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Letzter Tipp: #Sommerkrimi mit Parfüm: «Giftige Blüten» von Luca Ventura
#Sommerkrimi mit Biss: «Kroatisches Gold» von Sara Novak
Sommerzeit – Reisezeit – Lesezeit. In meiner literarischen Sommerserie stelle ich Ihnen jede Woche einen spannenden Krimi vor, der Sie an einen besonderen Ort entführt. Dabei erleben Sie Regionen, die wir sonst nur als Touristen kennen, aus der Perspektive der Einheimischen. Sechs Wochen, sechs Bücher, sechs Reiseziele – vom Mittelmeer bis an den Atlantik, von der einsamen Insel bis in den touristischen Hotspot. Heute geht es nach Kroatien. Hier, im fiktiven Dorf Navice an der dalmatischen Küste, wird die deutsch-kroatische Ermittlerin Josipa Perić in Sachen Mord aktiv. Allerdings muss sie dabei unter dem Radar bleiben: Polizeihauptkommissarin ist Josipa nur in München. In Kroatien hat sie nichts zu sagen. Eigentlich ist sie im Heimatdorf ihrer Mutter nur auf Urlaub. Was sie natürlich nicht daran hindert, zu ermitteln. Einfach ist das nicht. Im Dorf halten alle zusammen und alle haben sie Angst vor dem Bürgermeister – dem Onkel von Josipa. Sara Novak erzählt uns eine spannende Geschichte über einen Ort, von dem wir wenig wissen. In meinem 313. Buchtipp sage ich Ihnen, warum sich die literarische Reise nach Kroatien lohnt.
Was wissen Sie über Kroatien? Vielleicht kommt Ihnen als erstes die kroatische Fussball-Nationalmannschaft in den Sinn mit ihren rot-weiss gewürfelten Trikots und legendären Spielern wie Luka Modrić oder Ivan Perišić. Menschen in meinem Alter erinnern sich an «Die rote Zora und ihre Bande», den Jugendroman von Kurt Held, der im kroatischen Küstenstädtchen Senj spielt. Jüngere Menschen kennen die historische Altstadt von Dubrovnik als Drehort für «Game of Thrones». Ich bin mir aber sicher, dass die meisten Menschen Mühe hätten, Kroatien auf einer Europakarte einzuzeichnen. Ich täte mich damit jedenfalls schwer.
Touristisch bekannt ist vor allem Dalmatien, der Küstenstreifen an der Adria mit seinen vielen Inseln. Hier liegt das fiktive Dorf Navice. Es hat 500 Einwohner und ist noch etwas verschlafen: ein kleiner Küstenort mit schlechter Infrastruktur, kaum asphaltierten Strassen und einer sehr überschaubaren Anzahl an Geschäften. Hierher flüchtet Josipa Perić, nachdem sie in München als Hauptkommissarin vom Dienst suspendiert worden ist. Denn in Navice steht das traditionelle kleine Steinhaus ihrer Eltern, das seit dem Tod ihrer Mutter ihr gehört. Es ist nicht nur ihr Erbe, sondern vor allem ihr Ort der Erinnerung an eine glückliche Kindheit.
Josipa ist vom Münchner Kriminalhauptkommissar Meyer kurz nach dem gescheiterten Zugriff gegen den kroatischstämmigen Clanführer Milo Goreta suspendiert worden. Im entscheidenden Moment hat ihre Waffe versagt. Josipa kann sich das nicht erklären und ist überzeugt, dass der Vorwurf konstruiert ist. Sie spricht mit niemandem darüber. Nur ihrer Tante Ana vertraut sie sich an.
