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Die beruhigende Geschichte: «Der Horizont der Nacht» von Gianrico Carofiglio

Publiziert am 20. August 2026 von Matthias Zehnder

Guido Guerrieri ist 57 Jahre alt und arbeitet als Strafverteidiger in Bari. Bereits zum siebten Mal erzählt Gianrico Carofiglio aus der Ich-Perspektive des Anwalts über dessen Fälle. Der erste Band der Reihe begründete 2002 übrigens den *Legal Thriller* in Italien. Diesmal geht es um Elvira: Sie hat einen Mann erschossen. Dieser Mann, Giovanni Petacci, war der Lebensgefährte von Elviras Zwillingsschwester Elena. Er hat sie gequält und sowohl emotional wie finanziell ausgebeutet. Elena hat sich das Leben genommen. Elvira gibt zu, Petacci erschossen zu haben, sagt aber, es sei Notwehr gewesen: Petacci sei auf sie losgegangen. Guido Guerrieri soll die Frau vor Gericht verteidigen. Dieser Kriminalfall ist aber nur der Anstoss der Geschichte. Im Zentrum stehen die Psychoanalyse von Anwalt Guerrieri und sein Nachdenken über die Erinnerung. Er weiss, dass Fakten und Handlungen für sich genommen keinen Sinn haben. Nur eine Erzählung der Ereignisse und Taten können ihnen Sinn geben. Wir konstruieren also Geschichten, um Sinn zu schaffen. Die Frage ist nicht nur, was das in Bezug auf den Mord bedeutet. Anwalt Guerrieri beschäftigt vor allem die Frage, was das für sein Leben bedeutet. Welche Geschichte erzählt er über sich selbst?

Als Ottavio an einem helllichten Nachmittag Guido Guerrieri anruft, weiss der sofort, dass etwas nicht stimmt: Ottavio ist der Besitzer der Nachtbuchhandlung «Osteria del Caffellatte» und arbeitet nur nachts. Jetzt bittet er Guerrieri dringend in seinen Laden. Da wartet Elvira Castell, eine wohlhabende Unternehmerin, Mitte 40. Sie sagt Guerrieri, dass sie kurz zuvor den ehemaligen Lebensgefährten ihrer Zwillingsschwester Elena erschossen habe. Ihre Schwester hat sich drei Wochen zuvor mit den Abgasen ihres Autos das Leben genommen. Die Wohnung gehörte Elena; Elvira ist Alleinerbin und hatte Petacci mehrfach zum Auszug aufgefordert.

Elvira hat Petacci in der Wohnung aufgesucht, es sei zum Streit gekommen, er sei auf sie losgegangen, sie habe deshalb aus Notwehr geschossen. Die Waffe hat sie danach in einen Müllcontainer geworfen. Guerrieri fällt ihre beherrschte, nüchterne Art und ihr emotionsloser Ton auf. Der Ton passt nicht. Oder er passt zu gut. Eigentlich hätte er eine Therapiesitzung bei seinem Psychoanalytiker vor. Er verschiebt die Sitzung, hilft Elvira, sich zu stellen, und begleitet sie zur ersten Vernehmung. Auf seinen Rat verweigert Elvira die Aussage.

Später berichtet Guerrieri seinem Psychoanalytiker, Dottor Carnelutti, von seinem Tag. Er gesteht seinem Psychoanalytiker, dass er bei der Befragung im Präsidium zum ersten Mal in seinem Beruf Angst empfunden habe, so sehr, dass ihm die Hände zitterten. Die beiden sprechen über die Angst und ihre Überwindung. Guerrieri berichtet, wie er schon als Jugendlicher mit Boxen begonnen hat, um etwas gegen seine Angst zu tun. Oder es mindestens zu versuchen. Um dem Psychoanalytiker einen Begriff davon zu geben, was Boxen für ihn bedeutet, entwickelt er eine «Grammatik des Boxens».

