Lea Hartmann: «Gerade heute wird deutlich, wie wichtig unser Job ist.»

Publiziert am 6. Mai 2026 von Matthias Zehnder

Das 384. Fragebogeninterview, heute mit Lea Hartmann, Co-Leiterin des Inlandressorts von CH-Media. Sie sagt, sie sei jetzt seit rund 15 Jahren im Journalismus und habe «die Veränderungen in der Branche hautnah miterlebt. Die Unsicherheit durch Sparmassnahmen ist spürbar.» Gleichzeitig werde «gerade heute deutlich, wie wichtig unser Job ist und mit wie viel Herzblut Journalistinnen und Journalisten arbeiten.» Sorgen macht ihr, dass nicht nur immer mehr junge Menschen journalistischen Inhalten den Rücken kehren, sondern dass sich «auch bei den älteren Semestern immer mehr Menschen von den Medien abwenden.» Sie höre immer wieder Leute sagen, dass sie «keine News mehr konsumieren, weil es ihnen einfach nicht guttue.» Oft nennen diese Leute als Grund Donald Trump. «Klar liefert er Klicks», gibt sie zu. «Aber einen US-Präsident, der Medien als ‹Feinde des Volkes› bezeichnet und Medienhäuser verklagt, kann man ganz sicher nicht als ‹gut für die Medien› bezeichnen.» Weniger Sorgen macht sie sich über die KI im Journalismus: «Die KI mag Textbausteine zu einem Artikel über den Verlauf eines Fussballmatches aneinanderreihen können. Doch guter Journalismus ist doch mehr als das dem Wahrscheinlichkeitsprinzip folgende Aneinanderreihen von Worten!» Es brauche immer noch Menschen, die «rausgehen, Missstände aufdecken und kluge Gedanken aufschreiben.»

Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?

Ich war noch nie der Zmorgemensch, aber dafür verschlinge ich meist schon im Bett die ersten News. Die «Aargauer Zeitung», die Inlandberichterstattung von «Tagi», «Blick», NZZ, das «Heute Morgen» von SRF: Berufsbedingt versuche ich so viel wie möglich zu lesen und hören, bis im Büro die erste Sitzung ansteht.

Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?

Ach, ich verplempere viel zu viel Zeit damit. Die 15-Minuten-Limite, die ich mir auf Instagram eingerichtet habe, halte ich selten ein. Und das Scrollen auf LinkedIn hat sich irgendwie auch in meinen Alltag geschlichen, auch wenn – wobei eher: gerade weil – mich dieser Selbstdarstellungszirkus befremdet.

Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?

Weniger linear und mehr «on demand». So höre ich heute viel mehr Podcasts.

Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?

Ich bin jetzt seit rund 15 Jahren im Journalismus und habe die Veränderungen in der Branche hautnah miterlebt. Die Unsicherheit durch Sparmassnahmen ist spürbar. Gleichzeitig wird gerade heute deutlich, wie wichtig unser Job ist und mit wie viel Herzblut Journalistinnen und Journalisten arbeiten.

Haben geschriebene Worte noch Zukunft?

Ganz bestimmt.

Was soll man heute unbedingt lesen?

Weniger Kurzfutter und mehr Analysen, Recherchen und Reportagen.

Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?

Das ist kein bewusster Entscheid. Langweilige Bücher verstauben einfach auf dem Nachttisch und das ist dann auch gut so.

Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?

Beim Lauschen von Gesprächen im Zug. Oder beim guten alten Zappen. Neulich bin ich so bei einer Gugelhupf-Doku auf 3Sat hängen geblieben. Ich schäme mich ein bisschen dafür.

Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?

Diese Frage beschäftigt mich weniger als jene, wie wir es schaffen, dass Menschen für vertrauenswürdige Informationen und damit guten Journalismus zahlen.

Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?

Ich wüsste nicht, was an Fake News positiv sein sollte. Sie untergraben das Vertrauen in die Medien. Und das ist ein grosses Problem.

Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?

Das ist selten geworden. Eine Ausnahme mache ich natürlich, wenn mein Mann – Radiomoderator – zu hören ist. Jedenfalls meistens.

Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?

