Die scheinheiligen Patrioten

Die Fifa behauptet, ihr Fussballfest sei sauber. Gefühle ja, aber streng geregelt. Doch das ist scheinheilig: Die nationalen Hochgefühle fördern Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit. All die Fahnen, Flaggen und Farben an der Fussball-WM mögen vor Ort harmlos aussehen. Das patriotische Allotria führt in der Welt jedoch zu Nationalismus und Ausgrenzung. Das haben in der Schweiz die Reaktionen auf die Doppeladlergeste von Xhaka und Shaqiri gezeigt. Und die Zeit für Spiele mit dem nationalistischen Feuer könnte ungünstiger nicht sein.

Fussball-Funktionäre wie Gianni Infantino gehen zwar gerne auf Schmusekurs mit Politikern wie Wladimir Putin, doch mit Politik wollen sie nichts zu tun haben. Der Weltfussballverband Fifa will die Politik unbedingt von den Fussballstadien fernhalten. Wohl deshalb hat die Disziplinarkommission der Fifa die Doppeladlergeste von Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri nicht als politisches Zeichen gewertet, sondern lediglich als unsportliches Verhalten.[1] Trotzdem hat der Doppeladler diese Woche sehr viel Staub aufgewirbelt.[2] Die Weltwoche sprach sogar vom Doppeladler-Delirium. Weil die Bundesräte Cassis und Parmelin Verständnis dafür äusserten, schrieb das Blatt, der Bundesrat dribble sich ins Abseits. Und Roger Köppel meinte in seinem Editorial sogar, im Spiel gegen Serbien hätten die Secondo-Fussballer eine rote Linie überschritten: Etwas ist zerbrochen. Für den Fussballfan gibt es keine brutalere Ohrfeige, als wenn der Nationalspieler, dem er inbrünstig huldigt, im Moment seines grössten Triumphs, dem erfolgreichen Torschuss, eine andere Leibchenfarbe überstreift. Hopp Albanien! [3]

Natürlich ist das Quatsch. Es ist Köppels eigenes Problem, wenn er Nationalspielern brünstig huldigt – aber weder Xhaka noch Shaqiri haben im Moment des Triumphs ein anderes Leibchen übergestreift. Sie haben ihre Tore für die Schweizer Nationalmannschaft geschossen und zwar bewusst: Sie haben sich beide nämlich für die Schweizer Auswahl entschieden. Die beiden sind und bleiben echte Schweizer – gerade weil sie einen bunten Hintergrund haben und die Schweiz gewählt haben.[4] Trotzdem: Die Aufregung rund um den Doppeladler zeigt, dass diese Fussballweltmeisterschaft höchst politisch ist.

Es geht um die grosse Politik

Die Fifa mag so tun, als gehe es nur um den Spass an der Freude – und vor Ort, in den Stadien und auf dem Fussballfeld, mag das sogar stimmen. In der weiten Welt jedoch geht es bei der WM um grosse Geschäfte und um grosse Politik. Russland will damit sein Image verbessern, Staatschefs nutzen die WM für diskrete, bilaterale Kontakte und natürlich feiern sich die Nationen bis zur Schmerzgrenze. Von der Hymne bis zur Fahne, von Kleidung (und Schminke) in den Nationalfarben bis zum Nationalmaskottchen huldigt jeweils präzis das halbe Stadion einem Vaterland. Aber natürlich ganz sauber, anständig und unpolitisch. Wehe, wenn das jemand zu ernst nimmt und sich zu echten Gefühlen versteigt. Und wehe, wenn es jemand nicht ernst nimmt. Die korrekten Gefühle, das ist ein schmaler Grat. So müssen die Spieler unbedingt mitsingen bei der Landeshymne – aber bitte ohne Tränen in den Augen. Die Zuschauer sollen bitte ihre Nationalmannschaft anfeuern – aber nie gegen das gegnerische Team pöbeln. Fussball ist sauber und anständig und will mit Nationalismus so viel zu tun haben wie eine Barbiepuppe mit Sex – und die ist untenrum bekanntlich fest verschweisst. Das Blöde ist nur: Das geht nicht. Barbie ist längst auch Sex-Symbol. Das friedliche Fussballspiel von Nation gegen Nation, das ist Spielen mit Feuer an einer Tankstelle. Das zeigen gerade die Reaktionen auf die Doppeladlergeste. Ganz egal, ob die nun politisch gemeint war, oder ob es ein harmloses Familienzeichen war – die Geste wurde politisch interpretiert.

