Teresa Delgado: «Letztes Jahr sind weltweit am meisten Journalisten in Lateinamerika gestorben»

Publiziert am 5. Juli 2023 von Matthias Zehnder

Das 236. Fragebogeninterview über Mediennutzung – heute mit Teresa Delgado, SRF Südamerika-Korrespondentin mit Sitz in Santiago de Chile. Sie sagt, seit sie 2013 in den Journalisten-Beruf eingestiegen sei, «prophezeit man mir das Ende der Medien-Branche.» Es habe sich zwar viel verändert, es sei aber «längst nicht alles schlechter, als früher!» Das Schreiben zum Beispiel sei «entzaubert worden und partizipativer geworden». Als Auslandkorrespondentin in Chile hat Teresa Delgado eine andere Perspektive auf unsere Medienlandschaft: «In Südamerika erlebe ich hautnah, was es für die Demokratie bedeutet, wenn sich die Bevölkerung fast nur noch über die Sozialen Medien informieren kann, weil die traditionellen Medien kaputtgespart werden oder stark politisiert sind», sagt sie. «Dann haben Populisten und Demokratie-Feinde wahrlich leichtes Spiel» und warnt: «Diese Tendenzen gibt es auch in Europa.» Südamerika ist mittlerweile gefährlich für Medienschaffende: «Letztes Jahr sind weltweit am meisten Journalisten in Lateinamerika gestorben, in Ländern wie Mexiko und Haiti – mehr, als in der Ukraine. Lokale Journalistinnen und Journalisten sind grossen Gefahren ausgesetzt.» 

Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?

Irgendwas Unterhaltendes: Das Smartphone, Musik, irgendeine Fernseh-Sitcom. News gibt’s dann später, sobald die Arbeit beginnt.

Wie hältst Du es mit Facebook, Twitter und Instagram?

Ich nutze Instagram privat als Foto-Reisetagebuch und Twitter beruflich als Kontakt- und Informationsquelle. Auf Facebook bin ich nur noch selten anzutreffen und wenn, dann meistens in irgendwelchen Gruppen mit Reise-Tipps.

Wie hat das Corona-Virus Deinen medialen Alltag verändert?

Gar nicht.

Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?

Ich habe Jahrgang 1989. «Früher» gab es noch die DDR, den Kalten Krieg. In Chile, wo ich lebe, gab es bis 1990 eine furchtbare Militärdiktatur, unter der Zehntausende starben. Und in der Schweiz mussten bis 1976 Frauen ihre Ehemänner um Erlaubnis bitten, wenn sie einen Beruf ausüben wollten – so wie zum Beispiel Journalistin. Für wen was früher besser war, kommt also auf die Perspektive an.

Seit ich 2013 in den Journalisten-Beruf einstieg, prophezeit man mir das Ende der Medien-Branche. Aber ich bin immer noch da und die Branche ist es auch. Dass es inzwischen mehr Frauen in den Redaktionen gibt und auch solche mit ausländisch klingenden Namen, empfinde ich als Gewinn für die Leserschaft im Einwanderungsland Schweiz. Es ist also längst nicht alles schlechter als früher!

Haben geschriebene Worte noch Zukunft?

Ja. Wir kommunizieren heute doch auf so vielen Apps gleichzeitig und oftmals schriftlich. Geschriebene Worte sind heute nicht mehr so erhaben, sondern gehören zum Alltag. In dem Sinn ist das Schreiben entzaubert worden und partizipativer geworden.

Was soll man heute unbedingt lesen?

Vielleicht mal etwas anderes als gestern, um den eigenen Horizont zu erweitern.

Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?

Ich lese bei Büchern prinzipiell die letzte Seite zuerst. Wenn mir das Ende nicht gefällt, lese ich das Buch gar nicht erst.

Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?

Online.

Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?

Das weiss ich nicht, aber ich lese ohnehin nur digital Zeitung.

Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?

Beides.

Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?

Live-Schalten gehören für mich als Korrespondentin zum Alltag. Privat höre ich schon allein wegen der Zeitverschiebung von Chile aus nur zeitversetzt Radio oder Podcasts.

Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?

Ja: «SRF International» (Achtung Schleichwerbung!), «Grand Reportage» von Radio France International, «Democracy! Démocratie» von RTS, und «Hidden Brain» von Shankar Vedantam.

Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 55 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?

