Buchtipp

Letzter Tipp: KI als Mitspieler in einer Ko-Evolution: «Ethische Intelligenz» von Markus Gabriel

Die Wissenschaft als Poesie der Welt: «Unser kreatives Gehirn» von Mario de la Piedra Walter

Publiziert am 27. April 2026 von Matthias Zehnder

Wir haben uns angewöhnt, Genialität als ein Geheimnis zu behandeln, das im Gewebe einiger weniger Gehirne ruhe. Einsteins Schädel wird zur Reliquie, Mozarts Frühreife gilt als Wunder, Frida Kahlos Bilderkraft als Mythos: Wo immer von grossen Künstlern oder Wissenschaftlern die Rede ist, wird der Vorhang einer fast religiösen Ehrfurcht gezogen. Der mexikanische Neurologe Mario de la Piedra Walter, der heute in Berlin praktiziert, hält dem in seinem ersten auf Deutsch erschienenen Buch eine kühle Beobachtung entgegen: «Sein revolutionäres Denken ist keine biologische Gabe Gottes.» Mit diesem Satz über Einstein, dessen Gehirn der amerikanische Pathologe Thomas Harvey nach der Autopsie eigenmächtig konfiszierte, in zweihundertvierzig Blöcke zerteilte und über die Welt verschickte, eröffnet der Autor eine Tour durch zwölf Kapitel, in denen jedes Mal eine künstlerische Persönlichkeit auf ein neurowissenschaftliches Phänomen trifft. Borges und das Gedächtnis. Frida Kahlo und der Spiegelmechanismus der Empathie. Anton Räderscheidt und der Schlaganfall. Virginia Woolf, Sylvia Plath, Anne Sexton und die Suizidforschung. Der spanische Anatom Santiago Ramón y Cajal und das neuronale Netz. Sein Buch, schreibt de la Piedra Walter, könne «auf zwei Ebenen gelesen werden: als ein Buch aus der Neurowissenschaft, das über Kunst redet, oder als eines der Kunst, das Aussagen über die Neurowissenschaft trifft.» Er legt damit ein umfassendes Panorama der verschiedenen kognitiven Prozesse vor, die Menschen zu Künstlern machen und taucht ein in die Gehirne der Künstler, auf der Suche nach dem Ursprung ihrer Genialität.

PDF-Version

Mario de la Piedra Walter stammt aus Mexico City, arbeitet als Neurologe in Berlin und schreibt für mexikanische Kulturzeitschriften wie «Nexos» und «Mercurio Volante». Seine Doppelbiografie als Arzt und Wissenschaftsvermittler prägt das Buch. Er steht in der Tradition jener «humanistischen Ärzte», zu denen er Tschechow, Schweitzer, Keats und Conan Doyle zählt, und er beruft sich ausdrücklich auf Vorbilder wie Oliver Sacks, V. S. Ramachandran und Eric Kandel. Seinem Buch hat er als Motto ein Vers von Terenz vorangestellt, eines nordafrikanischen Sklaven, der sich im antiken Rom durch sein Schreiben die Freiheit erwarb: «Ich bin ein Mensch, und nichts Menschliches ist mir fremd.»

Seine zentrale These ist einfach und radikal zugleich. Was ein Künstler tut, ist eine Form von Hirntätigkeit, die wir studieren können. Was die Neurowissenschaft beschreibt, ist eine Form des Sehens, die der Kunst nicht ferner steht als die Anatomie der Renaissance den Skizzen Leonardos. Diesen Brückenschlag illustriert de la Piedra Walter mit ungewöhnlich dichten Fallgeschichten. Im ersten Kapitel etwa stellt er den Russen Solomon Schereschewski vor, den der sowjetische Neuropsychologe Alexander Lurija jahrzehntelang untersuchte, einen Mann, dessen Gedächtnis nichts mehr vergessen konnte und der gerade an dieser Unfähigkeit zerbrach. Daneben stellt der Autor Borges‘ fiktive Figur Funes el memorioso, der dieselbe Last trägt. Borges‘ Diktum schlägt den Bogen: «Wir sind unsere Erinnerung, sind dieses fantastische Museum flüchtiger Formen, dieser Haufen zerbrochener Spiegel.»

Faszinierend wird es immer dann, wenn de la Piedra Walter die persönliche Tragödie eines Künstlers in ein neurobiologisches Modell übersetzt, ohne sie damit zu reduzieren. Im Kapitel «Gehirn in Flammen» über Suizid führt er Virginia Woolfs Abschiedsbrief aus dem April 1941 vor, «Liebster, ich bin mir sicher, dass ich wieder wahnsinnig werde», ordnet ihn in das Diathese-Stress-Modell der modernen Psychiatrie ein und stellt ihn neben die Verse von Anne Sexton: «Aber Selbstmörder haben eine besondere Sprache. Wie Zimmerleute fragen sie nur: welches Werkzeug, niemals jedoch: warum bauen.» Das Diktum von Albert Camus aus dem «Mythos des Sisyphos» wird zum zweiten Motto: «Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord.» Aus dieser Verbindung von Statistik, Lyrik und Mythos zieht das Buch seine Kraft.

