wie ein verborgener Marder einen merklichen Schaden in Gestalt eines Mindergewinns angerichtet, welchem nachgespürt wurde.
Als Justine bemerkte, daß die fremden Leute und Angestellten des Hauses ihren Mann bereits nicht mehr für ein Kirchenlicht hielten und ihn mitleidig belächelten, weinte sie heimlich vor Aufregung und Bekümmernis und verfiel in eine beklemmende Angst, daß sie werde anfangen müssen ihn für einen unglücklichen beschränkten Menschen zu halten.

— Gottfried Keller: Das verlorene Lachen, S. 280

Seine Ehrlichkeit zahlt sich für Jukundus nicht aus. Schlimmer noch: Seine eigene Ehefrau hält ihn deswegen für beschränkt. Kein Wunder, sucht sie anderswo Halt und findet ihn in der kirchlichen Reformbewegung des Schwanauer Pfarrers. Gottfried Keller kritisiert dabei die bigotte Frömmigkeit der religiösen Reformer. «Der Pfarrer», schreibt er etwas spöttisch, «stand auf der äußersten Linie der Streiter für die zu reformierende Kirche». Der Pfarrer schaue «mit Geringschätzung auf die früheren Aufklärer und Rationalisten» herab und belächle gleichzeitig selbstzufrieden die «philiströsen Wundererklärer». Er selbst verlangt aber unbedingte Zustimmung von seinen Schäfchen:

«Nicht die Jesuiten und Abergläubigen», rief er von der Kanzel mit lauter Stimme, «sind jetzt die gefährlichsten Feinde der Kirche, sondern jene Gleichgültigen und Kalten, welche in dünkelhafter Überhebung, in trauriger Halbwisserei unserer Kirche und religiösen Gemeinschaft glauben entraten zu können und unsere Lehren verachten, indem sie in schnödem Weltsinne nur der Welt und ihren materiellen Interessen und Genüssen nachjagen.»
— Gottfried Keller: Das verlorene Lachen, S. 288

Damit meint der Herr Pfarrer Männer wie Jukundus. Der Konflikt zwischen den Eheleuten ist nur noch eine Frage der Zeit. Denn Justine hat sich, «um den lauen Sinn ihres Mannes soviel als möglich gutzumachen, dem wunderlichen Reformwerke doppelt» zugetan, schreibt Gottfried Keller. Zur Freude des Pfarrers nicht nur mit Worten, sondern auch mit reichen Gaben und eifrigem Sammeln fremder Spenden.

Zur Krise kommt es, als Jukundus die Theologie des eifernden Pfarrers mit Kabbalistik, Alchemie und Astrologie vergleicht. Justine beschimpft darauf Jukundus.

Kaum war das Wort ihrem Munde entflohen, so erblaßte Justine und sie schaute ihren Mann mit großen Augen an, der schon vorher erbleicht war und jetzt schweigend hinausging.
— Gottfried Keller: Das verlorene Lachen, S. 297

Jukundus packt das Notwendigste zusammen, holt einen Mietwagen herbei und fährt «unbemerkt in der stürmischen Regennacht» davon.

Von diesem Augenblicke an war aus dem Gesichte der beiden Ehegatten jenes anmutige und glückliche Lachen verschwunden, so vollständig, als ob es niemals darin gewohnt hätte.
— Gottfried Keller: Das verlorene Lachen, S. 297

Das ist er also, der Moment, an dem das Lachen verloren geht. Justine bleibt bei ihrer Familie, Jukundus begibt sich in die «Landeshauptstadt», wie Keller schreibt, und tritt bei seinem ehemaligen militärischen Vorgesetzten eine Stelle an. Endlich kann er mit seiner Ehrlichkeit punkten und wirtschaftlich Fuss fassen. Er kommt sogar zu bescheidenem Reichtum. Das Lachen aber hat er verloren: «So flossen seine Tage ernst und still dahin und nicht die kleinste Freude erhellte seine Augen.»

Verbitterte Gemütsstimmung

Im Geschäftsleben kann sich Jukundus mit seiner Ehrlichkeit und Klarheit jetzt behaupten. Gesellschaftlich bleibt er aber naiv und gerät in zweifelhafte politische Kreise. Es sind Stammtischpolitiker, die sich das Maul zerreissen, politische Denunzianten und Blageure. Was Keller da beschreibt, ist erstaunlich heutig. Das beginnt schon mit der Begründung für das Abgleiten in diese Kreise. Er schreibt, Jukundus sei «mehr seiner verbitterten Gemütsstimmung als eigentlicher Neigung gemäß leidenschaftlich hineingezogen» worden. Heute würde man sagen: Es sind Wutbürger, die gegen die «Classe politique» agitieren:

Es entstand zuerst ein Ausspotten einiger nicht bedeutenden Personen, an irgendeinem Punkte, dann ein Verhöhnen einiger anderer, die schon mehr Bedeutung hatten, wegen halb lächerlichen, halb unzukömmlichen, immerhin entstellten Eigenschaften. Eine spott- und verfolgungslustige Laune verbreitete sich mehr und mehr, es bildeten sich Anführer und Virtuosen im Hohn und der Entstellung aus, und bald verwandelte sich der lustige Spott in grimmige Verleumdung, welche umherraste, die Häuser ihrer Opfer bezeichnete und das persönliche Leben auf das Straßenpflaster hinausschleifte.
— Gottfried Keller: Das verlorene Lachen, S. 301

