Video-Buchtipp
Nächster Tipp: Keine Filmszene, sondern die Wirklichkeit: «Eine andere Geschichte» von Charles Lewinsky
Letzter Tipp: Literarische Rückkopplung: «Selbstregulierung des Herzens» von Peggy Mädler
Unglaublich, aber wirklich: «Doppelspiel» von Arne Dahl und Jonas Moström
Einer meiner Lieblingsfilme ist «Stranger Than Fiction» von Marc Forster. Der völlig normale Steuerbeamte Harold Crick, gespielt von Will Ferrell, hört in seinem Kopf plötzlich die Stimme einer Erzählerin, die sein Leben kommentiert und ankündigt, dass er bald sterben werde. Harold ist eine Figur im Roman der Schriftstellerin Kay Eiffel (Emma Thompson). Sie hat keine Ahnung davon, dass das, was sie schreibt, im Leben von Harold Crick sofort Realität wird. Zum Glück leidet sie unter einer Schreibblockade, sonst hätte der wackere Harold das Zeitliche längst gesegnet. Arne Dahl und Jonas Moström entwickeln im Roman «Doppelspiel» diese Idee weiter: In ihrer Geschichte leidet Besteller-Autor Tom Borg unter einer Schreibblockade. Das ändert sich, als er plötzlich zum Helden seiner eigenen Story wird. Er erlebt in der Realität die verstörende Szene, die er gerade skizziert hat und muss als Hauptverdächtiger eines Mordes plötzlich vor der Polizei flüchten. Er findet sich in einem kafkaesken Spiel wieder und realisiert, dass er nur ein Bauer ist auf einem Schachbrett. Die Frage ist: Wer ist der Spieler? Und was ist sein Ziel? In meinem 307. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, was dieses Buch über das Schreiben und die Wirklichkeit gerade heute so aktuell macht.
Tom Borg ist ein schwedischer Krimiautor, bekannt als «König des Nordic Noir». Sein letztes Buch «Big Bang Blues» wurde zum weltweiten Bestseller und danach verfilmt. In der letzten Szene ist sein Held Nic Castillo zu Tode gestürzt. Damit beginnt das Buch: Beim ersten Lesen hält man die Szene mit Nic Castillo für den Anfang des Romans. Dann merken wir: Das ist die Story, die Tom Borg geschrieben hat – nur um zu realisieren, dass wir nicht dem Buch folgen, sondern einer Szene seiner Verfilmung. Schon zu beginn stellt sich damit die Frage: Was ist echt, was Story, was Story in der Story?
Tom Borg hat in seinem letzten Roman also seine Hauptfigur umgebracht. Geschrieben hat Tom Borg das vor drei Jahren. Seither hat er keine einzige Zeile mehr zu Papier gebracht. Seit Monaten sitzt er jeden Tag am Schreibtisch, ohne eine einzige brauchbare Seite zu produzieren. Weder Sport, noch Therapeutenbesuche oder Antidepressiva lösen die Blockade. Seine Verlegerin, seine Agentin und natürlich das Publikum warten ungeduldig auf das nächste Buch.
Toms bester Freund Lennart Stagnelius, ein Lyriker und Mitglied der Schwedischen Akademie, neckt ihn wegen seiner Schreibblockade. Lennart sitzt im Rollstuhl und lebt auf einem Hausboot am Nybrokaj in Stockholm. Er findet auch den neuesten Plot-Entwurf von Tom dürftig. Tom ruft verzweifelt: «Hast du noch nie eine Schreibblockade gehabt?» Lennart lacht nur: Eine Blockade habe er nur im Rücken. Tom findet das nicht lustig, schliesslich ist Lennart Lyriker und schreibt kaum fünf Wörter am Tag. Immerhin verfügt sein Hausboot über eine gut ausgestattete Bar mit altem, rauchigem Whiskey.
«Also zurück zur Schreibblockade!», sagte Lennart und rieb sich die Hände. «Weißt du jetzt, wer in dem Jacuzzi im Stripclub liegt?»
Tom schüttelte erst den Kopf, antwortete dann aber: «Vielleicht der Umweltminister?»
«Warum das denn?», rief Lennart. «Glaubst du wirklich, dass er – sollte er es werden – dieses Risiko eingehen würde?»
«Vergiss nicht, dass wir einen Justizminister hatten, der regelmäßig zu Prostituierten gegangen ist», sagte Tom. «Ich möchte mit dem Buch die Bedeutung der Klimakrise in erster Linie anders darstellen als auf meinem YouTube-Kanal, also effektiver. Ein auch mal brutaler Roman dringt tiefer in das Bewusstsein der Leute ein als meine Vorträge. Und ein Mord in einem Jacuzzi ist ein guter Auftakt. Leider bin ich bisher nicht weitergekommen.»
