Mirjam Oertli: «Die KI sollte Werkzeug bleiben, wenn das Resultat Journalismus genannt wird.»

Publiziert am 3. Juni 2026 von Matthias Zehnder

Das 388. Fragebogeninterview, heute mit Mirjam Oertli, freie Journalistin und Kolumnistin. Sie sagt, am Morgen schaue sie sich immer als Erstes die Videos an, die ihr «die Kamera am Vogelhaus aufs Handy schickt». Die allerersten Texte, die sie als freie Journalistin schrieb, habe sie noch per Fax eingereicht. «Als Redaktionen bald auf E-Mail umstellten, war ich jeweils noch angehalten, nach dem Verschicken anzurufen, um sicherzugehen, dass der Text angekommen ist.» Sie kommentiert trocken: «Das Vertrauen ins Digitale ist seither allseits gewachsen.» Insgesamt sei «weder Kulturpessimismus noch Fortschrittsüberhöhung» angezeigt. Aber «die Medienkonzentration hat schon ihren Preis.» In der KI sieht sie «ein Werkzeug, und wenn man sie als solches versteht, ist sie gut verträglich.» Es sei noch nicht lange her, dass sie Interviews selbst transkribiert habe. «Das ist passé und ich bin sehr froh darum.» Was die KI nicht könne: «Jenseits des Internets recherchieren, mit Menschen sprechen, auf Neues stossen, reflektieren, einordnen, schreiben und dann auch Verantwortung für Inhalte übernehmen.» Auch wenn sie es einmal können werde, «sollte sie Werkzeug bleiben. Zumindest dann, wenn das Resultat Journalismus genannt wird.»

Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?

Zählen auch die Videos, die mir die Kamera am Vogelhaus aufs Handy schickt? Die schaue ich morgens immer zuerst an, um zu erfahren, «wer» so dort war. Meine Konstanten danach: «Republik»-Newsletter, «Luzerner Zeitung», «Tagi»-App, am Wochenende «NZZ am Sonntag».

Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?

Als X noch Twitter hiess, war ich ein wenig süchtig. Bluesky hat mir den Ausstieg erleichtert, ich mag es dort, lese aber fast nur. Auch bei LinkedIn bin ich regelmässig, poste aber bloss gelegentlich. Facebook lasse ich dümpeln. Auf Instagram wäre ich eigentlich gern aktiver, bleibe dann aber zu oft an Filmszenen hängen und «muss» danach die Handlung des ganzen Films googeln gehen.

Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?

Der Weg zur Sihlpost ist definitiv weggefallen: Die allerersten Texte, die ich als Freie schrieb, reichte ich noch per Fax ein. Als Redaktionen bald auf E-Mail umstellten, war ich jeweils noch angehalten, nach dem Verschicken anzurufen, um sicherzugehen, dass der Text angekommen ist. Grob zusammengefasst würde ich sagen: Das Vertrauen ins Digitale ist seither allseits gewachsen.

Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?

Früher gedruckte Vielfalt, heute Vielfalt in digitalen Angeboten und Formaten: Weder Kulturpessimismus noch Fortschrittsüberhöhung scheinen mir angezeigt. Aber die Medienkonzentration hat schon ihren Preis. Weder besser noch schlechter geworden sind zudem die Honorare für Freie – unter dem Strich also schlechter. So stammt ein wesentlicher Teil meiner Aufträge etwa von Stiftungen und Vereinen.

Haben geschriebene Worte noch Zukunft?

Unbedingt! Und das denke ich nicht nur, wenn ich wieder mal länger für eine Sprachnachricht gebraucht habe, als wenn ich sie geschrieben hätte.

Was soll man heute unbedingt lesen?

Hier finde ich das Wort «unbedingt» schwieriger. Grundsätzlich: Texte, die nachhallen. Reportagen, Essays, Bücher… Welche das tun, ist wohl individuell. Für mich gehören «Austerlitz» von W. G. Sebald oder «Das Jahr magischen Denkens» von Joan Didion dazu. Zum Lachen bringen mich die Texte der amerikanischen Autorin Sarah Miller, die voller subtiler Alltagskomik sind.

Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?

