Video-Buchtipp

Letzter Tipp: Unglaublich, aber wirklich: «Doppelspiel» von Arne Dahl und Jonas Moström

Keine Filmszene, sondern die Wirklichkeit: «Eine andere Geschichte» von Charles Lewinsky

Publiziert am 4. Juni 2026 von Matthias Zehnder

Am 1. Februar 1968 brachte das Schauspielhaus Zürich unter der Regie von Leopold Lindtberg ein Stück von Max Frisch zur Uraufführung: «Biografie. Ein Spiel». Es ist einer meiner Lieblingstexte von Max Frisch, weil es ein faszinierendes Gedankenexperiment enthält. Hauptfigur Hannes Kürmann erhält die Möglichkeit, sein Leben noch einmal zu spielen. Er darf an jedem beliebigen Punkt seiner Vergangenheit eingreifen und sich anders entscheiden, um sich eine völlig neue Biografie zu entwerfen. Obwohl Kürmann den Zufall auszuschalten versucht, führt ihn sein Charakter, die Art und Weise, wie er lebt und handelt, immer wieder in dieselben Sackgassen. An dieses Theaterstück musste ich denken, als ich den neuen Roman von Charles Lewinsky las. Bei ihm ist es der jüdische Filmproduzent Curtis Melnitz, der sein Leben Revue passieren lässt. Allerdings nicht ganz freiwillig: Psychiater Dr. Cowan verschreibt Melnitz die gesuchten Schlaftabletten nur, wenn der in eine Therapie einwilligt. Das Buch bildet diese Sitzungen von 1959 bis 1963 ab. Zu lesen ist aber nur das, was Curtis Melnitz sagt. Den Psychiater müssen wir uns dazudenken. In meinem 308. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, warum es viel Vergnügen bereitet, diesen Therapiesitzungen zuzuhören.

Der Filmproduzent Curtis Melnitz ist 80 Jahre alt, er hat Albträume und ist deshalb süchtig nach Schlaftabletten. Sein Hausarzt Dr. Goldsteen will ihm seine Tabletten nicht mehr verschreiben. Stattdessen schickt er ihn zu Psychiater Dr. Cowan. Der weigert sich, ihm die gewünschten Pillen einfach in die Hand zu drücken. Er will mit ihm sprechen. Curtis ist alles andere als begeistert, dass der Psychiater «die volle Nummer mit Hinlegen und allem» durchziehen will. «Muss das sein?», fragt er und beschwert sich darüber, wie unbequem die Couch sei. «Was soll es ändern, wenn ich Ihnen hier Geschichten erzähle?» Er beginnt trotzdem zu erzählen. Was tut man nicht alles für die richtigen Pillen.

Die Therapiesitzungen finden zwischen 1959 und 1963 statt. Diese Gegenwart dringt immer mal wieder in die Sitzungen ein. 1959 redet Curtis Melnitz über die neue Verfilmung von «Ben-Hur», 1960 regt er sich darüber auf, dass Israel der Eichmann-Verhaftung wegen kritisiert wird, 1961 ist es der Eichmann-Prozess, der in die Therapiesitzungen dringt. All die Ereignisse lösen Erinnerungen bei Melnitz aus. Schritt für Schritt oder besser: Therapiesitzung für Therapiesitzung erfahren wir mehr aus dem Leben von Curtis Melnitz.

Geboren ist er am 2. Mai 1879 in Leipzig. Damals hiess er Kurt Chmelnitzki. Melnitz wächst in einer jüdischen Arbeiterfamilie auf. Als er fünf Jahre alt ist, stirbt seine Mutter plötzlich, der Vater erhängt sich noch am selben Tag auf dem Dachboden. Melnitz kommt zu Onkel Meyer Chmelnitzki, der eine koschere Speisewirtschaft am Brühl betreibt. Prägend sind der sadistische Cousin Nissan, die unsichtbare Tante Effie und die als Heiratsware behandelte Cousine Selma. Als 16-Jähriger wird Melnitz fälschlicherweise beschuldigt, Selma verführt zu haben, und vom Gymnasium gewiesen.

