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Wie das Leben so spielt: «Querfeldein» von Alex Capus

Publiziert am 13. August 2026 von Matthias Zehnder

Ramsen ist ein kleines Dorf, grob gesagt zwischen Schaffhausen und dem Bodensee. Es ist eine der wenigen Schweizer Gemeinden, die nördlich des Rheins, also quasi auf der deutschen Seite liegen. Heute macht das keinen Unterschied. Doch das war nicht immer so: Ramsen war lange ein Paradies für Schmuggler. Zu dieser Zeit, lange vor dem Ersten Weltkrieg, baut Arnold in Ramsen direkt an der Grenze zu Deutschland einen Gasthof. Eigentlich will er ihn «Zur Eintracht» nennen. Weil Witzbolde im Dorf den Gasthof längst «Moskau» nennen, lässt Arnold Schriftenmaler Sepp mitten in der Nacht «Gasthof zur Moskau» über die Tür pinseln. Alex Capus erzählt in seinem neuen Roman die Geschichte dieses Gasthofs. Es ist die Geschichte von Arnold, einer verschworenen Dorfgemeinschaft und eines Schmugglers, der Katz und Maus spielt mit den Nazis. Den Gasthof und diesen Schmuggler hat es tatsächlich gegeben: Alex Capus hat in den Archiven ausgegraben, was es zu finden gab, und sich ausgemalt, wie es gewesen sein könnte. Unter seiner Feder wird der «Gasthof zur Moskau» zum pulsierenden Herzen des Dorfs. Vor allem aber setzt Alex Capus mit seiner Geschichte den kleinen Leuten ein Denkmal: Menschen wie Du und ich, die in der Dorfbeiz einkehren und die Geschichte verändern, ohne dass ihnen jemand ein Denkmal setzt. Bis Alex Capus darüber schreibt. In meinem 318. Buchtipp sage ich Ihnen, warum mir dieses Buch so gut gefallen hat.

Es dürfte etwa um die Jahrhundertwende gewesen sein, als Arnold in Ramsen seinen Gasthof eröffnete, der eigentlich «Eintracht» hätte heissen sollen, dann aber zum «Gasthof zur Moskau» wurde. Einen Gasthof, der «Moskau» hiess, gab es tatsächlich. Seine Lage direkt an der Landesgrenze machte ihn zum Ausgangspunkt für Schmuggler. Der Wirt des Gasthofs stellte in den 1930er Jahren seinen Schopf einem Schmuggler zur Verfügung. Geschmuggelt wurden damals keine Drogen, nicht einmal Alkohol, sondern Zucker, Mehl und antifaschistische Schriften.

Der Schmuggler, ein 24-jähriger Mann aus der Tschechoslowakei namens Hermann Weber, entkam den deutschen Zöllern immer wieder. Weil er nicht nur Lebensmittel, sondern auch antifaschistische Flugblätter über die Grenze brachte, versuchten auch Polizei, SA und SS seiner habhaft zu werden. Doch Weber kannte die Schmugglerpfade im Grenzgebiet und schaffte es immer wieder zurück in den Schopf des «Restaurants zur Moskau». Am 27. August 1933 überquerten vier SA-Männer die Schweizer Grenze, brachen in den Schopf des Restaurants ein, verprügelten Schmuggler Weber und verschleppten ihn ins Deutsche Reich. Das setzte die Schweizer Behörden in Bewegung. Der Schmuggler war ihnen zwar egal, aber dass deutsche Sturmtruppen die Landesgrenze verletzt hatten, war zu viel. Es kam zu einer diplomatischen Intervention der Schweizer.

Das ist der reale Hintergrund der Geschichte, die Alex Capus uns erzählt. In seinem Buch geht es aber nicht um Beamte und Diplomaten, sondern um die kleinen Leute von Ramsen, die sich mit der Obrigkeit und der Landesgrenze arrangieren. Natürlich kennt im Dorf jedes Kind die Grenzwächter, alle Schleichwege und wohl auch die Preise für Zucker und Mehl. Und umgekehrt kennen die Grenzwächter ihre Dorfbewohner. Der eine oder andere schaut im richtigen Augenblick auch mal weg, wenn am Wegrand eine Flasche Schnaps oder eine italienische Salami bereitliegt.

