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#Sommerkrimi mit Charme: «Lacroix und der Flussschiffer von der Seine» von Alex Lépic

Publiziert am 6. August 2026 von Matthias Zehnder

Sommerzeit – Reisezeit – Lesezeit. In meiner literarischen Sommerserie stelle ich Ihnen jede Woche einen spannenden Krimi vor, der Sie an einen besonderen Ort entführt. Dabei erleben Sie Regionen, die wir sonst nur als Touristen kennen, aus der Perspektive der Einheimischen. Sechs Wochen, sechs Bücher, sechs Reiseziele – vom Mittelmeer bis an den Atlantik, von der einsamen Insel bis in den touristischen Hotspot. Heute geht es mit Commissaire Lacroix an die Seine. Zum neunten Mal ermittelt die moderne Version des legendären Kommissar Maigret in und um Paris in Sachen Mord. Diesmal geht es um einen Seemann, der tot auf einem Frachtschiff liegt. Entdeckt wird er von Touristen, die auf dem Pont Alexandre III in Paris stehen und auf das Boot und seine Container hinunterschauen können. Das Milieu der Flussschiffer gibt Lacroix die Möglichkeit, seine Ermittlungen über die Stadtgrenzen von Paris auszudehnen. Er besucht die Schiffer in Le Havre und Rouen. Beim Lesen entsteht dabei ein Porträt des Lebens auf der Seine von Paris bis in die Normandie. In meinem 317. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, warum sich diese literarische Reise nach Paris und an die Seine lohnt.

Ich habe Commissaire Lacroix unterschätzt. Als ich vor einigen Jahren den ersten Roman von Alex Lépic in die Hände bekam, habe ich den Zugang nicht gefunden und das Buch wieder zur Seite gelegt. Commissaire Lacroix ist so deutlich an den legendären Maigret angelehnt, dass es mich damals nicht interessiert hat. Mittlerweile habe ich mein Urteil revidiert und mit grossem Genuss alle neun Lacroix-Romane gelesen. Ja: Commissaire Lacroix ist eine Reinkarnation von Maigret. Er trägt Hut und Mantel, raucht Pfeife und verweigert sich moderner Technik. Er hat nicht einmal ein Handy. Alex Lépic erweist damit dem berühmten Kommissar von Georges Simenon auf kluge Weise eine Reverenz und spielt mit unserem literarischen Gedächtnis. Das gilt übrigens nicht nur für Lacroix und die Simenon-Bezüge, – aber davon später mehr.

Commissaire Lacroix meidet also Technik, er benutzt nicht einmal die Metro. Computerarbeit überlässt er seinen jüngeren Assistenten Jade Rio, die ursprünglich von Mayotte stammt, und dem Korsen Adolphu Paganelli. Lacroix verlässt sich lieber auf Gespräche, auf seineMenschenkenntnis, Beobachtungsgabe und Intuition. Entsprechend zieht er das Chai de l’Abbaye, sein Stammlokal in der Rue de Buci, seinem Büro oder gar dem Labor vor. Wie der legendäre Maigret beobachtet Lacroix die Pariser, hört ihnen zu und versteht die feinen menschlichen Abgründe hinter den Verbrechen.

Lacroix ist mit Dominique verheiratet. In den ersten sechs Folgen war sie Bürgermeisterin des siebten Arrondissements, seit der siebten Folge der Romane sitzt sie für die Républicains als Bürgermeisterin von Paris im Hôtel de Ville.. Aufgewachsen ist Dominique in der Normandie, im Dörfchen Giverny, wo sich das Haus und der berühmte Garten von Claude Monet befinden. Die Lacroix besitzen in Giverny ein kleines Landhäuschen. Wir haben das Dorf im vierten Fall kennengelernt, als die Ermittlungen rund um einen Giftmord Lacroix nach Giverny führten.

Im neusten Fall freut sich Lacroix auf ein ruhiges Wochenende mit Dominique in Giverny. Auf dem Weg ins Büro holt er seinen Bruder Pierre-Richard, der als Priester in der Basilique Sainte-Clotilde wirkt, von der Morgenmesse ab. Die beiden Brüder setzen sich gegenüber der Kirche auf die Terrasse des kleinen Bistros und genehmigen sich un petit blanc sec, als Lacroix aus dem Augenwinkel einen kleinen, weissen Renault Mégane heranbrausen sieht, der ihm merkwürdig bekannt vorkommt.

