Siri Hustvedt und das Schreiben aus der Ich-Perspektive
Claude, ChatGPT, Gemini – sie alle schreiben viel, viel schneller als jeder Mensch. Sie beherrschen jede erdenkliche Sprache, jede Textsorte und natürlich jedes Thema. Sie erklären jeden Datenhaufen und komprimieren jedes Dokumentenkonvolut in eine lesbare Form. Noch sind die Texte oft erkennbar KI generiert. Staccato-Stil, Gedankenstriche statt Doppelpunkte oder Komma und diese seltsam fluffig-geföhnten Inhalte. Doch die KI wird sehr schnell besser. Es stellt sich deshalb die Frage, warum Menschen künftig noch schreiben sollen. Wozu sollen wir uns noch mit Tastatur und Rotstift abmühen? Was bringt es noch, wenn ich Ihnen eine Idee erkläre, wo Sie sich doch eine KI aufrufen können, die das individueller macht? Warum sollen Menschen künftig noch schreiben? Das ist eine Frage, die nicht nur mich umtreibt. Ich diskutiere regelmässig mit Journalistinnen und Journalisten darüber, mit Autoren und Wissenschaftlern. Siri Hustvedt hat mich auf die Antwort gebracht: Schreiben muss wieder subjektiv werden. Ich sage Ihnen deshalb, warum das Schreiben aus der Ich-Perspektive unsere Chance, ja: unsere Aufgabe ist. Auch diese Woche habe ich Ihnen dafür ein kleines Denkwerkzeug gebaut, ein Schreibimpuls für das Schreiben aus der Ich-Perspektive.
Wenn Sie heute eine Zeitung oder ein Buch aufschlagen, online eine Meldung lesen oder eine wissenschaftliche Studie, können Sie nicht sicher sein, wer diesen Text geschrieben hat. Am Ursprung waren sicher Menschen beteiligt, es ist aber gut möglich, dass sie den Text in einer anderen Sprache verfasst haben, dass er viel ausführlicher war oder deutlich schwerer verständlich. Die KI ist gut darin, bestehende Texte umzuformen, zu übersetzen, zu kürzen und anzupassen. Viele Medienschaffende fragen sich deshalb: Wie lange braucht es noch Menschen in den Medienhäusern?
Ähnliche Fragen stellen sich viele Schreibende. Ganz besonders Autorinnen und Autoren von Essays und von Sachbüchern müssen sich fragen: Warum soll ich noch schreiben, wenn die KI Sachtexte innert Minuten generiert? Kann ich als Mensch einen Mehrwert erzielen für meine Leserinnen und Leser? Welche Art des Schreibens macht künftig noch Sinn? Wir Schreibenden sehen uns in der Rolle des Hasen in der Fabel von Aesop: Der Hase verliert das Rennen gegen den Igel, weil der immer schon da ist. Es ist eine Frage, die ich mir in letzter Zeit häufiger gestellt habe: Ich sitze an meinem klappernden Keyboard, die Espressotasse ist schon wieder leer, und ich frage mich: Macht mein Schreiben noch Sinn? Die Spatzen im Garten scheint das nicht zu kümmern: Sie lachen mich aus.
Auf den Absender kommt es an
Welches Schreiben macht noch Sinn? Es gibt eine einfache Antwort auf diese Frage: Überall da, wo es auf den Absender ankommt, bleibt menschliches Schreiben wichtig. Claude, ChatGPT und Gemini sind in der Lage, mir innert Sekunden einen wunderbaren Liebesbrief zu schreiben. Ihre Briefe lassen mich aber kalt, denn gerade bei einem Liebesbrief kommt es weniger auf den Inhalt, als auf den Absender oder die Absenderin an. Wenn meine Frau einige liebe Worte auf einen Notizzettel kritzelt und mir den Zettel auf den Tisch legt, ist mir das viel wichtiger als der ausgefeilteste Liebesbrief einer KI.
