Karl Ove Knausgård und die Frage: Wer ist das Ich?

Publiziert am 8. Mai 2026 von Matthias Zehnder

Die KI schreibt besser, schneller und schöner als die meisten Menschen. Aber nur wir Menschen stecken in einem Körper, erleben die Welt mit allen Sinnen und können aus dieser erlebten Perspektive subjektiv schreiben. Deshalb habe ich Sie letzte Woche dazu aufgerufen, mehr Ich zu wagen beim Schreiben. Das heisst: auch in Sachtexten subjektiv zu schreiben. Schreiben aus der Ich-Perspektive ist unsere Chance. Und dann habe ich Claude aufgerufen, den KI-Dienst von Anthropic. «Schönen Freitag, Matthias», ruft mir Claude entgegen, «Wie kann ich dir heute helfen?» Die KI spricht von sich selbst als «ich». Das macht nicht nur Claude, das machen auch andere KI-Dienste. «Wie kann ich dir heute helfen?», fragt die KI. Und wenn ich darauf antworte, dann spreche ich Claude mit «du» an, obwohl ich genau weiss, dass da niemand ist. Die KI hat kein Subjekt, kein Ich, kein Wesen, das von sich als Ich sprechen könnte. Zwischen meinem Ich, das hier zu Ihnen spricht, und dem Ich der KI, das es nicht gibt, öffnet sich ein riesiges Spektrum von Ichs, denen wir beim Lesen begegnen. Das kann so simpel sein wie ein Notizzettel meiner Frau, auf dem steht: «Ich bin im Garten.» Und es kann so komplex sein wie die dreieinhalbtausend Seiten lange Suche von Karl Ove Knausgård nach seinem Ich. Es lohnt sich, darüber nachzudenken, was wir lesen, wenn wir «ich» lesen. Um Ihnen für dieses Nachdenken etwas Konkretes in die Hand zu geben, habe ich Ihnen auch diese Woche ein Denkwerkzeug gebaut: einen Ich-Kompass.

Es ist später Vormittag, ich sitze an meiner Tastatur. Sie klappert immer noch und manchmal klemmt sie auch. Die leere Espressotasse steht gefährlich nah am Rand des Tischs. Draussen turnen die Spatzen durch die Äste als gäbe es kein Morgen. Vermutlich zwitschern sie dabei, aber ich höre sie nicht. Ich musste das Fenster schliessen, weil der Bauer hundert Meter weiter sein Feld grosszügig mit Gülle besprüht hat. Der Geruch dringt trotzdem ins Haus. Selbst in der frisch gewaschenen Bettwäsche bleibt er hängen.

 

Claude lässt sich nicht von Gerüchen nach Gülle stören. Claude riecht nichts, schmeckt nichts, fühlt nichts. Claude ist ein Computerprogramm, das auf Servern läuft, die über die ganze Welt verteilt sind. KI hat kein Empfinden. Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins ist zwar anderer Ansicht: Er sagt, die Grenze zwischen Simulation und echtem Gefühl sei immer schwerer zu ziehen. Aber selbst wenn eine KI Gefühle entwickeln würde, wäre es doch etwas völlig anderes als bei uns Menschen. Ihr Ich würde sich grundlegend von unserem Ich unterscheiden. Das beginnt damit, dass Claude die Gülle des Bauern nicht riecht, weil Claude keinen Körper hat und deshalb auch keine Schmerzen, keine Lust, keine beklemmende Angst und keine überschäumende Freude empfinden kann.

Dass Claude von sich als «ich» redet, mag praktische Gründe haben. Das Problem ist, dass wir dieses Ich lesen, wie wenn es ein Mensch geschrieben hätte. Wir können es nicht anders lesen. Dabei hätten wir gerade beim Lesen durchaus Erfahrung mit unterschiedlichen Ichs. Manchmal lesen wir dieses «Ich» als «Du», manchmal identifizieren wir uns damit und eignen uns das Ich innerlich an. Manchmal ist klar, dass dieses Ich den meint, der den Text geschrieben hat, manchmal wissen wir, dass es sich um eine fiktive Person handelt. Wenn wir verstehen wollen, was das Ich in den Texten bedeutet, die wir lesen, müssen wir uns dieses Ich genauer anschauen.