Da hatte der Wagen schon gebremst, und die Fahrertür flog auf.
«Monsieur le Commissaire», rief eine Frauenstimme über den laufenden Motor aus dem Auto hinaus. «Ich bin ja sehr duldsam, aber wenn ich das hier noch mal machen muss, dann schenke ich Ihnen wirklich ein Handy zu Weihnachten.»
Es war Capitaine Jade Rio, die aus dem Wagen sprang und im Laufschritt auf sie zukam.
«Was ist denn los?», fragte Lacroix, als die schwarze Polizistin sich vor ihnen aufbaute. Sie nickte Pierre-Richard freundlich zu, gab ihm aber nicht die Hand. Als lesbische Frau stand sie mit der Kirche eher auf Kriegsfuß.
«Ich habe im Chai nach Ihnen gesucht und dann auf der Rue Cler, dann habe ich im Rathaus angerufen, aber Ihre Frau wusste auch nicht, wo Sie stecken. Herrgott, ich muss die Bürgermeisterin von Paris anrufen, um meinen Chef zu finden – das ist doch echt unglaublich. Und dann habe ich mir keinen Rat mehr gewusst und bin Ihre Wegstrecke zum Kommissariat abgefahren, falls Sie hier irgendwo langlaufen oder sitzen. Und siehe da … da sitzen Sie.»
Commissaire Lacroix verstand Jade Rio. Er hatte versäumt, ihr zu sagen, wo er sich aufhielt. Aber die Woche war so ruhig gewesen, dass er gedacht hatte, er könne sich diese eine verträumte Stunde leisten. Für ihn stand fest: Niemals und unter keinen Umständen würde er sich ein Mobiltelefon zulegen. Er hatte jetzt schon so viele Jahrzehnte ohne Handy überstanden, da würde er im Herbst seines Lebens nicht damit anfangen, überall und für alle stets und ständig erreichbar zu sein. Mon dieu, das wäre seine Vorhölle.

(Seite 17)

Capitaine Rio bringt ihren Chef zum Flussschiffer auf der Seine. Eine deutsche Schulklasse hat vom Pont Alexandre III aus eine Leiche auf dem Deck eines niederländischen Frachtschiffs entdeckt. Seinen Bruder nimmt der Kommissar als Übersetzer gleich mit. Die Besatzung des Frachtschiffs, auf dem die Leiche gefunden wurde, spricht flämisch. Auch das eine Referenz an Georges Simenon. In der Kabine des ermordeten Flusschiffers liegt ein Buch: «Hôtel du Nord» von Eugène Dabit aus dem Jahr 1929. Der Roman beschreibt das Milieu der Pariser Kanäle und der Flussschiffer. Marcel Carné hat ihn 1938 verfilmt. Es ist eine weitere literarische Anspielung von Alex Lépic, die schon früh im Buch klarmacht, dass der Roman sich in eine lange literarische Tradition einbettet.

Vor allem aber beschreibt Alex Lépic auch in seinem neuesten Roman Paris mit grosser Liebe und vielen Detailkenntnissen.

Capitaine Rio parkte auf dem Bürgersteig genau neben dem Brückenaufgang. Es herrschte ein unglaubliches Getöse und Gewimmel, weil sich die quietschenden Reifen und die Sirenenklänge der Polizei-wagen mit dem Hupkonzert auf dem Quai d’Orsay vermischten. Auf der breiten Straße staute sich der Verkehr, weil die großen Mannschaftswagen der Polizeieinheit CRS quer vor der Brücke gehalten hatten. Lacroix konnte nicht anders, er musste sich erst einmal dieses Panorama ansehen, die Brücke mit ihren goldenen Putten vor ihm und dahinter den Grand Palais, dieses herrliche Museum mit seiner gläsernen Kuppel, hinter ihm der Invalidendom, an dem er vorhin vorbeispaziert war, als die Welt noch in friedlicher Ordnung gewesen war.
Der Pont selbst zog seinen Blick auf sich, weil er die wohl anmutigste Seine-Querung der ganzen Stadt war. Elf Jahre nach dem Eiffelturm war er für die Weltausstellung des Jahres 1900 eingeweiht worden. Die vier goldenen Pegasus-Skulpturen standen schon damals für die vier historischen Säulen von Paris: die Kunst, den Handel, die Industrie und die Wissenschaft – heute käme wohl noch ein Pegasus für den Massentourismus dazu, dachte Lacroix mit bitterer Ironie.