Etwas Unrechtes vermochte in solchen Geschäften niemand zu sehen. Man nahm ja niemandem etwas weg, man gab nur jemandem etwas nicht. Dieser Jemand war der Staat, und der war erstens weit weg und zweitens menschengemacht. Deshalb waren seine Gesetze vor Gott nicht bindend, durften in Ramsen keine universelle Gültigkeit beanspruchen und konnten, wenn sie der persönlichen Freiheit und Glücksentfaltung entgegenstanden, auch mal ignoriert werden.
(Seite 64)

In diesem Ramsen also wirtet Arnold im «Gasthof zur Moskau». Als junger Mann ist Arnold durch ganz Europa gewandert und hat gearbeitet. Aus Angst davor, in einem Hamsterrad zu landen, bleibt er aber nie länger als hundert Tage an einem Ort. Mit Geld in der Tasche ist er nach Ramsen zurückgekehrt und hat den Gasthof gebaut. An einem kalten Wintertag erscheint hoch zu Ross auf einem Brabanter-Wallach Betty. Wo sie herkommt, weiss man nicht. Im Dorf reichen die Gerüchte von finnischem Wolfskind über polnische Jüdin bis geflüchtete Gattenmörderin. Betty ist Pferdehändlerin und wird immer mal wieder von Fernweh erfasst. Auch sie hat auf ihre Weise Angst vor dem Hamsterrad. Arnold und Betty heiraten und haben acht Kinder.

Clara ist das älteste dieser Kinder und das eigensinnigste. Schon als Kleinkind stromert sie herum und klettert in fremde Fuhrwerke – was etwas anstrengend ist für die Besitzer, wenn die Clara erst kurz vor Stuttgart entdecken. Im Haus ist sie unbeholfen und stösst überall an. In der Natur fühlt sie sich frei und sicher. Sie ist das Verbindungsglied zu Hermann Weber, dem historisch verbürgten Schmuggler: Die beiden werden ein Paar. Clara zeigt ihm die geheimen Pfade, er schleppt Zucker, Kaffee und verbotene antifaschistische Zeitungen über die Schweizer Grenze nach Singen.

Arnold und seine Betty, und in der nächsten Generation Clara und Hermann, sind die Exoten in Ramsen, weil sie sich nicht abfinden wollen mit dem Lauf der Welt. Die anderen Menschen in Ramsen nehmen das Leben, wie es ist.

Die Halbstarken wurden erwachsen und schafften es, sich dauerhaft von Clara und den Witzbolden fernzuhalten. Der eine wurde Schaffner bei der Lokalbahn, ein anderer Zöllner beim Grenzschutz. Wieder ein anderer ging zur Armee und brachte es zum Oberstleutnant mit eigener Dienstwohnung, eigener Haushälterin und einer beeindruckenden Sammlung russischer Tabakdosen. Der Vierte wurde Bauer wie sein Vater, der Fünfte Lehrer wie sein Vater, und der Sechste verdiente sein Geld als Getränkeautomatenverkäufer. Sie lebten ganz normale Leben und machten nichts mehr besonders schlecht und nichts richtig gut, und als es viele Jahre später ans Sterben ging, bewältigten sie auch diese Aufgabe wie die meisten Menschen mit einer demütigen Gefasstheit, die vielleicht bewundernswert, möglicherweise aber auch nur Ausdruck ungläubigen Erstaunens war («Wie, was ist los? Ich? Nein. Im Ernst, jetzt schon? Warum?»).
(Seite 103)

Das ist die eigentliche Geschichte, die Capus uns erzählt: Er zeigt, wie das Leben weiterläuft, während die Geschichte an die Tür klopft. 1926 kommt das elektrische Licht, dann das fliessende Wasser, dann das Telefon:

Arnold ließ den Wandapparat hinter dem Tresen befestigen. Als er zum ersten Mal klingelte, lachten die Stammgäste überrascht auf, dann lauschten sie still, wie Arnold hinging und mit spitzen Fingern den Hörer vom Haken nahm. Das Telefon klingelte nicht sehr oft.
(Seite 141)

Sonst ändert sich nicht viel: Die Witzbolde reissen weiter Witze beim Jassen, die Halbstarken versuchen, ihre Muskeln spielen zu lassen und alle sorgen dafür, dass die Grenzwächter hin und wieder eine Pulle Schnaps finden. Auch das Hakenkreuz ändert nicht viel an diesem Schulterzucken.