1902 entdeckt Melnitz bzw. Chmelnitzki das bewegte Bild: Ein ehemaliger Gast, ein halbseidener, aufschneiderischer Mann, dreht mit der Kamera von Lumière pornografische Kurzfilme; Melnitz wird sein Assistent. Als der Chef verhaftet werden soll, kriegt Chmelnitzki Wind davon, schifft nach New York ein und schreibt sich bei den Einwanderungsbehörden als Curtis Melnitz ein. Dort schliesst er sich der Kalem Film Company an, arbeitet als Assistent von Regisseur Stanley Olcott und ist an der ersten Verfilmung von «Ben-Hur» beteiligt.

Das alles erzählt der alte Melnitz seinem Psychiater in vielen Windungen. Wie ein Refrain tauchen dabei zwei Wendungen immer wieder auf. Die erste: Es war Zufall. Oder, wie Melnitz einmal ausruft: «dass das alles so gekommen ist, war Zufall, Zufall und noch einmal Zufall.» Melnitz glaubt nicht an Sinn, Schicksal oder göttliche Fügung. Er ist überzeugt: Das Leben ist ein Zufall. Dem Psychiater erklärt er, nur in einem Roman oder in einem Drehbuch habe der Zufall nichts zu suchen. Das Publikum erwarte Logik, weil es sonst das Gefühl habe, beschissen zu werden. Im Kino wolle der Zuschauer einen Zusammenhang präsentiert bekommen. Einen Sinn. Deshalb gebe es auch Religionen. Das richtige Leben sei dagegen absurd.

Warum mich Freud nicht überzeugt? Er ist ein Märchenerzähler. Erreicht mit seinen Geschichten, was ein gut konstruierter Film erreichen muss: Er gibt den Leuten das Gefühl, sie hätten etwas verstanden. Das Leben sei erklärbar und nicht alles Zufall. Es ist aber Zufall.

Jemand geht aus dem Haus, und ein Ziegelstein fällt ihm auf den Kopf. Bums, er ist tot. Er hätte sich vor dem Weggehen nur drei Sekunden lang schnäuzen müssen, dann hätte ihn der Stein nicht getroffen. Zufall. Wenn er sich eine Minute länger rasiert hätte, wäre er vielleicht von einem Auto überfahren worden.

Oder dass ich hier auf dieser Couch liege, in diesem leicht angestaubten Praxisraum … Dr. Goldsteen hätte mich auch zu jemand anderem schicken können. Woher kennen Sie beide sich überhaupt? Waren Sie schon miteinander im Kindergarten oder …?

Tennisclub. Sehen Sie. Wenn Sie nicht Tennis spielen würden, sondern Golf, hätte er Sie nie kennengelernt, und ich wäre bei einem anderen Psychiater gelandet. Der dann vielleicht nicht so kompliziert gewesen wäre wie Sie, sondern einfach gesagt hätte: »Ein Rezept? Kein Problem. Ich schreibe Ihnen gleich eines für die nächsten paar Monate.« Nun spielen Sie aber zufällig Tennis. Und nur darum …

Das mit dem Ziegelstein auf den Kopf, fällt mir auf, ist die Ausgangssituation von Ben Hur. Ein Zufall, als Schicksal verkleidet. Der Ziegelstein trifft den Statthalter, deshalb wird Ben Hur verhaftet, deshalb kommt er auf die Galeere, deshalb geht er damit unter, deshalb kann er einem reichen Mann das Leben retten, deshalb wird er adoptiert … Und so weiter und so weiter. In Romanen hat alles einen Zusammenhang. Darum lesen die Leute diese Sachen so gern.