Bei einem Liebesbrief ist die Absenderin oder der Absender so entscheidend, weil ein Liebesbrief ein Gefühl ausdrückt: «Ich liebe Dich.» Ohne «Ich», das liebt, macht das keinen Sinn. Eine KI, die mir sagt, dass sie mich liebe, kann das noch so eloquent tun, es bleibt so sinnlos, wie wenn ein Papagei mich verflucht. Oder, etwas präziser ausgedrückt: Der Satz «Ich liebe Dich.» ist nicht nur ein Satz, es ist eine sprachliche Handlung, die John Searle als «Sprechakt» bezeichnet hat. Die Sprache bringt nicht nur eine Handlung zum Ausdruck: Die sprechende Person handelt durch die Sprache.
Sprachliche Handlungen
Solche Sprechakte sind in unserem Alltag gar nicht so selten. Wenn wir zu Tisch etwa fragen: «Kannst Du mir bitte das Salz reichen?» dann ist das eine sprachliche Handlung. Wenn ich am Telefon jemandem verspreche: «Ich komme morgen vorbei.» oder: «Ich bringe dir das Buch spätestens nächste Woche zurück.», dann sind das ebenfalls sprachliche Handlungen. Deutlich als Handlung erkennbar sind Entschuldigungen wie «Ich entschuldige mich hiermit dafür, dass ich dich beleidigt habe.», Glückwünsche «Ich wünsche dir alles Gute zum Geburtstag.» oder explizite sprachliche Handlungen wie «Hiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau.» Die KI kann solche Sätze problemlos generieren. Aber weil eine KI nicht handeln kann, kann sie auch keine Sprechakte ausführen. Deshalb haben KI-generierte Sprechakte keinen Sinn.
Spannend ist, dass John Searle neben Aufforderungen, Versprechen, Verpflichtungen und Deklarationen eine weitere wichtige Art sprachlicher Handlungen nennt. Er nennt sie «Expressiva» und meint damit Gefühlsausdrücke. Wenn ich zum Ausdruck bringe, dass ich mich freue oder mich ärgere, dass ich enttäuscht bin oder überrascht, ist das nach John Searle eine sprachliche Handlung. Für unsere Zwecke entscheidend ist: Der Ausdruck eines Gefühls macht nur Sinn, wenn eine Person dieses Gefühl empfindet und damit handelt. Ein Satz wie «Ich bin begeistert» ist also eine etwas allgemeinere Form eines Satzes wie «Ich liebe dich». Es ist ein Satz, der ohne «ich» keinen Sinn macht.
Auf das Empfinden kommt es an
Das können wir nun direkt auf das Schreiben anwenden. Die KI ist problemlos in der Lage, aufgrund von Daten einen Bericht über ein Fussballspiel zu schreiben. Moderne Fussballstadien sind mit unzähligen Kameras ausgestattet. Die Spieler tragen Sensoren, sogar die Bälle sind intelligent. Damit lässt sich das Spiel in Daten abbilden. Es lassen sich Grafiken erzeugen und natürlich auch Spielberichte. Google nutzt solche Daten, zum Beispiel für die automatisierten Ticker zu Fussballspielen.
Es ist das eine, dass ich zeitnah erfahre, ob der FC Basel ein Tor geschossen oder kassiert hat. Es ist aber etwas ganz anderes, wenn ein Basler Fussballreporter über das Spiel berichtet und sich darüber aufregt, dass die Verteidigung löcherig war, der Sturm Chancen ausgelassen hat und das Mittelfeld mal wieder pennt. Eine Reporterin kann aus dem Stadion über das Fussballspiel als Erlebnis berichten. Im Stadion geht es nicht um Daten, da geht es um Gesänge und Pfiffe, um kollektive Gefühle, den Rauch der Petarden und Pyros, den Aufschrei beim verschossenen Penalty. Ein Fussballreporter, der darüber berichtet, legt Zeugenschaft über sein Erlebnis ab. Das lässt sich nicht durch eine KI ersetzen.
Zeugenschaft ablegen
Und das gilt nicht nur für Fussballspiele, sondern auch für den Bericht aus Gaza oder der Ukraine, für die Reportage aus dem UN-Hauptquartier oder der Intensivstation. Dabei geht es nie nur um das Vermitteln von Daten und Informationen. Es geht darum, Zeugenschaft über ein Erlebnis abzulegen. Das setzt voraus, dass da ein Ich ist, das erlebt und über dieses Erlebnis berichten kann. Am Anfang der journalistischen Berichterstattung wird deshalb immer ein Mensch stehen, ein Mensch, der Zeugenschaft ablegt.