Dann kam der 14. Juni 1933. Der Grenzübergang war seit ein paar Monaten wieder geschlossen. Neben der Schweizerfahne hing nicht mehr die Fahne der Republik, sondern das Hakenkreuz.
(Seite 144)

Für die Grosskopferten, die Menschen mit Ämtern und Funktionen, mag das alles wichtig sein. Arnold und die Seinen zucken mit den Schultern und leben ihr Leben. Capus zeigt auf diese Weise, dass grosse Ereignisse nur aus historischer Perspektive gross aussehen. Im Alltag bemerken die kleinen Leute eine Zäsur oft kaum. Capus verbindet mit leichter Hand diesen Alltag und das Wichtige im Leben von Betty und Arnold mit den grossen Entwicklungen in Europa:

Sie machten ihren Frieden damit, dass die Gräber ihrer verstorbenen Kinder aufgehoben wurden, und sie gewöhnten sich daran, dass die Völker überall auf der Welt, kaum dass sie die Demokratie erkämpft hatten, schon wieder Tyrannen an die Macht wählten.
(Seite 139)

Es ist ein Leben mit einem Schulterzucken. So spielt es halt, dieses Leben. So war es schon immer. Arnold, bring noch ein Bier. Auch er selbst lebt sein Leben schulterzuckend.

Aus seinem ursprünglichen Plan, höchstens zehn Jahre seines Lebens als Wirt zu verbringen, war nichts geworden. Die Gelegenheit zum Absprung hatte sich nicht ergeben.
(Seite 124)

Es ist halt so. Auch die ungebundene Betty und der freie Arnold werden älter.

Wie die meisten Menschen hatten sie sich in der Mitte des Lebens mit der Frage gequält, ob es das nun schon gewesen sei, und wie die meisten hatten sie nach einer Weile zu der selbstverständlichen Antwort gefunden, dass es das – rein rechnerisch – mindestens zur Hälfte tatsächlich schon gewesen war.
(Seite 139)

Wie das Leben so spielt. Und doch passiert schliesslich etwas, das auch die kleinen Leute aufrüttelt, plötzlich zucken sie nicht mehr nur mit den Schultern und nehmen es hin, sondern wehren sich, jeder auf seine Weise. Das, was sie da aus der Bahn wirft, ist weder ein grosser Parteitag in Deutschland, noch eine Bundesratswahl in der Schweiz. Es ist die Entführung von Schmuggler Hermann durch die Schläger der SA. Entscheidend dabei ist nicht die Politik oder die Landesgrenze, sondern dass es einen der ihren trifft, einen kleinen Mann.

Hermann wird in Deutschland inhaftiert. Auch die wilde Clara kann ihm da nicht helfen. Sie will zwar sofort losrennen, Betty erinnert sie aber daran, dass die Bewacher Mauern haben und Stacheldraht und Pistolen. Das heisst aber nicht, dass die kleinen Leute nichts machen könnten. Jeder setzt in seinem Umfeld einige Hebel in Bewegung und schon bald muss sich der Bundesrat in Bern mit der Entführung von Hermann beschäftigen. Die diplomatische Maschinerie läuft an, das grosse Deutschland kommt unter Druck.

Alex Capus hat keinen Thriller geschrieben. Sein Buch lebt nicht von der Spannung. Mich hat beeindruckt, wie liebevoll er das gemächliche Leben der Leute in Ramsen beschreibt, jenes Schulterzucken, mit dem sie das Leben hinnehmen, wie es halt spielt. Bis die Deutschen einen Schritt zu weit gehen. Obwohl sein Buch düstere Zeiten beschreibt, habe ich das Buch mit einem Lächeln zur Seite gelegt. Und, wider besseres Wissen, mit etwas Hoffnung.

Alex Capus: Querfeldein. Roman. Hanser, 288 Seiten, 35.90 Franken; ISBN 978-3-446-28564-4

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783446285644

Eine Übersicht über alle bisher erschienenen Buchtipps finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/

Basel, 13. August 2026, Matthias Zehnder

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