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Zwischen Bildungsversprechen und Droge: Felicitas Hoppe: «Reisen.»

Publiziert am 4. Mai 2026 von Matthias Zehnder

Wir haben auf Deutsch zwei Wörter, die jenes Reissen bezeichnen, das uns zum Reisen bringt: Reisefieber und Fernweh. Beide sind, wie Felicitas Hoppe schreibt, «zwischen Krankheit und Weltschmerz platziert». Der Aufbruch ins Unbekannte bleibe unvermeidbar und sei irgendwann nicht mehr aufzuschieben, denn «der alte Streit zwischen Innen-und Aussenwelt (als ob es die eine ohne die andere gäbe) lässt sich nur auf der Reise selbst ausfechten.» Wir haben uns angewöhnt, das Reisen mit überlegenem Ernst zu beurteilen. Auf der einen Seite die Bildungsfahrt, das Abenteuer, die Authentizität, das nachhaltige Slow Travel; auf der anderen die touristische Sünde mit dem überquellenden Koffer und dem schlechten Gewissen. Felicitas Hoppe, Schriftstellerin aus Hameln, hat sich in der wunderbaren Leben-Reihe von Hanser Berlin dem Reisen angenommen. Felicitas Hoppe denkt darin über das Reisen nach, wortgewandt, scharfsinnig und präzise. Das Buch ist damit das pure Gegenteil eines Hochglanz-Reisekatalogs: Felicitas Hoppe lässt uns hinter unsere eigenen Kulissen blicken und konfrontiert uns gnadenlos mit dem, was uns in die Ferne lockt. «Reisen», schreibt sie, sei «eine sehr schlichte Droge, die mit Welterkenntnis ziemlich wenig zu tun hat. Selbst wenn sie sich die Tarnkappe der Bildung aufsetzt, ist sie auf Erfahrung im Wortsinn aus, auf pure Bewegung.» Sie selbst entzieht sich den Kategorien: «Denn Fakt ist, dass ich zwar permanent unterwegs bin, aber seit dreissig Jahren nicht mehr auf Urlaub war.»

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Aus diesem Geständnis entwickelt Felicitas Hoppe einen literarischen Essay über das Reisen, der mit dem berühmten Satz von Blaise Pascal beginnt: «Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.» Felicitas Hoppe pflichtet dem bei und widerspricht zugleich. Wie leben wir auf Reisen, wie schlafen, lieben, streiten, arbeiten wir, wenn das Reisen nicht mehr Ausnahme, sondern Dauerzustand ist? Was ist überhaupt eine Reise, und was nur ein Ausflug, eine Dienstfahrt, ein Bewegungsritual? Und wer bezahlt dabei welchen Preis?

Felicitas Hoppe, geboren 1960 in Hameln, hat sich ihren Ruf als Reiseschriftstellerin wider Willen erworben. Ihr Roman «Pigafetta» berichtete 1999 von einer viermonatigen Reise auf dem Containerfrachtschiff Contship Lavagna, das sie 1997 als zahlende Passagierin von Hamburg nach Hamburg um die Welt brachte. Es folgten «Hoppe» (2012), «Prawda» (2018) und «Die Nibelungen» (2021). Heute lebt sie in Berlin und in Leuk im Wallis. «Reisen» ist deshalb die Summe einer dreissigjährigen Wanderschaft und zugleich eine Generalabrechnung mit der eigenen Rolle als Reisende.

Im ersten Drittel führt Hoppe in ihre Kindheit zurück. Sie erzählt, sie sei «ein klassischer Stubenhocker» gewesen, «den man förmlich zum Spielen tragen musste». Aus der Stube vertreibt sie nicht die Reiselust, sondern ein Asthma, das sie auf Kinderverschickung nach Langeoog schickt. Die Eltern, schlesische Vertriebene, hatten als einzige Reiseerfahrung den Krieg, der für die Brüder des Vaters das Verschwinden bedeutete: «Reisen war Krieg. Ein Unglück. Tabu.»

Im Zentrum des Buchs steht die Reise auf der Lavagna. Vier Monate, drei alternde Männer als Mitpassagiere, ein junger Kapitän, eine philippinische Mannschaft, ein seekranker Koch namens Elvis. Hoppe schreibt darüber mit einer Mischung aus Selbstironie und postkolonialer Melancholie. Sie wird «äquatorgetauft», hört nachts «das verzweifelte Hämmern der Überschmuggler», die sich in falsche Container haben sperren lassen, und versteht spät, dass sie eigentlich keine Reisende ist, sondern zur Fracht gehört. Ihr Resümee fällt ernüchternd aus: Reisen «bildet nicht, sondern belehrt uns lediglich schmerzhaft darüber, dass wir auf den Weltmeeren nicht das Geringste verloren haben, denn der Ozean kennt keine Gastfreundschaft.»