«Du musst einfach mal raus, ins echte Leben», sagte Lennart. «Du sitzt viel zu viel in deiner Kammer und hast dein Leben gegen Wikipedia und Google Maps eingetauscht. Du musst, ganz im Gegensatz zu unserem geschätzten Kollegen Voltaire, gerade nicht den Garten bestellen, sondern ihn verlassen. Du musst an zwei Orten gleichzeitig sein, sowohl in deiner Fantasie als auch in der Wirklichkeit. Du kennst doch das Phänomen, dass Wellen zu Teilchen werden und umgekehrt, je nachdem, ob man sie betrachtet oder nicht?» (Seite 32)
In einem Hitchcock-Film wäre im Hintergrund jetzt schon mal unheilvolle Musik zu hören. Tom bemerkt davon natürlich nichts. Am selben Abend findet in einer Buchhandlung eine Signierstunde der Jubiläumsausgabe von «Big Bang Blues» statt. Dabei fällt Tom eine rothaarige, auffällig schöne Frau mit Nietenlederjacke auf. Sie erinnert ihn an die weibliche Hauptfigur in der Verfilmung seines Thrillers. Beim Signieren schreibt er ihr seine Handynummer ins Buch. Wenig später meldet sich Nicole bei ihm.
Polizisten bezeichnen das als Honey-Trap – und Tom tappt blindlings hinein: Nicole schleppt ihn förmlich ab in ihre Wohnung. Sie sagt, sie sei Literaturstudentin und schreibe eine Bachelor-Arbeit über sein Werk. Tom ist geschmeichelt. Die beiden kommen sich auf dem Sofa näher. Doch bevor es zur Sache geht, kriegt Nicole einen Anruf: Sie muss zur Arbeit. Etwas verlegen erklärt sie Tom, sie finanziere ihr Studium mit Pole-Dance und will sich entschuldigen. Tom fasst spontan den Entschluss, die Gelegenheit beim Schopf zu packen und bittet sie darum, sie in den Club «Zenit 69» begleiten zu dürfen. Ein Strip-Club.Nicole willigt ein.
Sie ahnen schon, was folgt: Nachdem Nicole einen aufreizenden Tanz an der Stange absolviert hat, schleppt sie Tom ab ins Séparée und legt sich mit ihm in den Whirlpool. Tom erlebt also eins zu eins in der Wirklichkeit, was er in seiner Plotskizze aufgeschrieben hat. Nicole und er sitzen im Jacuzzi, ein Glas Champagner in der Hand, das Wasser blubbert, da kommt es zur Katastrophe. Bewaffnete Männer stürmen den Raum, einer von ihnen erschiesst Nicole und drückt Tom die Pistole in die Hand, dann verschwinden die Männer in der Nacht.
Eben erst dachte Tom noch, er habe den Weg zu einer Recherche in der Wirklichkeit gefunden, jetzt findet er sich in einem Alptraum wieder, der Hitchcock alle Ehre machen würde. Er sitzt mit einer toten Frau in einem Whirlpool, neben sich eine Pistole, die seine Fingerabdrücke trägt. Tom gerät in Panik, rafft seine Kleider zusammen und ergreift die Flucht, durch den Park von Vanadislunden, vorbei am Reservoir, durch die nächtlichen Strassen nach Södermalm. Er sieht Blaulicht, Notarzt und Streifenwagen vor dem Club. Im Kopf hämmert die Erkenntnis: Was er erlebt hat, ähnelt erschreckend dem Inhalt seines halb geschriebenen Manuskripts.
Er war wie in einem bösen Märchen gefangen. In seinem eigenen Märchen. Seinem eigenen Roman. Der Mann im Jacuzzi war nicht der Umweltminister. Er hatte sich selbst eine Rolle zugeschrieben. Als Nic Castillo? Der Gedanke war erschütternd, die Erkenntnis aber glasklar.
Er hatte eine Hauptrolle in seinem eigenen Roman übernommen.
Zu seiner Erleichterung war die blaue Plastiktüte trocken geblieben, und jetzt lief er die menschenleere Promenade am Wasser entlang. Erst als er die Brücke Richtung Gamla Stan erreicht hatte, um von dort weiter nach Södermalm zu gehen, holte er sein Handy aus der Tüte.
Er hatte keine neuen Nachrichten bekommen, außer der einen von Sascha mitten in der Nacht.
