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Literarische Rückkopplung: «Selbstregulierung des Herzens» von Peggy Mädler

Publiziert am 21. Mai 2026 von Matthias Zehnder

Ihr Körper, Ihr Kühlschrank und Ihre Heizung haben etwas Wichtiges gemeinsam: Sie sorgen für eine konstante Temperatur. Sensoren oder Nerven melden der Schaltzentrale die aktuelle Temperatur. Ist es zu heiss oder zu kalt, reagiert das Gehirn oder die Steuerung. Das ist ein Regelkreis. Man könnte also sagen: Dinge wie der Kühlschrank oder die Heizung steuern sich selbst. Der amerikanische Mathematiker und Philosoph Norbert Wiener hat 1948 die theoretischen Grundlagen für diese Art von Kontrolltheorie und Regelungstechnik entwickelt: «Cybernetics» nannte er seine Wissenschaft, auf Deutsch «Kybernetik». Sie wurde zur Basis der Entwicklung von Computern. Das ist bis heute am Wort «Cyber» erkennbar, das von Cyberangriff bis Cyberspace in vielen Wörtern steckt. Peggy Mädler greift das Prinzip und das Vokabular der Kybernetik in ihrem neuen Roman über die DDR auf, und zwar auf zwei Ebenen: Sie beschreibt die Volkswirtschaft der DDR und das Innenleben ihrer Figuren als dynamische Mechanik von Rückkopplung, Regelkreis, Störung und Lernen. Das klingt trocken, ist aber ausgesprochen spannend, weil weder die staatliche Planwirtschaft noch die Gefühle der Menschen sich an Regeln halten, auch nicht an die eigenen. So legt sie die hohlen Phrasen der Funktionäre ebenso offen wie das hoffnungslos in Gefühlen verstrickte Innenleben ihrer Figuren. In meinem 306. Buchtipp sage ich Ihnen, warum es sich lohnt, diesen Roman auch ausserhalb von Ostdeutschland zu lesen.

 

Am Neujahrsmorgen 1966 fährt der Berliner Bauamts-Inspektor Fritzsch mit seinem Trabant aufs Land: Er sucht ein Wochenendgrundstück. Zusammen mit einem befreundeten Bezirksbürgermeister und der Bürgermeisterin des Dorfes in der Nähe von Wandlitz setzt er die Umwidmung eines bewaldeten Hangs zur «Naherholungssiedlung» durch. Vor dem Krieg war Fritzsch Postbote, dann Soldat, danach Zimmermann und Bauamtsmitarbeiter. Baumaterial ist knapp, deshalb erstellt er seinen Bungalow aus schweren Altbautüren von Abbruchhäusern. Als Zuständiger für Sicherheitsfragen weiss er, welche Häuser zum Abriss freigegeben sind. Die Grundstücke werden über Beziehungen und Mundpropaganda vergeben. So entsteht die Siedlung am Hang über dem Dorf.

In dieser Siedlung spielt der Roman von Peggy Mädler. Sie erzählt vom Mikrokosmos der Bungalowsiedlung und des Bauerndorfes von 1960 bis 2023. Im Zentrum stehen zwei Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Georg, ein Programmierer und Ökonom, der in den 1960er-Jahren hofft, seinen Staat mit Computern und Kybernetik vorwärtszubringen, und die Künstlerin Mona, die verzweifelt einen Weg sucht, in einem Staat, der alles reguliert, genug Freiheit für ihre Bilder zu finden. Um sie herum ein Reigen von Freunden und Bekannten: der illusionslose Intellektuelle Roland, der in den Westen flieht; Marlies, die das System von innen reformieren will; Helga, Georgs erste Frau; Konrad und Monas Künstlerfreunde.