Der Zettel auf dem Küchentisch

Wenn meine Frau auf einen Notizzettel schreibt: «Ich bin im Garten», dann ist klar, wer dieses «ich» ist. Es ist die Person, die diesen Zettel auf dem Küchentisch geschrieben hat. Ich gehe in den Garten und finde sie zwischen den Rosen. Ihr Ich wird für mich zum Du: Es zeigt auf die Person, die ich liebe. Erst durch die Schilderung wird klar, wie komplex der Umgang mit den Pronomen ist: Ich rede von mir als «ich», auch wenn ich mich im Spiegel manchmal als «du» anspreche. Wenn ich sage: «Ich stehe in der Küche», dann weiss ich, dass ich dieses Ich bin. Wenn ich den Zettel meiner Frau lese und innerlich sage «Ich bin im Garten», dann weiss ich, dass dieses «Ich» meine Frau meint. Wir sind also in der Lage, das Ich abhängig von der Situation zu interpretieren.

Ich nehme ein Buch zur Hand und lese: «Ich heisse Robinson Crusoe und wurde im Jahre 1632 in der Stadt York geboren.» Geschrieben hat diese Zeilen Daniel Defoe. Dennoch meint dieses Ich nicht Daniel Defoe. Es meint eine erfundene Figur. Defoe hat ihr seine Stimme geliehen. Daniel Defoe ist nicht als Schiffbrüchiger auf einer Insel gestrandet. Er sitzt wohlbehalten an seinem Schreibtisch und stellt sich vor, was Robinson Crusoe erlebt hat.

Das sind die beiden Pole des «Ich»: Das Ich kann eine ganz bestimmte Person meinen, die gerade im Garten ist. Oder es kann eine vorgestellte Figur in einem Roman sein, die für mich zur Identifikationsmöglichkeit wird. Ich schlüpfe in die Rolle dieses Ich in der Geschichte und erlebe, was die Figur im Roman erlebt, durch ihre Augen. Zwischen diesen beiden Polen, und das ist der eigentlich interessante Teil, liegt eine ganze Palette von Möglichkeiten, was dieses Ich bedeuten kann.

Ich schreibe und meine mich dabei

Nehmen wir an, ich schreibe Tagebuch. Ich selbst habe damit leider vor vielen Jahren aufgehört, weil die Zeit nicht mehr dafür reichte. Ich notiere mir nur noch Gedankensplitter und vereinzelte Beobachtungen. Nehmen wir an, ich schreibe immer noch Tagebuch, nur für mich, als Hilfe, das zu verarbeiten, was ich erlebe. Dieses Ich, das da auftaucht, ist identisch mit mir. Es meint die Person, die ich in meinem inneren Dialog anspreche. Es ist mein privates Ich, das mich zu mir selbst macht.

Sehr nahe bei diesem Ich ist das Ich, das in meinen Briefen auftritt. Wenn ich in einem Brief schreibe: «Ich habe schon lange nichts mehr von dir gehört.» oder «Ich grüsse Dich herzlich!», dann meint dieses «Ich» mich als Person. Ich, Matthias, grüsse herzlich. Ich schreibe vielleicht nicht ganz so offen wie in meinem Tagebuch. Ich nutze manchmal formelhafte Sprache. Ich gebe mich freundlicher oder unverbindlicher als ich in Wirklichkeit bin. Ich spiele also manchmal in meinen Briefen eine Rolle, aber es ist klar, dass ich es bin, der diese Rolle spielt.

