Reto Stifel: «Was man heute lesen soll? (Lokal)Zeitungen!»

Publiziert am 1. Mai 2024 von Matthias Zehnder

Das 279. Fragebogeninterview über Mediennutzung – heute mit Reto Stifel, Redaktionsleiter der «Engadin Post». Er sagt, als Journalist habe er «das tolle Privileg, Fragen stellen zu dürfen». Es sei technisch so vieles so viel einfacher geworden. «Geblieben ist die Essenz unserer Tätigkeit: Gute Themen finden, gut recherchieren, gut schreiben. Tönt simpel. War aber schon immer herausfordernd und wird es bleiben.» Stifel selbst ist ein Fan der gedruckten Zeitung. «Die Haptik, die Optik, die Möglichkeit, eine Seite herauszureissen und später zu lesen. Und zum Ritual des Zeitungslesens einen Kaffee zu trinken, … unschlagbar.» Instagram nutz er auch, stellt aber «ernüchtert fest, dass das banale Pistenfahrzeug-Video meines Kollegen durch die Decke geht, während mein recherchierter Beitrag zum Fluor-Wachsverbot unterirdisch abschneidet.» Und Fernsehen? Für Sport. «Der macht zeitversetzt deutlich weniger Spass.»

Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?

Da mein Porridge kein Medium ist, eigentlich keines. Wobei, am Frühstückstisch schenke ich ein Ohr meiner Frau und das andere den News auf SRF 3, das im Hintergrund läuft. Und am Sonntag gibt’s kein Porridge dafür die «NZZ am Sonntag».

Wie hältst Du es mit Facebook, Twitter und Instagram, LinkedIn, YouTube, TikTok und BeReal?

BeReal kenne ich nicht. TikTok habe ich nicht. Auf YouTube verliere ich mich. Twitter, jetzt X: Konsumiere ich. Instagram, mache ich (und stelle ernüchtert fest, dass das banale Pistenfahrzeug-Video meines Kollegen durch die Decke geht, während mein recherchierter Beitrag zum Fluor-Wachsverbot unterirdisch abschneidet.) Facebook nutze ich aktiv (ich poste und ich finde Themen). LinkedIn. Wäre ich dabei. Habe aber mein Passwort vergessen. Eine schlechte Ausrede, ich weiss.

Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?

Gewaltig. Ich bin ja auch schon ein paar Jahre dabei. Eine kurze Anekdote: Einer meiner ersten Aufträge. Ich bin mit meiner Schreibmaschine im Gepäck an den FIS-Kongress nach Prag geflogen. Dort wurde die Ski-WM 2003 an St. Moritz vergeben. Nach dem Entscheid am späten Abend bin ich in mein Hotel zurückgefahren. Habe auf meiner Brother-Schreibmaschine bis in die frühen Morgenstunden meinen Bericht getippt, diesen an der Rezeption ausdrucken und an die Redaktion faxen lassen. Drei Stunden später war ich auf dem Weg zurück in die Schweiz.

Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?

Siehe Antwort oben. Es ist technisch so vieles so viel einfacher geworden. Geblieben ist die Essenz unserer Tätigkeit: Gute Themen finden, gut recherchieren, gut schreiben. Tönt simpel. War aber schon immer herausfordernd und wird es bleiben.

Haben geschriebene Worte noch Zukunft?

Was für eine Frage! Selbstverständlich! Fast alles basiert auf dem geschriebenen Wort. Wie unvorstellbar arm wäre unsere Welt, wenn dieses verloren ginge.

Was soll man heute unbedingt lesen?

(Lokal)Zeitungen! Gute Sachbücher. Zum Beispiel das Handbuch «Stilsicher schreiben» von Peter Linden, erschienen im Duden-Verlag, ein Plädoyer für den Journalismus in KI-Zeiten. Das Magazin «Reportagen».

Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?

Ich kann schlechte Bücher nicht weglegen, weil sie mir beim Einschlafen aus den Händen fallen und ich sie nie wieder öffne.

Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?

Von meinen Interviewpartnern. Als Journalist habe ich das tolle Privileg, Fragen stellen zu dürfen. Auch zu Themen, die mich am Anfang nicht wirklich brennend interessieren. Gerade kürzlich durfte ich jemanden interviewen, der zusammen mit seinen Kollegen ein Nutzfahrzeug mit einem Elektroantrieb konstruiert und gebaut hat. Anschliessend sind sie mit diesem Vehikel in der chilenischen Wüste auf über 5610 Meter über Meer gefahren und haben einen Höhen-Weltrekord aufgestellt. Faszinierend.

Und beim «Echo der Zeit». Da sind oft Reportagen aus fernen Ländern zu hören, die mich auf den ersten Blick thematisch nicht interessiert hätten.

Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?