Die Fussballweltmeisterschaft ist kein unschuldiges Fussballspiel von in bunte Farben gekleideten Männern, es ist ein Kampf der Nationen. Da gewinnen nicht die Weissen gegen die Roten, sondern England überrollt Panama[5] und nicht die Gelben treffen gegen die Roten, sondern Belgien macht Tunesien flach.[6] Selbst das Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft wird nicht bloss als schlechtes Spiel der DFB-Elf begriffen, sondern als ein Scheitern von Deutschland, das als Fanal für die Querelen um die Kanzlerin gelesen wird. Abstieg zweier Superstars, schrieb der Spiegel, Jogi Löw und Angela Merkel stehen für Sattheit und Selbstgefälligkeit, unter der auch Wirtschaft und Politik des Landes zu leiden scheinen.[7] Nein: Unschuldig ist die Fussball-WM definitiv nicht. Sondern gefährlich. Gefährlich nationalistisch.

Fussball-WM fördert Nationalismus

Fussball-Fans sagen natürlich: An der Fussball-WM hat Nationalismus nichts zu suchen – aber Patriotismus, das ist ok. Fussball-Kommentator Marcel Reif sagte es in der Radiosendung «Rendez-vous am Mittag» so: Patriotismus ist: Ich bin für mein Land. Nationalismus ist: Ich bin für mein Land und gegen andere. Wenn ich mich über andere erhebe, dann hat das an der Fussball-WM nichts zu suchen.[8] Bloss: Genau das ist die Realität. Schon im Stadion wird der Gegner ausgepfiffen – in der weiten Welt erst recht. Weil der Fussball nationalistisch gelesen wird, reagieren Rechtskonservative so empfindlich auf die «Verunreinigung» der eigenen Nationalmannschaft durch Secondos: Die Reaktionen von Roger Köppel und von anderen SVP-Politikern auf die Secondos in der Schweizer Fussballnationalmannschaft haben mit Patriotismus nichts zu tun – das ist reiner Nationalismus.

Die Vorstellung, es gebe so etwas wie einen sauberen Patriotismus an der Fussball-WM, ist naiv. Eine Studie der Universität Marburg hat gezeigt, dass die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland nach der WM 2006 zugenommen hatte. Die Studie zeigt, dass eine starke nationale Bindung an das eigene Land die Ablehnung von Fremden fördert.[9] Und genau diese starke nationale Bindung an das eigene Land wird durch die Fussball-WM gefördert. Deshalb kommt die Studie zum Schluss, dass die Fussball-WM letztlich Nationalismus fördert. Es wäre auch ein Wunder, wenn all das nationale Hurra-Geschrei, all die Hymnen, Fahnen, Flaggen und Farben keinen Einfluss auf die Menschen hätten.

Stacheldraht statt Sterne

Die Fussball-WM fördert also Nationalismus – und das ausgerechnet jetzt, wo der Nationalismus in Europa wieder um sich greift wie ein Buschbrand in der ausgedörrten Kalahari. Ausgerechnet jetzt, wo in Europa wieder immer mehr Länder nur für sich schauen und meinen, die Flüchtlingskrise liesse sich auf diese Weise lösen. Karen Mioska hat in den «Tagesthemen»[10] diese Woche ein Bild gezeigt, das dieses Verhalten auf den Punkt bringt. Der Strassenkünstler Blu[11] hat es in der spanischen Enklave Melilla in Nordafrika auf eine Wand gemalt. Es zeigt die Europäische Flagge, doch auf blauem Grund glänzen nicht goldene Sterne, sondern goldene Stacheldrahtstacheln.

