Daniel Imwinkelried: «Die Niederlande weisen noch eine grosse Breite an Medientiteln auf.»

Publiziert am 8. Juli 2026 von Matthias Zehnder

Das 393. Fragebogeninterview, heute mit Daniel Imwinkelried, EU- und Benelux-Korrespondent der NZZ in Brüssel. Er sagt, die Niederlande haben wohl mehr Medientitel, weil das Land «ein kaufkräftiger Markt» sei und «immerhin fast 20 Millionen Einwohner hat». Und «es gibt nur eine Landessprache.» Als er vor 30 Jahren in den Wirtschaftsjournalismus eingestiegen sei, «gab es in Zürich Pressekonferenzen, an denen 20 Journalisten teilnahmen. Das gibt es heute kaum noch.» Das sei vor allem für die regionale und nationale Berichterstattung ein Problem. Heute seien die Medien dafür viel schneller: «Was man schreibt, ist je nach Aktualität eine Stunde später online.» Diese Geschwindigkeit sei eine Herausforderung. «Voraussetzung ist aber auch, dass man heute online rasch Details oder Fakten checken kann.» Er erinnert sich an ein Praktikum bei einer grossen deutschen Zeitung vor 27 Jahren, als die gesamte Wirtschaftsredaktion «nur über einen einzigen Online-Anschluss verfügte. Wenn man für einen Artikel rasch eine Zahl benötigte, beispielsweise den Umsatz eines Unternehmens, musste man anstehen, bis man den Computerterminal nutzen konnte.» Er sieht in Fake News eine Chance für die Medien: «Die Leute wollen wissen, was ist.» Umso vorsichtiger sollten Journalisten aber sein – «die Feinde der Medien warten nur darauf, uns Fehler um die Ohren zu schlagen und daraus ein grundsätzliches Versagen zu machen.» Donald Trump bezeichnet er als «unerfreuliche Erscheinung, aber bekanntlich leben wir nicht von Good-News». Insgesamt findet er, der «Mediensektor soll weniger klagen. Das schreckt die Leser und vor allem den Nachwuchs ab, der sich vorstellen kann, für Medien zu arbeiten.»

Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?

Ganz klassisch: der Nachrichtenüberblick von Fehler! Linkreferenz ungültig.. Es gibt kaum ein Ereignis auf der Welt, das nicht früher oder später in Brüssel ein Thema wird. Da liefert Reuters einen hervorragenden und verlässlichen Überblick.

Dann der Newsletter von «Politico», diesen lesen wohl fast alle in der sogenannten EU-Bubble. Aber er ist auch gut gemacht: eine Mischung von wirtschaftlichen und politischen Themen sowie News zu Persönlichkeiten.

Was die Niederlande betrifft, lese ich gerne die Zeitung NRC: bei Nachrichten nicht immer die schnellsten, aber mit gut recherchierten Hintergrundberichten.

Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?

Am meisten nutze ich immer noch X. EU-Organisationen und Politiker der Mitgliedsländer setzen dort immer noch ihre Nachrichten und Kommentare ab – man hat alles konzentriert.

Linkedin lese ich aus Neugier, was sich in meinem Online-Netzwerk tut. Und für Lese-Tipps.

Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?

Ich habe schon zu Beginn der 1990er Jahre als Student im Journalismus zu arbeiten begonnen. Es ist seither ein beinahe anderer Beruf geworden mit einem völlig anderen Tagesablauf. Früher kamen die Reaktionen erst nach 10 Uhr oder gar erst nach dem Mittagessen in die Gänge, oft gab es lange Mittagessen von Firmen und Organisationen. Heute ist alles schneller: Was man schreibt, ist je nach Aktualität eine Stunde später online. Diese Geschwindigkeit ist eine spannende Herausforderung. Voraussetzung ist aber auch, dass man heute online rasch Details oder Fakten checken kann. Ich erinnere mich an die Zeit vor 27 Jahren, als die gesamte Wirtschaftsredaktion einer grossen deutschen Zeitung, bei der ich ein Praktikum machte, über nur einen einzigen Online-Anschluss verfügte. Wenn man für einen Artikel rasch eine Zahl benötigte, beispielsweise den Umsatz eines Unternehmens, musste man anstehen, bis man den Computerterminal nutzen konnte.

Aber ja, die Breite an klassischen Medienprodukten hat dramatisch abgenommen, dafür sind neue Formen entstanden wie Blogs, Newsletter und Online-Medien in neuartiger Machart.

Wenn Du an die Medien in Deinem Berichtsgebiet denkst – was ist anders als in der Schweiz?

