Flavio Bundi: «Alles ist verfügbar, aber nichts mehr selbstverständlich.»

Publiziert am 10. Juni 2026 von Matthias Zehnder

Das 389. Fragebogeninterview, heute mit Flavio Bundi, Chefredaktor von Radiotelevisiun Svizra Rumantscha (RTR). Er beginnt den Tag nicht mit Medien, sondern mit der Familie: «Unsere zwei Jungs löchern uns Eltern früh am Morgen mit Fragen und Themen aller Art.» Das sei «ungefiltert und meistens relevanter als so manche News-Headline», und darum «der schönste Start in den Tag». Er sagt, Texte seien «keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern eine Einladung: Wer liest, entscheidet sich bewusst dafür.» Gedruckte Tageszeitungen seien heute eher ein Ritual, denn ein Massenmedium: «Papier wird zur Haltung.» Im digitalen Raum sei «alles verfügbar, aber nichts mehr selbstverständlich». Er wähle deshalb bewusster und misstraue schneller. Für die Medien bedeute das: «Wenn Menschen sich nicht angesprochen fühlen, wenden sie sich ab. Relevanz entsteht nicht durch Lautstärke und Mahnfinger, sondern durch Nähe und Dialog.» KI, findet er, sei «kein Problem für den Journalismus, schlechter Journalismus ist es. Wer sich austauschen lässt, war vorher schon austauschbar.»

Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?

Ich frühstücke unter der Woche nicht. Mein Morgen gehört der Familie. Unsere zwei Jungs löchern uns Eltern früh am Morgen mit Fragen und Themen aller Art. Dauerbrenner sind natürlich Sportgeschichten, sie als grosse Chelsea-Fans, ich als Liverpool-Anhänger, aber genauso sprechen wir über Alltagsszenen, die ihnen im Kopf geblieben sind, oder über ganz grosse Fragen rund um Leben und Tod. Ungefiltert und meistens relevanter als so manche News-Headline. Für mich das beste Medium überhaupt und der schönste Start in den Tag.

Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?

Ich konsumiere Social Media neugierig: ein bisschen Information, ein bisschen Zeitvertreib, ein bisschen «Wie meinen die das jetzt?». LinkedIn ist der gepflegte, oft viel zu seriöse und zu rausgeputzte Empfang, TikTok, YouTube und Insta der Pausenraum, und X früher mal der etwas andere Publikumsrat.

Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?

Alles ist verfügbar, aber nichts mehr selbstverständlich. Ich wähle bewusster und misstraue schneller.

Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?

Weder noch. Zwei Optionen sind bei dieser Frage mindestens eine zu wenig.

Haben geschriebene Worte noch Zukunft?

Ja. Aber sie müssen arbeiten. Texte sind keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern eine Einladung: Wer liest, entscheidet sich bewusst dafür.

Was soll man heute unbedingt lesen?

Alles, was einen zwingt, seine Meinung zu überdenken. Und ab und zu etwas, das man nicht sofort versteht.

Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?

Ich lese viel zu wenig Bücher. Wenn, dann ganz bewusst und dann bis zum Schluss.

Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?

Oft beginnt das völlig unspektakulär. Ein Gespräch zwischen Tür und Angel, ein Halbsatz im Büro, eine Frage am Küchentisch. Meine Kinder sind da besonders gut. Neulich lief im Auto wieder dieser Song mit den endlosen Fragen: «Warum können Nasen laufen, aber Füsse riechen?» – und plötzlich waren wir mitten in einer Diskussion über Sprache, Logik und wie selbstverständlich wir Dinge hinnehmen, die eigentlich völlig schräg sind.

Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?

Noch eine Weile, eher als Ritual denn als Massenmedium. Papier wird zur Haltung.

Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?

Beides. Gefahr, weil sie Vertrauen zersetzen und spalten möchten. Chance, weil sie guten Journalismus plötzlich wieder sichtbar machen.

Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?

Live ist für mich ein Versprechen: Da passiert jetzt etwas. Ich nutze es gezielt für Ereignisse (Sport), nicht für den Alltag.

Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?

Unregelmässig. Aber ich habe keinen festen Lieblingspodcast. Es wechselt je nach Tages- oder Jahreszeit. Mal «Kaulitz Hills», mal «Zeit Verbrechen», mal «Alles gesagt?» und natürlich unsere RTR-Formate «Profil» oder «Ils dus da nus».

Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?

