Matthias Kamp: «Die Medien in meinem Berichtsgebiet sind staatlich kontrolliert.»
Das 395. Fragebogeninterview, heute mit Matthias Kamp, China-Korrespondent der NZZ in Peking. Auf die Frage, wie sich sein Alltag seit seinem Berufseinstieg verändert habe, antwortet er, passend zum Inhalt, im Staccato-Stil: «Deutlich höheres Tempo. Weniger Zeit für Recherche. Online First.» Auf Medien in seinem Berichtsgebiet China kann er sich nur bedingt verlassen, sie seien «staatlich kontrolliert und werden streng zensiert». Er verlässt sich deshalb lieber auf die «New York Times» und «Bloomberg» und auf die aussenpolitische Berichterstattung von «Foreign Affairs» und «Foreign Policy». Wo andere Journalisten die steigende Bedeutung von Video betonen, antwortet er, dass das geschriebene Wort an Bedeutung gewinne: «In einer immer komplexeren Welt sind hintergründige Analysen wichtiger denn je.» Im Gegensatz zu vielen Kolleginnen und Kollegen sieht er die steigende Zahl der Falschnachrichten als Chance für die Medien: «Der Bedarf an seriöser Aufklärung wächst, und die Gruppe derer, die diese nachfragen, ist nach wie vor gross.» Trump, findet er, sei gut für die Medien, «denn er bietet reichlich Stoff und muss immer wieder erklärt bzw. entlarvt werden.» Um in Trumpscher Manier mit Versalien anzumerken: «Journalismus ist – TROTZ ALLEM – eine herrliche Sache!»
Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?
«The New York Times», «Bloomberg».
Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?
Erkennung von Trends. Aufspürung neuer Themen. X als Informationsquelle.
Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?
Deutlich höheres Tempo. Weniger Zeit für Recherche. Online First.
Wenn Du an die Medien in Deinem Berichtsgebiet denkst – was ist anders als in der Schweiz?
Die Medien in meinem Berichtsgebiet sind staatlich kontrolliert und werden streng zensiert.
Haben geschriebene Worte noch Zukunft?
Das geschriebene Wort gewinnt an Bedeutung. In einer immer komplexeren Welt sind hintergründige Analysen wichtiger denn je.
Was soll man heute unbedingt lesen?
«The New York Times», «Foreign Affairs», «Foreign Policy», «The New Yorker», «The Atlantic», «The Financial Times».
Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?
Schlechte Bücher lege ich ohne Probleme weg.
Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?
In Gesprächen mit Menschen: auf der Strasse, an Konferenzen, auf Reisen. In guten Büchern.
Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?
Solange der Vertrieb noch finanzierbar ist und die Zeitung bis ins kleinste Dorf geliefert werden kann.
Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?
Eine Chance: Der Bedarf an seriöser Aufklärung wächst, und die Gruppe derer, die diese nachfragen, ist nach wie vor gross.
Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?
Nutze ich so gut wie gar nicht mehr.
Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?
«Drum Tower» («The Economist»), «Sharp China» («Sinocism»), «Trivium Podcast».
Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?
Die klassischen Medien müssen ihren Job besser machen und die junge Generation mit jugendspezifischen Themen und neuen Formaten und Darstellungsformen (Podcasts) ansprechen.
Über 85 Prozent der Schweizer Medienschaffenden nutzen KI-Tools in ihrem Arbeitsalltag – wie viel KI verträgt der Journalismus? Lässt sich Journalismus gar automatisieren?
KI kann als zusätzliches Werkzeug bei der Recherche nützlich sein. Journalismus lässt sich in sehr begrenztem Umfang automatisieren. Kurze Meldungen, etwa zu Quartalszahlen von Unternehmen, können automatisch geschrieben werden, müssen aber immer noch vom Menschen kontrolliert werden.
Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?
Weder zum Tod noch zur Befreiung. Sie bietet Chancen.
Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?
Nein.
Schreibst Du manchmal noch von Hand?
Häufig: Bei Gesprächen und Interviews sowie zur Strukturierung meiner Gedanken für eine grössere Geschichte.
Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?
Trump ist gut für die Medien, denn er bietet reichlich Stoff und muss immer wieder erklärt bzw. entlarvt werden.
Wem glaubst Du?
Erstmal niemandem.
Dein letztes Wort?
Journalismus ist – TROTZ ALLEM – eine herrliche Sache!
Matthias Kamp
Matthias Kamp hat an den Universitäten Trier und Fu Dan in Shanghai Sinologie und Wirtschaftswissenschaften studiert und parallel dazu für Regionalzeitungen und das «Handelsblatt»-Büro in Peking gearbeitet. Nach einem Volontariat an der Georg-von-Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten der Handelsblatt-Gruppe in Düsseldorf mit Stationen beim «Handelsblatt» und der «Wirtschaftswoche» hat er ab 1998 als Korrespondent der «Wirtschaftswoche» mit Zuständigkeit Südostasien in Singapur gearbeitet. 2002 ist er als Asien-Redaktor in die Zentralredaktion in Düsseldorf zurückgekehrt. Ab 2007 hat er als Korrespondent der «Wirtschaftswoche» in Peking gearbeitet, von 2012 bis 2018 als Korrespondent in München. Seit August 2021 arbeitet er für die NZZ als China-Korrespondent mit Sitz in Peking.
Basel, 22. Juli 2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
Bild: zvg. MK
Seit Ende 2018 sind über 380 Fragebogeninterviews erschienen – eine alphabetische Liste mit allen Namen und Interviews gibt es hier: matthiaszehnder.ch/menschenmedien-die-uebersicht/
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Ein Kommentar zu "Matthias Kamp: «Die Medien in meinem Berichtsgebiet sind staatlich kontrolliert.»"
Hr. M. Kamp sagt „Nein“ – zu einer staatl. Medienförderung. Er weiss, was es heisst, wenn die Medien „staatsnah“ sind – wie in China. Dies werden/würden sie auch bei uns – Abhängigkeit ist das Gegenteil von Unabhängigkeit. Staatstreue Medien sind keine Medien – sie sind Propaganda der Regierenden. Das wollen wir nicht. Vielen würde eine Zeit in China gut tun.
Hr. M. Kamp – danke für ihre Berichte aus Asien und ihrer Leistung. Sie leisten dort echte Arbeit (ohne viel Bling-Bling). Die Kamps dieser Welt sterben (hoffentlich nicht) aus….