Brief an Marcel Koller

Als Urs Fischer Trainer des FC Basel wurde, habe ich ihn (damals war ich noch Chefredaktor der «bzBasel») mit einem offenen Brief begrüsst, in dem ich ihm die Besonderheiten von Basel und seinem FCB beschrieb. Als er nach zwei erfolgreichen Jahren «verabschiedet» wurde, habe ich ihm noch einmal geschrieben. Jetzt übernimmt wieder ein Zürcher Trainer den FC Basel – es ist wieder Zeit für einen offenen Brief an den neuen Trainer des FCB.

Lieber Marcel Koller

Das Transparent mit «Koller – nie eine vo uns» war ja zwar nur eine Photoshop-Arbeit von Rotblau, es hätte aber niemanden überrascht, wenn Sie von der Muttenzer Kurve tatsächlich so begrüsst worden wären, wie damals Urs Fischer. Zürcher haben es in Basel schwer. Züricher werden in Basel oft als zu grob, zu laut, zu prahlerisch empfunden. Trotzdem glaube ich, dass Sie für den FC Basel im Moment genau der richtige Trainer sind. Ich meine nicht die Arbeit auf dem Fussballplatz. Die kann ich nicht beurteilen. Nein: Sie sind der richtige, weil Sie vorher eine Nationalmannschaft trainiert haben. Und der FCB ist in mancherlei Beziehung mehr Nationalmannschaft als Clubmannschaft: Der FCB ist die Nationalmannschaft von Basel.

Denn ein erfolgreicher FCB ist ein wichtiges Stück Selbstvergewisserung für Basel. Ein FCB in der Champions League beweist uns Baslern, dass Basel eben doch eine Weltstadt ist. Zwar nur eine Weltstadt im Taschenformat, oder, wie Basel Tourismus mittlerweile schreibt, eine Metropole im Taschenformat, aber immerhin. Unser Problem ist, dass Zürich grösser (und lauter) ist, Bern wichtiger und Genf internationaler. Mit seinem Fussballclub konnte Basel es in den letzten Jahren den Zürchern, den Bernern und den Genfern zeigen. Fussball wurde in Basel zum Teil der Champagnerkultur, wie sie, ebenfalls auf internationaler Ebene, Kunstmuseum, Fondation Beyeler, Art und Baselword zelebrierten. Doch das scheint vorbei zu sein – nicht nur beim FCB. Entsprechend gekränkt ist Basel.

Wir brauchen einen Trainer, der auch fürs Publikum da ist

In dieser Situation braucht der FCB einen, der weiss, wie man mit gekränkten Nationalseelen umgeht. Und genau da haben Sie ja viel Erfahrung aus Österreich. Die Basler Seele braucht keinen Trainer, der das Blaue vom Himmel verspricht. Aber ein knorziger Schweiger kommt auch nicht gut an. Es braucht einen Trainer, der den Baslern ihren Club und ihren Fussball erklärt. Einen Trainer, der wie ein Dirigent nicht nur die Spieler anleitet, sondern auch dem Publikum das Spiel erschliesst und ihnen ohne grosse Worte das Gefühl gibt, dass die Sterne in Griffweite sind.

Für einen FCB-Trainer ist deshalb nicht nur das Spiel auf dem Rasen entscheidend, sondern auch das daneben: die Kommunikation. Da gibt es drei einfache Regeln, die der FCB in den letzten Wochen alle in den Wind geschlagen hat. Die erste: Man kann nicht Nicht-Kommunizieren. Auch wer nichts sagt, kommuniziert etwas (und wer nicht redet, über den wird geredet). Die zweite: Kommunikation muss sich nach dem Empfänger richten, nicht nach dem Sender. Und das bedeutet, dass man zuhören muss, bevor man spricht. Und die dritte: Man muss wissen, was man mit der Kommunikation genau erreichen will. Das ist schon fast ein bisschen wie auf dem Fussballplatz. Alle drei Regeln hat der FCB in den letzten Wochen nicht beherzigt. Die grosse Krise, in der sich der Club heute befindet, ist nicht nur eine Krise des Fussballs (und der Punkte), sondern auch eine Krise der Kommunikation. Deshalb ist es in den letzten Wochen zum Riss gekommen zwischen dem Club und der Stadt, den Fans, der Kurve. Und das ist für einen Club auf Dauer tödlich.

Basel braucht Bestätigung wie ein Halbstarker

Aber das alles kennen Sie ja aus Wien, deshalb glaube ich, dass Sie im Moment der Richtige sind für diesen Club. Wir Baslerinnen und Basler wollen wieder stolz sein können auf unseren FCB – und damit indirekt auch auf unser Basel. Darin ist Basel nämlich ganz und gar nicht Weltstadt: Anders als Wien, Paris oder Berlin ist sich Basel seines Standings nicht sicher. Basel braucht Bestätigung. Wie ein Halbstarker. Wenn Sie Basel diese Bestätigung über den Fussball wiedergeben können, dann spielt es rasch keine Rolle mehr, dass sie nie «einer von uns» sein werden.

Ich bin sicher, Sie werden in Basel mit offenen Türen empfangen, aber nicht unbedingt mit offenen Armen. Sie werden dabei sein, aber merken, dass sie nicht dazu gehören. Machen Sie sich nichts draus. Das geht mir nach 25 Jahren Basel noch so. Lassen Sie sich trotzdem ein auf Basel. Es ist eine wunderbare Stadt. Man muss ihr bloss auf die Schliche kommen. Am besten gelingt das übrigens vom Wasser aus. Wie Hamburg oder Kopenhagen versteht man Basel am besten, wenn man sich der Stadt auf dem Wasser nähert.

Natürlich haben Sie dafür jetzt keine Zeit. Jetzt steht GC an, dann Vitesse Arnhem, Sion, das Rückspiel gegen Vitesse Arnhem und der erste Einsatz im Cup gegen den FC Montlingen und das alles innert zwei Wochen. Wenn Sie danach mal Zeit haben, erkläre ich Ihnen gerne mal, wie Basel tickt. Gerne auch vom Wasser aus. Vorerst wünsche Ihnen aber einfach viel Erfolg mit dem FCB.

Basel, 4. August 2018, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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Lieber Urs Fischer

Zweiter Brief an Urs Fischer

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Ein Kommentar zu Brief an Marcel Koller

  1. Felix Wehrle sagt:

    Lieber Matthias
    Als Fastbasler hast Du die Seelenlage vieler Basler sehr treffend beschrieben. Und ich wäre nicht überrascht, wenn Marcel Koller mit Dir im Rhein schwimmen geht.
    Viva
    Felix Wehrle

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