Buchtipp
Letzter Tipp: Zweitausend Jahre Vaterschaft: «Männer, Väter, Patriarchen» von Augustine Sedgewick
Wissensfundgrube für den WM-Sommer: «Kick it!» von Marco Fuchs
Wenn Sie über Fussball nicht viel mehr wissen, als dass das Runde in Eckige muss und dass das wie Schach funktioniert, aber ohne Würfel, dann verschaffen Sie sich mit diesem Buch den unverzichtbaren Vorteil – und das ohne Offside-Pfiff. Seit ein paar Tagen gilt es ernst in den USA, in Mexiko und in Kanada, und die ersten Favoriten haben auch schon Prügel bezogen. Marco Fuchs arbeitet seit 2017 im Sportressort des Nachrichtenmagazins «Spiegel» und gilt dort als Quiz- und Anekdotenspezialist für Fussball. Pünktlich zur WM 2026 hat er mit «Kick it!» ein Buch zusammengestellt, das nützliches und zum Glück auch viel unnötiges Wissen zum Turnier serviert. Dabei ist das Buch gar nicht mal so Deutschland-lastig – auch die Schweiz kommt immer mal wieder vor. Zum Beispiel war das Spiel Österreich – Schweiz im Viertelfinale 1954 das torreichste Spiel der WM-Geschichte: Es endete 7:5. Solche und andere Info-Häppchen bietet das Buch zum Wegfuttern an spielfreien Tagen, auf dass Sie im nächsten Hydration Break mit Fakten punkten können wie weiland Miroslav Klose. Und das ist, wie Sie sicher wissen, bis heute der Spieler, der an einer WM die meisten Tore geschossen hat.
Den grössten Reiz entfaltet das Buch dort, wo Marco Fuchs im Kapitel «Namen und Geschichten» tiefer in die WM-Historie eintaucht. Dabei zeigt sich auch, wie sehr die grosse Politik den angeblich unpolitischen Fussball seit jeher überschattet. 1973 putscht in Chile General Augusto Pinochet gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende. Das Estadio Nacional in Santiago wird zum Internierungslager, also genau der Ort, wo wenig später das WM-Playoff-Rückspiel gegen die Sowjetunion stattfinden soll. Die Sowjets weigern sich, anzutreten, die FIFA erklärt das Stadion trotzdem für «spielbereit». Chile läuft ohne Gegner auf. Die Mannschaft schiesst ein Tor ins leere Tor. Der Schiedsrichter pfeift ab. Chile fährt zur WM 1974 nach Deutschland.
Acht Jahre später sitzt der achtjährige Marco Fuchs vor dem Fernseher. Es gibt Kakao und Marmorkuchen. Was folgt, ist sein erstes grosses WM-Trauma. Nach dem frühen 1:0 für Deutschland gegen Österreich schieben sich beide Teams 80 Minuten lang nur noch den Ball zu – ein Nichtangriffspakt, der beiden Teams das Weiterkommen sichert und als «Schande von Gijón» in die Geschichte eingeht. ARD-Kommentator Eberhard Stanjek spricht von einer «Schande», die Spieler selbst reagieren ratlos. «Ich verstehe irgendwie die Reaktionen der Zuschauer, aber ich kann mich darum wirklich nicht kümmern», sagt der deutsche Mittelfeldspieler Wolfgang Dremmler danach – und ist damit, schreibt Fuchs, noch einer der Verständigeren. Die FIFA reagiert: Seither werden die letzten Gruppenspiele einer Gruppe parallel angepfiffen.
Zwanzig Jahre vor Gijón, 1962 in Santiago, eskaliert ein Vorrundenspiel zwischen Chile und Italien zur «Schlacht von Santiago»: Es wird getreten und geschlagen, am Ende stehen zwei Platzverweise. Schiedsrichter Ken Aston sagt nach dem Abpfiff: «Ich habe kein Fussballspiel gepfiffen, ich habe als Schlichter in militärischen Manövern agiert.» Aus dieser Erfahrung heraus entwickelt der Engländer wenig später ein System, das bis heute jeden Fussballmatch begleitet: die Gelbe und die Rote Karte.
Auch im Frauenfussball findet Fuchs eine besonders eindrückliche Geschichte: jene von Marta Vieira da Silva, vielleicht der grössten Fussballerin aller Zeiten. Mehr als 200 Länderspiele für Brasilien, sechsmal zur Weltfussballerin des Jahres gewählt, viermal im Finale einer WM oder Olympiade – und nie eine Goldmedaille gewonnen.. 2007, im verlorenen WM-Final gegen Deutschland, vergibt sie als beste Spielerin des Turniers einen Elfmeter. «Als ich anfing zu spielen, hatte ich kein Idol, kein weibliches Idol», sagte Marta später. Heute ist sie selbst eines – und das, ohne den Pokal je in den Händen gehalten zu haben..
Nach den «Namen und Geschichten» folgen ein Quiz mit 50 Fragen und ein chronologischer Durchgang durch alle Weltmeisterschaften der Männer seit 1930 und der Frauen seit 1991, von Uruguay bis Katar, von China bis Australien und Neuseeland. Wer die kommenden Wochen auch in den Pausen der Spiele etwas zu sagen haben will, findet in «Kick it!» reichlich Stoff dafür. So wissen Sie zum Beispiel nach der Lektüre, wer Maple, Zayu und Clutch sind, wo das Finale gespielt wird und welchen WM-Rekord Oleg Salenko hält.
Marco Fuchs: Kick it!. Das grosse «Spiegel»-Fussball-Buch. Kiepenheuer & Witsch, 144 Seiten, 14.90 Franken; ISBN 978-3-462-01422-8
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783462014228
Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/
Basel, 15.06.2026, Matthias Zehnder
PS: Wenn Sie keinen Buchtipp mehr verpassen möchten, abonnieren Sie meinen Newsletter. Dann erhalten Sie jede Woche:
- den neuen Sachbuchtipp
- den aktuellen Buchtipp
- den Hinweis auf den Wochenkommentar
- das aktuelle Fragebogeninterview
Nur dank Ihrer Unterstützung ist der Buchtipp möglich. Herzlichen Dank dafür!