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#Sommerkrimi mit Parfüm: «Giftige Blüten» von Luca Ventura

Publiziert am 2. Juli 2026 von Matthias Zehnder

Sommerzeit – Reisezeit – Lesezeit. In meiner literarischen Sommerserie stelle ich Ihnen jede Woche einen spannenden Krimi vor, der Sie an einen besonderen Ort entführt. Dabei erleben Sie Regionen, die wir sonst nur als Touristen kennen, aus der Perspektive der Einheimischen. Sechs Wochen, sechs Bücher, sechs Reiseziele – vom Mittelmeer bis an den Atlantik, von der einsamen Insel bis in den touristischen Hotspot. Heute geht es nach Capri. Hier ermittelt bereits zum siebten Mal Enrico Rizzi, Agente di Polizia auf Capri und ein echter Caprese. Er kennt alle und jeden auf der Insel, spielt Trompete in der Insel-Blaskapelle und hilft seinem Vater Vito in der kleinen Landwirtschaft. Für die Aussensicht auf das Inselleben sorgt sein Sidekick, Antonia Cirillo, die aus Bergamo zum Polizeiposten auf Capri strafversetzt wurde. Die kühle Norditalienerin tappt in der siebten Folge nicht mehr ganz so häufig ins Fettnäpfchen auf Capri, ermöglicht aber immer noch die Aussenperspektive auf die Insulaner. Diesmal dreht sich der Krimi um einen Mord an einer angehenden Parfümeurin: Lina Verde, die hochbegabte Schülerin in der berühmten Parfüm-Manufaktur, bricht in einer einsamen Bucht zusammen. Das bietet Luca Ventura die Gelegenheit, uns in die Gerüche und Düfte von Capri einzuführen. In meinem 312. Buchtipp sage ich Ihnen, warum sich die literarische Reise nach Capri lohnt.

Die Insel Capri im Golf von Neapel ist einer der Sehnsuchtsorte der Weltliteratur: Goethe, Rilke, Thomas Mann – alle waren sie auf Capri und haben in den höchsten Tönen von der Insel geschwärmt. Rilke soll sogar gesagt haben, wenn er nicht auf Capri gewesen wäre, hätte er die Insel erfinden müssen. Kaiser Tiberius regierte von Capri aus elf Jahre lang das Römische Reich (26–37 n. Chr.). Die Villa Jovis auf dem Gipfel erinnert bis heute daran. Luca Ventura kehrt dieser Glanzseite der Insel den Rücken: Er zeigt Capri aus der Perspektive der Einheimischen, der Fischer, der Polizisten, der Landwirte. 13’000 Bewohner hat die Insel, sie empfangen in der Sommersaison jeden Tag über 30’000 Tagestouristen.

In der neusten Folge seiner Krimi-Reihe geht es um den Tod einer Parfumeurin. Wenn Sie jetzt an «Das Parfum» von Patrick Süskind denken, den berühmtesten Parfüm-Kriminalroman der Literaturgeschichte, liegen Sie völlig falsch. Bei Süskind tötet Grenouille, der Parfümeur, um in den Besitz von Düften zu gelangen. In «Giftige Blüten» von Luca Ventura ist es genau umgekehrt: Die Parfümeurin ist das Opfer, weil sie dem perfekten Duft auf der Spur ist. Nur in einem Punkt ähneln sich die beiden Romane: Ein Parfüm wird zum Mordmotiv. Beide Bücher verneigen sich vor der olfaktorischen Magie der Düfte.

Der Roman beginnt damit, dass Lina Verde bei Sonnenaufgang durch das Maquis von Capri klettert. Sie ist Parfümschülerin und trainiert ihren Geruchssinn systematisch mit Salz, Magnesium, Myrte, Thymian, Salbei und Eukalyptus. Ihre Lehrerin, die Parfümeurin Elena Moretti, hat ihr beigebracht, dass sie sich eine Blume als Musikinstrument vorstellen soll. Der Duft der Blüte sei wie der Klang eines Instruments. Je mehr Instrumente und Klänge eine Komponistin kenne, umso brillanter würde ihre Symphonie werden. Genauso verhalte es sich mit Düften und Parfümkompositionen. Lina sucht deshalb nach der seltenen Orchideenart, die nur kurz im Frühjahr blüht. Sie klettert in eine einsame Bucht hinunter, als ein Schatten auf ihr Gesicht fällt …