Ich höre ganz Verschiedenes, Schlaues und weniger Schlaues. Kaum eine Folge verpasst habe ich von «Baywatch Berlin». Und derzeit hoch im Kurs: «OK, America?» von der «Zeit».

Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?

Mir macht vor allem Sorgen, dass sich auch bei den älteren Semestern immer mehr Menschen von den Medien abwenden. Immer wieder höre ich Leute sagen, dass sie keine News mehr konsumieren, weil es ihnen einfach nicht guttue. Oft ein Grund: Donald Trump. Das ist längst nicht nur ein Problem für die Medien, sondern für die Demokratie.

Über 85 Prozent der Schweizer Medienschaffenden nutzen KI-Tools in ihrem Arbeitsalltag, gleichzeitig wächst das Misstrauen gegenüber KI-generierten Inhalten. Wie viel KI verträgt der Journalismus? Lässt sich Journalismus gar automatisieren?

Die KI mag Textbausteine zu einem Artikel über den Verlauf eines Fussballmatches aneinanderreihen können. Doch guter Journalismus ist doch mehr als das dem Wahrscheinlichkeitsprinzip folgende Aneinanderreihen von Worten! Es braucht immer noch Menschen, die rausgehen, Missstände aufdecken und kluge Gedanken aufschreiben.

Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?

Befreiung ist ein grosses Wort, aber sicher bieten sich digital enorm viele Möglichkeiten, Geschichten spannend zu erzählen und damit ein breiteres Publikum zu erreichen. Es ist ja wohl niemand ernsthaft der Meinung, dass man dieses Internet wieder abschalten sollte, oder?

Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?

Ja. Leider.

Schreibst Du manchmal noch von Hand?

Immerhin noch so viel, dass ich mir hübsche Notizbücher kaufe und die ins Büro schleppe.

Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?

Klar liefert er Klicks. Aber einen US-Präsident, der Medien als «Feinde des Volkes» bezeichnet und Medienhäuser verklagt, kann man ganz sicher nicht als «gut für die Medien» bezeichnen.

Wem glaubst Du?

Meiner Tochter. Sie ist noch zu klein, um zu lügen.

Dein letztes Wort?

Habe ich hoffentlich noch lange nicht geschrieben.


Lea Hartmann
Lea Hartmann hat an der ZHAW Journalismus studiert und danach ein Masterstudium an der Universität Luzern in Weltgesellschaft und Weltpolitik absolviert. Parallel dazu ist sie beim «Tagi» und beim «Kassensturz» in den Journalismus eingestiegen. Mehrere Jahre hat sie für den «Blick» aus dem Bundeshaus berichtet. Seit 2025 arbeitet sie für CH Media, seit Mai 2026 als Co-Leiterin des Inlandressorts. Sie lebt zusammen mit Mann und Tochter in Zürich.


Basel, 06.05.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

Bild: CH Media/Raphaël Dupain

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3 Kommentare zu "Lea Hartmann: «Gerade heute wird deutlich, wie wichtig unser Job ist.»"

