Alexandra Gubser: «In Deutschland ist der Ton schärfer, die Schlagzeile bissiger.»

Publiziert am 29. Juli 2026 von Matthias Zehnder

Das 396. Fragebogeninterview, heute mit Alexandra Gubser, SRG-Studioleiterin in Berlin. Sie sagt, seit ihrem Berufseinstieg habe sich ihr Alltag «gewaltig verändert»: «Als ich angefangen habe, gab’s weder Mobiltelefon noch Internet.» Für Recherchen sei sie in die Zentralbibliothek marschiert und habe Dutzende Zeitungen und Magazine durchforstet. «Und ich hab’ mir regelmässig ein Ohr abtelefoniert, um an Informationen zu kommen.» Sie leitet seit 2022 das SRG-Studio in Berlin und sagt: «Die Debattenkultur ist ausgeprägter.» In Berlin werde «jedes Wort des Kanzlers auf die Goldwaage gelegt.» Sie findet (vielleicht auch deshalb), dass geschriebene Worte «auf jeden Fall» noch Zukunft haben. «Die Frage ist, worauf sie geschrieben stehen. Auf Zeitungspapier wohl eher weniger», meint sie. «Doch auch wenn sich Information und Kommunikation ins Digitale verlagert: ob mit Emojis gespickte SMS-Kurznachrichten oder von einer KI konstruierte Texte, es braucht das geschriebene Wort.» Sie selbst hält sich als «journalistischer Dinosaurier» weiterhin an die Morgensendungen von ARD/ZDF, RTL/ntv und «Welt». Abends seien die «Tagesschau» und die Nachrichtenmagazine Fixpunkte, sonntags der «Tatort». Über sich selbst sagt sie, sie nehme sich «nicht dermassen ernst, als dass ich immer das letzte Wort haben müsste».

Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?

Bei mir gibt’s nie Frühstück, nur ein paar Espressi im Stehen. Weil ich Murmeltier viel lieber etwas länger am Kopfkissen horche. Aber vom ersten verschlafenen Blinzeln bis zum Ende der Morgenroutine im Bad höre ich Radio. Meistens Deutschlandfunk. Zwischen 5 und 9h gibt’s News pur, da wird da alles verhandelt, was in der Berliner Politblase, in der Wirtschaft und überhaupt auf der Welt aktuell ist.

Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?

Facebook habe ich all die Jahre erfolgreich vermieden – vorher würde ich mich nackt auf die Zürcher Bahnhofstrasse stellen. Von X habe ich mich abgemeldet. Viel zu viel Müll, der einem da in die Timeline gespült wird. Bluesky ist einiges angenehmer, da gibt’s noch eine Gesprächskultur ohne Hass und Häme. Warum ich Katzenmensch allerdings dauernd Skeets von Hundebesitzern erhalte, die gerade ihren besten Freund einschläfern lassen mussten, bleibt mir schleierhaft. Bei Instagram gucke ich jeden Tag rein, auch um auf dem Laufenden zu sein, was Freunde und Kollegen so machen. Ich poste dann und wann etwas, das mit meinem Job zu tun hat. YouTube ist für Recherchen ganz nützlich. Bei LinkedIn gucke ich alle Schaltjahre mal rein, ich müsste da dringend mal die vielen Anfragen sichten. Threads, Mastodon und Tiktok nutze ich nicht.

Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?

Gewaltig hat sich der verändert. Als ich angefangen habe, gab’s weder Mobiltelefon noch Internet. Für Recherchen bin ich in die Zentralbibliothek marschiert, habe Dutzende Zeitungen und Magazine durchforstet, Artikel ausgeschnitten oder kopiert, was wichtig war, habe versucht, den Überblick über mein Archiv in Schuhschachteln zu behalten. Und ich hab’ mir regelmässig ein Ohr abtelefoniert, um an Informationen zu kommen. Heute sind Infos nur ein paar Klicks entfernt und mögliche Gesprächspartner kontaktiere ich oft über soziale Plattformen.