Auf der Basis der Lavagna-Episode seziert Felicitas Hoppe den modernen Tourismus. Sie ruft Hans Magnus Enzensbergers «Theorie des Tourismus» von 1962 auf, in der dieser den Touristen mit dem Hasen in der Fabel und seine Verhinderer mit dem Igel vergleicht: «Wie der Igel im Märchen den keuchenden Hasen am Ziel des Wettlaufs schon immer höhnisch erwartet, so kommt dem Tourismus allemal seine Widerlegung zuvor. Diese Dialektik ist der Motor seiner Entwicklung.» Siebzig Jahre später, schreibt Hoppe, sei dem nicht viel hinzuzufügen. Sie verteidigt allerdings den geschmähten Pauschaltouristen: Tourismus sei «ein Gesellschaftsspiel, ein Monopoly der verkauften Länder und Sitten, das weder Gewinner noch Verlierer kennt, weil alle Teilnehmer wissen: Es gibt keine echte, keine authentische Reise.»

Faszinierend wird es, wenn Hoppe die eigenen Reiserollen vorführt. Im Kapitel «Seemannsgarn» beschreibt sie, wie aus der zahlenden Passagierin nach der Rückkehr eine subventionierte Vortragsreisende wurde. Sie nennt sich selbst den «kleinen geschmeidigen Affen aus Europa», der sich den Ansprüchen des Gastlandes so freundlich andient, «dass sein Fehlen, wenn es wenig später zurück nach Hause fährt, unterm Strich kaum zu bemerken ist». Eine Beobachtung, die sich grundsätzlich auf jeden Kulturkorrespondenten übertragen lässt.

Im Kapitel «Kleiner Baedeker» entwickelt Hoppe in einer fiebrigen Nacht in Kalkutta ihre Lieblings-Erfindung: einen idealen Reiseführer, eine «Schnittmenge aus Hermes, dem Götterboten, und aus Christophorus, dem Schutzpatron aller Reisenden», der nicht schreibt, sondern erzählt, der seinen Gästen die Karawanenpause am McDonald’s gönnt und sie bei müden Tempelbesuchen in eine christliche Kirche umleitet. Daraus erwächst auch ihr eigenes Schreibverfahren: «Bilder des Tages», kurze Wortbilder anstelle eines Tagebuchs, mit denen sich jene belanglosen Momente festhalten lassen, die kein Reisefeuilleton kaufen würde.

Im Kapitel «Schienen» erzählt Hoppe vom Literaturexpress Europa 2000, jenem inzwischen halb vergessenen Versuch, hundert Schriftstellerinnen und Schriftsteller in sechs Wochen mit einem Sonderzug von Lissabon nach Berlin zu bringen, um die europäische Idee zu beleben. Praktizierte Utopie oder Triumph der Logistik? Hoppe stellt beides nebeneinander und destilliert daraus die eigentliche Erkenntnis des Buchs: «Jede Reise besteht genau genommen aus drei Reisen: der Traum von der Reise, die Reise selbst und der Versuch, sie in den Traum von davor zurückzuverwandeln.» Schritt drei, schreibt sie, sei «der schwerste von allen». Im Hintergrund steht Johan Huizingas «Homo Ludens» von 1938, dessen niederländischer Autor das Spiel als Urzelle der Zivilisation beschrieb. Hoppe zitiert dessen Anekdote vom Vierjährigen, der seinen Vater zurechtweist: «Vater, du darfst die Lokomotive nicht küssen, sonst denken die Wagen, es wäre nicht echt.»

Im Kern des Buchs steht die Feststellung, dass die Reise kein Bildungsversprechen sei, sondern eine «schlichte Droge». Hoppe bestreitet, dass Reisen uns klüger und besser mache. Sie sagt, Reisen belehre uns lediglich darüber, dass wir auf den Meeren und Strassen der Welt nichts verloren haben, weil weder der Ozean noch die fremde Stadt uns Gastfreundschaft schulden. Die touristische Bildungsillusion sei ein Relikt von Goethe, ein europäisches Souvenir aus der Geschichte. Sie sagt auch: Es gebe keine authentische Reise. Der oft vom Bildungsbürger beschworene Unterschied zwischen dem «echten» Reisenden und dem Pauschaltouristen ist Hoppe zufolge eine Selbsttäuschung. Auch der Frachtschiffstourist und die kulturpolitisch geförderte Schriftstellerin seien Touristen, ebenso die Backpackerin und die Workation-Reisende. Wer das nicht zugebe, betreibe Tourismusbashing als Distinktionsspiel.

Felicitas Hoppe: Reisen. Hanser Berlin, 128 Seiten, 29.50 Franken; ISBN 978-3-446-28414-2

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783446284142

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/

Basel, 04.05.2026, Matthias Zehnder

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