Heute nennen wir das einen Shitstorm. Wie heute brauchen solche Denunziationen keinen echten Anlass. Gottfried Keller schreibt:

Da aber ein Volk oder eine Republik, wenn sie durchaus Händel suchen mit ihren Führern und Verwaltern, nicht auf die Dauer wegen des Anfanges verlegen sind und immer neue Mittel erfinden, so stellte man sich zuletzt einfach vor die Personen hin und sagte: Euere Gesichter gefallen uns nicht mehr.
— Gottfried Keller: Das verlorene Lachen, S. 300

Die Anklage braucht keinen Inhalt mehr. Nach einem Shitstorm stellen wir heute oft fest, dass der Reputationsschaden bleibt, obwohl der Vorwurf verpufft ist. So beschreibt es auch Gottfried Keller:

…der Abscheu blieb an den Personen haften und aller übrige gestaltlose Unfug wurde festgehalten durch die Ratlosigkeit der Verfolgten, und bei dem allgemeinen Schrecken und Widerwillen entstand eine förmliche Straflosigkeit, zumal jede Prozeßverhandlung zu einem Feste für die Verfolger zu werden begann und mit den schwersten Drohungen begrüßt wurde.
— Gottfried Keller: Das verlorene Lachen, S. 301

Es ist verblüffend, wie genau Gottfried Keller die Mechanismen beschreibt: Die Leute mit den grössten eigenen Schwächen «stellten sich gerade in die vorderste Reihe» der Ankläger. Der Chor der Umstehenden schweigt aus Angst, selbst dranzukommen, «mäuschenstille». Und Jukundus macht nicht aus Überzeugung mit, sondern aufgrund «seiner verbitterten Gemütsstimmung». Radikalisierung aus Kränkung.

Beifallsdurstiger Wohlredner

Justine muss gleichzeitig erleben, wie ihre Familie, ausgelöst durch eine Weltmarktkrise, finanziell abstürzt. Sie sucht Halt in der Religion und besucht den Schwanauer Pfarrer, mit dem ihr Mann so in Streit geraten ist. Sie trifft den Pfarrer in seinem Haus, er sitzt erschöpft und bleich in seinem Lehnstuhl.

«Sie sehen», sagte der Pfarrherr, nachdem er Justinen begrüßt, «daß ich auch nicht in guten Schuhen stecke, und das mag Ihnen erklären, warum ich mich so lange nicht habe blicken lassen. Ich bin in der Tat, mehr als Sie denken, im gleichen Spitale krank wie Sie und die Ihrigen!»
— Gottfried Keller: Das verlorene Lachen, S. 317

Der Pfarrer gesteht Justine, dass er heimlich mit dem Vermögen seiner Frau spekuliert habe, um reich und «unabhängig» zu werden, und dass er innerlich längst kein Christ mehr sei. Er sei nur noch «ein beifallsdurstiger Wohlredner und Schwätzer». Für Justine ist es, «als ob sie einen Berg einstürzen sähe». Der eifernde Moralist ist selbst zum Spekulanten geworden. Was Justine so heilig war, erweist sich als pure Scheinheiligkeit.

Bleibe ein ganzer Mensch

In Gottfried Kellers Erzählung begegnen sich Jukundus und Justine zufällig in der Nähe der Hauptstadt, fallen sich um den Hals und versöhnen sich. Das verlorene Lachen kehrt zurück. Sie beschliessen, dass sie sich nicht mehr «behirten» lassen wollen, weder von der Politik noch von der Religion. Jukundus sagt, dass sie sich «Kopf und Herz oder Wissen und Gemüt» nicht mehr auseinanderreissen lassen wollen, «denn wir müssen als ganze unteilbare Leute in das Gericht, das jeden ereilt!»

Gottfried Keller sagt also: Lass Dich nicht von einem politischen oder religiösen Lager verführen. Bleibe Du selbst, als ganzer Mensch. Es ist eine erstaunlich moderne Aussage, die heute genau so gilt.

Was meinen Sie zu dieser Geschichte einer Ehekrise und zu Gottfried Kellers Aufruf, sich nicht von einem politischen oder religiösen Lager verführen zu lassen, sondern sich selbst als ganzer Mensch zu bleiben?

Damit Sie sich noch etwas mehr mit Gottfried Keller und den anderen Klassikern meiner Serie beschäftigen können, habe ich Ihnen mein Sommerklassiker-Quiz gebaut: Testen Sie Ihr Klassiker-Wissen hier.

Die Auflösung samt Erklärung erhalten Sie am Schluss. Dazu gehört auch eine Bewertung, je nachdem, wie viele Punkte Sie schaffen: Hase, Löwe, Fuchs oder Elefant – welche Wertung schaffen Sie?

Basel, 07.08.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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Quellen:

Bild: Mit seinen Geschichten aus Seldwyla karikiert Keller mal liebevoll, mal mit beissender Ironie seine Zeitgenossen.. (Grafik: mz unter Verwendung eines Fotos von Camille Ruf und Rudolf Ganz (1887), Zentralbibliothek Zürich.)
Keller, Gottfried (1978): Gottfried Kellers Werke. 4: Die Leute von Seldwyla II, Zürich 1978 Diogenes-Taschenbuch 160,4.


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