Ist der Text einmal erfasst, ist die Reportage gesprochen, ist die Live-Schalte aufgezeichnet, kann der Inhalt weiterverarbeitet werden. Die KI kann kürzen, übersetzen, anpassen, in Grafiken verwandeln. Sie verflüssigt den Inhalt und macht ihn wandelbar. Deshalb ist heute oft von «Liquid Content» die Rede. Voraussetzung dafür ist und bleibt aber der zuverlässige Bericht eines Menschen vor Ort.
Verantwortung übernehmen
Das bringt uns zum zweiten Punkt: Nur ein Mensch kann Verantwortung für seinen Bericht übernehmen. Eine KI kann das nicht, weil auch Verantwortung ein Subjekt voraussetzt. Das hat formale und es hat kommunikative Konsequenzen. Formal bedeutet es, dass alle Texte, die eine KI generiert, von einem Menschen überprüft werden müssen. Keine KI-Firma übernimmt Verantwortung für die Produkte ihrer generativen Programme. Die kommunikative Konsequenz ist fast noch wichtiger. In einem Meer von beliebig skalierbaren Informationen und vielen falschen Informationen werden Menschen die Verantwortung übernehmen, für uns zu Ankerpunkten. So wie der Anchorman im Fernsehen als Host der Nachrichten die Verantwortung für die Inhalte übernimmt, müssen in allen Medien Menschen als Anker die Verantwortung für die Inhalte übernehmen.
Sichtbar wird diese Verantwortung durch ein «Ich» im Text: Ich stehe dafür ein, dass ich das so erlebt habe, dass ich die Daten gesehen habe, dass ich nach bestem Wissen und Gewissen Bericht erstattet habe. Ich glaube deshalb, dass in der Berichterstattung von Menschen vor Ort das «Ich» künftig wichtiger wird. Nicht nur wörtlich als Subjekt eines Satzes, sondern auch ästhetisch im Sinne von Wahrnehmungen, Perspektive und Sprachstil. Die sprachliche Oberfläche kann die KI vielleicht imitieren, nicht aber den in Sprache gegossenen subjektiven Blick.
Der subjektive Blick
Das wäre eine Abkehr von journalistischen Traditionen. Medienschaffende sind darauf trainiert, möglichst neutral zu berichten und sich selbst dabei aussen vor zu lassen. Im Zeitalter der KI wird sich das ändern. Der subjektive Blick wird wichtiger: Journalisten werden häufiger Zeugnis ablegen über das, was sie vor Ort erlebt haben.
Das gilt nicht nur für Reportagen aus Fussballstadien und Berichte aus Kriegsgebieten. Es gilt auch für Sachtexte, für Essays, für Sachbücher. Ich bin überzeugt, dass subjektives Schreiben nicht nur wichtiger wird: Nur subjektives Schreiben macht aus menschlicher Sicht noch Sinn.
Die Perspektive von Siri Hustvedt
Eine Vorreiterin der Subjektivität im essayistischen Schreiben ist Siri Hustvedt. Sie betont in ihrem Werk die Wichtigkeit des «Ichs», auch in akademischen Arbeiten. Sie bezeichnet eine rein objektive Dritte-Person-Perspektive sogar als Illusion. Sie sagt, die Trennung zwischen objektiver Wissenschaft und subjektiver Erzählung sei oft künstlich. In «Die zitternde Frau. Geschichte meiner Nerven» zitiert sie Sigmund Freud, dessen Krankengeschichten sich oft wie Novellen lesen. Als Naturwissenschaftler war es Freud mulmig dabei, zu schreiben wie ein Schriftsteller. Siri Hustvedt ist sich aber sicher: Eine detaillierte, subjektiv-poetische Darstellung der seelischen Vorgänge ermöglicht tiefere Einsichten in den Menschen, Einsichten, die einer rein objektiven, medizinischen Diagnostik verschlossen bleiben.
Siri Hustvedt betont, dass bereits die motorische Handlung des Schreibens, etwa das Niederschreiben der Worte «ich erinnere mich», oft ausreicht, um Assoziationsketten in Gang zu setzen und längst vergessene Bilder aus verborgenen Tiefen an die Oberfläche zu holen. Sie sagt, dass wahre Geschichten nicht einfach chronologisch erzählt werden können; sie werden vielmehr aus dem Blickwinkel der sich ständig verändernden Gegenwart immer wieder neu erfunden.