Josipa spürte, dass es längst an der Zeit war, mit einer Vertrauensperson zu sprechen, die nicht zu ihrem polizeilichen Umfeld gehörte. «Mein Chef verdächtigt mich des Verrats. Ich soll unseren Hauptverdächtigen nicht nur vorab über die anstehende Razzia informiert haben, sondern hätte ihn auch während unseres Einsatzes absichtlich entkommen lassen. Auf die Razzia haben wir Monate hingearbeitet. Nur eine Halbkroatin wie ich würde sich von einem kroatischen Clanchef bestechen lassen. Auf dem Balkan stecken wir ja alle unter einer schmutzigen Decke, ist ja klar …» Josipa merkte, wie sie sich in Rage redete und sich ihr Herzschlag beschleunigte. Sie atmete tief durch, nahm einen Schluck von ihrem Cappuccino und fuhr fort: «Ich hätte den Verdächtigen durch einen gezielten Schuss dingfest machen müssen, aber im entscheidenden Moment hat meine Waffe blockiert, sprich der Schuss hat sich nicht gelöst, sodass der Dreckskerl fliehen konnte. Ich bin ihm noch hinterher, aber einer seiner Männer kam mit dem Fluchtfahrzeug um die Ecke gebogen und hat mich absichtlich touchiert … Am nächsten Tag hat mich mein Chef dann eiskalt suspendiert. Lachhaft! Ein Witz! Unsere Zielperson – ich darf dir keine Namen nennen –», schob sie erklärend ein, «und sein treues Gefolge sind der letzte Abschaum. Drogen, Glücksspiel, Prostitution – das ganze Programm. In den letzten Tagen wurde meine Waffe untersucht. Die Techniker konnten tatsächlich eine Ladehemmung feststellen, aber auch nicht ausschließen, dass jemand die Waffe präpariert hat. Mein Chef wird seinen Verdacht dadurch bestätigt sehen. Seine Vorwürfe werden sich gegen mich verhärten, wer weiß, ob dann noch groß interne Nachforschungen angestellt werden, um herauszufinden, wer meine Waffe manipuliert und …» Josipa hielt abrupt inne, als sie spürte, wie Tante Ana ihr beruhigend die Hand auf den Arm legte.
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Kollegin Sandra hält sie über die Entwicklung in München auf dem Laufenden. Das ist der eine Kriminalfall, der Josipa beschäftigt. Der andere ereignet sich quasi vor ihrer Haustüre: Auf einer Grossbaustelle im Dorf stürzt der Polier und stirbt. Obwohl alles andere als klar ist, wie der Mann zu Tode gekommen ist, wird der Fallsofort zu den Akten gelegt, damit es auf der Baustelle weitergehen kann. Das macht Josipa misstrauisch: Sie beginnt, Fragen zu stellen.
Das bringt Onkel Igor, den Bürgermeister von Navice, auf die Palme: Er will, dass der Bau reibungslos von statten geht: Am Hang über dem Dorf soll eine Luxuswohnanlage gebaut werden. Bauherren sind die Brüder Dejan und Jurica Varga aus Split. Beim gemeinsamen Mittagessen fragt Josipa Onkel Igor:
«Was ist das eigentlich für eine gigantische Baustelle am Hang?», fragte Josipa ihren Onkel zwischen zwei Bissen.
«Zwei Großinvestoren, Brüder aus Split, haben die komplette rechte Hanghälfte gekauft und bauen nun in hohem Tempo eine Luxuswohnanlage dorthin. Das zieht kaufkräftige Kundschaft an, das ist gut fürs Geschäft, gut für Navice», erwiderte Igor, den Blick auf sein Handy gerichtet.
«Ich mochte Navice als verschlafenen Ort ohne Luxuswohnanlage und Großinvestoren.»
Ihre Tante warf ihr einen warnenden Blick zu und schüttelte fast unmerklich den Kopf. Josipa sah sie fragend an und zuckte mit den Schultern. Seine Meinung darf man doch noch sagen, oder?, dachte sie.
Igor aß völlig unbeirrt seinen Salat weiter und tränkte ein Stück Weißbrot in einer Lache goldgelben Olivenöls. «Früher war das unser kroatisches Gold», erklärte er und deutete auf das Öl auf seinem Teller, «heute sind es die Luxusimmobilien direkt an der Küste. Komm vorbei, Josipa, dann führ ich dich auf der Baustelle herum und zeige dir die fertigen Apartments. Alles nur vom Feinsten, jede Einheit hat einen eigenen Pool, mit Salzwasser, kein Chlor. Der Gärtner hat einen verdammt grünen Daumen, ich weiß nicht, wie der Kerl das macht, aber die Außenanlage sieht jetzt schon top aus.» Er reckte den Daumen in die Höhe.
