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Die Kraft des Ungesagten: «Offene Rechnung» von Philippe Djian
Ein Buch von Philippe Djian zu lesen, ist wie ein Ritt auf einem Pferd: Früher war das ein feuriger Rappe, der Mähne schüttelnd weit ausgriff und quer durch die französische Kultur (insbesondere durch Küche und Schlafzimmer) galoppierte. Mittlerweile ist das Pferd in die Jahre gekommen, aus dem Galopp ist ein wiegender Schritt geworden, noch immer aber kann man sich dem Ritt nur schwer entziehen. Wie immer steht auch beim neuen Roman von Djian eine männliche Hauptfigur im Zentrum. Der denkt zwar immer noch ähnlich wie Zorg aus «Betty Blue», aber er ist deutlich älter geworden: Diesmal heisst er Nathan, er ist Journalist und er ist seit einer missglückten Vasektomie impotent. Für einmal spielt sich also die Sexualität im Romans nur im Kopf ab. Auch Nathan steht zwischen zwei Frauen: Er begehrt Gaby und liebt Sylvia. Das ist heikel. Nicht so sehr, weil Gaby die Zeitung gehört, für die Nathan arbeitet, als weil sie die Mutter von Sylvia und damit seine Schwiegermutter ist. Die Zeitung ist unter Druck: Ein lokaler Senator will Gaby das Grundstück abkaufen, auf dem sich die Redaktion befindet, um einen Freizeitpark zu bauen. Eine Auseinandersetzung, die mit harten Bandagen geführt wird. Doch im Roman wird diese Schlacht zum Hintergrundgeräusch des eigentlichen Themas: der ewigen Auseinandersetzung zwischen Mann und Frau. In meinem 311. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, warum es sich lohnt, in den neuen Roman von Philippe Djian einzutauchen.
Seit «Betty Blue» lese ich jeden neuen Roman von Philippe Djian, obwohl sich die Geschichten ähneln – oder vielleicht gerade deshalb. Ob der Held nun Nathan heisst oder Zorg, Daniel, Greg oder (immer wieder) Marc – immer ist es ein Mann, der sich nicht mit Stärke durchsetzt, sondern mit Selbstironie. Das ist vielleicht der Grund, warum mit die Helden von Philippe Djian so sympathisch sind. Seine Geschichten schreibt er mit grösstmöglicher Beiläufigkeit. Wenn ich einen musikalischen Vergleich machen müsste, würde ich sagen: Philippe Djian hat die grösste mögliche Distanz zur Pathetik eines Richard Wagner. Djian ist in der Literatur, was Erik Satie in der Musik ist.
Es sei denn, es gehe um Sex. Niemand schreibt so gute erotische Szenen wie Philippe Djian, aber auch im Bett kommt er ohne jeglichen Pathos aus. Er beherrscht die Kunst, grosse Gefühle beiläufig und mit atmosphärischer Leichtigkeit zu beschreiben. Das ist auch im neuen Roman so, mit einem entscheidenden Unterschied: Hauptfigur Nathan ist seit einer missglückten Vasektomie impotent. Der Geist ist willig, aber das Fleisch regt sich nicht mehr.
Dazu kommt: Nathan schläft nicht. Er liegt stundenlang wach, streift nachts durchs Haus und beobachtet, wie Sylvia und Gaby schlafen. «Ich sehe ihnen gerne beim Schlafen zu», sagt er. Er ist also in zweierlei Hinsicht nicht mehr in der Lage, **mit** den Frauen zu schlafen, er kann nur noch beobachten. Der Schlafentzug hat durchaus Folgen: Nathan erlebt die Welt in einem Zustand zwischen Wachen und Traum, halb lucide, halb halluzinierend. Im Garten sieht er immer wieder eine «Kreatur», eine geheimnisvolle, glühende Erscheinung, die erst am Rand seines Sichtfelds auftaucht und sich am Ende wie ein schuppiges Haustier zu ihm gesellt.