Ich würde das nicht überdramatisieren. Der Blick in die Geschichte zeigt, dass Mediennutzung sich immer verändert hat, je nach Generation, Technologie und Lebensphase. Dass ein Teil der Jungen heute als «news-depriviert» gilt, heisst nicht automatisch Desinteresse an der Welt, sondern oft eine Verschiebung hin zu anderen Quellen, Formaten und Zugängen. Viele informieren sich fragmentarischer, situativer, über Plattformen, die klassische Newsanbieter nicht kontrollieren.
Für die Medien ist das trotzdem ein klares Signal: Wenn Menschen sich nicht angesprochen fühlen, wenden sie sich ab. Relevanz entsteht nicht durch Lautstärke und Mahnfinger, sondern durch Nähe und Dialog.
Für die Gesellschaft sehe ich weniger ein akutes Problem als eine langfristige Aufgabe: sicherzustellen, dass verlässliche Informationen auffindbar bleiben und Kompetenzen im Umgang mit ihnen gestärkt werden.

Über 85 Prozent der Schweizer Medienschaffenden nutzen KI-Tools in ihrem Arbeitsalltag, gleichzeitig wächst das Misstrauen gegenüber KI-generierten Inhalten. Wie viel KI verträgt der Journalismus? Lässt sich Journalismus gar automatisieren?

KI ist kein Problem für den Journalismus, schlechter Journalismus ist es. Wer sich austauschen lässt, war vorher schon austauschbar.

Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?

Zur Befreiung, wenn man sie nutzt. Zum Tod, wenn man nur reagiert. Digitalisierung ist kein Schicksal, sondern eine Frage von Mut.

Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?

Ja, aber nicht als Dauerinfusion, sondern als Investition in Vielfalt, Qualität und Innovation. Sonst werden nur Strukturen gerettet.

Schreibst Du manchmal noch von Hand?

Vor allem wenn ich denken will. Die Hand ist zwar langsamer als die Tastatur, meistens allerdings klüger.

Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?

Trump war für die Medien eigentlich gut. Und genau das ist das Problem. Er hat ihnen Aufmerksamkeit beschert wie lange nichts mehr. Und gleichzeitig offengelegt, wie abhängig sie davon geworden sind.

Wem glaubst Du?

Menschen, die lachen können. Menschen mit Haltung und Rückgrat, mit einer eigenen Meinung, die sie auch vertreten, wenn es nicht allen passt. Und meinem Bauchgefühl.

Dein letztes Wort?

Ich traue letzten Worten nicht. Die klingen immer so endgültig.


Flavio Bundi
Flavio Bundi (*1987) hat in Bern Germanistik sowie Politik- und Medienwissenschaften studiert. Beruflich prägte ihn unter anderem seine Zeit als Leiter von «easyvote» sowie als stellvertretender Geschäftsführer des Dachverbands Schweizer Jugendparlamente, wo er sich mit politischer Bildung und Partizipation auseinandersetzte. Seit Ende 2017 ist er Chefredaktor und Mitglied der Direktion bei Radiotelevisiun Svizra Rumantscha (RTR).


Basel, 10.06.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

Bild: RTR

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Ein Kommentar zu "Flavio Bundi: «Alles ist verfügbar, aber nichts mehr selbstverständlich.»"