Dabei … Ordentliche Schicksale haben Menschen nur in Büchern. Oder im Film. In der Wirklichkeit haben sie bestenfalls Episoden. Torkeln von Zufall zu Zufall und wollen sich das nicht eingestehen. Deshalb sind sie bereit, Geld dafür zu bezahlen, dass ihnen jemand ihre Erlebnisse ordentlich zu einem Strauß bindet. Als Filmemacher oder als Psychiater. (Seite 24)

Trotz allem Schimpfen über den Zufall macht Curtis Melnitz natürlich genau das auf der Couch von Dr. Cowan: Er fügt die Puzzleteile seines Lebens zu einem Bild zusammen.

Der zweite Refrain ist zugleich der Titel des Buchs: Curtis Melnitz bricht die Erzählung seiner Erinnerungen immer wieder ab und sagt: «Aber das ist eine andere Geschichte.». Auf den ersten Blick sieht es aus, als wolle er nicht abschweifen. Erst mit der Zeit merkt man: Es ist Selbstschutz. Er bricht diese «andere Geschichte» nicht ab, weil sie nicht wichtig wäre, sondern im Gegenteil, weil sie so wichtig ist. Das Leben besteht aus den nicht erzählten Geschichten. Deshalb weigert er sich auch, dem Psychiater seinen Albtraum zu erzählen, der ihn zwingt, sich mit Schlaftabletten zu betäuben.

Wenn ihn der Psychiater danach fragt, wird er ausfällig. Bei Max Frisch fordert Stiller Whisky, sonst verweigert er jede weitere Aussage, denn: «Ohne Whisky, ich hab’s ja erfahren, bin ich nicht ich selbst, sondern neige dazu, allen möglichen guten Einflüssen zu erliegen und eine Rolle zu spielen, die ihnen so passen möchte, aber nichts mit mir zu tun hat». Genau so fordert Melnitz bei Dr. Cowan seine Schlaftabletten:

Ich brauche kein Mitleid. Ich brauche mehr von meinen Pillen! Verdammt noch mal, ist das so schwer zu begreifen? Ich bin ruhig. Ich bemühe mich, ruhig zu sein. Wirklich. Aber ich halte es nicht aus. Erst kann ich nicht einschlafen, weil ich solche Angst habe, ich könnte wieder … Und wenn ich dann doch einschlafe … Sie können sich nicht vorstellen, wie das ist. Sie verstehen nichts. Überhaupt nichts verstehen Sie. Um davon zu erzählen, müsste ich mich erinnern, und wenn ich mich erinnere … Es ist so wirklich, das ist das Schlimmste. Manchmal träumt man die verrücktesten Dinge und weiß die ganze Zeit, dass es nur ein Traum ist. Dann kann man alles aushalten. Dann ist es wie Kino. Aber diese Träume kann kein Mensch … Nein. Ich will nicht darüber sprechen. (Seite 88)

Über die entscheidenden Szenen seines Lebens will Melnitz nicht sprechen. Dafür spricht er gerne und kenntnisreich über den Film. Was bei Psychiater Cowan aber verlorene Liebesmüh ist, weil er Mann nie ins Kino geht.

Nehmen Sie es mir nicht übel, Dr. Cowan, aber das war jetzt wirklich eine saudumme Frage. «Wollen wir heute über Kino reden oder über Ihr Leben?» Das ist nicht zu trennen. Hier liegt ein echter Hollywood-Pionier auf Ihrer Couch. Ich habe schon Filme gedreht, das war das Kino noch gar nicht richtig erfunden. (Seite 109)

Ganz nebenbei führt Charles Lewinsky uns tatsächlich kenntnisreich die Anfänge des Films vor. Wir lernen die Kalem Film Company kennen und die Keystone Pictures Studios von Filmproduzent Mack Sennett. Später arbeitet Melnitz für Warner Bros. und United Artists. Er handelt Max Reinhardts ersten Hollywoodvertrag aus, produziert mit Max Hansen als Hauptdarsteller einen Film und auch Charlie Chaplin hat einen Auftritt. Wir erfahren viel über Produktionsbedingungen, die Serienproduktion von Kurzfilmen und den Einfluss der Edison Company.