Georg Paschke, 1941 geboren, stammt aus einer Arbeiterfamilie: Der Vater war Maurer und Kriegsheimkehrer und schwenkte einst für den Faschismus die Fahne. Nach Schule und Maurerlehre wird Georg im Sommer 1960 zum Studium der Ökonomie delegiert. Er tritt in die SED ein, ohne Parteibuch wäre ein Studium nicht möglich. An der Universität freundet er sich mit Roland Schäfer an, einem brillanten, redegewandten Kommilitonen aus kommunistischem Elternhaus. Die beiden diskutieren mit heissen Köpfen bis in alle Nacht über Planwirtschaft und die staatliche Steuerung. Dem Land geht es nicht gut. Es fehlt an allen Ecken und Enden an Geld und Materialien.

In den Vorlesungen des dynamischen Professors Benders denken sie über die Besonderheiten der Ware-Geld-Beziehung in den volkseigenen Betrieben nach, über staatliche Normvorgaben und Zuteilungen. Über Möglichkeiten, die Eigenverantwortung dieser staatlichen Betriebe zu stärken und den Werktätigen die Vorteile einer hohen Arbeitsleistung stärker über die Lohntüte erfahrbar zu machen. Kurz: Sie denken sich die Wirtschaft als regelbasiertes System und versuchen, die Planwirtschaft der DDR mit Kybernetik zu verbessern.

Unter Benders Einfluss wurde ein kybernetisches Zusammenspiel von Plan und Markt plötzlich denkbar, vorstellbar. Die Idee einer Wirtschaft, die sich mithilfe von Anreizen wie ein Organismus in weiten Teilen selbst regulieren und flexibel an innere wie äußere Veränderungen anpassen kann. Mit Betrieben, die sich eigenständig steuern wie Zellen und Organe, während das Gehirn übergeordnete Werte und zentrale Ziele abwägt. Mit Nervenbahnen und Synapsen, die den Informationsaustausch im gesamten Körper gewährleisten. Im Gespräch mit Professor Benders schienen Systeme dynamisch und veränderbar, bereit, aus ihren Fehlern zu lernen. Das fühlte sich gut, vernünftig an. (Seite 36)

Planwirtschaft war der Gegenentwurf der DDR zum freien Spiel des Marktes im Westen. Die Planwirtschaft soll vor Wirtschaftskrisen, Existenznot und Profitgier schützen. Die Knechtschaft der sozialen Herkunft und die Macht des Kapitals beenden. Ein neues Klassenbewusstsein und damit die klassenlose Gesellschaft schaffen. Das setzt ein Bewusstsein für einen ökonomischen Gesamtzusammenhang, für gesamtgesellschaftliche Bedarfe, Investitionen und technische Entwicklungen voraus. Die Planwirtschaft benötigt einen zentralen Blick auf Lieferketten, auf die Verteilung von Arbeitskräften, auf Material-, Rohstoff- und finanzielle Ressourcen. Das Prinzip der Lohnsicherheit und die staatliche Festsetzung von Preisen. Professor Benders ist überzeugt, dass Kybernetik eine dynamisch funktionierende Planwirtschaft möglich macht.

Doch dann ändert sich der Ton an der Universität. Rolands Dissertation gerät unter politischen Druck: Sein Doktorvater fordert eine Überarbeitung «mit mehr Weitblick». Roland kündigt an der Akademie, lässt sich «in die Produktion» versetzen und flieht im Spätsommer 1969 über die Donau in den Westen. Georg ist vom sich verhärtenden Klima weniger direkt betroffen: Seine Dissertation beschäftigt sich mit elektronischer Datenverarbeitung. Nach dem Doktorat beginnt er, als Programmierer im VEB Maschinelles Rechnen zu arbeiten. Seine Freundschaft mit Roland, einem Westflüchtling, führt zu einem Eintrag in seiner Akte.