Wenn Du an die Medien in Deinem Berichtsgebiet denkst – was ist anders als in der Schweiz?

Die Debattenkultur ist ausgeprägter, der Ton schärfer, die Schlagzeile bissiger. Gerade in der Berliner Blase wird jedes Zucken der Regierung, jedes Wort des Kanzlers auf die Goldwaage gelegt. Selbst kompletter Blödsinn (wie zum Beispiel die Idee eines Kanzlertauschs) wird oft auch von den Leitmedien aufgenommen. Obwohl die Medienlandschaft in Deutschland von grossen Konzernen geprägt ist, empfinde ich sie vielfältiger als in der Schweiz. Hier gibt’s immer noch enorm viele unabhängige, eigenständige Verlage und regionale und lokale Tageszeitungen.

Haben geschriebene Worte noch Zukunft?

Auf jeden Fall! Die Frage ist, worauf sie geschrieben stehen. Auf Zeitungspapier wohl eher weniger. Die Generationen, denen das Haptische noch wichtig ist, die lieber eine Zeitung durchblättern als im Netz durch eine Online-Ausgabe zu scrollen, die sterben schlicht und ergreifend aus. Doch auch wenn sich Information und Kommunikation ins Digitale verlagert: ob mit Emojis gespickte SMS-Kurznachrichten oder von einer KI konstruierte Texte, es braucht das geschriebene Wort.

Was soll man heute unbedingt lesen?

Die «Zeit am Wochenende», für tolle, hintergründige Texte von ausserhalb des News-Hamsterrads. Wenn ich drei schlaue Bücher nennen müsste: «Das M-Wort. Gegen die Verachtung der Moral» von Anne Rabe. Eine scharfsinnige Analyse, wie der Verlust moralischer Wertmassstäbe den Aufstieg von Rechtsextremismus beschleunigt. «Das Versagen» von Katja Gloger und Georg Mascolo. Pflichtlektüre für jeden, der die deutsche Russlandpolitik verstehen will. «Die Vermessung der Welt» von Daniel Kehlmann. Im höchst unterhaltsamen Zwiegspräch von Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauss prallen Welten aufeinander.

Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?

Es fällt mir wahnsinnig schwer, ein Buch wegzulegen. Weil ich immer hoffe, dass die Autorin, der Autor die Kurve noch kriegt, mich motivieren kann, weiterzulesen. Und aus Respekt, weil ich weiss, wieviel Energie und Herzblut man in einen einzigen Satz investieren kann, bis er wirklich sitzt. Aber wenn ich eine Seite wieder und wieder lese und einfach nicht weiterkomme, dann ist dann auch mal gut. Meine Zeit ist nicht nur für schlechten Wein zu kostbar.

Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?

Auf meinen Reisen rund um den Globus. Und beim Stöbern im Internet, wo man schnell vom Hundertsten ins Tausendste kommen kann.

Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?

So lange, wie die Einnahmen aus Digital-Abos und -Werbung den (dramatischen) Einbruch beim Print-Umsatz kompensieren kann.

Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?

Beides. Fake News sind die Plage unserer Zeit. Gerade weil es immer schwieriger wird, Fakt von Fake zu unterscheiden, geht viel Vertrauen verloren. Was wiederum eine Chance für die Medien birgt, denn mit sorgfältiger Recherche und der konsequenten Überprüfung von Fakten lässt sich dieses Vertrauen zurückgewinnen.

Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?

Als journalistischer Dinosaurier hat man gewisse Fixpunkte. Die Morgensendungen von ARD/ZDF, RTL/ntv, «Welt» laufen nebenher zum Einstieg in den Arbeitstag. Abends «Tagesschau» und die Nachrichtenmagazine, sonntags «Tatort». Diskussionssendungen schaue ich dagegen oft zeitversetzt. Netflix & Co. kommen mir nicht ins Haus, ich mag ja nicht dauernd vor der Glotze sitzen.

Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?