Vor allem aber denkt und spricht Melnitz im Vokabular des Films. Sein Leben, sagt er, sei «vom Cutter falsch montiert». Dem Tod sieht er gelassen entgegen: «Mein Film hat ohnehin schon Überlänge», sagt er. Als Titel für das Biopic über sein Leben schlägt er «Im falschen Film» vor. Aber immer mehr erweist sich, dass die Filmmetaphorik ein Schutz ist vor der Wirklichkeit, die sich nicht an ein Drehbuch hält. Einmal beginnt er zu erzählen:

Aufblende. Zimmer in einem Hotel. Von außen Straßenlärm… Nein, so kann ich es nicht erzählen. Es war keine Filmszene. Es war die Wirklichkeit. Die beschissene, grausame Wirklichkeit. (Seite 155)

Und die lässt sich, leider,  nicht nach Belieben ändern.

Was man nicht mehr ändern kann, sollte man wenigstens vergessen können. Im Film kann man eine Szene neu drehen lassen. Aus Unglück Glück machen oder umgekehrt. Tragödie oder Komödie, und je nachdem sind Romeo und Julia am Schluss tot oder verheiratet. Im wirklichen Leben … (Seite 153)

Nicht nur lässt sich die Wirklichkeit nicht ändern, Curtis Melnitz kann sie nicht einmal vergessen. «Es müsste jemand eine Methode erfinden, mit der man das Vergessen erlernen kann», ruft er einmal verzweifelt aus. Er will sich nicht an sein Trauma erinnern und kann doch nicht aufhören, sich an sein Leben zu erinnern. Er scheitert kläglich mit seinem Vergessen-Wollen und wir fragen uns: Welches Erlebnis zwingt den 80-Jährigen trotz allem jede Woche auf die Couch des Therapeuten?

Das verrate ich Ihnen natürlich nicht. Nur so viel: Es ist ein Erlebnis, das Melnitz nicht durch die Linse einer Kamera gesehen hat. Sein Problem sind nicht die Bilder, die er gesehen hat, sondern die Menschen, die er erlebt hat. So eloquent er auf über 400 Seiten über die Wirklichkeit spottet – am Ende holt sie ihn doch ein.

Der leichte Ton des Romans täuscht darüber hinweg, dass Charles Lewinsky mit diesem Buch ein packendes Werk über Identität und Erinnerung gelungen ist. Ein Werk, das in meinem Büchergestell direkt neben die Bücher von Max Frisch zu stehen kommt. Wie Stiller verweigert Melnitz lange die eigentliche Geschichte. Wie Gantenbein konstruiert er sein Leben aus Rollen und Masken. Wie Kürmann schafft er es nicht, seiner Identität zu entkommen. Ich künde Ihnen ja jede Woche ein Buch an, das ebenso intelligent wie unterhaltend ist. Noch selten hat die Bezeichnung auf ein Buch so zugetroffen wie auf diesen Roman.

Charles Lewinsky: Eine andere Geschichte. Roman. Diogenes, 416 Seiten, 35 Franken; ISBN 978-3-257-07378-2

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783257073782

Eine Übersicht über alle bisher erschienen Buchtipps finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/

Basel, 04.06.2026, Matthias Zehnder

PS: Wenn Sie keinen Buchtipp mehr verpassen möchten,   abonnieren Sie meinen Newsletter. Dann erhalten Sie jede Woche:

  • den neuen Buchtipp
  • den aktuellen Sachbuchtipp
  • den Hinweis auf den Wochenkommentar
  • das aktuelle Fragebogeninterview

Nur dank Ihrer Unterstützung ist der Buchtipp möglich. Herzlichen Dank dafür!