  1. Hr. F. Bundi begehrt nach Medienförderung. Er hat Begehrlichkeiten, u.a. auch Angst, dass ihm die SRG-Felle davonschwimmen, die Privilegien, der Besitzstand. Denn würde das SRG nach Hörer/Zuschauerzahlen bezahlt, müssten sich gewisse Abteilungen (z.B. SRF 2) bis auf 2 Mitarbeitende verschmälern. Ob Medienförderung längerfristig zu halten ist, sei bei folgenden Meldungen mehr als fraglich dahingestellt: Das Medienportal «Inside Paradeplatz» (notabene seit 15 Jahren erfolgreich gelesen – ohne einen Rappen Subventionsgeld) deckte neulich auf, wie Ringer-Chefs in Marseille Austern schlemmern…. Denn das Boulevard-Kader vom «Blick» schwelgte am Rand vom Medien-Kongress im Luxus… schreibt «Inside Paradeplatz». So geht also Journalismus…. «Austern-Schlemmern mit Sprudel-Alk im sonnigen Marseille an der funkelnden Côte d’Azur» (=Quelle und Ausdrücke von «IP»). Fotos auf «IP» zeugen von Trunkenen Mitarbeitenden neben fetten Champagner-Kübel…. Und genau diese Damen und Herren fordern ungeniert Staats-Subventionen (welche Ringier ja schon hat). Sie fordern aber «mehr-mehr-mehr-bis-zum-geht-nicht-mehr»…. Dreist: Das ist, wie wenn der Bettelnde vor dem Einkaufszentrum am Abend in die Tiefgarage hinunterschwebt und in seinen geparkten «Maserati»-Wagen steigt. Nein – es ist noch schlimmer. Sind es beim Bettelnden Münzen und ein paar Nötli ist es in der Journalismus-Branche die ganz grosse Knete, die es abzugreifen gibt. «Deli-Kader-Gelage an der Côte» (=Ausdrücke von «IP) und Subventionen betteln…. Ich als einfacher Konsument kann da einfach nur sagen «Pfui Pfui Pfui – ja gar mehr als Pfui».
    Die Medien werden nie mehr dieses Ansehen haben wie sie früher hatten. Mit solchem Gebaren – anscheinend sind auch die Journalisten, früher Intellektuelle und hochgebildet, nicht mehr die «Hellsten Kerzen auf der Torte» (=Aussage von Beni Frenkel «IP»). Aber auch inhaltlich – man nehme die «10-Mio-Inititative» als Bsp. Es erschien kein Artikel, in dem positiv von der Initiative berichtet wurde. Nicht ein Artikel in dem die Initiative ins gute Licht gestellt wurde.
    Anstatt Vielfalt totale Gleichschaltung – alles wurde hervorgekramt: Das Mittelland würde sich leeren, der Jurabogen verliert an Menschen, Schweizer Dörfer würden schrumpfen (dabei sind es 3 Dörfer), das Spital Basel könne 1 Tag nach der Abstimmung total schliessen – es würde dicht gemacht….
    Dabei sind mindestens die Hälfte der Bewohnenden (inkl. hiesigen Migranten) anderer Meinung. Sie machen tagtäglich in der Realität draussen gegenteilige Erfahrungen. 100’000 Menschen wandern jährlich in die Schweiz zu, und dies schon seit vielen langen Jahren, letztes Jahr wanderten sogar 200’000 Menschen zu. Doch in der Zeitung steht «es wird leerer…..» Pro Sekunde wird in der Schweiz 1m2 Land verbaut, betoniert, unwiderruflich (und dies seit 30 langen Jahren, Quelle «BfS»). Doch in der Zeitung steht was von Verdichten und Aufstocken, Schattenwurf, Wohntürmen, Hinterhofüberbauungen und Seelensilos….. 45’000 Wohnungen werden/müssen jährlich gebaut werden, es wird gebaut wie verrückt, doch man kommt nie nach…. – und in der Zeitung steht, vielerorts stünden Wohnungen wg. Abwanderung leer (Mittelland), Zuwanderer pflegen Zuwanderer, Zuwanderer bauen für Zuwanderer und Zuwanderer Lehrer lehren Zuwanderer Kinder… Und in der Zeitung steht was von «WIR gingen wegen jeder Kleinigkeit zu schnell ins Spital» – deshalb…. Eine uferlose Spirale ins «mehr-mehr-mehr» – doch in der Zeitung steht kein Problem sei dies… Auffallend viele «Demografie»-Artikel, dass wir alle keine Kinder mehr wollten – ein Schelm wer dabei Böses denkt…. Aber alle 2 Tage wird in der Schweiz ein Bauernhof wegbetoniert…. Doch in der Zeitung steht was von «Artenvielfalt im Agrarland Schweiz…..»
    Sehr weltenfremd doch…. Und wieso immer tendenziös. Wieso nicht ausgeglichen. Alles hat 2 Seiten. Ich verlange das ich ausgewogen informiert werde…. Aber wie kann man das heute noch, wenn 76% der Journalisten nach eigener Aussage «Links ticken» (Quelle: «Hochschul-Untersuchung» 2025)
    All dies zusammen und noch viel mehr ergibt nicht nur bei mir ein Bild, der den Journalisten-Schlag im Ranking immer tiefer sinken lässt und mit dessen Umgang höchste Vorsicht geboten ist (Glaubwürdigkeit usw…..) Schade, sehr schade. Und dann noch das ständige Begehren nach Geldern rundet bei mir das Schadensbild vollständig ab.

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