Der verkörperte Geist
Eine wichtige Rolle spielt für Siri Hustvedt das Schreiben als Selbsterfindung und als Heilung. Nach dem Tod ihres Mannes, des Schriftstellers Paul Auster, hat sie deshalb das Erleben in einem Buch verarbeitet. «Ghost Stories» ist nicht nur ihre Art, ihren Mann festzuhalten, sondern vor allem auch ihr Weg, seinen Tod zu verarbeiten und sich zu heilen.
Siri Hustvedt geht davon aus, dass Menschen die Welt unausweichlich durch ihren Körper und ein «Embodied Self» erfahren, also das Selbst im Körper, einen «verkörperten Geist». Unsere Wahrnehmung, sagt sie, sei nie ein passiver, neutraler Akt, sondern werde von individuellen Erinnerungen, Gefühlen, Erwartungen, unserer Sprache und Kultur geformt. Auch scheinbar neutrale, sachliche Texte sind deshalb in Wirklichkeit subjektive Berichte. Siri Hustvedt schreibt deshalb nicht in einem akademisch-nüchternen, neutralen Stil, sondern stellt subjektive Blickwinkel, Gefühle und die Wandelbarkeit der eigenen Wahrnehmung ins Zentrum. Ich bin überzeugt davon, dass genau diese Art des Schreibens Zukunft hat.
Es ist ein Schreiben, das sich auf das abstützt, was uns von der KI unterscheidet: Die künstlich intelligenten Systeme sitzen in grossen Rechnerfarmen, in Chips und Prozessoren und in der Cloud. Unser schreibendes Selbst sitzt in einem Körper, der die Welt vor Ort direkt und unvermittelt erlebt. Deshalb ist es das «Embodied Self», der «verkörperte Geist», der uns ausmacht.
Poesie des Daseins
Siri Hustvedt ist nicht die einzige, die der Subjektivität das Wort redet. Ich habe diese Woche das neue Buch des argentinischen Neurologen Mario de la Piedra Walter vorgestellt: «Unser kreatives Gehirn». Er sagt, die Kluft zwischen Medizin und Humanwissenschaften sei reine Einbildung und schreibt, die Wissenschaft sei die Poesie der Welt und «die Poesie die Wissenschaft des Daseins». Manchmal enthält eine poetische Zeile aus einem Gedicht mehr Wahrheit als ein ganzes Excel-File voller Zahlen. Aber vielleicht habe ich das falsch ausgedrückt: Manchmal sagt mir eine poetische Zeile mehr als ein Berg von Zahlen. Schreiben ist Kommunikation, das Pflegen einer Beziehung. Schreiben ist deshalb immer auch ein Beziehungsangebot. Das Du zum Ich.
Wenn ich an meinem klapperigen Keyboard sitze, frage ich mich, welche Konsequenzen das für mein Schreiben hat. «Schreiben ist Handeln», schreibt Siri Hustvedt in «Ghost Stories». Was mache ich, wenn ich schreibe?
Was mein Schreiben ist
Denken: Schreiben ist für mich vor allem eine Form des Denkens. Es ist das allmähliche Verfertigen eines Gedankens. Indem ich meine Gedanken in Sprache fasse, kann ich sie klären. Die KI kann danach die Fehler korrigieren oder Quellen suchen – das Denken an der Tastatur kann und will ich mir nicht abnehmen lassen.
Deshalb ist schreiben für mich immer auch Selbstvergewisserung. Ich denke darüber nach, wer ich bin und was ich mache in dieser Welt. Das kann konstruktiv sein, indem ich etwas Neues erfinde, es kann auch heilend sein, indem ich mich mit Erlebnissen beschäftige, die mir auf der Seele liegen.
Weil ich meistens nicht nur für mich schreibe, ist mein Schreiben immer auch ein Beziehungsangebot. Es ist Teil einer Kommunikation mit Ihnen, meinen Leserinnen und Lesern, Zuhörerinnen und Zuhörern.
Was bedeutet das handwerklich?