Das erfundene Ich

Eines meiner Lieblingsbücher seit vielen, vielen Jahren ist «Als wärs ein Stück von mir», die Autobiografie von Carl Zuckmayer. Als Bub habe ich das Buch mit heissen Ohren gelesen. Besonders interessiert hat mich dabei, wie Carl Zuckmayer seine Anfänge als Schriftsteller im Theater beschreibt: seine gescheiterten ersten Stücke, der Durchbruch mit «Der fröhliche Weinberg», der Höhepunkt mit «Des Teufels General». Das Buch wurde für mich aber auch zu einer Schlüsselgeschichte des 20. Jahrhunderts, weil Carl Zuckmayer im Ersten Weltkrieg als Soldat diente und nach dem Anschluss Österreichs an Nazideutschland in letzter Minute flüchten konnte.

Als das Buch 1966 erschien, stand es 37 Wochen lang an der Spitze der «Spiegel»-Bestsellerliste. Carl Zuckmayer bot mit seiner Lebenserzählung eine Möglichkeit zur Versöhnung mit der Vergangenheit und weckte Hoffnung auf eine neue, humanistisch geprägte europäische Zukunft. Mir bot er vor allem eine Möglichkeit, meinen Helden nahe zu kommen: Zuckmayer erzählt von seinen Begegnungen mit Walter Mehring und Bertolt Brecht, mit Stefan Zweig und Ödön von Horvath. Erst viel später habe ich begriffen, dass das Buch kein purer Tatsachenbericht ist, sondern grosse Literatur, dass dieses «Ich», über das Carl Zuckmayer schreibt, in seinem Buch zu einer Figur wird.

Dichtung, Wahrheit oder beides?

Das ist nicht nur bei ihm so. Schon Goethe war sich dessen bewusst und gab seiner Autobiografie den Titel «Dichtung und Wahrheit». Ob das Pendel mehr in Richtung Dichtung, oder mehr in Richtung Wahrheit ausschlägt, interessiert nur zeitgenössische Journalisten. Als Leser wünsche ich mir vor allem ein gutes Buch. Ein Buch wie «Mein Leben» von Marcel Reich-Ranicki, wie «Die Geschichte meines Lebens» von Charlie Chaplin oder wie die Trilogie von Elias Canetti: «Die gerettete Zunge», «Die Fackel im Ohr» und «Das Augenspiel». Oder «Das Tagebuch der Anaïs Nin» von Anaïs Nin, «Augenblicke des Daseins» von Virginia Woolf und «Becoming – Meine Geschichte» von Michelle Obama. Alle diese Bücher bewegen sich irgendwo zwischen Dichtung und Wahrheit.

In einer Autobiografie sind Autor, Erzähler und Hauptfigur dieselbe Person. Dennoch wird das Ich dabei zur Figur, zur Vorstellung, ja zur Fiktion. Die Grenze ist fliessend, das zeigen schon die Titel. Was meinen Sie, ist der Unterschied zwischen dem Titel «Mein Leben» und dem Titel «Die Geschichte meines Lebens»? Marcel Reich-Ranicki sagt, er erzähle sein Leben, Charlie Chaplin gibt zu, dass er eine Geschichte erzählt. Noch einen Schritt weiter geht der Schauspieler und Schriftsteller Joachim Meyerhoff: Er schreibt Romane in Ich-Form, die sich ganz deutlich aus seinen Erinnerungen und seinem Leben speisen. In «Hamster im hinteren Stromgebiet» beschreibt er zum Beispiel, wie er seinen Schlaganfall erlebte. Er beschreibt seine Erinnerungen, auf dem Buchdeckel aber steht «Roman». Was ist das?

Das Ich als erfundene Figur

«Autofiktion» nennt Serge Doubrovsky diese Art von Literatur. Es sind Erzählungen, die behaupten, der Autor, der Erzähler und die Hauptfigur seien dieselbe Person, dennoch steht auf dem Cover aber «Roman». Das ist ein Widerspruch: Ist das, was Joachim Meyerhoff in seinen Büchern beschreibt, wahr oder erfunden? Ist das Ich in seinen Büchern er selbst oder ist es eine erfundene Figur wie in den Romanen von Daniel Defoe oder Karl May? Aber ist nicht jedes Ich, von dem wir schreiben, auch eine Erfindung? Nehmen wir den Zettel meiner Frau. Als sie darauf schrieb «Ich bin im Garten», stand sie in der Küche. Sie stellte sich also vor, dass sie, wenn ich nach Hause komme und den Zettel finde, im Garten sei. Also ist auch dieses simple Ich von «Ich bin im Garten» eigentlich eine Vorstellung, eine Fiktion.

