Buchtipp
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Eindrückliche Begegnung mit Ingeborg Bachmann: «Zwei Menschen sind in mir» von Andrea Stoll
Im März 1945 trägt Ingeborg Bachmann in Klagenfurt einen Sessel in den Garten ihres halbzerstörten Elternhauses. Die Fensterscheiben sind zerborsten, fast täglich fallen Bomben auf die Stadt, und drinnen wird es schon lange nicht mehr warm. Aber Ingeborg Bachmann hat Baudelaire und Rilke bei sich, sie kann «Les Fleurs du mal» auswendig deklamieren. «Wenn der Tod unausweichlich schien, dann wollte sie ihm klaren Bewusstseins und offenen Auges entgegensehen», schreibt Andrea Stoll. «Sie würde ihn begrüssen – aber zu ihren Bedingungen.» Auch ein Jahr später. als Ingeborg Bachmann 1946 mit dem Zug am Wiener Nordbahnhof ankam und sich mit einem grossen Koffer durch die zerstörte Stadt zu ihrem Quartier durchkämpfte, hatte sie mehr als Bücher und Kleidung im Gepäck. In ihrer grossen Biografie zum hundertsten Geburtstag Ingeborg Bachmanns zeichnet Andrea Stoll immer wieder solche starken Bilder, die mehr zum Verständnis von Bachmann beitragen als manche Analyse. Sie macht klar: Ingeborg Bachmann wird zeitlebens nur einem Kompass folgen: jenem der Literatur, ganz besonders dem ihres eigenen Schreibens.
Andrea Stoll, seit Jahrzehnten Bachmann-Forscherin, kann ihre Biografie auf die neu edierten Tagebücher und Briefwechsel der Salzburger Werkausgabe stützen. Zum ersten Mal lassen sich Legende und Wirklichkeit sauber trennen. Andrea Stoll geht sprachmächtig den Spuren von Ingeborg Bachmann nach, die 1956 als «Fräuleinwunder» gefeiert und als Erzählerin später heftig missverstanden wurde. Ihr Werk wurde vor dem Hintergrund ihrer verzehrenden Beziehungen zu Paul Celan, Hans Werner Henze und Max Frisch gelesen und missverstanden. Was bedeutet es, wenn die Dichterin schreibt: «Zwei Menschen sind in mir»? Stoll erzählt das präzise in einer Sprache, die der Dichterin würdig ist.
Ingeborg Bachmann kommt 1926 in Klagenfurt zur Welt, in einem «Zwischenreich», wie Andrea Stoll diese frühen Jahre nennt: Die Habsburger Monarchie ist gerade untergegangen, das neue Österreich noch nicht in seiner Identität angekommen, und in Kärnten reibt sich das deutschsprachige Bürgertum an der slowenischen Minderheit. Der Vater Matthias, ein vom Bauernjungen zum Volksschullehrer aufgestiegener Mann, lehrt seine älteste Tochter italienische Vokabeln, lässt sie träumen und macht sie zur «gelehrigsten Schülerin». Was die Familie nicht erfährt: Am 2. Mai 1932, sechs Jahre vor dem Anschluss, tritt er der damals in Österreich noch illegalen NSDAP bei. Die Tochter wird die Wahrheit über ihren Vater erst nach dem Krieg erfassen. Andrea Stoll zeigt, wie sich dieser doppelte Vater, der zärtliche Bildungsbürger und der frühe Parteigänger, als Riss durch Bachmanns ganzes Werk zieht.
Dabei genügt es nicht, dieses Trauma als blosses Motiv abzuhandeln. Andrea Stoll legt offen, wie der Einmarsch der Wehrmacht 1938 die Sprachwelt des elfjährigen Kindes vernichtet. Bachmann selbst hat das so beschrieben: «Es hat einen bestimmten Moment gegeben, der hat meine Kindheit zertrümmert.» Aus dieser Erschütterung erwächst das Schreiben als Zuflucht: «Das Schreiben als Fluchtraum, Ingeborg Bachmann entdeckte ihn früh», schreibt Andrea Stoll. «Es war nicht nur eine Flucht vor dem familiären Reglement, es war auch eine Flucht vor zu viel Nähe, wenn da jemand dem Träumen zuneigt, lieber den Wolken nachsieht, als den im Keller eingelagerten Äpfeln das Wurmstichige herauszuschneiden, kurzum das Praktische zu sehen, das in jedem Alltag tagein, tagaus getan werden muss.» Während der Bombennächte 1945 sitzt die Halbwüchsige allein im Elternhaus, weil sie ihre Matura nicht verlieren will. In dieser «physischen wie psychischen Leere» entdeckt sie, dass sie sich beim Reden und Schreiben nur auf eines verlassen kann: auf sich selbst.
Eindrücklich ist, wie Stoll die Ankunft Bachmanns in Wien 1946 schildert: Wie Ingeborg Bachmann ihren schweren Koffer durch die Ruine des Südbahnhofs schleppt, vorbei am Rothschild-Spital, das damals Tausende «Displaced Persons» aus Osteuropa beherbergt. In dieser Stadt der Trümmer und der Schwarzmärkte beginnt sie zu studieren, sucht Förderer unter Männern aus der Vätergeneration und trifft im Mai 1948 auf den jungen, abgerissen wirkenden Paul Celan. Es wird die folgenreichste Begegnung ihres Lebens. Stoll rekonstruiert dieses «Liebesdrama» nüchtern und präzise, mit dem nötigen Verständnis für die Asymmetrie zwischen Tätertochter und Opfersohn: «Mit dem von der Shoah und ihren Folgen tief verletzten Celan war keine glückliche Liebe zu leben.» Das lag nicht an Ingeborg Bachmann: Für Celan war das Leben selbst immer schwerer auszuhalten.