Die äussere Handlung der Geschichte dreht sich um die Lokalzeitung «Der Morgen». Die Zeitung gehört, seit ihr Mann Robert gestorben ist, Nathans Schwiegermutter Gaby. Der Zeitung geht es nicht allzu gut. Zudem will eine Investorengruppe rund um den lokalen Senator unbedingt das Land kaufen, auf dem das Redaktionsgebäude steht. Djian zeigt präzise, wie das geht: Die Investorengruppe setzt die finanzellen Daumenschrauben an, sorgt für höhere Papierpreise und setzt die Eigentümerin (also Gaby) unter Druck.
Ich glaube, sie werden keine Kosten und Mühen scheuen. Sie werden die Zeitung in den Ruin treiben, damit Gaby sich gezwungen sieht zu verkaufen, das ist, was sie vorhaben. Sie werden sie an den Bettelstab bringen. Sie gelten als die sicheren Gewinner. Das finde ich gar nicht zum Lachen.
(Seite 43)
Der Kampf um die Zeitung bildet aber nur den Hintergrund für die eigentliche Auseinandersetzung: den Kampf um die Sexualität. Beim jungen Philippe Djian führte das in Romanen wie «Betty Blue» oder «Pas de Deux» zum Schwelgen in Körperszenen. In «Offene Rechnung» bleibt die Rechnung offen, weil Nathan körperlich nicht mehr zu Sexualität fähig ist. Der Wunsch ist noch da, aber Nathan fehlt die Erfüllung. Die Folge ist Ratlosigkeit.
Ich beuge mich vor, stütze mich auf den Schenkeln ab, wiege den Kopf.
Mach dir darum keine Sorgen, sage ich schließlich. Meistens schätze ich mich glücklich. Das alles ist frei gewählt.
Sie setzt ihre Brille wieder auf, nimmt meine Hand, die sie zu kneten beginnt. Weder ist es sehr wohltuend noch sehr unangenehm, nur schwer einzuordnen. Ich mag diese kleinen, etwas zärtlichen Momente nicht, ich möchte der Leere nicht zu nahe kommen. Ich beginne zu bereuen, dass ich im Salon nicht mehr Licht gemacht habe – zwar ideal zum Dösen, aber im vorliegenden Fall kontraproduktiv, das ist hier kein Candle-Light-Dinner.
(Seite 125)
Nathan fürchtet Zärtlichkeit, weil er zu mehr nicht mehr in der Lage ist und deshalb in zärtlichen Momenten Leere empfindet. Es ist nicht das erste Mal, dass Philippe Djian das komplizierte Verhältnis von Erotik und Gefühlen thematisiert. In «Pas de deux» kämpft Philippe in den Rückblenden mit seinen Gefühlen und versucht geradezu verzweifelt, seine Sexualität abgeklärt auszuleben, ohne sich in Gefühle zu verstricken. Was ihm natürlich nicht gelingt. In «Pas de deux» versucht Philippe den Sex nicht mit Gefühlen zu belasten, in «Offene Rechnung» geht es Nathan ums Gegenteil: Er versucht, seine Gefühle nicht mit Sex zu belasten:
Ich setze meine Brille auf, um das Verfallsdatum auf einer Packung mit Joghurts zu inspizieren. In mir steigt zarte Wärme auf, als sie sich über meine Schulter neigt, meinen Rücken streift, als sie nach einer Schale mit Apfelmus langt. Ich weiß, ich könnte mich einfach aufrichten und sie in meine Arme schließen, aber wozu. Wir tun schon genug, wie mir scheint. Wir werden unsere Zeit kaum mit Knutschen verbringen. Zumal sie trotz allem für mich unerreichbar bleibt. Dass sie mir ihre Schenkel öffnet, ist schon eine große Sache, aber im Grunde sind das Peanuts. Ihr Herz soll sie mir öffnen, und dann sehen wir. Wie dem auch sei, ich hatte Zeit, mich in mein Schicksal zu fügen.
(Seite 232)
Die Körperlichkeit, die Schenkel, das sind Peanuts. Nathan geht es um das Herz. Das war bei Philippe Djian im Grunde schon immer so: Bereits Zorg in Betty Blue hat ein riesengrosses Herz, und bereits damals hat Philippe Djian dieses Herz gebrochen.