Es kommt immer noch vor, dass ich mich durch eines hindurch quäle. Ob aus Hoffnung darauf, dass es doch noch besser wird, oder aus einem falsch verstandenen Pflichtgefühl, weiss ich nicht. Aber ich arbeite dran.

Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?

Querbeet. Zumal ja fast alles interessant wird, sobald man einer Sache etwas genauer nachgeht.

Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?

Ich hoffe, noch eine ganze Weile, aber ich besitze auch einen Plattenspieler. Im Ernst: Wenn ich spekulieren muss, vielleicht noch ein Jahrzehnt? Magazinen würde ich bessere Überlebenschancen einräumen, jedenfalls als Nischenprodukte (für Menschen mit Plattenspielern).

Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?

Wenn Fake News dazu führen, dass Menschen den Wert journalistischer Arbeit besser erkennen (und dafür bezahlen), hätten sie ja indirekt auch etwas Gutes. Ansonsten sehe ich in ihnen nur eine Gefahr.

Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?

Als Replay-TV möglich wurde, waren unsere Kinder noch klein. Plötzlich entspannt den «Tatort» schauen können, auch wenn das sonntägliche Bettgeh-Prozedere länger dauerte: Es war ein Segen. Die «Tagesschau» läuft bei uns allerdings auch heute manchmal noch um Punkt 19.30 Uhr. Live-Radio höre ich dagegen nur im Auto, aber ich habe keins.

Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?

Ja, aber meistens multitaske ich dazu und verliere den Faden. Mit der «Die Peter Thiel Story» hat es zwar geklappt. Und als ich einmal krank war, hörte ich mich gern durch fast drei Stunden «Alles gesagt!» mit Hape Kerkeling. Einen zeitlich überschaubaren Lieblingspodcast und die richtigen Momente dafür im Alltag suche ich weiterhin.

Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?

Mit 16 habe ich mich auch noch nicht gross um News gekümmert, 29 ist eine andere Hausnummer. Wobei ich auch vielen jungen Menschen begegne, die sehr gut informiert sind. Aber die Zahl der «Deprivierten» in der Studie ist bedenklich und kann einer direkt-demokratischen Gesellschaft nicht egal sein. Nachrichtenkonsum wird irgendwann zur Gewohnheit, oder eben nicht. Die Frage bleibt, wie und womit junge Menschen am besten zu erreichen sind – neben allem, was auf den Bildschirmen sonst noch läuft. Und wie Journalismus für sie so relevant wird, dass er einen festen Platz in ihrem Alltag bekommt. Ob Gratisabos für Junge zumindest helfen, solche Mediengewohnheiten zu etablieren? Entsprechende Versuche finde ich jedenfalls interessant.

Über 85 Prozent der Schweizer Medienschaffenden nutzen KI-Tools in ihrem Arbeitsalltag, gleichzeitig wächst das Misstrauen gegenüber KI-generierten Inhalten. Wie viel KI verträgt der Journalismus? Lässt sich Journalismus gar automatisieren?

Es ist noch nicht lange her, dass ich Interviews selbst transkribiert habe. Das ist passé und ich bin sehr froh darum. KI ist ein Werkzeug und wenn man sie als solches versteht, ist sie gut verträglich. Jenseits des Internets recherchieren, mit Menschen sprechen, auf Neues stossen, reflektieren, einordnen, schreiben und dann auch Verantwortung für Inhalte übernehmen: Das kann sie nicht oder je nachdem nur begrenzt. Und selbst dort, wo sie es kann oder können wird, sollte sie Werkzeug bleiben. Zumindest dann, wenn das Resultat Journalismus genannt wird.

Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?

Tod oder Befreiung, das klingt beides sehr absolut. Keine Ahnung. Ich nehme den Publikumsjoker.

Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?

Mit Demokratie zu argumentieren und damit, wie wichtig unabhängige Medien für sie sind, fand ich lange leicht pathetisch. Heute immer weniger. Deshalb: ja.

Schreibst Du manchmal noch von Hand?

Nochmals ja, recht oft. Ich habe eine Papieragenda, schreibe manchmal noch Postkarten, Einkaufszettel sowieso. Und hin und wieder mache ich «Freewriting», Schreiben ohne Unterbruch mit Stift auf Papier, um einen «Flow» zu finden. Nach fünf Minuten tut mir dann aber die Hand weh.

Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?

