#Sommerklassiker: Jeremias Gotthelf und die Angst vor dem Fremden

Publiziert am 3. Juli 2026 von Matthias Zehnder

Klassiker in der Literatur sind wie Bilder in einem Museum: einbalsamierte Kunst, überhöht und deshalb still gelegt. Klassiker ärgern niemanden mehr. Schade eigentlich. Als kleine Sommerserie habe ich mir dieses Jahr deshalb vorgenommen, sechs Klassiker mit frischem Blick zu lesen. Den Anfang macht Jeremias Gotthelf. Er ist ein gutes Beispiel dafür, wie man einen streitbaren Autor ruhig stellt: Der Pfarrer aus dem Emmental gilt heute als pittoreskes Beispiel eines Erzählers aus dem Biedermeier. Doch seine Texte haben Sprengkraft, sind sozialkritisch, ja politisch. Ganz besonders gilt das für «Die schwarze Spinne», eine Novelle über den Teufel, das Emmental und die Fremden. Ich habe die Geschichte neu gelesen. Mir ist dabei eine Figur im Gedächtnis geblieben, die wir meistens falsch verstehen. Ich beginne meine Sommerserie deshalb mit einem frischen Blick auf diese schwarze Erzählung. Als interaktive Ergänzung habe ich dazu ein «Sommerklassiker: Quiz» kreiert. Da können Sie Ihr eigenes Wissen über Jeremias Gotthelf testen.

Gotthelfs Novelle beginnt mit dem lieblichen Bild eines Tals. Er lullt einen förmlich ein mit einer Beschreibung, die nach einem Bild von Albert Anker klingt:

Über die Berge hob sich die Sonne, leuchtete in klarer Majestät in ein freundliches, aber enges Tal und weckte zu fröhlichem Leben die Geschöpfe, die geschaffen sind, an der Sonne ihres Lebens sich zu freuen. Aus vergoldetem Waldessaume schmetterte die Amsel ihr Morgenlied, zwischen funkelnden Blumen in perlendem Grase tönte der sehnsüchtigen Wachtel eintönend Minnelied, über dunkeln Tannen tanzten brünstige Krähen ihren Hochzeitreigen oder krächzten zärtliche Wiegenlieder über die dornichten Bettchen ihrer ungefiederten Jungen.
— Gotthelf: Die schwarze Spinne

Hach, wie ist das schön. In dieser lieblichen Szenerie soll auf einem Bauernhof eine Tauffeier stattfinden. Den Menschen geht es gut, es sind reiche Bauern. Gotthelf zeigt das anhand der Speise. Vor der Taufe verschmähen sie den «neumodischen Kaffee, den sie alle Tage haben konnten». Sie greifen stattdessen zu «Weinwarm, dieser altertümlichen, aber guten Bernersuppe, bestehend aus Wein, geröstetem Brot, Eiern, Zucker, Zimmet und Safran». Statt Kaffee trinken sie also eine Art Glühwein mit Zucker, Zimt und Safran – Luxus pur.

Gotthelf macht es wie Hitchcock

Gotthelf wiegt uns damit in Sicherheit. Es ist eine Technik, die auch Hitchcock anwendet: An einem so schönen, lieblichen Sonntag voller Wein und Honig wirkt das Böse umso schauderhafter. Wir entspannen uns – und zack, schlägt der Teufel zu.

Während der Tauffeier fällt einer Frau auf, dass an dem Neubau des grossen Bauernhofes ein alter, schwarzer Fensterpfosten eingebaut worden ist, der dazu auch noch zu kurz ist. Auf ihre Bitte hin erzählt der Grossvater, was es mit dem Pfosten auf sich hat. Das ist die Geschichte der schwarzen Spinne.

Über Jahrhunderte gehörte das Dorf zum Lehen des Ritters Hans von Stoffeln. Der verlangt von den Bauern immer aberwitzigere Arbeiten, bis es unmöglich wird, seine Forderungen zu erfüllen. Da taucht der Teufel in Gestalt eines fremden Jägers auf und bietet seine Hilfe an.

Da hob der Schreck die Männer von dannen, sie stoben die Halde auf wie Spreu im Wirbelwinde.
Nur Christine, die Lindauerin, konnte nicht fliehen, sie erfuhr es, wie man den Teufel leibhaftig kriegt, wenn man ihn an die Wand male. Sie blieb stehen wie gebannt, musste schauen die rote Feder am Barett, und wie das rote Bärtchen lustig aufundnieder ging im schwarzen Gesichte. Gellend lachte der Grüne den Männern nach, aber gegen Christine machte er ein zärtlich Gesicht und fasste mit höflicher Gebärde ihre Hand. Christine wollte sie wegziehen, aber sie entrann dem Grünen nicht mehr, es war ihr, als zische Fleisch zwischen glühenden Zangen.