Dann und wann «Gysi gegen Guttenberg – Der Deutschlandpodcast». Obwohl die beiden ehemaligen Politiker Gregor Gysi und Karl-Theodor zu Guttenberg das Heu so gar nicht auf der gleichen Bühne haben, diskutieren sie auf Augenhöhe. Und «Hotel Matze». Matze Hielschers Interviews mit bekannten und unbekannten Menschen sind meist spannend und oft tiefgründig.

Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?

Das ist verheerend. Mir ist schon bewusst, dass die ständige Berichterstattung über Kriege und Krisen einer aus dem Lot geratenen Welt die Menschen runterzieht, dass man es irgendwann nicht mehr hören und sehen mag. Aber wer sich nicht mehr informiert, der verliert den Anschluss, kann nicht mehr mitreden und sich keine eigene Meinung bilden – eine Grundvoraussetzung für jede Demokratie. Die Vorstellung, dass Newsdeprivierte in Zukunft dereinst politische Entscheide fällen und die Zukunft gestalten, das macht mir Angst. Also müssen wir alles daransetzen, damit sich die Jungen für News interessieren, ob mit digitalen Häppchen oder konstruktivem Journalismus.

Über 85 Prozent der Schweizer Medienschaffenden nutzen KI-Tools in ihrem Arbeitsalltag – wie viel KI verträgt der Journalismus? Lässt sich Journalismus gar automatisieren?

Was sich automatisieren lässt, ist sicher das Durchforsten von grossen Datenmengen und Datenbanken. Hilfreich ist KI für mich auch beim Recherchieren und beim Transkribieren von langen Interviews, auch wenn die KI manchmal schwer ins Fabulieren kommt, wenn sie ein Wort nicht versteht. Aber eigenes Denken an die KI auslagern, das geht gar nicht. Authentizität und Einordnung lassen sich nun mal nicht berechnen und künstlich erzeugen. Und genau das ist es doch, was guten Journalismus ausmacht.

Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?

Ob die Tatsache, dass heute jeder mit einem Mobiltelefon «Journalist» sein kann, als Befreiung gesehen werden kann, bleibe mal dahingestellt. Die Digitalisierung führte in erster Linie zu einem Strukturwandel. Einige klassische Radio- und Fernsehformate wurden schon aufgegeben oder werden noch verschwinden. Dafür eröffnen sich neue Wege der Informationsvermittlung, auf sozialen Plattformen.

Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?

Ein epischer Streit, wieviel Staatsgeld unabhängiger Journalismus verträgt. Meines Erachtens braucht es eine Medienförderung, um die publizistische Vielfalt zu erhalten. Medien sind mehr als «Produkte», die sich am Markt behaupten können müssen.

Schreibst Du manchmal noch von Hand?

Selbstverständlich. Vom Poschtizettel bis zu Notizen für eine Live-Schalte. Auch wenn ich meine Klaue manchmal selbst kaum mehr entziffern kann: mein Hirni kann sich Handschriftliches offenbar besser merken.

Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?

Mehr als schlecht. Trump führt einen Feldzug gegen Medien, deren Berichterstattung ihm nicht passt. Er untergräbt dafür systematisch die Glaubwürdigkeit journalistischer Arbeit, die Pressefreiheit und damit die Demokratie.

Wem glaubst Du?

Mir und meiner Urteilskraft. Meinem engsten Umfeld. Verifizierten faktenbasierten Quellen.

Dein letztes Wort?

Zum Glück nehme ich mich selbst nicht dermassen ernst, als dass ich immer das letzte Wort haben müsste.


Alexandra Gubser
Alexandra Gubser verdient ihre Brötchen seit dem 18. Lebensjahr im Journalismus, zunächst im Print («Sport», «Anzeiger der Stadt Kloten»), dann beim Radio (Radio24), und Fernsehen (TeleZüri). Seit 2007 ist Alexandra Gubser bei SRF tätig. Sie begann als Redaktorin, Reporterin und Produzentin für die «Tagesschau». Anschliessend übernahm sie die Rolle als Inland-Korrespondentin in Genf und die Korrespondentenarbeit für die UNO. Seit 2016 arbeitet sie als Auslandskorrespondentin für SRF, zunächst in Frankreich, dann in Deutschland. Seit Herbst 2022 ist sie SRG-Studioleiterin in Berlin. Ihr Berichtsgebiet ist die deutsche Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Kunst und Kultur.