Wenig später trägt Zeno Basile, ein bekannter Aussenseiter und Lügner, die bewusstlose Lina Verde auf den Armen durch die Innenstadt zum Krankenhaus Capilupi. Sie stirbt kurz darauf. Zeno behauptet, sie sei seine Verlobte gewesen und habe leblos in der Bucht von Lo Capo gelegen. Er kennt jedoch nicht einmal ihre Adresse.

Enrico Rizzi arbeitet an seinem freien Tag im Garten seines Vaters: Er jätet Bambus. Eine anstrengende Arbeit. Er ist mit der dreirädrigen Ape auf dem Rückweg, als der Verkehr plötzlich stoppt.

Zuerst dachte er, am Kreisverkehr würde eine Filmszene gedreht, wie es ab und zu vorkam. Ein Mann ging breitbeinig wie ein Sherif‌f, umringt von Menschen, die Straße hinunter, die zum Krankenhaus Capilupi führte. Die Aufregung schien mit der Frau zu tun zu haben, die der Mann auf dem Arm trug, wie ein Bräutigam seine Braut, und dabei aussah, als wäre er der Messias persönlich. Vielleicht lag es an dem bunten Tuch, das er um seinen Kopf geschlungen hatte, oder an seiner heroischen Haltung oder an der Menschentraube um ihn herum oder an allem zusammen, dass die Szene etwas beinahe Biblisches hatte.
Der Messias war niemand anderes als Zeno Basile. Rizzi hätte es sich denken können. Wo immer Zeno oder sein Bruder Lello auf‌tauchte, gab es früher oder später Ärger: Vandalismus, Diebstahl und auch Schlägereien, ohne dass sich hinterher immer ermitteln ließ, was eigentlich genau zu diesen Gewaltausbrüchen geführt hatte.
Das Gesicht der Frau auf Zenos Armen war nicht zu erkennen. Menschen mit Handykameras drängten sich davor und versperrten Rizzi die Sicht.
«Entschuldigung», sagte er immer wieder, aber ohne Uniform besaß er wenig Autorität. «Machen Sie bitte Platz.»
Als er es endlich geschafft hatte und bis auf wenige Meter herangekommen war, glaubte er zu verstehen, was die Menschen so faszinierte: Das Kleid war von der Schulter gerutscht, die nackte Brust entblößt und das Bild verrucht. Hatte die Frau zu viel Alkohol getrunken oder Drogen genommen? Oder hatte Zeno ihr irgendein Zeug verabreicht? Ohne daran zu denken, dass Substanzen in einer Menge, die für ihn bewusstseinserweiternd wirken mochten, andere Menschen bewusstlos machten? Ihre Arme hingen leblos herab, und ihr Kopf wackelte bei jedem Schritt, den Zeno mit ihr auf dem Arm machte. Sein Gesicht war dunkelrot vor Anstrengung, und bei den Tropfen, die über seine Wangen rannen und in seinen Bartstoppeln glitzerten, handelte es sich nicht nur um Schweiß. Rizzi konnte fast nicht glauben, was er sah: Der Mann, der sonst ohne Mitleid immer kräftig austeilte und glaubte, nichts und niemand könne ihm etwas anhaben, weinte und zeigte eine Seite, die Rizzi so noch nie an ihm gesehen hatte.

(Seite 18)

Die Szene illustriert die Schreibweise von Luca Ventura: Er nimmt die subjektive Perspektive von Enrico Rizzi ein – manchmal auch die von Antonia Cirillo – und erzählt fast filmisch präzise. Man merkt dabei, dass er Capri, die Inselwelt und ihre Bewohner, gut kennt. Sein Capri sieht nicht einfach gut aus wie auf einer Postkarte, es riecht und schmeckt auf jeder Seite des Buchs nach der Insel.

