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#Sommerkrimi mit Patina: «Das Borgia-Porträt» von David Hewson

Publiziert am 23. Juli 2026 von Matthias Zehnder

Sommerzeit – Reisezeit – Lesezeit. In meiner literarischen Sommerserie stelle ich Ihnen jede Woche einen spannenden Krimi vor, der Sie an einen besonderen Ort entführt. Dabei erleben Sie Regionen, die wir sonst nur als Touristen kennen, aus der Perspektive der Einheimischen. Sechs Wochen, sechs Bücher, sechs Reiseziele – vom Mittelmeer bis an den Atlantik, von der einsamen Insel bis in den touristischen Hotspot. Heute geht es nach Venedig, und zwar nicht zu Commissario Brunetti, sondern zu Arnold Clover, einem pensionierten britischen Archivar. Auf Bitten seiner Freundin Capitano Valentina Fabbri von den Carabinieri unterstützt Clover die junge Engländerin Lizzie Hawker: Sie hat den heruntergekommenen, seit fast vier Jahrzehnten leer stehenden Palazzo Ca‘ Scacchi in Dorsoduro geerbt. Der venezianische Geschäftsmann Enzo Canale bestreitet das: Er behauptet, er habe den Palazzo schon vor Jahren gekauft. Im Palazzo taucht eine Leiche auf und ein angeblich von Casanova selbst verfasstes Dokument. Das löst eine Rätseljagd nach einem verschollenen Porträt von Lucrezia Borgia aus, die Arnold Clover und Lizzie Hawker durch die ganze Lagunenstadt und ihre Geschichte führt. In meinem 315. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, warum sich die literarische Reise nach Venedig lohnt.

Wenn ich Ihnen von einem Krimi erzähle, der in Venedig spielt, denken Sie ganz bestimmt sofort an Donna Leon und ihren Commissario Brunetti. Schon dreiundreissig Fälle hat der wackere Commissario in der Lagunenstadt gelöst. Doch der Venedig-Krimi, den ich Ihnen heute empfehle, ist ganz anders. Um Ihnen eine Vorstellung zu geben: Wenn Sie die Krimis von Donna Leon und «The Da Vinci Code» von Dan Brown zusammenlegen und noch eine Prise Umberto Eco hinzufügen, könnte dabei etwa das Buch von David Hewson herauskommen.

Wie Eco und Dan Brown nutzt David Hewson ganz gezielt historische Fakten. Im Zentrum des Romans steht ein verschollenes Porträt von Lucrezia Borgia, der Tochter von Papst Alexander VI. Sie war wohl eine wunderschöne Frau und wurde von ihrem Vater dreimal aus politischen Gründen mit mächtigen Männern verheiratet. Nach dem Tod ihres Vaters wurde sie als Giftmischerin verunglimpft. Ihrem Bruder Cesare und ihrem Vater wurde Inzest mit ihr vorgeworfen. Das ist aber vermutlich politische Propaganda.

Lucrezia Borgia war wohl nicht nur eine sehr schöne, sondern auch eine sehr kluge Frau. Ihr Vater übergab ihr mehrfach während seiner Abwesenheit die Regierungsgeschäfte im Vatikan. Durch ihre dritte Heirat wurde sie zur Herzogin von Ferrara und verteidigte, als ihr Mann abwesend war, die Stadt Ferrara gegen die Truppen des Papstes. Das hinderte Autoren wie Victor Hugo und Alexandre Dumas nicht daran, ihr dunkelste Seiten und Intrigen anzudichten.

Besonderes fasziniert von Lucrezia Borgia war der englische Dichter Lord Byron. Er behauptete sogar, er habe einen Teil einer goldenen Haarsträhne gestohlen, die von Lucrezia Borgia stammen soll und bis heute in der Biblioteca Ambrosiana in Mailand aufbewahrt wird. Im Bestand der Bibliothek befinden sich auch neun Briefe, die Lucrezia an ihren venezianischen Liebhaber Pietro Bembo geschrieben hat. Das alles bildet den realen, historischen Hintergrund zur Geschichte, die uns David Hewson erzählt.

