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#Sommerkrimi mit Kalkül: «Bedrohliche Alpilles» von Cay Rademacher
Sommerzeit – Reisezeit – Lesezeit. In meiner literarischen Sommerserie stelle ich Ihnen jede Woche einen spannenden Krimi vor, der Sie an einen besonderen Ort entführt. Dabei erleben Sie Regionen, die wir sonst nur als Touristen kennen, aus der Perspektive der Einheimischen. Sechs Wochen, sechs Bücher, sechs Reiseziele – vom Mittelmeer bis an den Atlantik, von der einsamen Insel bis in den touristischen Hotspot. Heute geht es in die Provence zu Capitaine Roger Blanc. Bereits zwölf Mal hat der Capitaine im fiktiven Städtchen Gadet in Sachen Mord ermittelt. Für seinen dreizehnten Einsatz versetzt Autor Cay Rademacher seinen Protagonisten in eine neu geschaffene Cold-Case-Einheit in Salon-de-Provence, angesiedelt beim «Pôle national spécialisé dans les Cold Cases» in Nanterre. Diese Einheit gibt es seit einigen Jahren tatsächlich. Auch der erste Fall, den Roger Blanc lösen soll, basiert auf einem echten, bis heute ungelösten französischen Kriminalfall aus dem Jahr 2012 samt Details, die zu unwahrscheinlich klingen, um erfunden zu sein. Die Ermittlungen im Cold Case ermöglichen es Roger Blanc (und damit uns Leserinnen und Lesern), den Horizont in der Provence zu erweitern. Diesmal dreht sich der Fall um das Städtchen Eyguières und seine Kirchen. In meinem 316. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, warum sich die literarische Reise in die Provence trotz des blutigen Kriminalfalls lohnt.
Ein Cold Case ist ein ungelöster Kriminalfall, zu dem keine aktiven Ermittlungen mehr laufen. Oft liegen die Fälle schon viele Jahre zurück. Die Akten ruhen, der Fall gilt als «kalt». Gerade weil viel Zeit verstrichen ist, lohnt es sich in manchen Fällen, die Ermittlungen neu aufzurollen: Fortschritte in der Kriminaltechnik, etwa verbesserte DNA-Analysen, können alte Beweisstücke viele Jahre später wieder nutzbar machen. Viele Polizeibehörden haben dafür eigene «Cold Case Units» eingerichtet, die alte Akten mit neuen wissenschaftlichen Methoden oder frischem Blick erneut untersuchen.
Am 1. März 2022 hat Frankreich in Nanterre eine solche Einheit gegründet. Der Pôle national spécialisé dans les Cold Cases übernimmt Fälle von Mord, Totschlag, Entführung, Vergewaltigung oder Folter, die nach 18 Monaten noch nicht aufgeklärt sind. Die Ermittler setzen moderne wissenschaftliche und forensische Verfahren ein und vergleichen Akten aus verschiedenen Regionen, um Verbindungen zwischen scheinbar isolierten Taten zu erkennen. Ziel ist es, den Angehörigen Antworten zu liefern und zu verhindern, dass schwere Verbrechen im Justizsystem in Vergessenheit geraten. In diese Einheit versetzt Autor Cay Rademacher seinen Capitaine Roger Blanc. Dessen Vorgesetzter, Nicolas Nkoulou, mittlerweile Sous-Colonel der Gendarmerie, nimmt Roger Blanc mit nach Salon-de-Provence. Es ist eine Einheit, in die man nur berufen werden kann.
Am Kontrollposten mussten sich Nkoulou und Blanc ausweisen. Vor dem Tor stand eine Batterie öffentlicher Müllcontainer; man konnte nicht gerade sagen, dass der französische Staat seine Gendarmen in prachtvollen Residenzen einquartierte. Doch immerhin waren die Kästen in Salon nicht himbeerrosa verputzt wie die Station in Gadet, dachte Blanc, und bis ins alte Zentrum von Salon-de-Provence mit seiner Burg und den vielen Restaurants war es ein Fußweg von vielleicht zehn Minuten.
Die Büros waren so wie das Gebäude: quadratisch, praktisch, langweilig. Macht nichts, sagte sich Blanc, von seinem Zimmer aus blickte er über die Wipfel einiger Platanen hinweg bis auf den wuchtigen Turm des Château de l’Empéri im Herzen der Stadt. Den kahlen Schreibtisch würde er mit Fotos von Paulette und den Kindern verschönern, die Wände hingegen würden bald mit Fahndungsfotos, Berichten und Tatortskizzen tapeziert sein. Was ihn mehr beunruhigte als das Büro, waren die Kollegen. Beziehungsweise die Kollegen, die noch nicht da waren. Die drei, vier anderen Büros auf seiner Seite des Flurs waren verlassen.