Eng damit verbunden ist die Frage, wie Bachmann ihren Aufstieg zur gefeierten Lyrikerin verkraftete. Mit «Die gestundete Zeit» (1953) und «Anrufung des grossen Bären» (1956) wird sie zur deutschsprachigen Stimme einer beschädigten Generation, doch die zeitgenössische Kritik übersieht die historisch-politische Tiefe ihrer Verse. Hier macht Andrea Stolls Buch besonders Eindruck: Sie zeigt, wie die Sprache nach Auschwitz für Bachmann «schuldlos schuldig» geworden war, wie aus der Einsicht, befasst mit Sprache «aus dem Niemandsland wiedergekehrt» zu sein, eine Poetik der gestundeten Worte erwuchs. Die Kritik feierte das Werk und blieb doch dem Klang ihrer Verse oft mehr zugewandt als ihrem Gehalt.
Die mittleren Jahre des Buches schildern Bachmanns Ruhelosigkeit zwischen Rom, Neapel, Zürich und Berlin, ihre künstlerische Symbiose mit Hans Werner Henze auf Ischia, schliesslich die schwierige Beziehung mit Max Frisch. Die Beschreibung der gemeinsamen Wohnung in Rom von Andrea Stoll gerät zur Parabel für die Beziehung: «Diese Wohnung, die Freunde und Familie immer wieder beschrieben und in privaten Runden auch kommentiert haben, war von demonstrativer Grandezza. Die grosszügigen Räume mit ihren Marmorböden, Buchattrappen, hochpolierten Holztäfelungen und falschen Spiegeln schienen dem Paar für ihren gross angelegten Lebensentwurf endlich eine adäquate Bühne zu bieten, auf der sich Bachmann sehr wohl und Frisch bald äusserst unbehaglich fühlen sollte.» Ingeborg Bachmann suchte endlich «etwas Dauerhaftes», doch das eine Foto, das die beiden zusammen zeigt, fängt sie am Bildrand ein, angespannt, abgewandt. Frischs Roman «Mein Name sei Gantenbein» wird Bachmann wenig später als Verrat erleben. Sie zerbricht beinahe daran.
Was folgt, ist das vielleicht erschütterndste Kapitel: Ingeborg Bachmann gerät in einen Strudel von Tranquilizern, Alkohol, Nikotin und Einsamkeit. 1964 nimmt sie in Darmstadt den Büchner-Preis entgegen und liest unter dem Titel «Ein Ort für Zufälle» einen Text, der das geteilte Berlin in Bilder eines zerstörten Körpers verwandelt. Andrea Stoll nennt das «einen Offenbarungseid». Mit «Malina» findet Bachmann 1971 endlich eine Form, wie sie das Vater-Tochter-Trauma künstlerisch bewältigen kann. Und doch wächst die Distanz zur eigenen Person. Christa Wolf wird später schreiben, jede schreibende Frau ihrer Generation habe «den Selbstvernichtungswunsch kennenlernen müssen».
Das geht so weit, dass Bachmann in ihrem letzten Lebensjahrzehnt versucht, mit den Mitteln der literarischen Komposition auch ihr auseinanderbrechendes Leben zu bändigen. Sie ignoriert reale Umstände, fiktionalisiert das Verhalten ihrer Gegenüber, lebt «à la carte». Im Oktober 1973 erleidet sie in ihrer römischen Wohnung an der Via Giulia schwere Brandverletzungen. Eine tragische Verkettung aus Medikamentenabhängigkeit, betäubtem Schmerzempfinden und verzögerter Diagnose endet am 17. Oktober mit ihrem Tod. Sie ist nur gerade 47 Jahre alt. Heinrich Böll hat es so formuliert: «Ich denke mit Schmerz an sie, mit Zärtlichkeit und in Freundschaft.»
Andrea Stoll hat eine Biografie geschrieben, die das gängige Bachmann-Bild gründlich erschüttert. Sie räumt auf mit den Legenden wie der ätherische Lyrikerin, der romantischen Geliebte Celans, dem Opfer Max Frischs und stellt an ihre Stelle eine widersprüchliche, durchsetzungsstarke und kompromisslose Frau, die sich ihr Leben unter härtesten Bedingungen erschrieben hat. Die besondere Stärke des Buchs liegt darin, das Andrea Stoll das literarische Werk und das gelebte Leben nicht gegeneinander ausspielt, sondern als zwei aufeinander angewiesene Aspekte von Ingeborg Bachmann zeigt und das Urteil den Lesern überlässt. Ganz nebenbei ist das Buch sprachlich so gut geschrieben, dass es selbst ein Stück Literatur geworden ist.
Andrea Stoll: «Zwei Menschen sind in mir». Ingeborg Bachmann. Die Biografie. Piper, 480 Seiten, 36.90 Franken; ISBN 978-3-492-07275-5
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783492072755
Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/
Basel, 11.05.2026, Matthias Zehnder
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