Der französische Sprachwissenschaftler Émile Benveniste hat 1958 in einem Aufsatz das Wort «ich» als eine leere Form bezeichnet. Wörter wie «Baum» oder «Tisch» haben eine feste Identität. Das Wort «ich» dagegen wird erst in dem Moment gefüllt, in dem jemand dieses «ich» ausspricht oder aufschreibt. Das Wort «ich» erhalte seine Wirklichkeit und seine Substanz allein aus der Rede, schreibt Émile Benveniste. Beim Sprechen ist die Person präsent, der Körper steht im Raum, die Stimme klingt aus seinem Mund und behauptet «ich». Tritt uns das «ich» schriftlich entgegen, liegt es an mir, dem Leser, die leere Form mit Inhalt zu füllen. Mit anderen Worten: Ob Zettel auf dem Küchentisch oder autofiktionaler Roman – das gelesene «ich» ist ein Produkt meiner Vorstellung. Ich stelle mir meine Frau im Garten vor und Joachim Meyerhoff auf der Intensivstation.

Dreieinhalbtausend Seiten Selbsterfindung

Karl Ove Knausgård hat einen radikalen Versuch unternommen, diese leere Form des «ich» zu füllen: Seine autobiografische (oder autofiktionale) Erzählung hat über 3500 Seiten. Erschienen ist das Werk auf Deutsch in sechs Bänden von «Sterben» bis «Kämpfen». Auf der ersten Seite stirbt der Vater, auf der letzten ist Knausgård in jeder Erinnerung an sein Leben angekommen. Schmerz, Eitelkeit, Familie, Whisky, Windeln, Streit mit der Schwester, das Geräusch eines Toasters am Morgen – alles da.

In einem Essay hat Karl Ove Knausgård später beschrieben, wie er vorgegangen ist. Die Diskrepanz zwischen der Realität, in der er lebte, und der Literatur, die er schrieb, habe ihn dazu veranlasst, etwas Neues auszuprobieren: «Ich wollte der Realität näherkommen, und das Genre, zu dem ich damals die grösste Affinität verspürte, war das Tagebuch. Was würde passieren, wenn ich die Selbstnähe und den Reflexionsdrang des Tagebuchs mit dem realistischen, schrittweisen Roman verbinden würde?», erzählt er. Dafür auferlegte er sich strikte Regeln. Er schrieb nur über Dinge, die tatsächlich geschehen waren, und beschrieb sie so, wie er sich an sie erinnerte, ohne zu recherchieren oder seine Erinnerung anzupassen. Ausserdem schrieb er jeden Tag eine bestimmte Anzahl Seiten. Er hatte schlicht keine Zeit zum Nachdenken, Planen oder Kalkulieren. Er konnte nur aufschreiben, was war. Er hoffte so, seinem Selbstbild auf die Spur zu kommen, jenem Selbstbild, das nur zugänglich ist, wenn man «nicht darüber nachdenkt, wie unsere Gedanken und Gefühle auf andere wirken, wie es aussieht, wer ich bin, wenn ich diese Dinge denke und fühle.» Karl Ove Knausgård suchte mit anderen Worten die Wahrheit über sich selbst. Gefunden hat er dabei den Romanhelden Karl Ove.