Mir scheint, dass die Niederlande noch eine grosse Breite an Medientiteln aufweisen, wohl mehr als die Schweiz. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass es ein kaufkräftiger Markt ist, und das Land immerhin fast 20 Millionen Einwohner hat, also eine gewisse Grösse aufweist. Und es gibt nur eine Landessprache. In Belgien haben es die Medien wegen der Dreisprachigkeit schwieriger. Nationale Leitmedien gibt es nicht, ebensowenig Medienunternehmen, die über die Sprachgrenzen hinweg tätig sind. Das grösste flämische Medienunternehmen besitzt zwar Titel in Irland, Deutschland und in den Niederlanden, aber keine in der wallonischen Region.

Haben geschriebene Worte noch Zukunft?

Auf jeden Fall! Geschriebene Texte können komplexe Sachverhalte einerseits sehr gut darstellen. Andererseits kann man sich rasch über viele Gebiete einen Überblick verschaffen, indem man die Texte kurz anliest. Da ist das geschriebene Wort unschlagbar.

Was soll man heute unbedingt lesen?

Alles was Spass macht. Und alles, was einem das grosse globale Ganze zu erklären versucht. Zudem ist Sommerzeit, deshalb ein Buchtipp aus der Region: Gaea Schoeters: «Trophäe». Die Belgierin hat einen grossartigen Roman geschrieben über eine Thema, das uns Schweizern auf den ersten Blick fremd ist: die Grosswildjagd und unser Verhältnis zu Afrika.

Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?

Das passiert meistens von selbst. Wenn mich ein Buch nicht packt, greife ich immer seltener zu ihm, bis ich ganz rausfalle.

Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?

Dieser Spruch kommt aus dem Print-Zeitalter, und ich finde, dass er immer noch auf diese Publikationen zutrifft. Wenn ich eine längere Strecke Zug fahren muss, kaufe ich gerne Printausgaben von «Klassikern» wie «Spiegel», «Zeit» oder «Economist». Da finde ich immer überraschende Themen und lese Dinge, die ich online wohl nicht wahrnehmen würde. Und ich ich bin stets gespannt, für welche Themen sich die Redaktionen dieser Publikationen entschieden haben.

Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?

Da wage ich fast keine Prognose mehr. Einmal hat es geheissen, sie seien ein Auslaufmodell und würden rasch verschwinden. Und nun hört man, sie seien wirtschaftlich gar nicht so uninteressant, weil die Inseratepreise viel höher sind als online. Aber früher oder später werden wir Tageszeitungen wohl nur noch online lesen, da der Druck und der Vertrieb zu teuer werden. In rund zehn Jahren, um doch eine Prognose zu wagen?

Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?

Man liest über so viele Entwicklungen, die für die Medien angeblich eine Gefahr darstellen. Sind wir eine Branche, die gerne klagt? Darum: Fake News sind eine Chance, die Leute wollen wissen, was ist. Umso vorsichtiger sollten wir aber sein – die Feinde der Medien warten nur darauf, uns Fehler um die Ohren zu schlagen und daraus ein grundsätzliches Versagen zu machen.

Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?

«Tatort» (immer seltener), Fussball und Nachrichten-Sendungen am späteren Abend, zum Beispiel «Tagesthemen» auf ARD schaue ich häufig immer noch linear – wohl weil Gewohnheiten auch etwas schönes sind und lange Tage strukturieren.

Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?

Ich höre kaum je Podcasts, höchstens auf langen Reisen. Mir wurde auch schon gesagt, dass ich gerade knapp zu jener Generation gehöre, welche die Podcast-Macher nur schwer erreichten.

Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?

Dass 44 Prozent immer noch Medien nutzen. Und ich bin nicht sicher, ob die übrigen 56 Prozent so schlecht informiert sind, wie wir glauben. Mein Eindruck ist: Wir leben in einer gut informierten Gesellschaft. Und wie viele Menschen lasen die Printzeitung wirklich aufmerksam, die sie in den angeblich guten Zeiten des Print-Journalismus vor 30, 40 Jahren abonniert hatten?

Über 85 Prozent der Schweizer Medienschaffenden nutzen KI-Tools in ihrem Arbeitsalltag – wie viel KI verträgt der Journalismus? Lässt sich Journalismus gar automatisieren?

Nein. Gewichten und neue Themen aufspüren kann die KI nicht. Sie hilft uns aber, effizienter zu arbeiten, und die Nutzung der KI führt uns ja auch täglich vor Augen, was sie alles nicht kann.

Die Anbieter der KI-Instrumente haben in grossem Stil Medieninhalte «gestohlen», um die Tools zu trainieren. Ich hoffe, dass es dem Mediensektor gelingt, sich dagegen zu wehren. Ohne Medien wird es auch keine KI-Instrumente geben.

Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?

Viele klassische Printmedien sind verschwunden. Als ich vor 30 Jahren in den Wirtschaftsjournalismus eingestiegen bin, gab es in Zürich Pressekonferenzen, an denen 20 Journalisten teilnahmen. Das gibt es heute kaum noch. Das ist vor allem für die regionale und nationale Berichterstattung ein Problem.

Auf der anderen Seite sind dank der Digitalisierung viele neue Medien entstanden, und man hat gleichsam eine globale Auswahl an Titeln. Zu globalen Themen und den grossen politischen Fragen hatten wir noch nie eine so breite und qualitativ hochstehende Auswahl an Medien wie heute.

Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?

Hoffentlich nicht! Und ich hoffe, dass sich möglichst viele Medien auch künftig über Abos finanzieren können. Ich war in Österreich Korrespondent. Dort gibt es eine Medienförderung – sie war nicht nur positiv. Sie hat die Innovation gebremst, und die Politik versucht teilweise ziemlich schamlos, Einfluss auf die Medien zu nehmen.

Schreibst Du manchmal noch von Hand?

Notizen bei Gesprächen und Interviews schreibe ich immer von Hand, es bleibt dann mehr «hängen».

Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?

Als Erdenbürger finde ich, ein Phänomen wie Trump wäre der Welt besser erspart geblieben. Als Journalist über Trump zu klagen, finde ich dagegen heuchlerisch. Als Branche leben wir von Phänomenen wie Trump. Die «New York Times» erlebte bei den Abo-Zahlen gar einen «Trump-Bump». Andere Zeitungen haben eine ähnliche Entwicklung. Trump ist eine unerfreuliche Erscheinung, aber bekanntlich leben wir nicht von Good-News.

Wem glaubst Du?

Menschen, die mehr erlebt haben und mehr wissen als ich.

Dein letztes Wort?

Der Mediensektor soll weniger klagen. Das schreckt die Leser und vor allem den Nachwuchs ab, der sich vorstellen kann, für Medien zu arbeiten.


Daniel Imwinkelried
Daniel Imwinkelried (*1967) hat in Bern Volkswirtschaftslehre und Geschichte studiert und ist beim Berner «Bund» als Student in den Journalismus gestartet. 1997 begann er als Redaktor bei der «Handelszeitung», deren Finanzressort er ab 2000 leitete. Ab 2004 leitete er das Invest-Ressort der Wirtschaftszeitung «Cash», 2007 bis 2010 das Wirtschaftsressort der «Mittelland-Zeitung», von 2010 bis 2011 die Redaktion des Swiss-Equity-Magazins. 2012 wechselte er in die Wirtschaftsredaktion der NZZ als Teamleiter. 2020 bis Ende 2023 arbeitete er als Wirtschaftskorrespondent in Wien. Seit Januar 2024 berichtet er als Wirtschaftskorrespondent in Brüssel für die NZZ über die EU, Belgien, Luxemburg und die Niederlande.


Basel, 8. Juli 2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
Bild: NZZ

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Ein Kommentar zu "Daniel Imwinkelried: «Die Niederlande weisen noch eine grosse Breite an Medientiteln auf.»"

  1. Bravo Hr. Imwinkelried. Es gibt also doch noch aufrichtige Journalisten bei der NZZ. Nicht nur (linkslastige) Zugänge wie Andrea Fopp (welche in ihrer Basler Zeit nur Autoverbote, uferloses Mietrecht und Daily-Demos forderte) und Verhinderer, welche z.B. einen Dominik Feusi nicht einstellten (nur weil er nicht auf pro-EU-Linie strammsteht)……
    Hr. Imwinkelried ist ein echter Winkelried für den CH-Journalismus, welcher sein Schaffen mit der Antwort auf die Frage „Brauchen wir Medienförderung“ mit einem aufrichtigen „Hoffentlich nicht“ krönt.
    Schlimme Beispiele einer solchen Entwicklung fügt er gleich noch obenauf hinzu: „Ich war in Österreich Korrespondent. Dort gibt es eine Medienförderung – sie war nicht nur positiv. Sie hat die Innovation gebremst, und die Politik versucht teilweise ziemlich schamlos, Einfluss auf die Medien zu nehmen.“
    Genau so ist es.
    Und ich kenne einige Politiker und Parteien, welche dies gnadenlos ausnutzten, wenn sie es nicht schon lange tun. Schlimme und scheussliche Entwicklung.
    Aah – und morgen kauf ich eine „NZZ“…….

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