Warum der Lärm um den Doppeladler-Jubel scheinheilig ist

Eigentlich könnten die Schweizerinnen und Schweizer heute feiern. Die Schweizer Nationalmannschaft steht mit einem Bein im Achtelfinal: Gegen Costa Rica genügt jetzt ein Unentschieden. Eigentlich grossartig – aber: Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri haben nach ihren Toren einen Doppeladler gezeigt. Xhaka und Shaqiri fehlt die politische Sensibilität, rügt die NZZ die beiden Spieler in einem Kommentar. Die Aargauer Zeitung / bz Basel schreibt von einer Provokation und dass die beiden Fussballer damit die Diskussionen um Identität, um Herkunft und Heimat wieder neu entflammen. Und SVP-Natiuonalrätin Natalie Rickli schreibt sogar, sie könne sich nach dem Doppeladlerzeichen nicht richtig freuen, weil die beiden Fussballer ihre Tore ja offensichtlich nicht für die Schweiz, sondern für den Kosovo geschossen hätten:

Und das geht mir nun definitiv zu weit. Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri haben den Tatbeweis ja längst erbracht: Sie schiessen ihre Tore für die Schweiz. Was wollt Ihr denn mehr? Die Fifa, die Fernseh- und Zeitungskommentatoren wollen sauberen Fussball. Ohne Politik. Und das sagen sie, ohne rot zu werden, in einem Land, das die Fussball-WM schamlos zu Propagandazwecken ausnutzt. Oder glaubt irgendjemand, Russland richte die Fussball-WM aus reiner Freude am Fussball aus?

Wie viele andere Zeitungen kritisiert der «Tages-Anzeiger» die Doppeladler-Geste von Xhaka und Shaqiri. Bild: Tagesanzeiger.ch

Die Doppeladler-Kritiker kritisieren die Heimatgefühle von Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri für ihre Herkunft. Sie sollen bitte nur saubere Nationalgefühle für die Schweiz haben, brav mitsingen bei der Hymne und dankbar sein, dass sie für unser Land Fussballspielen können. Dabei zelebriert gerade eine Fussballweltmeisterschaft den Nationalismus bis an die Grenze des Erträglichen, mit Hymne, nationalen Symbolen, Nationalflagge und Nationalfarben. Und da soll die Politik aussen vor gelassen werden? Das ist etwa so, wie wenn man zu einer grossen Party in einen Strip-Club einladen würde, den Besuchern aber verbieten würde, dabei an Sex zu denken.

Mir geht vor allem das ganze Gesülze um echte und falsche Schweizer auf die Nerven. Was wäre denn ein echter Schweizer? Roger Köppel schreibt in der Weltwoche, die Schweizer Nationalmannschaft sei eine Veteranentruppe von Auslandsöldnern mit Schwerpunkt Balkan, angereichert durch ein paar eingeschweizerte Afrikaner. Da im Fussball nicht die Herkunft, sondern nur die Leibchenfarbe zählt sowie das Resultat, verbietet sich hier die Frage, wie viel Schweiz in dieser Schweizer Mannschaft denn überhaupt noch drinsteckt.

Was ist ein Schweizer? Braucht es mindestens zwei Schweizer Eltern? Oder auch vier Schweizer Grosseltern? Es gab eine Zeit in Deutschland, da genügte ein nicht-arischer Grosselternteil, um die deutschen Bürgerrechte zu verlieren. Wollen wir eine solche Schweiz? Sicher nicht. Die Schweiz ist keine Nation, die Schweiz ist ein bunter Bund unterschiedlichster Staaten, die sich zu einer Genossenschaft zusammengeschlossen haben, nicht weil sie zusammengehörten, sondern weil sie zusammengehören wollten.

So gesehen ist die Schweizer Nationalmannschaft viel Schweizerischer, als Köppel und Rickli das meinen: Es ist ein Bund von Tschüttelern, die sich für die Schweiz zu spielen entschieden haben. Es ist eine Willensmannschaft. Und der Sieg gestern gegen die Serben war ein typisch Schweizerischer Sieg: Das war kein geniales Spiel, es war ein Kraftakt, eine Willensleistung. Granit Xhaka und Xherdan Shaqiri sind eben doch typisch Schweizerisch. Und ihr dummer Doppeladler ist etwa so, wie wenn Luca Zuffi den Winterthurer Löwen gemacht hätte. Oder Stephan Lichtsteiner den Adligenswiler Wolf (wenn das ein Wolf ist, was die im Wappen haben). Also: Lasst den Adler fliegen und freut Euch.

Basel, 23. Juni 2018, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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12 Kommentare zu Warum der Lärm um den Doppeladler-Jubel scheinheilig ist

  1. Reto Hartinger sagt:

    Ich danke dir für deine klugen Worte. Echt, ich möchte nicht in einer Schweiz lebt, die nur aus Zentralschweizern besteht und ich möchte, dass zugewanderte ihre Identität und ihr Brauchtum beibehalten und wir uns daran freuen und teilhaben können. Ich möchte eine farbige und fröhliche Schweiz, sonst wäre mir das alles hier zu engstirnig. Gerne gebe ich zu, dass mich der Doppeladler zuerst auch irritiert und aufgeregt hat, aber nur, weil ich ihn als bewusste Provokation empfunden habe. Dabei war es wohl eher Heimatverbundenheit. Wir zwei Pässe hat, darf auch zwei Heimaten haben, zwei Kulturen und zwei Herzen.

    • Edith Brenner sagt:

      Da stimm ich mit dir ueberein! Bin auch Doppelbuerger in Kanada!