(Seite 21)

Weil der Kriminalfall sich im Milieu der Flussschiffer abspielt, hat Lacroix Gelegenheit, seine Ermittlungen über Paris hinaus auszudehnen. Die Handlung setzt am Pont Alexandre III in Paris ein, danach reisen wir mit Lacroix nach Tancarville, in den Hafen von Le Havre, nach Rouen, Yville-sur-Seine und Vernon. Die Seine ist dabei nicht einfach eine Kulisse, sondern fast schon eine Protagonistin. Lépic zeichnet die Binnenschifffahrt auf dem Fluss als aussterbendes Handwerk, das durch Digitalisierung und Containerschiffe bedroht wird.

Die Container standen an Deck schon in zwei Reihen und doppelt übereinandergestapelt. Gerade senkte der Kran einen weiteren knallgrünen Container herab, der mit einem lauten metallischen Knall auf dem anderen landete und einrastete. Dann surrte der Kran schon wieder los, um den nächsten Container aufzunehmen. Das war Millimeterarbeit, aber die Maschinen wurden heutzutage alle mit Computerkraft gesteuert und die Verladung mit Kameras überwacht. Deshalb waren hier auch kaum noch Menschen zu sehen. Bald würde der Hafen wahrscheinlich nur noch mit Robotern betrieben. Was für unangenehme Aussichten! Lacroix hatte Hafenromantik immer geliebt: die alten verrauchten Spelunken, Arbeiter mit schwieligen Händen und rauen Stimmen, das alte Haus der Seemannsmission, jede Menge Patina an verrußten Häuserwänden. Bald würde all das wohl verschwunden sein.
(Seite 112)

Auch mit der neunten Folge seiner Lacroix-Krimis ist Alex Lépic ein charmanter Roman über Paris und die Seine gelungen.. Das Buch liest sich wie eine Liebeserklärung an Paris und seinen Fluss. Wie in allen Folgen spielt das Essen eine grosse Rolle. Bei Commissaire Lacroix kann eine Ermittlung auch mal Pause machen, wenn das Confit de Canard oder der schwarze Heilbutt mit Beurre blanc auf den Tisch kommt.

Der Fisch war grandios, fand Lacroix. Zart und fest zugleich, und ganz frisch, das schmeckte man bei jedem Bissen. Und die buttrige Sauce erst … Ein purer Genuss. Auch Jade Rio aß mit großem Appetit. So muss er sein, dachte Lacroix, so ein Abend am Meer.
(Seite 109)

Man riecht und schmeckt es beim Lesen. Und kann sich entspannen dabei. Auch wenn die Geschichte unvorhergesehene Wendungen nimmt, können wir uns darauf verlassen, dass Lacroix ein grosses Herz für die kleinen Leute hat, die Eigenbrötler und die Romantiker der Stadt. Und dass er am Ende mit Dominique auf einen weiteren gelösten Fall anstossen wird. Während der Ermittlungen trinkt Lacroix in einer Kneipe in Val-de-la-Haye einen fünfzigjährigen Calvados, der «nach Apfel und sehr viel Zeit und Liebe» schmeckt. «Je älter, desto besser», sagt der alte Gilbert am Tresen. Es sind solche Sätze, die das Buch ausmachen und die uns immer wieder leise zum Schmunzeln bringen.

Alex Lépic: Lacroix und der Flussschiffer von der Seine. Sein neunter Fall. . Kampa, 208 Seiten, 27.90 Franken; ISBN 978-3-311-12580-8

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783311125808

Eine Übersicht über alle bisher erschienenen Buchtipps finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/

Basel, 6. August 2026, Matthias Zehnder

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