Ruedi Josuran: «Ich bin immer noch ein News Junkie»
Das 383. Fragebogeninterview, heute mit Ruedi Josuran, Moderator, Coach und Autor. Er beginnt den Tag mit «‹Blick›, NZZ, ‹Tages-Anzeiger›, ‹Corriere della sera› (meine Muttersprache) und einem Psalm aus der Bibel.» Er sei halt immer noch «ein News Junkie, nehme mir aber heute mehr Zeit zu lesen und zu hören.» Er habe «mehr Fragen als Antworten.» Dass junge Menschen heute weniger journalistische Medien nutzen, betrachtet er nicht als Desinteresse an der Welt, das sei «ein Misstrauensvotum gegen die Form der Weltvermittlung.» Journalismus verliere «nicht nur Reichweite, sondern auch Relevanz als Deutungsinstanz. Orientierung wird ersetzt durch kuratierte Wirklichkeit im Freundeskreis, auf TikTok oder in Nischen-Communities.» Oder in KI-Diensten. In der Künstlichen Intelligenz sieht er aber nicht das Problem. Die KI sei «der Spiegel einer alten Schwäche: Journalismus war schon vorher teilweise formelhaft, vorhersehbar, klickgetrieben. KI kann das jetzt einfach schneller.» Die eigentliche Trennlinie verlaufe nicht zwischen Mensch und Maschine, sondern «zwischen zwei Arten von Journalismus», einem industriellen, skalierbaren und deshalb austauschbaren und automatisierbaren Journalismus und einem «Beziehungsjournalismus», der «auf Vertrauen, Haltung, Erfahrung, Begegnung» basiere und deshalb «nicht automatisierbar» sei. Das wichtigste für Medien sei deshalb das Vertrauen der Menschen. Man könne deshalb sagen: «Die Digitalisierung befreit Journalismus von seinen Strukturen, aber sie zwingt ihn, sich zu rechtfertigen.»
Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?
«Blick», NZZ, «Tages-Anzeiger», «Corriere della sera» (meine Muttersprache) und einen Psalm aus der Bibel.
Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?
LinkedIn beruflich, Facebook und Instagram um connected zu bleiben. TikTok praktisch nie
Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?
Bin immer noch ein News Junkie, nehme mir aber heute mehr Zeit zu lesen und zu hören. Habe mehr Fragen, als Antworten.
Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?
Es war nicht besser, es war anders. Mein Handwerk habe ich ohne Handy und Internet gelernt. Die Lokalradio-Pionierzeit war einmalig. Auf Radio DRS 1 (heute SRF) war ich für viele Menschen ein Morgenbegleiter. Ich bin dankbar, dabei gewesen zu sein. Heute kann jeder und jede einen Kanal erfinden.
Haben geschriebene Worte noch Zukunft?
Ich hoffe es.
Was soll man heute unbedingt lesen?
Die wichtigsten Hintergründe zu aktuellen Krisen, nicht nur Schlagzeilen. Plus: eine gut recherchierte Reportage oder ein Essay, der Zeit und Kontext schenkt.
Und dann die Evergreens: Bibel, Martin Buber, Dostojewski und Viktor Frankl
Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?
Weglegen. Leben ist zu kurz für Bücher, die einen nicht weiterbringen – ausser man will sie aus pädagogischem Trotz zu Ende quälen.
Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?
Von Menschen, von wesentlich jüngeren Menschen, die mir ihre Welt erklären. Auch über Netzwerke: X-Feeds, Newsletter von Expertinnen, Podcast-Empfehlungen und Gespräche mit Kolleginnen – oft sind es Querverweise, die überraschen.
Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?
Solange es Leserinnen und Leser gibt, die Tiefe wollen und Werbekunden, die Reichweite zahlen. Der Umfang schrumpft, die Nische bleibt. Aber die Zukunft ist digital-first.
Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?
Beides: Gefahr für Vertrauen und Fakten, Chance für Qualitätsmedien, sich durch Verifikation und Transparenz zu differenzieren.
Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?
Unverzichtbar für Sport, Breaking News und für ein Gemeinschaftsgefühl. Ergänzt durch On‑Demand-Formate. Beides hat seine Daseinsberechtigung.
Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?
Ich höre sehr viele: News, Fussball, Psychologie – ich weiss nicht, wo ich anfangen soll. Zum Beispiel: «The Daily», «Lage der Nation» und «Echo der Zeit».
Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?
Das ist weniger ein Desinteresse an der Welt als ein Misstrauensvotum gegen die Form der Weltvermittlung. Journalismus verliert nicht nur Reichweite, sondern auch Relevanz als Deutungsinstanz. Orientierung wird ersetzt durch kuratierte Wirklichkeit im Freundeskreis, auf TikTok oder in Nischen-Communities.