Der Autor scheut weder die heiklen Befunde noch die ungemütlichen Genie-Mythen. Im Kapitel über Savants beschreibt er Kim Peek, der sich Telefonbücher Wort für Wort merkte, und Daniel Tammet, der in über zehn Sprachen denkt, ohne ihre Grammatik je systematisch gelernt zu haben. Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Autismus-Spektrum und besonderen kognitiven Begabungen führt den Autor unmittelbar zur Aufdeckung des Wakefield-Skandals, jener gefälschten Lancet-Studie von 1998, die einen Zusammenhang zwischen Impfen und Autismus suggerierte und bis heute in den sozialen Netzen nachhallt.

Im Kapitel über künstliche Intelligenz, «Was denken die Maschinen?», zieht der Autor die Linie von Pascals «Pascaline» und der Babbage-Lovelace-Rechenmaschine über Alan Turings Test bis zu John Searles «Chinese Room» und zu Antonio Damásios These, dass ohne Emotion keine Vernunft möglich sei. Die Maschine, schreibt der Autor, scheitere an der zweiten Hälfte dessen, was den Menschen ausmacht. Doch gerade weil sie scheitert, lernen wir mehr über uns selbst. Auch hier bleibt de la Piedra Walter zurückhaltend in seinen Werturteilen und überlässt das letzte Wort der Beobachtung.

Den dramaturgischen Schlussakt bildet das Kapitel «Das silberne Spinnennetz entziffern» über Santiago Ramón y Cajal, den spanischen Anatomen, der das Gehirn als erster nicht als diffuses Netz, sondern als Geflecht eigenständiger Neuronen sah. Er war zuerst Zeichner, dann Mediziner, und seine über dreitausend mit der Hand gefertigten Illustrationen vom Nervengewebe sind bis heute unübertroffen. Im «Duell der Titanen» mit dem Italiener Camillo Golgi, mit dem er sich 1906 den Nobelpreis teilen musste, ohne dass die beiden Konkurrenten ein einziges Wort wechselten, formuliert Cajal jene melancholische Erkenntnis, die das ganze Buch zusammenfasst: «Es wäre äusserst zweckmässig und ökonomisch, würden die Nervenzellen ein durchgängiges Netz bilden. Leider scheint die Natur unser intellektuelles Bedürfnis nach Zweckmässigkeit und Einheit zu ignorieren und sich oft am Komplizierten und Uneinheitlichen zu erfreuen.» Cajal beschrieb die Synapsen, lange bevor das Elektronenmikroskop sie sichtbar machen konnte, als «protoplasmatische Küsse», als «finale Ekstase einer epischen Liebesgeschichte». Hier wird die Sprache des Anatomen ununterscheidbar von der des Dichters.

Am Ende ändert sich der Ton. Im Epilog «Medizin und Kunst» erzählt de la Piedra Walter, wie er als Student in Mexiko eine Krankengeschichte über Borges‘ nie diagnostizierte Blindheit verfasste, wie ihm Jahre später in Berlin ein argentinischer Medienwissenschaftler ein bisher unveröffentlichtes Borges-Interview schickte, in dem der Dichter präzis jene Diagnose nannte, die der junge Mediziner spekulativ vermutet hatte. Der Schlüsselsatz, mit dem der Autor das Buch beschliesst: «Seither bin ich überzeugt, dass die Wissenschaft die Poesie der Welt ist und die Poesie die Wissenschaft des Daseins.»

«Von Genies lernen» bietet eine Reise durch die Neurowissenschaft, die nie schulmeisterlich klingt, weil sie immer am Beispiel eines konkreten Menschen, eines konkreten Kunstwerks, einer konkreten Krankengeschichte ansetzt. Mario de la Piedra Walter pendelt zwischen Klinik, Bibliothek und Atelier, ohne eine der Welten gegen die andere auszuspielen. Wer nach der Lektüre Einsteins Gehirn im Glas vor sich sieht, betrachtet es nicht mehr als Reliquie, sondern als Gewebe, und versteht, dass das Wunder der Genialität nicht im Objekt liegt, sondern in der Geste, mit der ein Mensch versucht, die Welt zu deuten.

Mario de la Piedra Walter: Unser kreatives Gehirn. Eine kleine Geschichte der Geistesblitze. Diogenes, 336 Seiten, 37 Franken; ISBN 978-3-257-07385-0

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783257073850

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/

Basel, 27.04.2026, Matthias Zehnder

PS: Wenn Sie keinen Buchtipp mehr verpassen möchten,   abonnieren Sie meinen Newsletter. Dann erhalten Sie jede Woche:

  • den neuen Sachbuchtipp
  • den aktuellen Buchtipp
  • den Hinweis auf den Wochenkommentar
  • das aktuelle Fragebogeninterview

Nur dank Ihrer Unterstützung ist der Buchtipp möglich. Herzlichen Dank dafür!