  1. „Brauchen wir eine Medienförderung?“ hiess die Frage.
    „Ja – Leider“ kam als Antwort.
    „Wieso?“ Diese Position wurde ausgelassen, versuche ich nun zu geben: Ich beobachte in unseren Medien einfach eine Themenverschiebung: So viel Müll sollten wir konsumieren. Letzthin wieder: Es wird irgendein Sachverhalt als schlimm deklariert und nachher Auflösungen geboten in unseren Medien (möchte keine Beispiele nennen, aber kam mehrmals vor). Doch bei der normalen Bevölkerung ist dieser Sachverhalt, dieser Zustand kein Thema und wird nicht als problematisch angesehen, also brauchen wir auch keine (mediale) Auflösung darüber.
    Wer will denn noch solche (aufgebauschten) Geschichten lesen (und noch zahlen dafür) in unserer übersättigten News-Konsum-Welt…. Es wird am Konsument vorbeigeschrieben…
    Oder es gibt irgendeine Story (in einer Bezahl-Zeitung) warum die Orange (Frucht) Poren hat. Fast eine Seite. Mit Foto. Jä – 1. Interessiert es mich vielleicht schlicht nicht weshalb das so ist (man muss ja nicht alles wissen) und 2. kann ich das wohl locker heute auch im Netz oder sogar per KI-Modus erfahren.
    Aber einfach so ein aufoktroyiertes Thema konsumieren, nur weil es jetzt in meiner Zeitung steht und es sich „gehört“ dieses Thema zu lesen…. =und dafür noch Obolus zu entrichten = Mittelalter.
    Schaut mal den Müll in den (Bezahl-) Blätter an. Möchte nix bewerten, aber bemerken = Er nimmt zu…..
    Nichts sagt die Medienmisere besser aus wie das ehemalige freche Motte des „rotzjugendfrechen“ DRS-3-Senders „DRS 3 – gehört gehört“…. Welche Anmassung des ehem. Berufsjugendlichen-Zampano „FM“ (Francoise Mürner) und unserer Zwangs-Gebühren-SRG-Anstalt. Das ging früher. Das war früher. Sagt das heute mal der Next-Generation….. „Was isch los“…. noch die nobelste Antwort wohl. Es gehört sich nicht die Füsse im ÖV auf den Sitz…. „Mach kei Stress“….. Es gehört sich eben nichts mehr…. Weder DRS 3 noch der ganze Meidenkuchen als „Muss“ zu konsumieren….
    DAS IST DER LAUF DER ZEIT – DAS SCHLAFFE MEDIENZELT MIT SUBVENTIONEN WIEDER AUFZUPUMPEN WOLLEN – IST DIES WIRKLICH DER RICHTIGE WEG….. (Body-Building-Effekt).
    Soweit die eine Seite des Schlamassels…..
    Die Andere beleuchtet Beni Frenkel (Journalist jüdischer Abstammung, verwandt mit ehem. verstorbener Schweizer Journalistenlegende Max Frenkel) formidabel.
    Früher – sagte er, wollte man als Journalist was „reissen“. Etwas Aufdecken. Und ja – oftmals auch egogesteuert seinen Namen gross in der Zeitung lesen. Der Run in diesen Beruf (weil massgebend) war gross. Heute ist der Beruf – „Lauf der Zeit (UND TECHNOLOGIE)“ – irrelevanter.
    Heute tröpfeln die Anmeldungen ans „MAZ“ oder an die Jou-Schu (Journalistenschule Ringier) nur noch schwach rein…. Und es melden sich auch nicht mehr die „Hellsten Kerzen auf der Torte“ (=Beni Frenkel). Das Niveau sinkt bei den Machern. (=Thomas Zeidler)
    Erst mal im Beruf, wird oft nachgeschrieben, abgeschrieben, es werden politische Statement ungefragt weitergereicht, Pressemitteilungen abgetippt, Sprachrohre der Verwaltung geboten, unkritische Interviews mit Politikern abgehalten…. Lauwarm, langweilig und lustlos….. So B. Frenkel über die neue Generation in diesem Metier….
    2 Fakten für das Medien-Desaster… welche ich herausfand, welche an mich herangetragen wurden und welch mir einleuchten. Geld allein kann eben lange nicht alles retten (und glätten….)
    Das ganze Interview mit Beni Frenkel auf „Inside Paradeplatz“, geführt von Lukas Hässig (noch einer mit Pep und Power vom alten Schlag) hier…. Sagt viel…. sagt alles….

    1. Irgendwie verstehe ich nicht, warum sich Herr Zweidler so schrecklich aufregt. Auf die Dauer kann das doch nur dem Magen oder gar dem Herzen schaden… Eine ganz einfache Lösung hat einmal mein verstorbener Bruder formuliert: „Dann ignoriere ich euch eben nicht länger!“ (Der damals Zehn-/Elfjährige hatte es noch nicht so mit der doppelten Negation.) Niemand zwingt Herrn Zweidler, alles das zu lesen, worüber er sich so seltsam sachfremd aufregt – das Leben könnte doch viel leichter sein!

  2. Mögen sie wie in diesem Interview medial auch noch ebenso lästig wie prominent präsent sein: Sowohl KI als auch Donald Trump sind aus meiner Sicht weder eine Lösung noch das Problem. – Frage an Radio Eriwan: Ob wir wohl wirklich nicht wissen, was wir tun? Oder ob es wohl in Tat und Wahrheit nicht eher so ist, dass wir nicht tun (wollen), was wir wissen?

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