Georg kämpft damit, dass das Leben sich nicht an Regeln halten will. Die Künstlerin Mona Krüger kämpft, weil sie sich nicht an Regeln halten will. Eigentlich wollte sie Malerei studieren, wurde aber an allen Kunsthochschulen abgelehnt. Nicht aus künstlerischen, sondern aus politischen Gründen: Sie ist nicht in der FDJ und ihre Schwester lebt in Westberlin. Mona arbeitet in einem Werbebetrieb und lebt mit dem Grafiker Konrad zusammen. Mit den Freunden Rita, Volker und Elke übernimmt das Paar Ende der 1960er-Jahre als Sommerrefugium ein baufälliges, baupolizeilich gesperrtes Bauernhaus hinter der Dorfschule. Für das Gespräch mit der Bürgermeisterin lassen Mona und Konrad sich extra die Haare schneiden. Konrad wird in den Künstlerverband aufgenommen, Mona nicht.

Wie sollte einzuschätzen sein, was eine politische und was eine künstlerische Entscheidung war, wenn ästhetische Urteile unmittelbar mit politischen Debatten einhergingen und umgekehrt? Politik und Kunst waren eine Einheit in diesem Staat, auch wenn die meisten Dozenten an der Fachschule diese Verbindung beileibe nicht ganz so eng sehen wollten. Zugleich wussten auch sie um die wiederkehrenden Formalismusdebatten auf den Parteitagen. Um den Auftrag an die Kunst, Wirklichkeit positiv zu beeinflussen und mitzugestalten. An der Überwindung des Faschismus und Herausbildung einer sozialistischen Lebensweise mitzuwirken. Die Arbeiterklasse als zentrales Subjekt in den Bildern. Inzwischen war Mona froh, Gebrauchsgrafik studiert zu haben, in der Malerei hätte sie dem Druck des gesellschaftlichen Auftrags auf Dauer nicht standhalten können. (Seite 86)

Konrad arbeitet fortan freischaffend, vor allem als Plakatgestalter. Mona versucht, neben Brotarbeit und Kinderbetreuung weiterhin zu malen. Beim Blaubeerensammeln im Wald begegnet Mona zufällig Georg, der dort mit seinem Sohn unterwegs ist. Die beiden Welten, die linientreuere Bungalowsiedlung am Hang und die Künstlerkommune im Bauernhaus, kommen in Kontakt miteinander.

Um sie herum passt immer weniger zueinander. Im Januar 1971 wird das Baden im Bauersee verboten, weil der volkseigene Fleischbetrieb Abwasser einleitet. Dann rücken Soldaten und Lastwagen an: Hinter der Bungalowsiedlung wird ein Zaun um den Wald gezogen – militärisches Sperrgebiet. Im Juni 1971 verkündet der Erste Sekretär des ZK der SED auf dem VIII. Parteitag das Ende der Kybernetik und der Reformpläne.

In der Zeitung stand es unmissverständlich: Eine Wissenschaft, die behaupte, komplexe Systeme seien in der Lage, sich überwiegend selbst zu regulieren, könne nichts anderes sein als eine Pseudowissenschaft. Darunter die altbekannten Floskeln und Schlussfolgerungen. Unsere sozialistische Produktion kann nur zentral organisiert und gesteuert werden. Die Einheit von Sozial-und Wirtschaftspolitik als Kompass für den nächsten Fünfjahresplan. Und jenseits der Reden und Pläne wucherten überall Widersprüche. (Seite 118)

Der Staat, der alles regeln will, wirft die Wissenschaft über Regelkreise über Bord. Das kann nicht gut gehen.

Welchen Sinn machte es, über Regelgrößen und Wechselbeziehungen in einem System nachzudenken, das sich selbst abriegelte, ja, jede Art Einwirkung von außen zu beschränken oder ganz auszuschließen versuchte, und dabei immer mehr eintrocknete, austrocknete und an Möglichkeiten, Informationen, Variationen verlor? (Heute würde man von fehlender Diversität sprechen, in letzter Zeit hat Georg viel dazu gelesen, ökologische Systeme brauchen Vielfalt innerhalb einer Art und zwischen den Arten sowie eine Variabilität an Lebensräumen, um sich zu erhalten.) Damals sprachen sie von dynamischen Systemen, die sich mittels Impulsen und Rückkopplungen stetig veränderten. Doch: welche Veränderungen? Das Land kam ihm wie eingefroren vor, der Glaube an eine mögliche Varianz von Verhaltensweisen erstarrt. (Seite 179)

