Charlotte Walser: «Manchmal bin ich ein bisschen neidisch, wenn ich die Qualität der grossen US-Blätter sehe.»

Publiziert am 15. Juli 2026 von Matthias Zehnder

Das 394. Fragebogeninterview, heute mit Charlotte Walser, USA-Korrespondentin für den «Tages-Anzeiger» und die «Süddeutsche Zeitung» in Washington, D.C. Sie sagt, dass sie es in ihrem aktuellen Job praktisch finden würde, «wenn es keine gedruckten Zeitungen gäbe. Wegen der Zeitverschiebung wirken die gedruckten Artikel manchmal recht veraltet.» Ein Vergleich der Medien in den USA und der Schweiz sei «schwierig, weil die Medien hier ein viel grösseres Publikum und ganz andere Ressourcen haben.» So beschäftigen US-Medien «immer noch Fachjournalistinnen und -journalisten. Leute, die nur über ein Thema schreiben.» Das gebe es in der Schweiz kaum noch. Andererseits stünden die Medien in den USA unter Druck der Regierung. «Sie riskieren permanent, von Donald Trump verklagt zu werden, was mit hohen Kosten verbunden ist. Dieses Problem haben Schweizer Medien glücklicherweise nicht.» Anders als viele Schweizer Kollegen sieht sie in Fake News keine Chance für die Medien, sondern vor allem eine grosse Gefahr für die Gesellschaft und für die Demokratie. «Das fällt mir hier in den USA besonders auf. Dass sich Fake News verbreiten und für wahr gehalten werden, hat auch mit fehlendem Vertrauen in die Medien zu tun.» Sie erzählt, dass sie sich mit einem jungen MAGA-Anhänger unterhalten habe, der sämtliche Medien von links bis rechts als «Fake News» bezeichnet habe, «aber von rechten Podcastern wie Benny Johnson begeistert ist. Was in diesen Podcasts gesagt wird, hält er für die reine Wahrheit. Weshalb das so ist, habe ich nicht herausgefunden.» KI sei keine Hilfe: «KIs schlagen Titel vor wie ‹Erstmals seit dem Vietnamkrieg stellt sich der Kongress gegen Trump›.» Menschen seien im Journalismus deshalb nicht komplett ersetzbar. «KIs müssen ja auch irgendwo abschreiben können, damit sie etwas taugen.»

Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?

Ich frühstücke selten. Aber zum Kaffee schaue ich den «Tagi» und die «Süddeutsche Zeitung» an, da ich für beide arbeite. Sofern es kein hektischer Morgen ist, an dem ich sofort schreiben muss, sobald ich wach bin (oder bevor ich richtig wach bin), weil ein Land angegriffen oder ein Staatspräsident entführt wurde. Als nächstes lese ich die Morgennewsletter der hiesigen Medien: «New York Times», «Washington Post», «Politico», «Fox News»… Die US-Medien verfolge ich den ganzen Tag über. Natürlich lese ich nicht alles, aber ich behalte sie im Auge und schaue, was sie pushen.

Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?

Auf Bluesky verlinke ich meine Artikel und schreibe ab und zu etwas Persönliches. Auf den übrigen sozialen Medien bin ich passiv. Ich benutze sie für die Arbeit. Die Plattform X ist hier immer noch sehr wichtig für Verlautbarungen von Politikerinnen und Politikern. Für meinen Job ist auch Truth Social wichtig, das soziale Medium von Donald Trump.

Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?

Als ich angefangen habe, hat man morgens gedruckte Zeitungen gelesen und Radio gehört. Es gab noch keine Online-Portale, kein Google, keine sozialen Medien… Dafür gab es ein grünes Buch, in dem man die Adressen und Telefonnummern von Verbänden fand. Man rate meinen Jahrgang!

Wenn Du an die Medien in Deinem Berichtsgebiet denkst – was ist anders als in der Schweiz?

Ein Vergleich mit der Schweiz ist schwierig, weil die Medien hier ein viel grösseres Publikum und ganz andere Ressourcen haben. Aber manchmal bin ich trotzdem ein bisschen neidisch, wenn ich die Qualität der grossen US-Blätter sehe, das Niveau ihrer Recherchen und Analysen. Diese Medien beschäftigen auch immer noch Fachjournalistinnen und -journalisten. Leute, die nur über ein Thema schreiben. Das gibt es in der Schweiz kaum noch. Anders ist aber auch, dass die Medien hier unter Druck der Regierung stehen. Sie riskieren permanent, von Donald Trump verklagt zu werden, was mit hohen Kosten verbunden ist. Dieses Problem haben Schweizer Medien glücklicherweise nicht.

Haben geschriebene Worte noch Zukunft?