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Der erste Fall, um den sich die neu gegründete Einheit kümmern soll, ist ein ungeklärter Mehrfachmord im Vallon des Glauges, der sechs Jahre zurückliegt. Bei den römischen Ruinen von Saint-Pierre-de-Vence wurden Damian und Ute Mayer, ein deutsches, in Eyguières ansässiges Ehepaar, sowie Patrick Gravet, ein zufällig anwesender Radfahrer, erschossen. Einzige Überlebende ist die damals sechsjährige Tochter Carla Mayer. Sie wurde schwer verletzt und kann sich an kaum etwas erinnern. Die alten Ermittlungsakten sind dürftig: keine Tatwaffe und kaum Spuren. Denn die Rettung von Carla hatte Priorität. Ein Hubschrauber landete, um die Verletzte auszufliegen. Die Rotorblätter wirbelten alle Spuren durcheinander. Roger Blanc nimmt sich den Fall mit seinem neuen Team vor. Dazu gehören Fabienne Souillard und, in einer inoffiziellen Rolle, sein alter Freund Marius Tonon von der Polizeiwache in Gadet, sowie zwei Neue: Paul Brisson und Alexandra Ayew, die von Sous-Colonel Nkoulou in die neue Einheit berufen worden sind.
Blanc und sein Team befragen das lokale Milieu: den versessenen, sozial auffälligen Restaurator Emanuel Bartelt, der mit Carla Schach spielt und heimlich eine Ermittlungstafel zum Fall führt; Pfarrer Léopold Diop und die Laiengruppe der Gemeinde; den Dorfpolizisten Jean-Michel Zulesi, der sich seit Jahren als Vogelbeobachter tarnt und heimlich im Vallon des Glauges auf die Rückkehr des Täters wartet; die zornige Bäuerin Ange Lemouee, die mit den Mayers verfeindet war; sowie den Reitstallbesitzer und Lokalpolitiker Frédéric «Fredo» Fénogli. Zentral ist auch das deutsche Rentnerpaar Heinz und Martina Kühne, das kürzlich das ehemalige Mayer-Haus gekauft hat und heimlich den Fussboden aufstemmt.
Eine Schlüsselrolle bei den Ermittlungen spielt Carla. Sie ist inzwischen zwölf Jahre alt und lebt bei ihrer Adoptivmutter Sophie Gravet, der Witwe des getöteten Radfahrers Patrick Gravet. Sie war Carlas Patentante und beste Freundin von deren Mutter Ute Mayer. Carla ist hochbegabt und nimmt die Welt in Zahlen wahr: Sie zählt Schritte, Treppenstufen, Entfernungen, kann sich aber nicht an Bilder oder Gesichter erinnern. Doch sie kann sich daran erinnern, dass sie acht Schüsse gehört hat. Roger Blanc versucht bei der Vernehmung des Mädchens zu verstehen, was es bedeutet, die Welt in Zahlen wahrzunehmen.
Carla sah Blanc mit einem undeutbaren Blick an. «Sie gehen über die Terrasse, weil Sie verlegen sind: vier Schritte hin, vier Schritte zurück. Nur eben, als ich Ihnen gesagt habe, dass ich acht Schüsse gehört habe, da waren Sie überrascht und brauchten nur drei große Schritte, um wieder bei mir zu sein. Madame Souillard braucht fünf Schritte für die Terrasse. Und Sie», sie lächelte Marius für eine Sekunde bezaubernd verschwörerisch an, kleine Leute verstehen sich, «Sie brauchen sechs.» Sie zuckte mit den Schultern. «Ich zähle alles, ich kann gar nicht anders. Es waren acht Schüsse.»
Fabienne beugte sich zu Blanc und flüsterte: «Der neunte Schuss galt ihr. Den hat sie vielleicht gar nicht mehr wahrgenommen. Oder sie erinnert sich nicht mehr daran.»
Blanc nickte. Ein böser Mann ohne Gesicht, eine Autofahrt wie ein verwaschener Traum – aber acht Schüsse, vier Schritte … Er begriff, dass dieses Mädchen die Welt mit anderen Augen sah als er. Er begriff, dass ihr Bilder, Farben, Formen nicht viel bedeuteten, dass sie das Universum eher als unendliche Abfolge von Zahlen wahrnahm. Er begriff, dass jemand, der Ziffern sah, wo niemand sonst an sie dachte, vielleicht auch Muster erkannte, auf die niemand sonst achtete. Er begriff, dass er Carla noch einmal befragen musste, nach einer ganz anderen Logik, mit ganz anderen Fragen, auf die sie vielleicht die entscheidenden Antworten geben konnte. Er begriff aber leider auch, dass er im Moment nicht die geringste Ahnung hatte, welche Logik und welche Fragen das sein sollten.