Über 85 Prozent der Schweizer Medienschaffenden nutzen KI-Tools in ihrem Arbeitsalltag, gleichzeitig wächst das Misstrauen gegenüber KI-generierten Inhalten. Wie viel KI verträgt der Journalismus? Lässt sich Journalismus gar automatisieren?
KI ist nicht das Problem. Sie ist der Spiegel einer alten Schwäche: Journalismus war schon vorher teilweise formelhaft, vorhersehbar, klickgetrieben. KI kann das jetzt einfach schneller. Die eigentliche Trennlinie verläuft nicht zwischen Mensch und Maschine, sondern zwischen zwei Arten von Journalismus:
Industrieller Journalismus ist skalierbar, schnell, austauschbar und hoch automatisierbar
Beziehungsjournalismus basiert auf Vertrauen, Haltung, Erfahrung, Begegnung und ist nicht automatisierbar
Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?
Früher hatten Medien Macht durch Zugang. Heute haben Sie nur noch Vertrauen. Und Vertrauen ist nicht digital skalierbar wie Content. Deshalb könnte man sagen:
Die Digitalisierung befreit Journalismus von seinen Strukturen, aber sie zwingt ihn, sich zu rechtfertigen.
Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?
Grundsätzlich ja.
Schreibst Du manchmal noch von Hand?
Ja, solange ich meine Schrift noch selbst lesen kann.
Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?
Trump war und ist ein Dauer-Event. Medien wurden zu Live-Kommentatoren eines endlosen Dramas.
Wem glaubst Du?
Ich vertraue Quellen, die zeigen, woher sie etwas wissen. Ich vertraue Stimmen, die Unsicherheit zugeben. Ich vertraue weniger denen, die zu schnell zu sicher sind.
Dein letztes Wort?
Danke allen, die sich die Zeit genommen haben, das alles zu lesen.
Ruedi Josuran
Ruedi Josuran (*1957) ist in Lugano aufgewachsen und hat da die Schulen besucht. 1992 bis 2007 war er Radiomoderator und Redaktor bei Radio 24, Radio Zürisee und Radio DRS 1. 2009 bis 2024 war er für ERF Medien tätig und hat den zweiwöchentlichen Talk «Fenster zum Sonntag» auf SRF 1 moderiert. Ruedi Josuran ist ausgebildeter Career-, Gesundheits- und Life Balance Coach mit Schwerpunkt Burnout-Prävention. Er ist Co-Gründer der Hotline «Notruf Burnout». Ruedi Josuran hat mehrere Bücher über Depression und Burnout geschrieben, darunter «Mittendrin und nicht dabei. Mit Depressionen leben lernen» mit Verena Hoehne und Daniel Hell (Ullstein, 2002) und «Seele am Abgrund» mit Rolf Heim und Thomas Knapp (Textwerkstatt, 2008).
Basel, 29.04.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
Bild: ERF Medien
Seit Ende 2018 sind über 350 Fragebogeninterviews erschienen – eine alphabetische Liste mit allen Namen und Interviews gibt es hier: https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/menschenmedien-die-uebersicht/
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Ein Kommentar zu "Ruedi Josuran: «Ich bin immer noch ein News Junkie»"
Herr Josuran ist für „Medienförderung“. Immerhin hängt er noch ein „grundsätzlich“ hintendran, was wahrscheinlich bedeutet, gewisse Medien auszugrenzen…..
welche kann man sich denken…..
Gemach, Gemach…. Was wollt ihr denn ihr gierigen Rachen.
„Mehr-mehr-mehr-bis-zum-geht-nicht-mehr…..“ noch alles machen?….
Schon wieder wurde mehr Medienförderung beschlossen….
und weit übers Ziel hinausgeschossen
Wenn das in jeder Branche (Metzger, Bäcker…) so wär…
grösser wäre manchem sein Salär…..
Medienförderung „a gogo“
Swiss – Schlaraffia
der Medien“mafia“?!?….
https://weltwoche.ch/daily/parlament-baut-mediensubventionen-weiter-aus-ein-schlag-ins-gesicht-fuer-demokratie-und-unabhaengige-presse/
AUFFALLEND DABEI:
Trotz Kohle schütten ohne Ende wird – ei der Daus – die Quali einfach nicht besser – sondern bewegt sich geradezu zweifellos schlechthin ins Gegenteil….
„Trotz noch mehr + vielem ‚Moos’….
weshalb denn bloss?“….
frag ich mich Tag und Nacht furios….
Gespannt wart ich vor meinem PC-Kasten
ob Hr. Josuran mir (s)eine Antwort haut in die Tasten…
Interaktivitität heisst diese Funktion
kennt Kommunikation-Mann Josuran die wohl schon?…