Das Boxen, sagt er, kenne nur vier Schlagarten: den Jab, den Cross, den Haken und den Uppercut. Wie sich aus rot, gelb und blau jede beliebige Farbe mischen lässt, lasse sich aus diesen vier Schlägen jede beliebige Kampfnuance bilden. Guerrieri denkt die Schläge denn auch in Farben: Der Haken ist für ihn rot wie die Wut und Leidenschaft; der Cross ist gelb wie Genauigkeit und Wahrheit; der Uppercut ist blau, ein jähes Gefühl, das vermeintlich Selbstverständliches auf den Kopf stellt.

Zum Abschluss der Sitzung möchte Dottor Carnelutti mehr über den Grund der grossen Verunsicherung erfahren, die Guerrieri im Polizeipräsidium empfunden hat:

«Inwiefern unterschied sich diese Situation von den vielen an­deren, in denen Sie sich befunden haben, ohne Unruhe oder gar Angst zu empfinden? Die physische Umgebung des Präsidiums war es wohl nicht, nehme ich an.»
«Nein, natürlich nicht. Auch wenn sie (der Leiter der mobile und der Staatsanwalt) eine alles in allem drohende Haltung an den Tag gelegt haben. Aber das war es nicht.» Ich machte eine Pause. «Zumindest nicht nur.»
Ich dachte lange nach. Sehr lange. Auch wenn nachdenken vielleicht nicht das richtige Wort ist. Ich versuchte, die Gedanken zu fassen zu kriegen, doch es gelang mir nicht, also dachte ich sie nicht wirklich. Er wartete. Dann brach sich nach und nach eine unangenehme Erkenntnis Bahn. Wie ein Bild, das man in einem Fernglas, einer Brille, einer optischen Linse scharfstellt und feststellt, dass es nicht das ist, für das man es gehalten hat. Ich sprach leise.
«Sie waren beide sehr viel jünger als ich.»
Carnelutti nickte wie ein Lehrer bei einem Schüler, der nach gründlichem Nachdenken auf die richtige Antwort kommt.

(Seite 51)

So stellt sich heraus, dass der Uppercut, von dem sich Guerrieri getroffen fühlt, jener Schlag also, der das vermeintlich Selbstverständliche auf den Kopf stellt, sein Alter ist. Die Szene zeigt auch schön, wie Gianrico Carofiglio die einzelnen Themenwelten verknüpft, also den Mord und das Leben als Anwalt, die persönliche Biografie von Guerrieri und seine Sitzungen bei Dottor Carnelutti. Es sind diese Verknüpfungen, die das Buch so lesenswert machen. Aber zurück zur Geschichte.

Formal hat das Buch drei Ebenen: Den Rahmen bildet das Warten auf die Urteilsverkündung des Gerichts. In der ersten Szene des Romans sitzt Anwalt Guido Guerrieri allein im leergeräumten Schwurgerichtssaal, die Richter haben sich zur Urteilsberatung zurückgezogen. Guerrieri wandert durch den Saal, setzt sich nacheinander auf den Platz des Staatsanwalts, eines Schöffen und der Vorsitzenden. Dann betritt er den Käfig für inhaftierte Angeklagte, blickt durch die Gitterstäbe nach draussen und denkt daran, wie alles angefangen hat. Der Roman ist also von diesem Moment hinter den Gitterstäben im Gerichtssaal aus rückblickend erzählt.

Die zweite Ebene ist die Handlung, also die Erzählung seit dem Mord durch Elvira. Guerrieri schildert seine Ermittlungen und Erwägungen, das juristische Vorgehen und die Reaktion von Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei. Dieser Teil der Geschichte handelt also vom Bild, das sich der Anwalt vom Mord macht. Die dritte Ebene ist die Psychoanalyse, das Nachdenken über sein Leben mit Psychoanalytiker Dottor Carnelutti. Diese Ebene handelt vom Bild, das sich der Anwalt von sich selbst macht. Und natürlich hängen alle drei Ebenen zusammen. In einer seiner Sitzungen sagt der Psychoanalytiker:

«Die Art, wie wir erinnern, kann auch von ­unserer Neigung beeinflusst sein, kohärente Erzählungen zu erschaffen. Haben wir diese Tendenz und rufen uns ein Ereignis ins Gedächtnis, strukturieren wir es mental um, will sagen, wir bauen die Informationen mental zu einer schlüssigen Geschichte um, und sei es nur für uns selbst. Dieser Prozess kann die Perspektive der Erinnerung beeinflussen und vor allem den Hang verstärken, sie als Beobachter zu erleben. Mit anderen Worten, sie so zu rekon­struie­ren, als wäre sie eine Geschichte, um ihr eine Ordnung und einen Sinn zu geben.»
Während er redete, ging mir auf, dass ich all das bereits wusste. Besser gesagt: Ich hatte es verstanden, darüber nachgedacht und es vergessen. Ich musste an ein Verfahren von vor vielen Jahren denken. Mit beeindruckender Genauigkeit (so viel zur Absonderlichkeit der Erinnerung) fielen mir einige der Sätze wieder ein, die ich in meinem Plädoyer geäußert hatte.
Fakten und Handlungen an sich haben keinen Sinn. Sinn können nur der Erzähltext der Ereignisse und Taten in der Welt haben. Wir konstruieren Geschichten, um Sinn zu erschaffen, um Ordnung in das Chaos zu bringen. Genau genommen sind Geschichten alles, was wir haben.

(Seite 116)

Das Problem ist also weniger, dass wir uns manchmal Dinge einreden. Das Problem ist, dass wir uns gar nicht an Dinge erinnern können, sondern nur an Geschichten. Die entscheidende Frage im Roman ist denn auch: Um welche Geschichte geht es? Welche Geschichte soll der Anwalt über seine Mandantin erzählen? Welche Geschichte erzählen seine ehemaligen Partnerinnen über ihn? Und vor allem: Welche Geschichte erzählt er über sich selbst? Zu Carnelutti sagt er:

«Eigentlich war das auch eine Geschichte, die ich mir erzählte. Eine beruhigende Geschichte: Guido Guerrieri hat zahlreiche Macken, aber im Grunde ist er ein anständiger Kerl, einer, der sich an die Regeln hält, der nicht falschspielt oder ähnlichen Mist. So habe ich mir das immer eingeredet und die Male, die dieser Erzählung widersprachen, von meinem Erinnerungshorizont getilgt. Kleine Fehltritte, die niemand bemerkte und die deshalb nicht stattgefunden hatten. Oder sehr viel größere Fehltritte, bei denen ich nicht so tun konnte, als sähe ich sie nicht, und für die ich alle möglichen Ausreden fand. […] Also weiß ich nicht, ob ich noch Lust habe, diesen Beruf auszuüben. Oder doch, ich weiß es ganz genau. Ich habe keine Lust mehr. Einmal habe ich so etwas gelesen wie: Unser bewusstes Ich gleicht einem Anwalt, der, um das Handeln seines Mandanten zu rechtfertigen, Ausreden für Entscheidungen findet, die bereits getroffen wurden, und für ein Tun, das bereits erfolgt ist. Ich weiß nicht mehr, von wem der Gedanke stammt, aber ich finde ihn treffend. Wir tun Dinge, vielleicht zufällig oder aus nicht unbedingt löblichen oder gar schnöden Gründen. Dann erzählen wir uns und anderen davon und erfinden beruhigende Beweggründe, die es nie gegeben hat.»
«Tatsächlich ist der Mensch weniger ein rationales denn ein rationa­lisierendes Tier. Er entscheidet instinktiv und erfindet nachträglich ein Begründungskonstrukt. Für die anderen, aber vor allem für sich selbst.»

(Seite 251)

Diesen Satz von Carnelutti habe ich mir dick angestrichen im Buch: der Mensch als rationalisierendes Tier. Damit ist Carofiglio näher bei Michael Connelly, als es auf den ersten Blick scheint. Sein Strafverteidiger Mickey Haller sagt in «Das Gesetz der Unschuld» (Buchtipp 304): «Bei einem Prozess kommt es oft darauf an, wer der bessere Geschichtenerzähler ist.» Bei Carofiglio gilt dieser Satz nicht nur für den Gerichtssaal, sondern auch für das Leben des Anwalts selbst.