Warum sollten sie keine Zukunft haben? Als die Handys aufkamen, schrieben sich die Leute plötzlich Textnachrichten, obwohl sie hätten telefonieren können. Geschriebene Worte werden nicht so schnell aussterben. Sie haben einen besonderen Reiz.

Was soll man heute unbedingt lesen?

Ich lese gerade «On Courage. How to Be a Dissident in an Age of Fear», von Julia Angwin und Ami Fields-Meyer. Das Buch basiert auf Gesprächen mit Aktivistinnen und Aktivisten rund um den Globus, die Sand ins Getriebe autoritärer Herrscher streuen.

Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?

Auf meinem Nachttisch liegt seit Monaten «All Fours» von Miranda July, ein Roman, dessen Anfang mir sehr gut gefiel. In der Mitte legte ich ihn weg, weil er mich langweilte und nervte. Aber vielleicht ist der Schluss wieder gut. Ich lese dieses Buch fertig! Irgendwann. Es kommt bloss immer etwas dazwischen. Ein Buch, das ich zuerst lesen will. Oder Donald Trump.

Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?

In Gesprächen, in Zeitungen, in Büchern… Überall.

Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?

Solange es sich finanziell lohnt. In meinem aktuellen Job fände ich es praktisch, wenn es keine gedruckten Zeitungen gäbe. Wegen der Zeitverschiebung wirken die gedruckten Artikel manchmal recht veraltet.

Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?

Fake News sind eine grosse Gefahr für die Gesellschaft und für die Demokratie. Das fällt mir hier in den USA besonders auf. Dass sich Fake News verbreiten und für wahr gehalten werden, hat auch mit fehlendem Vertrauen in die Medien zu tun. Eine Chance sehe ich darin nicht.

Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?

In der Schweiz war ich sehr altmodisch, ich hörte oft lineares Radio. Vor allem die Nachrichtensendungen. Hier höre ich gar kein Radio und schaue eher selten lineares Fernsehen.

Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?

Natürlich «Alles klar, Amerika?» und «Apropos», die Podcasts des Tages-Anzeigers, bei denen ich manchmal mitmache. Werbespot off. Hier höre ich in verschiedene Podcasts rein. In jenen von Ezra Klein, aber auch immer mal wieder in die Podcasts der MAGA-Szene. Viele Podcasts sind mir aber zu geschwätzig, ich mag Texte lieber. Man rate meinen Jahrgang!

Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?

Vielleicht braucht es neue Formate, um diese Generation zu erreichen. Podcasts scheinen zu funktionieren, sie haben oft junge Hörerinnen und Hörer. Ich habe mich einmal mit einem jungen MAGA-Anhänger unterhalten, der sämtliche Medien von links bis rechts als «Fake News» bezeichnet, aber von rechten Podcastern wie Benny Johnson begeistert ist. Was in diesen Podcasts gesagt wird, hält er für die reine Wahrheit. Weshalb das so ist, habe ich nicht herausgefunden.

Über 85 Prozent der Schweizer Medienschaffenden nutzen KI-Tools in ihrem Arbeitsalltag – wie viel KI verträgt der Journalismus? Lässt sich Journalismus gar automatisieren?

Ich benutze KI als Hilfsmittel, mit der nötigen Vorsicht. Neulich habe ich die KI nach politischen Reaktionen auf einen Entscheid gefragt. Eines der von der KI genannten Zitate fand ich nicht, also fragte ich nach. Da meldete die KI: «Entschuldigung, der Senator hat das nicht gesagt, ich habe halluziniert.» KIs erfinden also Zitate. KIs schlagen Titel vor wie «Erstmals seit dem Vietnamkrieg stellt sich der Kongress gegen Trump». Und Whistleblower kontaktieren vorläufig auch noch keine KIs. Solange das so ist, halte ich Menschen im Journalismus nicht für komplett ersetzbar. KIs müssen ja auch irgendwo abschreiben können, damit sie etwas taugen.

Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?

Die Digitalisierung macht Inhalte einfacher zugänglich, aber schwerer finanzierbar. Die gedruckten Zeitungen finanzierten sich zu einem grossen Teil über Werbung und Inserate, und diese sind im Netz nun anderswo. Deshalb sind die Medien stärker auf Abos angewiesen. Aber die potenziellen Abonnentinnen und Abonnenten finden viele Gratisangebote. Medien müssen also mehr bieten, damit sie abonniert werden. Und das mit weniger Mitteln. Schwierig.

Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?

Jedenfalls brauchen wir Ideen, wie sich Journalismus finanzieren liesse.

Schreibst Du manchmal noch von Hand?

Ich mache handschriftliche Notizen an Medienkonferenzen oder während Telefongesprächen. Auch Stichworte für Texte notiere ich zuweilen auf Papier. Aber ganze Texte schreibe ich nicht von Hand. Trotz meines Jahrgangs.

Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?