Besonders für Comedians und Satiriker mag er ein verlässlicher Inhaltslieferant sein. Aber dabei würde ich es dann auch belassen.

Wem glaubst Du?

Meiner Vogel-App, bis sie wieder einmal einen Spatz als Ringeltaube klassifiziert.

Dein letztes Wort?

Da denke ich noch drüber nach.


Mirjam Oertli
Mirjam Oertli war Balletttänzerin beim Basler Ballett, bevor sie die Ringier Journalistenschule absolvierte. Sie arbeitete in der Kommunikation der Swiss und der VBZ und als Redaktorin der Fachzeitschrift «io new management». Daneben studierte sie Journalismus und Kommunikation an der ZHAW, später Gesellschafts- und Kommunikationswissenschaften an der Universität Luzern. Heute arbeitet sie als freie Journalistin, schreibt für Stiftungen, Vereine und Unternehmen und ist Kolumnistin bei Fritz+Fränzi sowie Praxistrainerin im ZHAW-Bachelor «Kommunikation und Medien». Sie hat drei Kinder und lebt mit ihrer Familie in Luzern.
www.mirjamoertli.ch


Basel, 03.06.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

Bild: Eva Flury

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Ein Kommentar zu "Mirjam Oertli: «Die KI sollte Werkzeug bleiben, wenn das Resultat Journalismus genannt wird.»"

  1. Bei der Frage nach einer (staatl.) Medienförderung bekommen wir von Mirjam Oertli ein „Deshalb JA“ zu Gehör.
    Auch sie scheint gefangen im alten System von fördern und fordern. Dies ist ausgelaugt. Hat ausgedient. Man kann es noch aufrecht erhalten, man kann es verlängern und dehnen wie ein Gummiband, irgendwann reisst das System. Gut so. Alles hat seine Zeit. Der Welten Lauf.
    Nichts, aber auch gar nichts zeigt die Planeten der Mediensysteme (alt vs. neu) besser auf als das unten gezeigte Gespräch zwischen Roger Schawinski und Lukas Hässig.
    Schawinski will von und mit und für sein „Radio1“ Fördergelder. Es sei ein „Service“. Ich hörte die letzten Tage mal intensiver rein. Kochtipps am Morgen, Beauty-Tipps am Nachmittag, dazwischen gekaufte CH-Media-Nachrichten. Ab und zu eine Kolumne, schnodderig Gesprochen, ab und zu (sonntags; eine Stunde; mit Musik durchtränkt) eine Talksendung (Doppelpunkt) und am Montag ein (oft gehässiges) Streitgespräch zwischen Markus Somm (Rechts-Bürgerlich) und Roger Schawinski (Links-Liberaler). Dazwischen Musik (auf die ich nicht eingehen will) und affektierte Moderatorinnen, welche bei Hitze „d’Badi“ empfehlen, bei Kälte „Schiifahren“ oder „Schliifschüele“ sowie dass man bei Sonne nach Feierabend „den Grill“ anwerfen muss….. (zeigt Weltbild klar auf).
    Schawinski meint allererstes, dieses seine Radio „gehört“ zu Züri, muss sein, stellt nichts in Frage. Das alte Mediensystem hat er so verinnerlicht und sucht jetzt – clever, wenn vom „Bund“ nichts kommt – bei Stadt, Kanton und Stiftungen nach Geld.
    Lukas Hässig ist seit 15 Jahren im Internet-Nachrichten Geschäft („Inside Paradeplatz“). Erfolgreich. Ohne Subvention. Und will auch keine. Seine Argumente sind im Film selbsterklärend und überzeugender.
    Schawinskis Botschaften tönen lahm, von Vorgestern und verstaubt. Natürlich muss man zu gute halten, dass R. Schawinski schon 80 Jahre alt ist und dafür noch sehr eloquent, schnell und präzise darlegt – Hässig ist jung (jünger) und durch das vielleicht überlegen.
    So oder so. Universen prallen aufeinander.
    Aber am alten Felsgestein festhalten, sei es auch noch so stark, bringt nichts. Denn auch der grösste Felsbocken kann brechen. Dies sei auch Mirjam Oertli gesagt. Wünschen wir der neuen Generation Erfolg, und an Roger: Höre auf, es tut (dir) nur noch weh…..

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