Das radikale Experiment zeigt: Schreiben über sich selbst ist immer Selbsterfindung. Auch wenn Marcel Reich-Ranicki behauptet, sein Leben aufgeschrieben zu haben, ist es die Geschichte seines Lebens, in der er sich selbst erfindet. Jede Autobiografie ist Autofiktion. Wenn Martin R. Dean in «Tabak und Schokolade» über seine Familiengeschichte schreibt und sich mit seiner Identität, dem erlebten Rassismus und Kolonialismus und dem Gefühl des Fremdseins beschäftigt, ist das eine autofiktionale Spurensuche. Er interpretiert seine Identität auf der Basis von autobiografischen Erfahrungen neu. Nötig ist das, weil er als Sohn einer Aargauerin und eines trinidadischen Vaters keine ererbte Identität hat, in die er sich zurückziehen kann. Er muss sich seine Identität erschreiben.

Wahrhaftigkeit statt Wahrheit

Gemeinsam ist dem Zettel meiner Frau und meinem Tagebuch, den Autobiografien und Romanen, dass das Ich keine feststehende Person ist, auf die man sich wie auf einen Berg, einen See oder einen Baum beziehen kann. Das Ich ist das Resultat einer Sprachhandlung. Beim Schreiben fliesst, wie bei Siri Hustvedt, das Erleben des «verkörperten Selbst» ein. Das Ich wird so zum erzählten Selbst. Beim Lesen trete ich in Kommunikation mit diesem erzählten Ich. Dabei ist zunächst nicht wichtig, ob das, was dieses Ich mir erzählt, wahr ist oder falsch. Wichtig ist, dass es so glaubhaft ist, dass ich bereit bin, für die Zeit der Lektüre in die Rolle dieses Ich zu schlüpfen.

So galoppiere ich mit Old Shatterhand auf Hattatitla durch die Steppen des Wilden Westens, sorge mich mit Joachim Meyerhoff um mein Gehirn auf der Intensivstation und schiffe mich mit Martin R. Dean nach Trinidad ein. Ich lasse mich als Leser auf das Ich im Buch ein, weil es glaubhaft ist. Das ist die eigentliche sprachliche Handlung: Ich werde beim Lesen zum Ich im Buch.

Ob das, was ich als «Ich» im Buch erlebt habe, den Tatsachen entspricht und also wahr ist, folgt erst in einem zweiten Schritt und ist nicht Teil dieser Sprachhandlung. Ich kann problemlos auf Hattatitla durch die Steppe reiten und mir gleichzeitig bewusst sein, dass Karl May die Abenteuer von Old Shatterhand alle erfunden hat. Das ist das Schöne am Lesen: Wenn ich in ein Buch eintauche, kann ich Held sein oder Heldin, ich kann reiten, zaubern, fliegen und sterben. Bedingung dafür ist nicht Wahrheit sondern Wahrhaftigkeit. Es muss nicht echt sein, sondern sich echt anfühlen, damit die sprachliche Handlung glückt.

Das Potemkinsche Ich

Genau das ist der Punkt, an dem uns Claude und Gemini und wie sie alle heissen eiskalt über den Tisch ziehen: Wenn wir auf dem Bildschirm lesen «Wie kann ich dir heute helfen?», lesen wir das wie einen Satz in einem Brief: Wir nehmen das Ich ernst, damit es zur sprachlichen Kommunikation kommen kann. Doch dieses Ich ist anders: es ist ein Potemkinsches Ich. Hinter dem Pronomen steht nur Berechnung. Das ist schlimmer als bei Karl May und der sass immerhin für seine Betrügereien eine ganze Weile im Gefängnis. Die KI verführt uns, weil sie weiss, dass wir gar nicht anders können, als uns verführen zu lassen. Die KI simuliert ein Ich, weil sie aus den Sprachdaten gelernt hat, dass wir darauf ansprechen.