Donald Trump ist gut für die Medien, weil Texte über ihn oft gut gelesen werden. Er fasziniert die Leser. Für Journalistinnen kann der Präsident aber sehr anstrengend sein. Kaum hat man einen Text geschrieben, ist wieder alles anders. Immerhin: Stoff bietet Trump immer. Die Sache mit dem Spiegelbecken, um ein harmloses Beispiel zu nennen: Eine Firma namens Green Water hat das Becken für viel Geld saniert, nun ist es grün statt blau – und der Präsident macht linke Aktivisten für die Algen verantwortlich. Sowas könnte man nicht erfinden.

Wem glaubst Du?

Donald Trump eher nicht, zumindest in dieser Sache (und in vielen anderen). Allgemein: Jenen, die Behauptungen belegen können, die stichhaltige Argumente vorbringen und die sich nicht widersprechen.

Dein letztes Wort?

Das richte ich gerne an Zeitungsleserinnen und -leser: Schön, dass Sie Zeitung lesen! Klicken Sie doch hin und wieder auch mal die leiseren Geschichten an, die nicht so knalligen. Sie haben es in der (Klick-)Hand, worüber mehr geschrieben wird – und worüber weniger.


Charlotte Walser
Charlotte Walser ist seit einem Jahr USA-Korrespondentin für den «Tages-Anzeiger» und die «Süddeutsche Zeitung» in Washington, D.C. Von 2021 bis 2025 gehörte sie zum Bundeshausteam der Redaktion Tamedia. Die promovierte Philosophin arbeitet seit 1995 als Journalistin. Zwischen 2010 und 2020 berichtete sie für die Nachrichtenagentur Keystone-SDA aus dem Bundeshaus. Weitere Stationen waren «InfoSüd» und die Uno-Flüchtlingsorganisation UNHCR.


Basel, 15. Juli 2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
Bild: Selfie, CW

Seit Ende 2018 sind über 380 Fragebogeninterviews erschienen – eine alphabetische Liste mit allen Namen und Interviews gibt es hier: matthiaszehnder.ch/menschenmedien-die-uebersicht/

Wenn Sie kein Fragebogeninterview verpassen möchten, abonnieren Sie meinen Newsletter:

  • Das neue Fragebogeninterview
  • Hinweis auf den Wochenkommentar
  • Ein aktueller Sachbuchtipp
  • Ein Roman-Tipp

Nur dank Ihrer Unterstützung ist das Fragebogeninterview möglich. Herzlichen Dank dafür!

Ein Kommentar zu "Charlotte Walser: «Manchmal bin ich ein bisschen neidisch, wenn ich die Qualität der grossen US-Blätter sehe.»"

  1. Man merkt schon, das der Tagesanzeiger/BaZ (Tamedia) und die „Süddeutsche“ die Geschehnisse in den USA zusammen verfassen lassen. Der Schweiz-Bezug fehlt oft komplett; es ist, als wenn man „Der Spiegel“ lesen würde, Trump-Bashing und Rep.-Framing inkl. Dabei eilt Trump im Land von Erfolg zu Erfolg. Dass er bei der (doofen) WM seinen Freund Infantio anrief, um eine „Rote Karte“ für ungültig erklären zu lassen, damit die US-Mannschaft weiterkommt, zeigt wie sehr er sein Land liebt und zu ihm schaut. Ein grosser Teil der US-Bürger schätzen dies als noble Geste (zumal es laut Fifa-Relement bei wichtigen Länderspielen erlaubt ist – gegenüber z.B. bei Clubmeisterschaften, dort wäre es laut Fifa-Relement nicht erlaubt gewesen).
    Alles im grünen Bereich also, Gift und Galle spukende Euro-Medien hin oder her – die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter…..
    Der hochgeschätzte und allseits bekannte St. Millius las auf einem Werbe-Screen in Kloten, dass der „Tagi“ hinterfragt und kritisch berichte, und dass man ihn abonnieren soll…. Wohl der verkehrte Weg, so neue Leser zu finden, denn „schön wäre es“…. Ja – so ginge Journalismus, ja so wäre es richtig…. doch die Realität ist bei Tamedia anders: „Kopfnicken“… und Sprachrohr der Regierenden…. Mainstream und Teflon….. Gerade bei Corona, so sinniert St. Millius (freier Journalist) humorvoll, brauchte wohl Tamedia einen „festangestellten Chiropraktiker“ um all die Beschwerden durch Dauerkopfnicken (vor Berset, vor Von der Leyen) zu lindern. Kritisch und Anders war dort nicht zu finden – vergessen wir nie…..
    Die Medien sägen so am eigenen Ast, auf dem sie sitzen. Der Aufruf von Fr. Walser zum mehr Lesen und klicken verhallt ungehört im Universum und endet spätestens beim Öffnen des eigenen Portemonnaie – empfinde ich…..

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Let us know you are human:


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.