Auch «Offene Rechnung» ist deshalb ein typischer Philippe Djian. Was mich an seinen Büchern am meisten fasziniert, ist seine Erzählweise. Schon in seinen frühen Romanen pflegte er diese Beiläufigkeit der Sprache. Seit einigen Jahren hat Djian seine Erzähltechnik weiter radikal vereinfacht. Der Text ist nicht mehr unterteilt in Kapitel, Dialoge sind nicht mehr gekennzeichnet, etwa mit Anführungszeichen. Szenen folgen sich ohne äussere Kennzeichnung direkt. Zwischen einzelnen Szenen klaffen Lücken, die sich der Leser selbst erschliessen muss. Diese Lücken betreffen keineswegs Nebensächlichkeiten, im Gegenteil: Djian lässt das wichtigste weg. Sein Roman beginnt, als die Handlung bereits läuft, und er endet, bevor eine eigentliche Auflösung eintritt. Schlüsselereignisse werden nie beschrieben, sondern nur in Rückblenden und Andeutungen erwähnt. Der Leser muss seine Vorstellungskraft einsetzen.
Spannend ist, dass genau das den Roman von Philippe Djian besonders eindrücklich macht. Kombiniert mit der unvergleichlichen Lakonik seines Erzählens entsteht ein Text, der einen eigentümlichen Sog entwickelt. Nehmen wir zum Beispiel diese Stelle.
[[Wir haben zu zweit eine Flasche Gin ausgetrunken – daran ist nichts Verwerfliches – und uns ausgesprochen. Ich kann mich nicht erinnern, wie es ausgegangen ist.|Seite 176]]
Eh, bien, voilà, man hört Philippe Djian förmlich die Schultern zucken. Die beiden haben zu zweit eine Flasche Gin getrunken, dann dieser Einschub: «daran ist nichts Verwerfliches». Wenn nichts dabei wäre, dann wäre der Einschub nicht nötig. Offensichtlich ist es schon verwerflich. Aber es geht ja darum, dass sie sich ausgesprochen haben. «Ich kann mich nicht erinnern, wie es ausgegangen ist.» Philippe Djian zuckt mit den Schultern: Bei einer Aussprache kommt es nicht auf den Inhalt und schon gar nicht auf das Ergebnis an, sondern – nun ja: auf das Aussprechen halt.
Immer wieder verblüfft Philippe Djian mit kleinen, ganz präzisen Beobachtungen. Zum Beispiel diese Stelle:
[[Manchmal, wenn man es schafft, sich von einem Gewicht zu befreien, ist die entstandene Leere umso unerträglicher – dunkler, tiefer, heimtückischer, unvorhersehbarer, vielförmiger. Eine Wunde.|Seite 177]]
Da ist er wieder, der Philippe Djian von «Betty Blue» und «Pas de deux», der mit präzisen Beobachtungen uns die Widersprüchlichkeit der Gefühle erschliesst. Er hat ja recht: Wenn man es schafft, sich von einem Gewicht, einer Last zu befreien, beinhaltet die Erleichterung, die dabei entsteht, auch diese dunkle Leere.
Ganz am Schluss des Romans lüftet Philippe Djian schliesslich das Geheimnis seiner Geschichten:
Aber diese ganze Sache bestätigt mir doch, dass ein Sandkorn ein ganzes Getriebe ins Stottern bringen kann, ein Windhauch genügt, um eine Schweizer Uhr aus dem Takt zu bringen.
(Seite 255)
Im Zentrum seines Romans steht deshalb nicht die Übernahmeschlacht um die Lokalzeitung, die Frage der Wahrheit, mit der es Journalist Nathan nicht wirklich genau nimmt, oder eine andere grosse Frage. Im Zentrum stehen die emotionalen Sandkörner, die kleinen Steinchen in den Schuhen seiner Protagonisten, die am Ende jenen Windhauch auslösen, der die grossen Themen in Bewegung (und manchmal zu Fall) bringt.
Philippe Djian: Offene Rechnung. Roman. , übersetzt von Norma Cassau. Diogenes, 256 Seiten, 35.00 Franken; ISBN 978-3-257-07354-6
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783257073546
Eine Übersicht über alle bisher erschienenen Buchtipps finden Sie hier:
https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/
Basel, 25. Juni 2026, Matthias Zehnder
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