— Gotthelf: Die schwarze Spinne

Die Christine macht mit dem Teufel einen Deal: Er hilft den Bauern und dem Dorf, dafür soll er als Lohn ein ungetauftes Kind erhalten. Christine ist einverstanden, weil sie weiss, dass in absehbarer Zeit kein Kind in Sicht ist. Der Teufel bekräftigt den Pakt mit einem Kuss:

Da berührte der spitzige Mund Christines Gesicht, und ihr war, als ob von spitzigem Eisen aus Feuer durch Mark und Bein fahre, durch Leib und Seele; und ein gelber Blitz fuhr zwischen ihnen durch und zeigte Christine freudig verzerrt des Grünen teuflisch Gesicht, und ein Donner fuhr über sie, als ob der Himmel zersprungen wäre.
— Gotthelf: Die schwarze Spinne

Der Teufel hält sich an den Handel und hilft den Bauern, die versuchen aber, ihn übers Ohr zu hauen: Der Pfarrer tauft das nächste Kind sofort nach der Geburt. Die Stelle in Christines Gesicht, wo der Teufel sie geküsst hat, verfärbt sich schwarz. Nach der Taufe des nächsten Kindes kommt es zur Katastrophe:

Da war es Christine, als ob plötzlich das Gesicht ihr platze, als ob glühende Kohlen geboren würden in demselben, lebendig würden, ihr gramselten über das Gesicht weg, über alle Glieder weg, als ob alles an ihm lebendig würde und glühend gramsle über den ganzen Leib weg. Da sah sie in des Blitzes fahlem Scheine langbeinig, giftig, unzählbar schwarze Spinnchen laufen über ihre Glieder, hinaus in die Nacht, und den Entschwundenen liefen langbeinig, giftig, unzählbar andere nach.
— Gotthelf: Die schwarze Spinne

Als der Pfarrer auch das nächste Kind durch Taufe dem Teufel entreisst, verwandelt sich Christine selbst in eine mordende, schwarze Spinne. Schliesslich schafft es eine Mutter, die Christine-Spinne in ein Loch in einem Fensterpfosten zu sperren und das Loch mit einem geweihten Zapfen zu verschliessen.

Dieser Fensterpfosten ist natürlich der schwarze Pfosten, der einem Gast an der Tauffeier aufgefallen ist. Schaudernd schauen die Taufgäste auf den schwarzen Pfosten «und jedem klopfte es unheimlich unterem Brusttuch», schreibt Gotthelf.

Die schwarze Spinne wartet weiter

Eigentlich ist die «schwarze Spinne» eine Schauergeschichte. Gotthelf zeichnet zuerst das Bild eines idyllischen Sonntagnachmittags, die feiernde Taufgesellschaft geniesst den Wohlstand, Frieden und Sicherheit im Tal. Da hebt Gotthelf den pfarrherrlichen Zeigefinger und warnt vor dem Bösen, das immer und überall wartet: Die schwarze Spinne steckt weiterhin im Fensterpfosten. Das Böse ist unter uns, warnt Gotthelf, wir müssen achtsam bleiben.

Zu seiner Zeit galt die Sympathie der Dorfgemeinschaft, die zugleich die Taufgesellschaft bildet. Das Dorf hat die Krise offensichtlich überwunden: Der tapfere Kampf des Pfarrers hat die Kinder vor dem Teufel gerettet und eine mutige Mutter hat die Spinne besiegt.

Christine als Winkelried-Figur

Aber wie war das nochmal? Christine hat einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Gotthelf bezeichnet sie als «Christine, die Lindauerin». Christine stammt also nicht aus dem Dorf, sondern aus Lindau am Bodensee. Sie ist eine Deutsche und damit eine Fremde. Diese Fremde geht den Handel mit dem Teufel ein. Also ist niemand im Dorf schuld, dass das schief geht. Aber Christine handelt nicht aus Eigennutz, sondern um die Bauern im Dorf zu retten. Eigentlich ist Christine also eine Art Winkelried-Figur: Sie opfert sich zu Gunsten der Gemeinschaft. Darüber verliert Gotthelf aber kein Wort. Im Gegenteil: Christine wird zur Brutstätte des Bösen und verwandelt sich am Ende selbst in eine Spinne. So gelesen gilt meine Sympathie nicht den reichen Bauern, sondern der tapferen Christine, die sich für ihr Tal opfert.