Dass sie sich anstrengen müssen, um diese Zielgruppe zu erreichen. Den Begriff «News-Depriviert» finde ich ganz schrecklich. Es klingt so nach Sucht, Entzug und Depression. Wollen wir als Branche wirklich Heroin oder Antidepressiva sein?

Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino geht davon aus, dass in zehn Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Artikel im «Tages-Anzeiger» von Robotern geschrieben werden. Lässt sich Journalismus automatisieren?

Ich habe ChatGPT gefragt, aber es gab leider keine Antwort. Der Chat war ausgelastet.

Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?

Ich weiss es nicht, aber die Chefredaktorinnen und Manager der Schweizer Medienbranche hatten jetzt doch mehrere Jahrzehnte Zeit, um Lösungen auf diese Fragen zu finden. Das Internet gibt es doch nicht erst seit gestern.

Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?

In Südamerika erlebe ich hautnah, was es für die Demokratie bedeutet, wenn sich die Bevölkerung fast nur noch über die Sozialen Medien informieren kann, weil die traditionellen Medien kaputtgespart werden oder stark politisiert sind. Dann haben Populisten und Demokratie-Feinde wahrlich leichtes Spiel. Diese Tendenzen gibt es auch in Europa. Wenn sich jemand Medienförderung leisten kann, dann doch die Schweiz – eines der reichsten Länder der Welt!

Schreibst Du manchmal noch von Hand?

Ja: Notizen oder Postkarten.

Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?

Weil dieser Mensch die Aufmerksamkeits-Ration, die ihm zusteht, längst aufgebraucht hat, benutze ich diese Antwort um daran zu erinnern, dass die Schweiz aus Spargründen die Entwicklungsprojekte der Deza in Lateinamerika bis 2024 mehrheitlich einstellt. Betroffen sind Länder wie Haiti oder Bolivien. Dort gibt es Millionen Menschen, die dringend Hilfe brauchen. Mit Corona ist die Armut und politische Instabilität in Südamerika noch gewachsen und die Anzahl sogenannter Hybrid-Staaten (das sind Demokratien mit autoritären Zügen) nimmt zu. Das ist der Nährboden für Drogenkartelle, Bürgerkriege und Diktaturen.

Wem glaubst Du?

Den Fakten, meinen Augen und Ohren.

Dein letztes Wort?

Letztes Jahr sind weltweit am meisten Journalisten in Lateinamerika gestorben, in Ländern wie Mexiko und Haiti – mehr, als in der Ukraine. Lokale Journalistinnen und Journalisten sind grossen Gefahren ausgesetzt. Das Terrain «Südamerika» ist auch für freie Journalisten aus dem Ausland schwieriger geworden, Aufträge seltener. Als festangestellte Korrespondentin möchte ich deshalb an dieser Stelle mein Privileg nutzen, um Schweizer Zeitungsverlage zu bitten, der Berichterstattung freier Journalisten aus Südamerika mehr Platz einzuräumen. Glauben Sie mir, es lohnt sich: Dieser Kontinent hat noch immer die allergrossartigsten Geschichten auf Lager!


Teresa Delgado
Teresa Delgado hat an der Universität Freiburg und in den USA Geschichte, Englisch und Spanisch studiert. Seit 2016 ist sie Redaktorin und Produzentin bei Radio SRF. 2021 und 2022 berichtete sie Auslandredaktorin aus Spanien, Portugal und den USA. Seit 2023 ist die promovierte Historikerin SRF Südamerika-Korrespondentin mit Sitz in Santiago de Chile.
https://linktr.ee/teresa_delgado

Basel, 5. Juli 2023, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

Seit Ende 2018 sind über 230 Fragebogeninterviews erschienen – eine alphabetische Liste mit allen Namen und Interviews gibt es hier: https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/menschenmedien-die-uebersicht/

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2 Kommentare zu "Teresa Delgado: «Letztes Jahr sind weltweit am meisten Journalisten in Lateinamerika gestorben»"

  1. Wenn ich es richtig verstehe, sollen laut diesem Interview in Südamerika die traditionellen Medien vor allem nur noch der Propaganda dienen, und es diese Tendenzen auch in Europa geben. Selber bin ich soweit, dass ich diese Medien vor allem nur noch sichte, um zu checken, was sie ihren Konsumentinnen und Konsumenten als relevant auftischen. Wenn ich wissen will, welcher Hase warum, wo und wie läuft, informiere ich mich bei Nicht-Mainstream-Medien. Wobei auch hier gilt, dass ich eher meinem Herzen, als den (sogenannten) Fakten sowie den Augen und Ohren glaube.