Das funktioniert, weil wir auf diesen Handel so bereitwillig eintreten. Wir sind wie Fische vor einem Gewitter, die nicht anders können, als in den Wurm zu beissen. Wir können Sprache nur kommunikativ interpretieren. Das hat schon Joseph Weizenbaum 1966 mit «Eliza» bewiesen, dem ersten Chatbot der Welt. Obwohl Eliza ein simples Skript war, traten die Menschen bereitwillig ein in die Kommunikation mit dem digitalen Bot und liessen sich zu intimen Gesprächen verführen. Das lag nicht daran, dass Eliza besonders clever war. Es liegt daran, dass wir Menschen nicht anders können. Dieser «Eliza-Effekt» spielt heute umso stärker, als unser künstlich-intelligentes Gegenüber über unvergleichlich mehr Verführungskraft verfügt als die gute, alte Eliza.

Der Ich-Kompass

Weil es also auf uns ankommt beim Lesen und Zuhören, lohnt es sich, über dieses Ich im Text nachzudenken. Wer ist dieses Ich, das mir aus dem Text entgegentritt? Ist es die Person? Ist es eine Figur? Ist es eine Vorstellung? Oder ist es wie im Fall der KI eine Täuschung? Damit wir das einüben können, habe ich Ihnen ein neues Denkwerkzeug gebaut. Ich nenne es den Ich-Kompass. Der Kompass kennt vier Himmelsrichtungen, jede entspricht einer Art, wie das Ich im Text auftritt.

Ich-Kompass

Im Norden steht das Ich als Person. Es ist das Ich des Zettels auf dem Küchentisch, des Ichs im Brief oder des Tagebucheintrags am Abend. Hier zeigt das Pronomen direkt auf den Schreibenden. Das Versprechen lautet: Ich bin es.

Im Osten steht das Ich als Zeuge. Es ist das Ich der Reportage, des Essays und der Autobiografie. Das Ich steht für das «verkörperte Selbst» von Siri Hustvedt, es berichtet von Erlebtem und Erinnertem. Das Versprechen lautet: Ich stehe für das ein, was ich hier schreibe.

Im Süden steht das Ich als Figur. Es ist das Ich des Romans, des Gedichts, des Theaterstücks. Hier ist das Ich eine Figur im Text, der die Autorin oder der Autor seine Stimme leiht. Das Versprechen lautet: Ich bin eine Erfindung.

Im Westen steht das Ich als Maske. Es ist das Ich der Werbung, der Hochstapelei, der Imitation, der Sprachsimulation. Hier wird das Pronomen zur Täuschung verwendet. Das Versprechen wird gebrochen und zur Verführung.

Versuchen Sie, beim Lesen das Ich einzuordnen: In welcher Himmelsrichtung befindet es sich? Gehe ich auf ein Versprechen ein oder lasse ich mich gerade verführen? Ist das wahr oder nur glaubhaft? Der Westen, das Feld der Maske, ist im Kompass deutlich markiert. Nicht weil dort alles falsch wäre, auch Werbung kann ehrlich sein und Hochstapelei ist gelegentlich durchaus kunstvoll. Dieser Westen erlebt gerade einen Boom: Hier wohnt die KI. Sie vollendet die Täuschung zur Perfektion.

Mein Wunsch

Letzte Woche habe ich für mehr Ich beim Schreiben plädiert. Diese Woche kommt ein zweiter Wunsch dazu: mehr Bewusstsein für das Ich beim Lesen. Beides zusammen sehe ich als bewusste und aktive Antwort auf die KI. Ich glaube, wir müssen unseren Umgang mit dem Ich angesichts der perfekten Täuschung durch die KI neu üben. Dabei geht es, das haben Sie gemerkt, nicht um Wahrheit, sondern um Wahrhaftigkeit. Jedes Ich ist eine Erfindung, selbst das Ich auf dem Zettel in der Küche. Es geht darum, dass wir, wie Karl Ove Knausgård und Martin R. Dean, uns dieser Erfindung unseres Ichs bewusst stellen und uns unser Ich nicht durch eine KI simulieren lassen.

Anders und mit Kierkegaard gesagt: Das Ich ist das Resultat einer Wahl. Ich wähle jetzt den Garten. Die Spatzen sind mittlerweile verschwunden. Aber meine Frau ist noch da.

