Buchtipp
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Streitschrift für das Innenleben: «Wir sind Dynamit» von Juliane Marie Schreiber
Schon im ersten Kapitel gibt Juliane Marie Schreiber den Ton an. Die Hölle für Innenmenschen ist nicht Feuer und Schwefel, sondern die Gruppenarbeit. In einer Dante-Parodie – witzig und dennoch ernst gemeint – führt sie durch die Kreise dieser Unterwelt: Flipcharts, Zoom-Meetings, «Taskforce», «Jour fixe». «Und immer, wenn einer zum Fazit anhob, / verstieg sich ein anderer in Rückfragen. / So drehten sie sich, ewig, / wie Mäuse im Laufrad der Koordination.» Schreiber trifft damit präziser als die meisten Sozialkritiker und der beissende Witz ist erkennbar persönlich.
Aber sie bleibt nicht bei der Satire. Im zweiten Kapitel zeichnet Juliane Marie Schreiber die Wissenschaftsgeschichte nach, von den antiken Temperamentslehren – Feuer-, Wasser-, Schleim- und Gallenmenschen bei Hippokrates und Galen – bis zu den «Big Five» der modernen Psychologie. Dabei betont sie einen Unterschied, auf dem sie ihr zentrales Anliegen aufbaut: Innenmenschen sind weder schüchtern, noch Menschenfeinde. Sie orientieren sich anders. «Der Innenmensch orientiert sein Leben von innen nach aussen. Nicht, weil er schüchtern, scheu oder menschenfeindlich wäre. Sondern weil das Innere für ihn das Primäre ist.»
Das dritte Kapitel vertieft die historische Benachteiligung. Der göttliche Schmied Hephaistos (Juliane Marie Schreiber nennt ihn den «ersten Nerd der griechischen Mythologie») fertigte für Gottvater Zeus die Donnerkeile, konstruierte Automaten, die an heutige Roboter erinnern, und erfand das unsichtbare Diamantnetz, das Aphrodite auf frischer Tat ertappte. Trotzdem wurde er von den anderen Göttern als betrogener Ehemann verspottet. Er wohnte nicht im Götterpalast auf dem Olymp, sondern in einem feuerspeienden Berg, seiner Schmiede. Milder Ruhm, mässiger Respekt – von Beginn weg ist es das Schicksal des Innenmenschen durch die Geschichte hindurch.
Dann wird es politisch und das ist die grösste Stärke des Buches. Juliane Marie Schreiber stellt die These auf, dass das Zeitalter der Extrovertierten charismatische Blender an die Spitzenpositionen in der Politik spült. Boris Johnson, der sich vor Debatten die Haare absichtlich zerzauste, um «authentisch» zu wirken; Silvio Berlusconi, dessen Politik ein «Dauerprogramm zwischen schlechter Late-Night-Comedy und Operette» war; Donald Trump, der als Gastgeber einer Realityshow ins Weisse Haus zog. Das interpretiert Juliane Marie Schreiber mit Max Webers Begriff der «charismatischen Herrschaft»: Charisma ersetzt Kompetenz, wenn Extroversion zur einzigen politischen Währung wird. Colin Crouchs «Postdemokratie» liefert den theoretischen Rahmen dazu. Es ist ein mutiger Brückenschlag, der «Wir sind Dynamit» aus der Psychologie-Sachbuchecke heraushebt und zum Erklärbuch der Gegenwart macht.
Das alles muss nicht sein, es gibt auch erfolgreiche Innenmenschen. Alfred Nobel zum Beispiel. Als «Einzelgänger, Einsiedler und melancholischer Misanthrop» beschrieb er sich selbst. Sein Labor explodierte, sein Bruder starb. Aber 1867 hatte Nobel die zündende Idee: Nitroglyzerin gebunden an Kieselgur. Kontrollierte Energie mit Initialzündung. «Dynamit ist potenzielle Energie, die sich lange nicht zeigt und dann in einem einzigen Moment das ganze Verhältnis ändert. Damit ist Dynamit ein Wesenszug, und zwar der Innenmenschen.» Dieser Satz bringt das Buch auf den Punkt.
Kurz gesagt
Juliane Marie Schreiber schreibt nicht als Therapeutin und auch nicht als Trostspenderin. Sie schreibt als politische Publizistin: mit Witz, mit Quellen, und mit der Überzeugung, dass eine Gesellschaft, die nur Lautstärke belohnt, sich selbst schadet.
Juliane Marie Schreiber: Wir sind Dynamit. Ein Manifest für Introvertierte in einer Welt der Selbstdarstellung. Piper, 208 Seiten, 23.90 Franken; ISBN 978-3-492-06573-3
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783492065733
Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/
Basel, 29. Juni 2026, Matthias Zehnder
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