Warum meldeten sich die Mörder nicht? Wenn es ihnen um Geld ging, hätten sie das doch längst schon tun müssen?
Er nahm die Abkürzung quer durch Gamla Stan. Die Nachrichten hatten auch schon Neues zu vermelden. Die vom Aftonbladet waren die Ersten, titelten mit Mord im Stripclub und zeigten ein Foto von dem abgesperrten Eingang des Clubs. Tom schloss daraus, dass die Polizei noch nicht wusste, wen sie jagte. (Seite 166)
Tom kehrt zu Lennarts Hausboot zurück, borgt sich Kleider und versteckt sich. Die Polizei sucht einen Tatverdächtigen. Tom ist zwar auf den Bildern einer Überwachungskamera zu sehen, aber nur von hinten. Ausgerechnet sein Markenzeichen ist aber deutlich sichtbar: Er trägt immer Hoodies der Kleidermarke seiner Ex-Frau. Tom weiss, dass er keine Beweise für seine Unschuld hat und jeden Moment verhaftet werden könnte. Er fühlt sich in Stockholm wie Josef K. in Kafkas «Der Prozess». Wir Leser merken: Tom ist zum Bauern auf einem Schachbrett geworden und hat keine Ahnung vom Spiel, das da gespielt wird.
Aufgeregt begann er, sich Notizen zu machen, was in den vergangenen Stunden alles passiert war. Als er damit fertig war, öffnete er seinen Romanentwurf. Las zunächst seine kryptischen Formulierungen, schüttelte fassungslos den Kopf. Er schrieb um, veränderte und straffte. Nachdem auch der letzte Satz korrigiert war, schrieb er einen neuen. Und dann noch einen. Die Geschichte erzählte sich wie von selbst – so, als wäre sie schon immer da gewesen.
Schöpferschmerz. Schöpferwind.
Er öffnete alle Schleusen, alle Tore. (Seite 169)
Arne Dahl und Jonas Moström stellen ihrem Buch zwei berühmte Zitate voran: «Fiktion ist die Lüge, durch die wir die Wahrheit sagen können.» von Albert Camus und Oscar Wildes berühmter Satz: «Das Leben ahmt die Kunst weit mehr nach als die Kunst das Leben.» Beide Sätze weisen auf den Kern des Romans hin. Oscar Wilde dreht in seinem Gedanken die Nachahmung um: Nicht die Kunst ahmt das Leben nach, sondern umgekehrt, das Leben die Kunst. Genau das passiert Tom Borg: Sein Romanentwurf wird von der Wirklichkeit «nachgeahmt».
Dabei stellt sich notgedrungen die Frage, was echt ist und was blosse Nachahmung. Im Roman ist es klar: Echt ist die Phantasie des Autors, die Wirklichkeit ahmt sie nur nach. Das ist eine scharfe Gegenposition zu Verhältnissen, wie wir sie in KI-generierten Texten antreffen: Wenn eine KI eine Geschichte generiert, hat die Geschichte keinen Autor mehr. Was ist die Geschichte dann? «Doppelspiel» stellt diese Frage von der anderen Seite her. Und da kommt auch der Satz von Camus ins Spiel, der das Verhältnis von Fiktion und Wahrheit hinterfragt, ja auf den Kopf stellt.
Arne Dahl und Jonas Moström ist mit «Doppelspiel» ein spannender Thriller gelungen, der sich auf überraschende Weise mit dem Verhältnis von Schreiben und Wirklichkeit beschäftigt. Für meinen Geschmack hätte die Story etwas realistischer bleiben können, aber gepackt hat sie mich allemal. Im Film von Marc Forster macht der wackere Harold Crick dank Literaturprofessor Jules Hilbert (wunderbar kauzig gespielt von Dustin Hoffman) «seine» Autorin ausfindig, konfrontiert sie mit seinem Todesurteil und schafft es so, seinen Hals aus der metaphorischen Schlinge zu ziehen. Ob und wie das Tom Borg gelingt, verrate ich Ihnen natürlich nicht. Nur so viel: Tom schafft es tatsächlich, aufgeschreckt durch den Mord, einen neuen Bestseller zu schreiben. Ob er sich damit aus dem beängstigenden Schachspiel befreien kann, das müssen Sie schon selbst herauslesen.
Arne Dahl, Jonas Moström: Doppelspiel. Kriminalroman. Bastei Lübbe, 432 Seiten, 26.50 Franken; ISBN 978-3-7577-0197-0
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783757701970
Eine Übersicht über alle bisher erschienen Buchtipps finden Sie hier:
https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/
Basel, 28.05.2026, Matthias Zehnder
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