    • Ganz toll geschrieben. Herzlichen Dank. Was ist das, ein reiner Schweizer. Wie Du richtig schreibst, sind wir ein Staat der verschiedenen Völker. Ich möchte es nicht anders haben!
      Auch ich bin Doppelbürgerin: Schweiz und Senegal. Und da 2 Herzen in meiner Brust schlagen, fiebere ich für beide Mannschaften mit. Mein Haus in Dakar trägt gerade die Schweizer- und die Senegalesische Fahne. Bunt, bunter am buntesten! Mich freuts, ich hoffe, andere auch. 🙂
      Mme. Ruth

  2. Thomas Zweidler sagt:

    Was in der Nationalmannschaft funktioniert, kann man nicht a priori blauäugig für unsere gesamte Gesellschaft ummünzen. Der „Showstopper“ ist die Realität, die Zahlen diverser Statistiken, welche (leider) nicht unbedingt für die Migranten schmeichelhaft sind.
    Trotzdem: Für Realität und Fussball gilt =
    Je Suisse optimiste.

  3. Urs Bauer sagt:

    Danke für den sehr intelligenten Kommentar! Als emmigrierter Schweizer bin ich mir aber der Tatsache bewusst, dass sich ‚Einheimische‘ durch Einwanderer ‚bedroht‘ fühlen können. Schliesslich haben die uns die Möglichkeit gegeben dort zu leben. Das aber geschieht nicht ganz ohne Hintergedanken, dass wir nämlich zur Prosperität des Landes einen Beitrag leisten. Oft wird von uns erwartet mehr zu leisten als diejenigen, die seit Generationen hier leben. Und dabei wird auch erwartet, dass wir immer dankbar und zurückhaltend sind. Was wir oft tun. Denn zu schnell kommen Kommentare wie, kannst ja wieder dorthin zurück , wo du herkommst, wenn dir was nicht passt. So gesehen würde ich gar nicht auf die Idee kommen einen ‚Schweizerkreuz‘ Jubel zu zelebrieren. Überhaupt ist Fussball doch ein Teamsport, also hätte ich mich zuallerst beim Mitspieler für den herrlichen Pass bedankt. So läuft das beispielsweise im Rugby.

  4. Peter Jeck sagt:

    Nein, das hier ist nicht wie der Adligenswiler Wolf. Warum bringen diese Spieler den Adler gerade bei diesem Match? Es IST politisch, und es IST eine Provokation. «Gefühle» hin oder her. So naïv kann (darf) keiner sein. Schon gar nicht, wenn er (oder auch sie) im Medienlicht steht.

  5. Foxhound sagt:

    Die Schweizer Nati Fans sollten sich mal kurz hinterfragen, was sie diesen Sommer und überhaupt gemacht hätten, wenn die ganzen Berahmis, Xhakas, Rodriguez und Shaqiris nicht in der Nati spielten und die Schweiz zur WM geschossen hätten. Denn seien wir doch alle mal ganz ehrlich. Die Schweiz wäre kein Top 10 Fifa-Weltranglisten platzierter ohne diese Jungs. Stellt euch das mal kurz vor. Wir würden uns über hart erkämpfte Siege gegen das grosse Moldavien oder Aserbaidschan freuen! Ich verstehe diese Heuchlerei nicht. Diese goldene Nati-Generation findet bald ein Ende. Ich bin gespannt wo wir uns in 4 Jahren befinden werden.

  6. M. A. Dossen sagt:

    Als einer, der ein echter Eidgenosse ist, Schwingen und Ländlermusik über alles liebt – zudem sich dank ‚Weltwoche‘ und ‚infosperber‘ und ‚Tele-Blocher‘ usw.. usf… über Internationales und (un-) Schweizerisches informieren lässt: Da hat mir einer aus dem Herzen gesprochen und die Worte gewählt, die ich auch gerne zu diesen zwei Buben sage, die auf ihre Art die Tore nachzelebrierten… – – – Danke, dass Sie mir diese Mühe abgenommen haben, M. Zehnder.
    PS: Oh – ich muss wohl auch noch bekennen: Bin ja gar kein richtiger Schweizer! Meine Mutter war eine Österreicherin, die als Gastarbeiterin um 1920 in die Schweiz kam; Magd bei meinem Vater war – dann haben sie geheiratet und vor 1950 wurde ich geboren.

  7. Oli sagt:

    Ganz meine Worte. Menschen können mehr als eine Identität haben. Das schliesst sich nicht gegenseitig aus.

  8. Ganz toll geschrieben. Herzlichen Dank. Was ist das, ein reiner Schweizer. Wie Du richtig schreibst, sind wir ein Staat der verschiedenen Völker. Ich möchte es nicht anders haben!
    Auch ich bin Doppelbürgerin: Schweiz und Senegal. Und da 2 Herzen in meiner Brust schlagen, fiebere ich für beide Mannschaften mit. Mein Haus in Dakar trägt gerade die Schweizer- und die Senegalesische Fahne. Bunt, bunter am buntesten! Mich freuts, ich hoffe, andere auch. 🙂
    Mme. Ruth

  9. Ben Rexhepi sagt:

    Im nachhinein frage ich mich, warum reagierte niemand als der Aussenminister und Innenminister Serbiens die Spieler der schweizer Mannschaft allein ihrer Herkunft öffentlich Angriff, warum reagierte auch im nachhinein niemand weil das halbe Stadium an einer WM Spieler, Spieler allein wegen ihrer Herkunft auspfeift? Ich verstehe die Jungs, es war keine Provokation, sie standen dazu was sie sind, es war ein Statement gegen diesen offenen Rassismus.

    • Seematter Hanspeter sagt:

      …gratuliere zu diesen Worten – ich sehe dies genau so! Typisch schweizerisch die Selbstzerfleischung jetzt wieder ! Wie setzt sich eigentlich das FIFA-Gremium zusammen, die da entscheiden, weiss das jemand?

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