Oberflächlich gelesen warnt Gotthelf mit seinem Text vor dem Fremden: vor dem fremden Mann, also dem Teufel, und vor der fremden Frau, die sich mit ihm einlässt. Die Dorfgemeinschaft ist unter Druck, der fremde Ritter unterjocht die Bauern, der fremde Teufel verführt die fremde Frau.

Angst vor dem Fremden bewirtschaftet

Doch wenn wir Christine als Winkelried-Figur verstehen, müssen wir zu einem anderen Schluss kommen. Die Bauern machen sie zum Sündenbock, lösen damit aber ihr Problem nicht. Sie bewirtschaften die Angst vor dem Bösen im Pfosten und sorgen so dafür, dass die Bedrohung zum Dauerzustand wird. Sie wenden damit genau jene Technik an, mit der Parteien wie die SVP bis heute Erfolg haben: das Bewirtschaften der Angst und das Dämonisieren des Fremden, ohne selbst wirklich Lösungen anzubieten. Denken Sie nur an die SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz». Die Initiative hätte kein einziges Problem gelöst.

Gotthelf, der ja selbst Pfarrer war, schrieb mit deutlich sichtbarer moralischer Absicht. Er wollte seine Gemeinde warnen. Stattdessen hat er, möglicherweise ohne es zu merken, einen Text geschrieben, der präzise zeigt, wie eine solche Dorfgemeinschaft im Krisenmoment funktioniert: Sie hält nicht zusammen, sondern schliesst aus. «Die schwarze Spinne» ist deshalb für mich ein Beispiel dafür, wie sehr die Angst vor dem Fremden die Wahrnehmung verzerren kann.

Was meinen Sie zu dieser schwarzen Geschichte aus dem Emmental: Lesen Sie die «Schwarze Spinne» als Mahnmal oder sehen Sie in der Geschichte eher einen Spiegel? Und, was mich besonders beschäftigt: Wie können wir der Figur der Christine gerecht werden?

Damit Sie sich noch etwas mehr mit Jeremias Gotthelf und seiner Welt beschäftigen können, habe ich Ihnen mein Sommerklassiker-Quiz gebaut: Testen Sie Ihr Klassiker-Wissen hier:

Serie

Sommerklassiker

# Beitrag Denkwerkzeug
1 #Sommerklassiker: Jeremias Gotthelf und die Angst vor dem Fremden Sommerklassiker-Quiz

Die Auflösung samt Erklärung erhalten Sie am Schluss. Dazu gehört auch eine Bewertung, je nachdem, wieviele Punkte Sie schaffen: Hase, Löwe, Fuchs oder Elefant – welche Wertung schaffen Sie?

Basel, 03.07.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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Quellen:

Bild: Es lohnt sich, Gotthelf neu zu lesen. Was meinen Sie zu dieser schwarzen Geschichte aus dem Emmental: Lesen Sie die «Schwarze Spinne» als Mahnmal oder sehen Sie in der Geschichte eher einen Spiegel?. (mz/KI-generiert)
Balfour, Rosemary Picozzi (1975): Das Spinnengewebe der Zeit: Zur Interpretation von Gotthelfs Die schwarze Spinne, in: Seminar, 11,3, 1975, S. 157–169, https://utppublishing.com/doi/10.3138/sem.v11.3.157 [03.07.2026].
Girard, René; Mainberger-Ruh, Elisabeth; Girard, René (1998): Der Sündenbock, Zürich Düsseldorf 1998.
Gotthelf, Jeremias (2016): Die schwarze Spinne: Erzählung, hrsg. v. Wolfgang Keul, [Nachdruck] 2021, Ditzingen 2016 Reclam XL Nr. 19373.


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Ein Kommentar zu "#Sommerklassiker: Jeremias Gotthelf und die Angst vor dem Fremden"

  1. Um dem Trainer des Quiz über Jeremias Gotthelf Folge geleistet zu haben, bin ich mit spontan 8 von 15 Richtigen, trotz meiner auswärtigen Wurzeln weitgehend zufrieden.
    Dazu lernen kann man ja immer, wie der 2.Umgang mit 14 Pkt. zeigte.

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