In dieser Hinsicht bin ich ein hoffnungsloser Romantiker: Noch sehr lange! Die Haptik, die Optik, die Möglichkeit, eine Seite herauszureissen und später zu lesen. Und zum Ritual des Zeitungslesens einen Kaffee zu trinken, … unschlagbar. Realistisch gesehen: Das Ende der gedruckten Zeitung wird kommen, nicht aber das Ende des geschriebenen Wortes (siehe oben).

Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?

Zum Glück kann ich als Lokaljournalist keine Fake News produzieren, die würden sofort auffliegen. Aber ganz klar eine Gefahr: Glaube wenig, hinterfrage alles.

Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?

Selten. Vielleicht mal die «Tagesschau», wenn es gerade passt. Oder Sport. Der macht zeitversetzt deutlich weniger Spass.

Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?

Am Morgen auf dem Fahrrad höre ich oft das «Echo der Zeit» vom Vorabend. Viele Hintergrund zu Themen, die nicht zwingend News-gebunden sind. «Focus» auf SRF 3 wenn es spannende Gäste und gute ModeratorInnen hat (war früher besser). Zur Unterhaltung: «Sykora Gisler» und «Comedymänner».

Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?

Wenn ich mir überlege, was ich zwischen 16 und 29 gemacht habe, hätte ich wohl damals auch eher zu den News-Deprivierten gehört. Sehen wir es positiv: 44 Prozent der Jungen konsumieren News. Immerhin. Was mich stärker beschäftigt ist der Fakt, dass rund 40 Prozent der Schweizer Bevölkerung Medien abstinent ist.

Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino geht davon aus, dass in zehn Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Artikel im «Tages-Anzeiger» von Robotern geschrieben werden. Lässt sich Journalismus automatisieren?

Pietro Supino empfehle ich die Lektüre des Buchs von Peter Linden (siehe oben), wo es auch um den eigenen, unverwechselbaren Stil einer Journalistin oder eines Journalisten geht. Oder wie Bligg singt: «Stil muss si Entweder Manhattan – oder nöd.» Kurze Antwort: für kurze Nachrichten vielleicht, für einen Teil unserer Arbeit allenfalls unterstützend aber für ganz vieles zum Glück nicht. Also wirklich kurz: Jein.

Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?

Weder noch. Vielleicht führt sie zum Ableben der gedruckten Zeitungen – was ich nicht hoffe. Befreiung? Ein grosses Wort. Aber die Digitalisierung erleichtert unsere Arbeit.

Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?

Ja. Die Frage ist was für eine und für wen? Die Antwort? Gebe ich, sollte ich wieder mal für einen solchen Fragebogen kontaktiert werden.

Schreibst Du manchmal noch von Hand?

Ich versuche der Verlockung zu widerstehen, alles aufs Band aufzunehmen. Der Aufwand für die spätere Umsetzung ist viel grösser und: Wenn ich mich nicht auf die elektronische Aufzeichnung verlassen kann, höre ich konzentrierter hin und schreibe nur das auf, was wirklich interessant ist. Das ist vor allem bei unendlich langen Ratsdebatten hilfreich. Aber ich gebe es zu, es wird immer schwieriger, der Verlockung «Sprachmemos» nicht zu erliegen. KI transkribiert mittlerweile sehr gut und die Zeitersparnis ist definitiv ein Argument. 1:1 Interviews nehme ich immer auf.

Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?

Zum Glück muss ich mich beruflich nicht mit ihm auseinandersetzen. Aber ganz klar schlecht. Sein Verständnis von und für Medien ist, sagen wir vorsichtig ausgedrückt, speziell. Oder nicht vorhanden.

Wem glaubst Du?

Leuten, denen ich vertraue. Und das sind gar nicht so wenige.

Dein letztes Wort?

Lokaljournalismus hipp hipp hurra!

PS: Herzliche Gratulation an Matthias Niederberger und Fabian Duss von der Zeitung «Freier Schweizer», welche im Rahmen des Swiss Press Award soeben als Schweizer Journalisten des Jahres ausgezeichnet worden sind. Eine grosse Ehre für die beiden und eine tolle Anerkennung für den Schweizer Lokaljournalismus!


Reto Stifel
Reto Stifel ist Berner, steht aber seit 25 Jahren in Engadiner Diensten. Ursprünglich im Bankbusiness hat er vor langer Zeit in den Journalismus gewechselt. «Die zweitbeste Entscheidung meines Lebens (nach der Heirat meiner Frau)», sagt er. Seit 2009 leitet er die Redaktion der «Engadiner Post»/«Posta Ladina», einer zweisprachigen Lokalzeitung mit Sitz in St. Moritz.
https://www.engadinerpost.ch/


Basel, 1. Mai 2024, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

Seit Ende 2018 sind über 270 Fragebogeninterviews erschienen – eine alphabetische Liste mit allen Namen und Interviews gibt es hier: https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/menschenmedien-die-uebersicht/

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