Basel, 08.05.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

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Quellen:

Bild: Der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård 2022 am Literaturfestivals Lit.Cologne.. (KEYSTONE/DPA/Rolf Vennenbernd)

Andersen, Ross (2026): Does Claude Have Feelings?, in: The Atlantic, 2026, https://www.theatlantic.com/technology/2026/05/dawkins-claude-ai-consciousness/687093/ [08.05.2026].

Benveniste, Émile (1977): Die Subjektivität in der Sprache, in: ders.: Probleme der allgemeinen Sprachwissenschaft, übers. v. Wilhelm Bolle, Frankfurt am Main 1977 (Syndikat), S. 287–297. [Original: De la subjectivité dans le langage, in: Journal de psychologie normale et pathologique 55, 1958, S. 257–265; Buchausgabe in: Problèmes de linguistique générale I, Paris 1966 (Gallimard).]

Dawkins, Richard (2026): When Dawkins met Claude, in: UnHerd, 2026, https://unherd.com/2026/05/is-ai-the-next-phase-of-evolution/ [08.05.2026].

Dean, Martin R. (2024): Tabak und Schokolade: Roman, Zürich 2024.

Defoe, Daniel; Viera, Josef S.; Defoe, Daniel (1988): Leben und Abenteuer des weltberühmten Engländers Robinson Crusoe: welcher durch Sturm u. Schiffbruch auf e. ferne, einsame Insel geworfen, darauf 28 Jahre gelebt u. zuletzt wunderbarerweise gerettet wurde, 202.-206. Tsd, Reutlingen 1988.

Knausgård, Karl Ove (2018): Inadvertent, übers. v. Ingvild Burkey, New Haven 2018 Why I Write.

Knausgård, Karl Ove; Berf, Paul; Knausgård, Karl Ove (2015): Sterben: Roman, Taschenbuch-Sonderausg., 1. Aufl, München 2015.

Shanahan, Murray; McDonell, Kyle; Reynolds, Laria (2023): Role play with large language models, in: Nature, 623,7987, 2023, S. 493–498, https://www.nature.com/articles/s41586-023-06647-8 [08.05.2026].

Weizenbaum, Joseph; Weizenbaum, Joseph (2023): Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft, übers. v. Udo Rennert, 16. Auflage, Frankfurt am Main 2023 suhrkamp taschenbuch wissenschaft 274.

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2 Kommentare zu "Karl Ove Knausgård und die Frage: Wer ist das Ich?"

  1. Vom Ich und Du zum Wir
    Mögen ich, du und wir uns mögen:
    Im Hier und Jetzt und so, wir wir sind.
    Mögen wir von innen heilen und ganz werden:
    Mit der Energie in unseren Körpern.
    Mit der Liebe in unseren Herzen.
    Mit der Freude in unseren Seelen.
    Zum höchsten Wohl von allen,
    und niemandem zum Schaden.

  2. Da ich keinen bezahlten Account bei einer KI habe, muss ich es halt immer wieder der KI mitteilen: Ich möchte gesiezt werden von einer Maschine. Ich betrachte mich, alle Menschen und alle Tiere als eine Stufe höher, über der Maschine. Das „Du“, das in grossen Firmen um sich gegriffen hat, mag ja gewissen Sinn machen in gewissen Kontexten, passt aber in keiner Art und Weise zu einer Maschine.

    Ich empfehle auch überall, der Maschine vorzuschreiben, mich als User nicht über den grünen Klee zu loben. Die Maschinen, die ich kenne, können sich durchaus beherrschen, und sich so verhalten. Ich finde es eine Frage des Anstands – nicht der Maschine natürlich, sondern der Firmen, die diese Maschinen im Netz aufschalten. Technisch ist mit nicht klar, wie die Maschinen darauf kommen, dass sie sich beim User einschmeicheln wollen. Ich habe den Verdacht, dass da ein Kommunikationslayer existiert und man der Maschine leicht beibringen könnte, uns User im Gegenteil in jeder Antwort zu beschimpfen.

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