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Die Erinnerungen von Carla sind präzise, aber bestehen vor allem aus Zahlen. Sie unterscheiden sich radikal von den verwaschenen Erinnerungen der Erwachsenen, die sich die Vergangenheit gerne so zurechtlegen, wie es zu ihrem Handeln am besten passt. Deshalb widersprechen sich viele dieser Erinnerungen. Das heisst nicht, dass sie lügen. Aber viele der Menschen in Eyguières machen sich etwas vor. Wenn sie jemanden belügen, dann vor allem sich selbst.
Eine Schlüsselrolle im Roman spielen die Kirchen im Ort. Cay Rademacher nimmt dabei Bezug auf die reale Kirche Notre-Dame-de-Grâce in Eyguières. 2019 verübte jemand nur vier Tage nach dem Brand von Notre-Dame de Paris einen Brandanschlag auf eine Seitenkapelle. Weil ein Hundespaziergänger den Brand entdeckte, entstand nur wenig Sachschaden. Dieser Brandanschlag taucht, etwas abgewandelt, auch im Roman auf. Die Kirchen sind aber nicht nur als kulturhistorische und touristische Objekte wichtig, sondern auch als Orte der Auseinandersetzung mit der Moral.
Mit dem Restaurator Bartelt und mit Pfarrer Diop begehen gleich zwei kirchliche Figuren moralisch fragwürdige, aber strafrechtlich folgenlose Taten. Pfarrer Diop formuliert dabei das klassische moralische Dilemma: Er sagt, eine Lüge sei «eine kleinere Sünde, als stumm dabei zu stehen, wenn ein Unschuldiger für Morde verurteilt wird, die er nicht begangen hat».
Am Ende führt aber nicht der Glaube zum Mörder, sondern die Logik der Zahlen. Roger Blanc zitiert dabei sogar sinngemäss Sherlock Holmes: «Wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschlossen werden können, dann muss die einzig verbleibende, so unwahrscheinlich sie klingt, die richtige sein.» Trotz des blutigen Gewaltverbrechens, trotz harter Auseinandersetzungen und vieler Querbezüge zur Politik in Frankreich bleibt auch die 13. Folge der Krimis mit Roger Blanc ein Roman, der uns leichtfüssig in die Provence entführt und ganz nebenbei mit vielen wissenswerten (und liebenswerten) Informationen über die Region versorgt. Ein wichtiger Faktor dabei ist Paulette, die Nachbarin und seit einiger Zeit Partnerin von Roger Blanc.
Spätabends saß Blanc mit Paulette vor seiner alten Ölmühle in Sainte-Françoise-la-Vallée. Ein Schwarm Fledermäuse – nannte man das einen Schwarm? –, jedenfalls huschten zahllose Fledermäuse in wilden Kapriolen über ihre Köpfe, vollkommen lautlos, Insekten jagend. Blanc hatte sich im Laufe der Monate eine Technik antrainiert, um sie trotzdem zu sehen: Manchmal verdunkelte eine Fledermaus für einen winzigen Augenblick den Mond. Mit etwas Glück konnte Blanc dabei ihren Schatten erhaschen, ein kleines schwarzes Kreuz, das im fahlen Licht ein ganz klein wenig schwarzer war als der Nachthimmel. Er folgte den erratischen Manövern mit den Augen, bis das Tier in den tiefen Schatten eines Baumes oder des Hauses eintauchte und aus seiner Sicht verschwand. Stundenlang hätte er mit Paulette den Jägern zusehen können, dazu ein Glas Rosé und später …
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Für alle Fans von Roger Blanc: Auch im neuen Roman ist Jacques mit dabei, der riesige Hund, der ihm vor einigen Monaten zugelaufen ist. Und auch im neuen Roman kämpft Roger Blanc mit seinem alten Renault Espace. Wieder hilft ihm sein Nachbar Jean-François Riou mit einem Auto aus. Diesmal leiht er ihm den Nachbau eines Citroën Méhari. Das Original wurde von Citroën von 1968 bis 1987 als offenes, leichtes Freizeitauto mit einer Karosserie aus Kunststoff gebaut. Der Nachbau ist ebenfalls aus Kunststoff, weiss, mit einem himmelblauen Stoffverdeck. Die Sitze sind mit Frotteestoff bezogen, wie Strandstühle aus den Sechzigerjahren. Ein Elektro-Méhari. Der sorgt still und leise dafür, dass Roger Blanc auch im neuen Roman spektakuläre Auftritte hat.
Cay Rademacher: Bedrohliche Alpilles. Ein Provence-Krimi mit Capitaine Roger Blanc. . DuMont Buchverlag, 528 Seiten, 26.50 Franken; ISBN 978-3-7558-0045-3
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783755800453
Eine Übersicht über alle bisher erschienenen Buchtipps finden Sie hier:
https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/
Basel, 30. Juli 2026, Matthias Zehnder
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