Basel, 29. Juli 2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
Bild: SRF/Gian Vaitl

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2 Kommentare zu "Alexandra Gubser: «In Deutschland ist der Ton schärfer, die Schlagzeile bissiger.»"

  1. Frau Gubsers Name ist bekannt. Sie hat letzthin vom Jugendparteitag der AfD in Giessen berichtet. Sie sprach der demokratisch gewählten Partei AfD praktisch jedes Daseinsrecht ab und schlug in die gleiche Kerbe weiter über die „Demonstration“ gegen den Parteitag auf den Strassen mit dem Satz „Eine wehrhafte Demokratie zeigt Präsenz“ ein. Dieser schonklingende Satz wurde ihr zum Verhängnis. Diese „Demonstration“ waren die grössten Krawalle, welches dieses Bundesland je erlebte. 50 Polizisten wurden verletzt, teils schwer, einige tragen immer noch Behinderungen mit sich. Hunderte Blockaden, Abseilungen, Autos standen in Flammen, Vandalismus und Sachbeschädigungen allüberall, verbarrikadierte Ladengeschäfte, tw. Plünderungen der Berufs-Chaoten und -Vandalen….. Petrarden, Geschrei, Rauch, Angst allüberall…. Und Fr. Gubser (ganz in linkslastiger SRG-Manier) sprach von „wehrhafter Demokratie“.
    Das ging zu weit. Eine Beschwerde vor der Ombudsstelle wurde deswegen gutgeheissen, jetzt wird das Exempel von Manipulation (oder Ideologie statt Journalismus) an die UBI weitergezogen – in der Hoffnung, das SRG-SRF nun endlich Konsequenzen zieht.
    https://www.persoenlich.com/medien/svp-beschwerde-gutgeheissen
    Eine Schande für den Journalismus, und Konsequenzen bei der SRG gibts erst, wenn der Papst heiratet. Und darauf kann man warten – die SRG-SRF-Medien-Zwangs-Gebühren, welche ich dafür bezahlen muss, warten hingegen nie…….

  2. Kommen wir doch bitte auf den Boden der Tatsachen zurück. Bei den Gegenprotesten im letzten November in Giessen zum Gründungskongress der AfD-Jugend sind nach Angaben des hessischen Innenministers mehr als 50 Polizisten durch Schläge, Tritte und Böllerwürfe leicht verletzt worden, die Zusammenstösse zwischen Protestierenden und Polizei haben sich überwiegend ausserhalb der Innenstadt abgespielt: da wurden Autobahnen und Zufahrtstrassen blockiert. Im Gegensatz zu Herrn Zweidlers Schauermärchen bilanziert die lokale Zeitung die Ereignisse ganz anders: „Was vom Wochenende in den Köpfen bleibt, ist wohl eine Frage der Perspektive. Für die einen sind es Schläge, Tritte und der Einsatz von Wasserwerfern. Vor allem für jene, die in der Innenstadt unterwegs waren, wird der 29. November als grösste friedliche Demo für Demokratie in Erinnerung bleiben, die diese Stadt je gesehen hat“, heisst es in der „Giessener Allgemeinen“ vom 3.12.2025. Die grössten Krawalle in Hessen waren zweifellos die Proteste gegen die Startbahn West des Flughafens Frankfurt in den 1980-er Jahren, an deren Ende im November 1987 zwei Polizisten von einem „Autonomen“ erschossen wurden: In der Geschichte der
    Bundesrepublik Deutschland die bisher einzigen Fälle, in denen Polizisten von einem Demonstranten getötet wurden.

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