Buchtipp
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Für ein zukunftssicheres Gehirn: «Wach im Kopf!» von Tommy Wood
Sein Buch beginnt Tommy Wood mit Eulen: In den 1980er-Jahren statteten Neurowissenschaftler der Stanford University Schleiereulen mit Prismenbrillen aus, die alles seitlich verschoben erscheinen liessen. Das Bild, das die Eulen sahen, passte also nicht mehr zu dem, was sie hörten. Junge Eulen lernten rasch, ihre kognitiven Karten neu zu kalibrieren. Erwachsene Eulen verfehlten die Maus noch Monate später, auch wenn sie direkt vor ihrem Schnabel sass. Offenbar lernt auch bei den Eulen Hans nicht mehr, was Hänschen nicht gelernt hat. Doch das stimmt nicht: Die erwachsenen Eulen brauchten nur etwas mehr Zeit dafür – und einen triftigen Grund.
Die Eulenforschung sollte «die Art und Weise, wie wir über das adulte Gehirn denken, komplett verändern», schreibt Tommy Wood. «Während ein junges Gehirn wie ein leeres Blatt ständig neue Informationen aufnimmt, um sich entsprechend zu verdrahten, heisst das nicht, dass sich das Gehirn erwachsener Eulen nicht anpassen kann – es braucht dafür nur einen triftigen Grund.» Auch das erwachsene Gehirn ist anpassungsfähig, und das selbst im Alter. «Dazu müssen wir uns aber tatsächlich mit der Welt um uns herum auseinandersetzen – sei es sozial oder durch Herausforderungen (wie die Beschaffung der nächsten Mahlzeit), die unserem Gehirn klarmachen, dass es sich verändern muss», schreibt Tommy Wood.
Was wir über das erwachsene oder das alte Gehirn zu wissen glaubten, nämlich dass es, einmal ausgereift, festgelegt ist und seine Fähigkeiten mit der Zeit zwangsläufig abnehmen, sei «mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit falsch». Die gute Nachricht dabei: «Wenn wir anders als bisher über das Gehirn und über das denken, was wir im höheren Alter vom Leben erwarten, können wir viel mehr erreichen, als wir uns bisher vorgestellt haben.»
Tommy Wood nennt drei zentrale Eigenschaften seines Ziels: In einer Welt der Informationsüberlastung geistig fit und fokussiert zu bleiben, das Risiko eines langfristigen kognitiven Abbaus und einer Alzheimer-Erkrankung zu minimieren und vorbereitet zu sein, sich neue Kompetenzen anzueignen, die in unserer Welt des technologischen Wandels unerlässlich sind.
Im ersten Teil seines Buches räumt Tommy Wood mit Mythen auf. Trotz Jahrzehnten der Forschung und Milliarden von investierten Dollars seien von über tausend experimentellen Schlaganfall-Behandlungen, die bei Ratten funktioniert haben, fast keine beim Menschen wirksam geblieben. Die Gehirnkarte von gerade einmal 0,2 Prozent eines Mäusehirns – erstellt von mehr als hundert Wissenschaftlern für über 100 Millionen Dollar – benötigt zwei Millionen Gigabyte Speicherplatz. Das menschliche Gehirn ist tausendmal grösser. Der Physiker Emerson Pugh brachte das Dilemma treffend auf den Punkt: «Wenn das menschliche Gehirn so einfach wäre, dass wir es verstehen könnten, dann wären wir so einfach, dass wir es nicht verstehen würden.»
Tommy Wood zieht daraus eine praktische Konsequenz: Weil die Neurowissenschaft noch so vieles nicht weiss, muss man vom Gehirn als Ganzem denken, nicht von einzelnen Molekülen oder Proteinen. Der Fokus auf Amyloid-Plaques als alleinige Ursache der Alzheimer-Erkrankung, so Tommy Woods Kritik, hat Jahrzehnte der Forschung in eine Sackgasse geführt.
Im zweiten Teil seines Buches, dem eigentlichen Herzstück, beschreibt Tommy Wood die acht Felder, in denen wir die kognitive Reserve aufbauen. Er nennt es den «Headroom»: Bewegung, Ernährung, kognitive Stimulation, soziale Verbindungen, Anpassung, Erholung, Schlaf und der Umgang mit Umwelteinflüssen. Nichts davon ist überraschend. Aufschlussreich ist, wie Tommy Wood die Verbindungen sichtbar macht. Im Kapitel über soziale Verbindungen zeigt er, dass Charles Darwin in «Die Abstammung des Menschen» (zwölf Jahre nach dem «Überleben der Bestangepassten» erschienen) das Gegenteil des Stärkeren als Erfolgsmodell beschrieb: «jene Gemeinschaften, welche die grösste Zahl der sympathischsten Mitglieder umfassen, werden am besten gedeihen.» Was Darwin «Sympathie» nannte, nennen wir heute Empathie. Das «survival of the kindest» ist, so Tommy Wood, auch ein Faktor der Gehirngesundheit.
Im dritten Teil des Buches wird Tommy Wood konkret und präsentiert sein «3-S-Modell»: Stimulus, Supply, Support – ein einfaches Raster, um die eigenen Gewohnheiten zu beurteilen und das Gehirn auf Jahrzehnte hin fit zu halten. Besonders effektiv sind demnach Aktivitäten, die mehrere Säulen des Modells gleichzeitig bedienen: koordinativ anspruchsvolle Sportarten wie Tanzen oder Bewegung in der Gruppe wie Yoga fördern zugleich Durchblutung, soziale Kontakte und Stressreduktion. Gemeinsame Kurse oder persönliche Treffen bieten kognitiven Stimulus und senken gleichzeitig gesundheitsschädlichen Stress. Und ganz konkret: Fische wie Sardinen, reich an Omega-3-Fettsäuren und B-Vitaminen, können das Demenzrisiko nachweislich senken. Dass es am Ende auch ein Mehr an Schlaf ist – bereits 15 bis 30 Minuten täglich –, das Stress senkt und das Gehirn regeneriert, dürfte niemanden überraschen. Aber Tommy Wood erklärt überzeugend, warum.
Tommy Wood schreibt aus der Warte des Wissenschaftlers, der gelernt hat, sich selbst zu korrigieren. Was er empfiehlt, ist bekannt. Warum es wirkt, erklärt er eindrücklich besser als die meisten.
Kurz gesagt
Das Buch von Tommy Wood macht Mut: Alzheimer und Demenz sind keine unvermeidbaren Schicksalsschläge. Wir können etwas tun für unser Gehirn, und es ist gar nicht so kompliziert. Schlaf, Sport, soziale Aktivitäten und Sardinen gehören dazu.
Tommy Wood: Wach im Kopf! Der innovative Gesundheitsplan für geistige Fitness in jedem Alter. Ullstein, 640 Seiten, 31.50 Franken; ISBN 978-3-86493-353-0
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783864933530
Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/
Basel, 22. Juni 2026, Matthias Zehnder
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