(Seite 22)
Beim «Kroatischen Gold», von dem im Titel des Romans die Rede ist, handelt es sich also um Immobilien. Um Luxusimmobilien, um genauer zu sein. Josip schüttelt innerlich den Kopf: Wer um Himmels willen braucht einen Pool, wenn in Fussnähe die dalmatinische Küste lockt, mit einer Bucht schöner als die andere? Doch Onkel Igor glaubt felsenfest daran, dass das ganze Dorf von den Bauprojekten profitieren kann und wischt jede Kritik unwirsch zur Seite. Josipa und Tante Ana stehen dem Wandel skeptisch gegenüber. So gespalten wie ihre Familie ist das ganze Dorf: Einige hoffen auf Arbeitsplätze, andere fürchten die Zerstörung des Ortsbildes.
Onkel Igor nimmt Josipa mit auf die Baustelle, gibt ihr vor, sie solle die Wohnung für sich prüfen. In Wahrheit soll sie zum Kauf überredet werden. Denn die Bauherren wollen auch ihr Elternhaus aufkaufen. Josipa beginnt, den Häusern und Grundstücken auf dem Hang nachzuforschen. Sie wehrt sich gegen die Bauprojekte. Für sie ist der Fall klar: Ihre «Luxusimmobilie» ist ein altes, halbzerfallenes Steinhaus. Dessen Luxus besteht nicht in einem Salzwasserpool oder Panoramafenstern, sondern in der schlichten Echtheit alter Häuser und in den damit verbundenen Erinnerungen. Der Konflikt ist vorprogrammiert.
Sara Novak erschliesst uns mit ihrem Roman einen Landstrich, den wir viel zu schlecht und wenn, dann nur aus oberflächlich-touristischer Perspektive kennen. Ihr Blick ist liebevoll, wenn es um die kroatische Küche, die Freunde und Verwandten geht, ihre Analyse der Korruption und des organisierten Verbrechens ist hart und präzise. Sie zeigt Korruption nicht als isoliertes Versagen eines einzelnen Beamten, sondern als Systemfehler und zwar in München ebenso wie in Kroatien.
An der dalmatischen Küste ist es das kroatische Gold, also das Bauland und die hochprofitablen Bauprojekte, die zu Korruption einladen. Auffallend ist dabei der disfunktionale Staat. Josipas Nachbar Luka O’Neill, der nach einer akademischen Karriere in den USA in sein Heimatdorf zurückgekehrt ist, erklärt es seiner Nachbarin:
Einen Augenblick herrschte Schweigen. Dann räusperte sich Luka.