Ich habe gelernt, das «Ich» von meinen Texten fernzuhalten. Weder im Journalismus, noch in der Wissenschaft hatte das Ich etwas in meinen Texten zu suchen. Damit ist es vorbei: Wir müssen, auch und gerade in Sachtexten, mehr Ich wagen.
Schreiben Sie in der ersten Person: Nicht «Der Frühling ist heiss», sondern: «Ich schwitze und das im April.» Bleiben Sie nicht bei den Allgemeinplätzen, werden Sie konkret: Bringen Sie Ihre Perspektive ein. «Während ich hier auf meinem klapperigen Keyboard tippe, schwingen sich die Spatzen im Garten durch die Äste der Forsythie vor meinem Fenster und lachen mich aus.»
Verwenden Sie Sinneseindrücke: Beschreiben Sie, wie es sich anfühlt. Was sehen und was hören Sie? Was schmecken und was riechen Sie? Fühlt es sich gut an für Sie oder macht es Ihnen Angst? «Die letzten Bärlauchblüten verströmen noch einen leisen Duft nach Knoblauch, während das erste Heu auf dem Feld schon den Sommer ahnen lässt.»
Konkrete Szenen: Damit Sie Sinneseindrücke beschreiben können, brauchen Sie einen Körper, der sich an einem konkreten Ort befindet. Ein Körper, eine konkrete Szene, ein bestimmter Ort. Nur so kann es zum «Embodied Self» von Siri Hustvedt kommen.
Verletzlichkeit und Schmerz: Dieser Körper, in dem wir stecken, ist selten perfekt. Wir sind zu dick oder zu dünn, der Rücken schmerzt, ich spüre das Handgelenk beim Schreiben. Wir alle sind verletzlich und am Ende sterblich. Genau das macht jeden Augenblick so kostbar und zeichnet das Erleben aus. Lassen Sie das in Ihr Schreiben einfliessen.
Stehen Sie zu Ihrer Sprache: Jeder von uns hat seine eigene Sprache. Da steht manchmal ein Brett vor, ein anderes ist nicht gehobelt. Hier fehlt ein Nagel, da hat sich ein Holzwurm verpflegt und zwischen den Brettern klaffen Lücken, weil sie sich verzogen haben. Gut so. Lassen Sie sich Ihre Sprache nicht glattbügeln von Sprachtools wie DeepL Write oder einer redigierenden KI. Schon gar nicht, wenn Sie einen Brief schreiben. Es wäre, wie wenn Sie ihrer Liebsten einen Kuss mit Schutzmaske geben oder sie mit Handschuhen streicheln würden.
Mein Schreibtool
Leider wird uns in Schule, Studium und auf den Redaktionen das subjektive Schreiben ausgetrieben. Um zurückzufinden zum Schreiben aus der Ich-Perspektive, habe ich Ihnen ein Denkwerkzeug gebaut: Es sind 50 kleine Schreibimpulse, mit denen Sie die Ich-Perspektive üben können. Es geht um Erinnerungen an die Kindheit, um Wahrnehmungen in der Gegenwart, um Sinneseindrücke und um Ihr Innenleben. Wählen Sie eine Richtung oder lassen Sie sich überraschen. Lesen Sie die Schreibaufgabe und schreiben Sie dann fünf Minuten ohne abzusetzen. Schreiben Sie einfach drauf los. Korrigieren Sie nichts. Lassen Sie alles stehen. Schreiben Sie im besten Fall von Hand oder mit Ihrem gewohnten Schreibwerkzeug. Siri Hustvedt sagt dazu: «Ich schreibe nicht; ich werde geschrieben.»
Ich bin überzeugt, dass das Schreiben aus der Ich-Perspektive nicht nur unsere Chance ist, sondern auch unsere Aufgabe. Die Welt ist die Welt, die wir erleben. Die ich erlebe. Der Igel mag immer schon am Ziel sein. Wir Hasen wissen: Es kommt auf das Laufen an. In unserem Fall: auf das Schreiben. Das wird sogar den Spatzen vor meinem Fenster einleuchten.
Schreiben Sie gut.
Basel, 01.05.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
Bleiben Sie auf dem Laufenden:
Hier den Wochenkommentar abonnieren.