Nicht nur im Grossen scheitert die Kybernetik, auch im Kleinen funktionieren die Regelkreise nicht. Die Selbstregulierung des Herzens ist eine Illusion, das emotionale Sich-Einrichten, Sich-Anpassen, Sich-Herunterregeln in Liebe, Ehe und Freundschaft. Als Motto hat Peggy Mädler dem Roman ein Zitat des sowjetischen Biowissenschaftlers W.A. Listschuk vorangestellt: «Man muß bemerken, daß die ‹Anfangswerte› für das Herz unter physiologischen Arbeitsbedingungen niemals Null sind. Das System der Selbstregulation des Herzens ist geeignet, den Funktionszustand auf verschiedenen Niveaus zu stabilisieren.»

In der Physiologie mag das funktionieren, die Liebe hält sich nicht daran. Georg und Mona fühlen sich zueinander hingezogen, Georg spürt sogar Schmetterlinge im Bauch. Doch nach einem Kuss geht Mona auf Distanz. Georg ist ratlos: Für diesen Fall kennt er keine Regeln. Dennoch reisst der zarte Faden ihrer Beziehung nicht ab, auch wenn sie sich über Jahre nur ab und zu Blicke zuwerfen.

Auch im Grossen funktioniert die Selbstregulation nicht, schon gar nicht in einem Staat, der für seine Bürger zu einem undurchdringlichen Dickicht von expliziten Regeln und impliziten Empfehlungen geworden ist. «Dieses Dickicht aus Fragen und Problemen konnte kein einzelner Mensch lösen», denkt sich eine der Frauen im Buch. «Der Mensch selbst war ja ein Dickicht und von ganz anderer Zeitlichkeit als das große Ganze.» Das Leben, das «Drecksleben», wie die Arbeiterinnen sagen, besteht nicht aus hohlen Phrasen und klaren Regeln. «Das Leben war Ranklotzen, war Arbeit, Kinder, Haushalt und die Versorgung der Schwiegereltern». Das einzige Ziel, das einem bleibt: «Das bisschen Leben durfte einfach kein Drecksleben sein.»

Dann fällt 1989 die Mauer, bald darauf der ganze Staat. Die Betriebe werden abgewickelt und die Menschen gleich mit. So ergeht es auch dem Kombinat Datenverarbeitung, in dem Georg arbeitet. Er findet nur noch befristete Hilfsarbeiten und geht bald in den Vorruhestand. Mona erlebt im Januar 1990 die Stürmung der Stasi-Zentrale in der Normannenstrasse. Nach der Abwicklung ihres Werbebetriebs schlägt sie sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Am Ende sitzen Mona und Georg auf der Bank vor dem Bungalow. Georg teilt ihr mit, dass er das Grundstück aufgeben muss. Mona nimmt ihm das Versprechen ab, sie weiterhin im Dorf zu besuchen.

Georg, der sein Leben lang in Nullen und Einsen und in klaren Regeln gedacht hat, weiss am Ende: Der Traum von der Selbstregulierung heisst heute Neoliberalismus. Dasselbe Wort, das 1965 einen besseren Sozialismus versprach, formt heute den entfesselten Markt. Die grossen Würfe sind gescheitert. Was hält, sind die zarten Fäden der Beziehungen zwischen den Menschen. Genau das macht Peggy Mädlers Buch zu mehr als einem DDR-Roman: Auch unsere Gesellschaft glaubt daran, dass sich Staat und Wirtschaft regeln lassen. Aber auch bei uns trägt am Ende nicht der hart geschmiedete Regelkreis, sondern das zarte Beziehungsgeflecht unter den Menschen.

Peggy Mädler: Selbstregulierung des Herzens. Roman. Galiani Berlin, 304 Seiten, 32.90 Franken; ISBN 978-3-86971-335-9

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783869713359

Eine Übersicht über alle bisher erschienen Buchtipps finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/

Basel, 21.05.2026, Matthias Zehnder

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