Zwar wird auch hier ein Mann ermordet und die Geschichte dreht sich um einen Prozess und um Verteidigungsstrategien. Genauso wichtig sind aber die Gespräche des Anwalts mit seinem Psychoanalytiker. Gianrico Carofiglio hat das auch formal umgesetzt: Prozess und Analyse wechseln sich kapitelweise ab. Die Themen springen zwischen den beiden Spuren hin und her. Was Carnelutti sagt, erklärt anschliessend Guerrieris Verhalten im Gerichtssaal und umgekehrt. Wie in einer Analyse-Sitzung macht Carofiglio dabei die Abschweifung zur Methode. Guerrieri unterbricht sich ständig selbst, schweift ab und folgt seinen Assoziationen und Erinnerungen. Mitten in einer sachlichen Szene schiesst Guerrieri ein Gedanke durch den Kopf, der uns die Szene ganz anders lesen lässt. Psychoanalytiker Carnelutti sagt dazu: «Irrelevanz und Zusammenhanglosigkeit werden gewaltig unterschätzt.»

Denn es kommt nicht auf die Fakten an, sondern auf die Geschichte, die wir uns mit ihnen erzählen. Sie sortieren für uns das, was wir sehen. Das erklärt auch den Titel des Romans: «Der Horizont der Nacht.»

Ich nahm das Auto und fuhr in der einsamen und leicht trostlosen Dunkelheit, die dem Anbruch des Tages vorausgeht, langsam Richtung Süden. Hin und wieder blickte ich zum Meer hinüber und hielt nach den ersten Sonnenstrahlen Ausschau. Alles war noch dunkel, und im unkontrollierten Fluss der Gedanken, die mir durch den Kopf huschten und ebenso schnell wieder verschwanden, war einer weniger flüchtig als die anderen. Ich dachte, dass man den Horizont nicht sehen konnte. Im Grunde nichts Ungewöhnliches. Der Horizont ist die sichtbare Linie, die Himmel und Erde trennt und die wahrnehmbaren Richtungen in zwei Kategorien aufteilt, jene, die die Erdoberfläche kreuzen, und jene, die sie nicht kreuzen. Nachts ist der Horizont nicht zu sehen. Existiert er also nicht? Denn er ist nun einmal eine sichtbare Linie. Es gibt ihn nur, wenn wir ihn sehen. Oder sollten wir ihn uns auch dann vorstellen – ihn sehen – können, wenn es Nacht und dunkel ist? Ich fragte mich, ob diese Überlegung einen Sinn ergab, ob sich darin etwas verbarg, das mir hilfreich sein könnte. Ich fand keine Antwort.
(Seite 259)

Der Horizont ist die Linie, die Himmel und Erde trennt und nachts nicht zu sehen ist. Deshalb verfliessen in der Nacht Himmel und Erde. So geht es auch Guerrieri: Er stellt am Ende fest, dass die Geschichten, die er erzählt, nicht aufgehen. Dabei geht es um die Geschichte, die er vor Gericht erzählt hat und an die er selbst nicht glaubt. Deshalb will er aufhören. Vor allem aber geht es um jene Geschichten, die er sich selbst über sich selbst erzählt. Guerrieri verpasst sich damit selbst einen Uppercut. Boxen hat ihm ein Leben lang geholfen, der Angst auszuweichen. Diesem Schlag kann er nicht ausweichen.

Gianrico Carofiglio: Der Horizont der Nacht. Roman. , übersetzt von Verena von Koskull. Folio, 272 Seiten, 35.90 Franken; ISBN 978-3-85256-926-0

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783852569260

Eine Übersicht über alle bisher erschienenen Buchtipps finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/

Basel, 20. August 2026, Matthias Zehnder

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