- Hinweis auf den neuen Wochenkommentar
- Ein aktueller Sachbuchtipp
- Ein Roman-Tipp
- Das neue Fragebogeninterview
Nur dank Ihrer Unterstützung ist der Wochenkommentar möglich. Herzlichen Dank dafür!
Lieber hören als lesen?
Quellen:
Lidl, Sabine: Siri Hustvedt – Dance Around the Self. Dokumentarfilm. Deutschland/Schweiz, 2026.
Hustvedt, Siri (2018): Being a Man: Essays, übers. v. Uli Aumüller, Reinbek bei Hamburg 2018.
Hustvedt, Siri (2020): Die Illusion der Gewissheit, übers. v. Bettina Seifried, Hamburg 2020 rororo 63391.
Hustvedt, Siri (2023): Mütter, Väter und Täter: Essays, übers. v. Grete Osterwald, Uli Aumüller, Hamburg 2023.
Hustvedt, Siri (2026): Ghost Stories: Ein Buch der Erinnerung, übers. v. Uli Aumüller, Grete Osterwald, 1. Auflage, Hamburg 2026.
Hustvedt, Siri; Aumüller, Uli; Hustvedt, Siri (2015): Die gleissende Welt: Roman, 3. Aufl, Reinbek 2015.
Hustvedt, Siri; Hustvedt, Siri (2020): Die zitternde Frau: eine Geschichte meiner Nerven, übers. v. Uli Aumüller, Grete Osterwald, Hamburg 2020.
Niedermeier, Sandra (2025): Eine kritische Reflexion der MIT-Studie zu KI-gestütztem Schreiben, in: Kempten Business School, 2025, https://www.hs-kempten-business-school.de/gehirn-auf-sparflamme-eine-kritische-reflexion-der-mit-studie-zu-ki-gestuetztem-schreiben/ [27.03.2026].
Searle, John R.; Searle, John R. (2019): Sprechakte: ein sprachphilosophischer Essay, übers. v. Renate Wiggershaus, Rolf Wiggershaus, 13. Auflage, Frankfurt am Main 2019 Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft 458.
Sun, Jasmine (2026): The Human Skill That Eludes AI, in: The Atlantic, 2026, https://www.theatlantic.com/technology/2026/03/ai-creative-writing/686418/ [27.03.2026].
Selbst im Spiegel Die soziale Konstruktion von Subjektivität, 1. Aufl., neue Ausg, Berlin 2013.
Menschen beginnen offenbar, KI-Sprache zu übernehmen, https://www.derstandard.at/story/3000000299771/menschen-beginnen-offenbar-ki-sprache-zu-uebernehmen [10.12.2025].
3 Kommentare zu "Siri Hustvedt und das Schreiben aus der Ich-Perspektive"
Sehr geehrter Herr Zehnder,
vielen Dank für diesen Text, der klar macht, warum KI-Texte aus dem geisteswissenschaftlichen Kontext so indiskutabel sind.
Aber ist das nicht nur einer Frage des Promptens? „Schreibe so, als würde ich es tatsächlich erleben …“
MfG
Hartmut Riedel
Lieber Herr Riedel, klar: prompten können Sie alles. Aber das bleibt auf der Zeichenebene. Eine sprachliche Handlung umfasst aber die Wirklichkeit. Das ist der Unterschied zwischen einer Liebeserklärung durch den Papagei und durch einen Menschen. Den Papagei nehmen Sie nicht ernst, auch wenn er noch so perfekt spricht, weil er nicht weiss, was er sagt und nicht handeln kann. Beim Lebenspartner ist das anders. Eine sprachliche Handlung setzt ein Subjekt voraus, juristisch: eine Person. Die KI ist (juristisch) keine Person und (sprachphilosophisch) kein Subjekt…
Danke für die Rückmeldung, beste Grüsse, mz
Geschrieben aus der Ich-Perspektive:
Mit und in den Füssen den Boden spüren.
Die Energie unserer Erde durch den Körper strömen lassen
und sich im und mit dem Rückgrat aufrichten:
aufrecht und aufrichtig, wahrhaftig und wirklich da sein.
Der Welt, wie sie ist, gewachsen sein und Stand halten.
Den Kopf für das Licht des Himmels öffnen,
und von Herzen mit Liebe vom Wissen ins Tun kommen.