  2. Es irritiert mich, wie eine offizielle SRF-Auslands-Korrespondentin so verallgemeinern kann.
    Die Schweiz ist ein „reiches Land“ – und deshalb „muss“ mehr Medienförderung sein….
    Vielleicht was sie schon lange nicht mehr hier, aber politisch hat mehr Medienförderung in der Schweiz keine Chance (vor allem nicht nach den Herbstwahlen, welche klar in eine Richtung zielen).
    Zudem fördern wir alle (ausser die Auslandschweizer und SRG-Mitarbeitenden) fleissig mit dem eigenen Geldbeutel die Medien. Die Schweiz führt den Spitzenwert an, was es an Zwangs-Medien-Gebühren abzugeben gibt. Für jeden Haushalt, für jeden Schreiner, Bäcker, Metzger (welcher ich noch nie sah, beim Schlachten den „Literaturclub“ zu gucken), Dachdecker (welche während dem Dächer decken nicht „Gredig-Direkt“ schauen“, sonst fallen sie nämlich runter….), also auch alle KMU – und zwar reichlich – was besonders stossend ist.
    Das zehrt bei vielen Haushalten am Budget. (Gut – ausgenommen sind sonderlich EL-Bezüger). Aber viele Geringverdiener und AHV-Bezüger, welche keine EL erhalten, wären um das Einsparen dieser hohen Zwangsgebühr froh. Zudem kommt, dass der Arbeitgeber von Frau Delgado, also SRF, in den letzten Jahren so viel Kredit beim Volk verspielt hat wie nie. Zu viele Eskapaden, Skandale und Ungereimtheiten wurden sich geleistet. Geld wird verprasst – neustes Beispiel bei der Ausschreibung zur Nachfolge von „Deville“ = Satire ohne Humor: Es wurden die Herren Vetter und Büsser auserkoren. Die Damen Stoll und Basler unterlagen. Doch selbst fürs Beleidigt-Sein erhalten sie nun SRF (sprich Gebührenzahler) – Abfindungs – Geld…..
    Die einzelnen Leserkommentarereaktionen darauf erspare ich jetzt hier, der Tenor jedoch: „Jetzt ist der Zapfen ab“…..
    Zudem fliesst die „200-Fr-sind-genug-Initiative“ in der Pipeline immer näher. Beim Volk, welches jetzt schon unter der hohen „Reiche“-Schweiz-Teuerung ächzt, hoch im Kurs.
    Reiche-Schweiz-Verallgemeinerung hier / Südamerika-Verallgemeinerung dort: Dort erlebe sie wie sich die Bevölkerung nur noch über die „Sozialen“-Medien informiere. Und schiebt es auf die fehlende Medienförderung.
    Zwangsgebührenabgaben in Südamerika wären ein Ding der Unmöglichkeit. Erstens wird kein zentrales Personenregister geführt und jede Abgabe, sei es nur ein Penny, ist für die dort lebenden und schuftenden Menschen zuviel (natürlich lebt es sich im Tieflohnkontinent mit SRF-Gehalt kaiserlich aber auch gefährlich zerrbildlich, was man den Aussagen entnehmen kann….).
    Dazu kommt, in Südamerika WOLLEN UND KÖNNEN der Grossteil der Bevölkerung keine Medien konsumieren. Weil sie lieber bunte Bilder schauen, weil sie nicht lesen können, weil sie keine Schule haben oder der Schule seit Monaten fernbleiben, weil sie lieber Spass und Fun und (Gross-) Family – News erhaschen, weil die Info, das Hinterfragen, das Reflektieren, die Demokratie dort schwach ausgeprägt sind.
    Das Allerheilzwangsmittel Medienförderung greift dort nicht. Ich erlaube mir dies auszusprechen, weil ich direkten Kontakt zu einem kolumbianischen Menschen haben, sogar aus der Bildungsschicht, kommt zuerst Familie, dann Familie, dann Familie und dann Essen, Wohnen, Kleidung und medial Spass, Fun und Ablenkung.
    Mich irritiert diese Naseweisheit, dieses Besserversteher, dieses Wahrheitspachten, dieses Welterklären, dieses Oberlehrerhafte. Doch Fr. Delgado ist in besten Händen und total kompatibel mit ihrem Arbeitgeber, der Hochschulmeisteranstalt zu Leutschenbach – SRF….
    Doch auch da gilt: Der Krug geht zum Brunnen bis…..

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