«Ich versuche euch das anhand eines Beispiels zu erklären. Stellt euch vor, ihr habt ein Grundstück mit ein, zwei Olivenbäumen und einem einfachen kleinen Sommerhäuschen darauf in der ersten Reihe an der Küste in einer abgelegenen Bucht fernab von jedem touristischen Hotspot. Eines Tages überlegt ihr euch, mit dem Minibagger des Nachbarn unmittelbar vor eurem Haus am Wasser eine kleine betonierte Plattform über den spitzen Steinen am Ufer anzulegen. Auf dieses Plateau stellt ihr dann zwei Liegen, und damit ihr einen einfacheren Zugang ins Meer habt, montiert ihr eine Leiter zur Wasserseite hin. Nichts Großartiges. 20 Kilometer weiter baut zur gleichen Zeit ein finanzstarker Bauunternehmer seinen x-ten Apartmentkomplex in bester Lage, also auch in der ersten Reihe am Wasser, und asphaltiert und bekiest für die späteren Besitzer den Weg zum Ufer. Obwohl es einen Mindestabstand vom Land zur Uferlinie einzuhalten gilt, begrünt und befestigt der Bauherr das Ufergebiet frei nach seinem Geschmack und Geldbeutel, um seinen potenziellen Käufern einen exklusiven Strandabschnitt zu bieten. Dann passiert Folgendes: Der kleine Hausbesitzer in der abgelegenen Bucht erhält Post von der zuständigen Gemeinde, die ihn auffordert, ein Bußgeld, Beträge bis zu mittleren fünfstelligen Summen zu entrichten für die unerlaubte Bebauung der kroatischen Küste. Die komplette kroatische Küste ist nämlich Allmende, das heißt öffentliches Gut. Es gibt keine privaten Abschnitte laut Gesetz. Ohne Genehmigung darf nichts verändert werden. Der kleine Hausbesitzer muss dann zahlen und in manchen Fällen sogar den Rückbau auf eigene Kosten vornehmen. Was macht er? Er zahlt schweren Herzens, während 20 Kilometer weiter Anwohner und Einwohner eines Ortes gegen eine Apartmentanlage und die Verschönerung der Uferpromenade protestieren. Erste investigative TV-Reporter erfahren davon und schnell wird landesweit berichtet. Die zuständige Gemeinde fordert aber weder eine Strafzahlung noch den Rückbau, weil auf wundersame Weise partout niemand herausfindet, wer dort gebaut hat und wie man denjenigen ausfindig machen könnte.»
(Seite 275)
Sara Novak macht uns mit ihrem Krimi deutlich, dass wir, wenn wir in Kroatien in so einer Immobilie Ferien machen, das kroatische Gold kaufen. Wir kaufen die Bucht, das Wasser, die Ruhe. Auf den ersten Blick und im Prospekt sieht das alles wunderbar aus. Sara Novak zeigt uns die andere Seite dieser Transaktion: Was für uns Ferien ist, ist für die Einheimischen eine schrittweise Enteignung.
Vor allem aber macht sie uns das echte Kroatien schmackhaft und zwar im wörtlichen Sinn. Sie erzählt, wie es in Dalmatien riecht und wie die Gerichte in ihrer Heimat schmecken. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich von den meisten Gerichten noch nie etwas gehört habe. Peka zum Beispiel, eine Garmethode, bei der eine schwere gusseiserne Schale mit Deckel mit glühender Asche bedeckt wird. Beim Familienfest auf dem Kovačić-Grundstück schmort darin Rindfleisch mit Kartoffeln und Gemüse. Onkel Igor übernimmt den Dienst am Gill und übergiesst den Inhalt regelmässig mit Flüssigkeit. Oder Burek, ein Blätterteiggebäck, das mit Feta und Spinat gefüllt wird, Josipa geniesst ihren Burek warm aus der Bäckerei hinter der Kirche nach dem Morgenjogging. Als besonders dalmatisch gilt Blitva krompir: Mangold mit Knoblauch und Kartoffeln. Josipa geniesst es als Beilage zu frisch gefangenen Fisch beim Mittagessen in Split.
Auch die Getränke waren mir neu. Gemišt zum Beispiel, eine Weissweinschorle. Onkel Igor trinkt seinen Gemišt jeden Abend mit seinen Freunden auf dem Dorfplatz. Luka und Franjo trinken nach dem Grillfest einen Šljivovica, einen Pflaumenschnaps, und Tante Ana beruhigt die Gemüter mit einem Antique, einem Kräuterlikör.
Nach der Lektüre des Krimis von Sara Novak hat man das Gefühl, Dalmatien zu kennen. Oder mindestens, etwas verpasst zu haben, wenn man noch nie da war. Schön.
Sara Novak: Kroatisches Gold. Ein Dalmatien-Krimi. . Kampa, 336 Seiten, 26.50 Franken; ISBN 978-3-311-30098-4
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783311300984
Eine Übersicht über alle bisher erschienenen Buchtipps finden Sie hier:
https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/
Basel, 9. Juli 2026, Matthias Zehnder
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