Bild von Strassenkünstler Blu in Melilla, gesehen in den Tagesthemen vom 27.06.2018

Das Bild trifft die Situation in Europa auf den Punkt. Denn die Stacheldrahtstacheln der europäischen Nationen richten sich nicht nur gegen aussen, sondern auch gegen innen, gegen das Vereinte in Europa. In diesem Klima ist es entweder völlig naiv oder schamlos scheinheilig, in Russland auf harmlosen Patriotismus zu machen. Wenn Ihnen Fussball am Herzen liegt, sagen Sie jetzt vielleicht: Jetzt will der auch noch die Fussball-WM abschaffen. Will ich nicht. Mir wäre aber wichtig, dass Sie die Augen öffnen. Dass Ihnen bewusst wird, wie sehr das patriotische Allotria mit dem nationalistischen Feuer spielt. Und dass Sie, wenn wieder mal einer der Fussballspieler im Jubelüberschwang sein Leibchen auszieht, daran denken, dass unter all den so verschiedenen Nationalfarben Menschen stecken. Menschen, die vor dem Gesetz alle gleich sind – oder gleich sein sollten.

Basel, 29. Juni 2018, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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[1] Vgl. https://www.nzz.ch/sport/doppeladler-keine-sperren-gegen-shaqiri-xhaka-und-lichtsteiner-ld.1397979

[2] Meinen Kommentar zu den Reaktionen auf den Doppeladler finden Sie hier.

[3] Vgl. https://www.weltwoche.ch/ausgaben/2018-26/artikel/hopp-albanien-die-weltwoche-ausgabe-26-2018.html

[4] Meinen ausführlichen Kommentar dazu finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/journalismus/warum-der-laerm-um-den-doppeladler-jubel-scheinheilig-ist/

[5] Vgl. https://www.nzz.ch/sport/fussball-wm-2018/england-deklassiert-panama-mit-61-ld.1397561

[6] Vgl. https://www.blick.ch/sport/fussball/wm/tor-party-gegen-tunesien-belgien-spielt-sich-in-die-achtelfinals-id8533784.html

[7] Vgl. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/news-angela-merkel-joachim-loew-afd-parteitag-mexiko-margot-kaessmann-a-1214883.html

[8] Vgl. https://www.srf.ch/sendungen/rendez-vous/daten-sind-das-neue-gold

[9] Vgl. https://www.uni-marburg.de/aktuelles/news/2006/20061213studie/20061213studie

[10] Vgl. https://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/tt-6085.html bei 14:30

[11] Vgl. http://blublu.org/

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Ein Kommentar zu Die scheinheiligen Patrioten

  1. Ueli Keller sagt:

    Neben Geld und Spass gehört – wie bei solcherart Spielen üblich – bei einer Fussballweltmeisterschaft auch Patriotismus dazu. Die Mannschaft aus der Schweiz besteht aus lauter Migranten und Söldnern. Sie eignen sich nicht für eine nationalistisch aufgemotzte, fremdenfeindliche Propaganda von Populisten*innen. Und auch zur bornierten Einfalt von rechtskonservativen, superschlauen Schlaraffenländer*innen will die Multikulti-Truppe aus der Schweiz mit ihrer kreativ zielgerichteten Vielfalt nicht passen. Sie exerziert, wie mit vielerlei Identitäten und Talenten eine attraktive, ergebnisreich agierende Gemeinschaft möglich ist. Nicht nachhaltig zukunftsfähig ist allerdings das Weltmeisterschaftsmotto „Konkurrenz belebt das Geschäft, und mit Verlusten muss gerechnet werden“.

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