Weil im Zentrum des neuen Romans eine Parfümeurin steht, gilt das diesmal ganz besonders. Es riecht nach Myrte und Thymian, nach Cappuccino und mit Puderzucker bestäubtem Cornetto, nach feuchter Erde und gebratenem Knoblauch, nach würziger Tomatensauce, nach frisch gebackenem Brotteig und nach geschmolzenem Käse. Es ist deshalb keine Überraschung, dass es ein Duft ist, der die beiden Polizisten auf die richtige Spur bringt.

Die Hauptrolle im Krimi spielt aber die Insel Capri. Luca Ventura vermittelt uns die Insel in doppelter Perspektive: Antonia Cirillo sieht Capri mit den Augen der Norditalienerin, quasi von aussen:

Cirillo betrat einen Wohnraum, der sich entlang einer Glasfront über die gesamte Breite des Hauses erstreckte. Die Schiebetüren standen offen, und ein weißer Vorhang bauschte sich im Luftzug. In das Geräusch der Brandung mischten sich die Klänge von Klavier und Streichern, klassische Musik, die sich schwermütig anhörte. Cirillo ging auf quietschenden Sohlen über bunte Fliesen, magisch angezogen von dem Blick, der ihr fast den Atem raubte.
In milchiger Ferne ragten die Faraglioni-Felsen aus dem Wasser, die in ihrer stillen Erhabenheit unwirklich schienen, ein Kunstwerk der Natur, und Cirillo dachte, wenn sie das Glück und Privileg hätte, hier zu wohnen, in diesem Haus, mit einem solchen Blick, würde sie wahrscheinlich immer nur auf diese Felsen starren und denken, dass man es im Leben zu nichts Besserem mehr bringen konnte.

(Seite 153)

Enrico Rizzi sieht Capri mit den Augen des Einheimischen. Klar liebt auch er die Faraglioni-Felsen und den Anblick des türkisblauen Meeres. Noch lieber sind ihm aber seine Zitronen, Orangen und Pfirsiche:

Rizzi schaute dem Auspuff und der blauen Wolke hinterher und ließ seinen Blick weiter über die Gemüsebeete wandern, die frisch aufgeworfene Erde und die Weinreben, die begannen auszutreiben. In der Ferne, zwischen den Wipfeln der Pfirsich- und Orangenbäume, glitzerte das Meer, und Rizzi durchströmte ein Glücksgefühl. Es war nicht nur die Schönheit dieses Ortes, die ihn berührte, sondern auch die Tatsache, dass er hier in den Gärten Seite an Seite mit seinem Vater unter Zitronen- und Orangenbäumen arbeitete, die teilweise noch von seinem Groß- und Urgroßvater gepflanzt worden waren und deren Früchte sie heute noch ernteten. Wie auch sein Nachkomme sie hoffentlich noch ernten würde – wenn ihm irgendwann noch einer geschenkt wurde.
(Seite 11)

Capri ist als Austragungsort für einen Krimi nicht nur pittoresk, sondern bietet einen ähnlich geschlossenen Raum, wie er in den Krimis von Agatha Christie anzutreffen ist: Wo Hercule Poirot den Mörder in einem Haus oder einem Zug sucht, macht sich Enrico Rizzi auf seiner Insel ans Werk. Auf Capri kennen alle jeden. Rizzi weiss, wer wo wohnt, wie der Taxifahrer heisst, wann der Kreisverkehr frei ist. Dieses Wissen macht er sich beim Ermitteln auf spannende Weise zu Nutzen.

Uns Leserinnen und Lesern ermöglicht Luca Ventura mit diesem Krimi, eine neue Art, Capri zu entdecken: mit der Nase nämlich. Selten versammelt ein Buch so viele Gerüche wie dieses. Sein neuster Krimi ermöglicht es uns deshalb, eine Nase voll Capri zu nehmen, die man nicht so rasch wieder vergisst.

Luca Ventura: Giftige Blüten. Der Capri-Krimi. . Diogenes, 368 Seiten, 24.00 Franken; ISBN 978-3-257-30117-5

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783257301175

Eine Übersicht über alle bisher erschienenen Buchtipps finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/

Basel, 2. Juli 2026, Matthias Zehnder

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