Seine Hauptfigur, Arnold Clover, erzählt die Geschichte aus der Ich-Perspektive. Für den Leser nimmt er die klassische Vermittlerrolle ein: Er sagt von sich selbst, er sei «Engländer, ein Fremder, akzeptiert, aber dennoch ein Aussenseiter». Als Archivar kennt er sich mit der Geschichte von Venedig aus, ist aber auf seine Freunde in der Stadt angewiesen. In erster Linie ist das der Archivkollege Luca Volpetti, der stets mit Informationen über die Geschichte der Stadt bereitsteht. Aber auch Capitano Valentina Fabbri von den Carabinieri hilft Arnold Clover, wo sie kann.

Die Ausgangslage scheint einfach: Lizzie Hawker hat den heruntergekommenen Palazzo Ca‘ Scacchi geerbt. Das Haus liegt zwischen Guggenheim-Museum und Salute-Kirche und steht seit fast vier Jahrzehnten leer. Ihre Mutter Lucia, die letzte Contessa Scacchi, ist vor rund 35 Jahren spurlos verschwunden und wird als vermutlicher Suizid ohne Leiche geführt. Ihr Vater Chas Hawker, ein englischer Musikproduzent, stürzte ab in Drogen und verlor viel Geld mit zweifelhaften Geschäften. Er ist einige Jahre vor Beginn der Handlung gestorben.

Ein Gerichtsbeschluss erlaubt der Stadt Venedig nun, den baufälligen Palazzo auf seinen Zustand prüfen zu lassen. Arnold soll bei der offiziellen Besichtigung Lizzie unterstützen. Während der Begehung des Palazzo stürzt der Boden im Innenhof ein. Darunter liegt eine vergessene Templerkrypta. Arnold und Lizzie werden beim Einsturz verschüttet. In der Krypta findet sich ein Skelett in einem verblichenen Blumenkleid, wie es Lucia getragen hat, die Mutter von Lizzie. Unter der Leiche liegen maschinengeschriebene Seiten: eine Casanova-Geschichte, die Lucia offenbar kurz vor ihrem Verschwinden verfasst hat.

In der Geschichte erinnert sich Giacomo Casanova an eine Liebesnacht in Venedig, bei der ihm – vermutlich unter Drogeneinfluss – ein verborgenes, überaus erotisches Gemälde der Lucrezia Borgia gezeigt wird. Auf dem Bild ist Lucrezia nackt bis auf Perlenkette und Kopfschmuck. An einem Ende des Goldrahmens ist ein Glasbehälter mit einer Haarsträhne angebracht. Überwältigt von Verlangen stiehlt Casanova das Bild.

«Und noch etwas», fügte Luca hinzu. «Noch ein kostbares Objekt ist verschwunden. Soweit die Abteilung für Kunstraub feststellen konnte, ist es bis jetzt noch nicht wieder aufgetaucht. Davon wüssten wir. Hier, Arnold, lies, was euer Dichter Lord Byron darüber schreibt. Einige Zeilen, die er für seinen Freund, den irischen Schriftsteller Thomas Moore, verfasst hat.» Luca war einer der kompetentesten Rechercheure, die ich kannte. Er fand auch die verstecktesten Quellen. Es handelte sich um den Auszug aus einem alten Nachschlagewerk. Der aus Venedig stammende Brief war auf den 9. Januar 1817 datiert und an «Jolly Tom Moore» in England adressiert.
«Mein Herz gehört noch immer meiner ‹Lucrezia›. Mit Abstand die schönste Frau, die ich hier erblickt habe, die liebenswerteste, der ich je begegnet bin – und ebenso einzigartig. Ich glaube, ich habe dir in meinem letzten Brief von Entstehung und Fortgang unserer Liaison berichtet. Für den Fall, dass er dich nicht erreicht hat, wiederhole ich einfach, dass sie eine Venezianerin blauen Blutes ist, eine Familie aus dem Goldenen Buch, zweiundzwanzig Jahre alt und mit einem niederen Adeligen verheiratet, der es sich mit seinen Dirnen in Ferrara gutgehen lässt. Sie hat große dunkle Augen und besitzt alle Qualitäten, die sie versprechen. Womöglich hat meine Liebe zu ihr mich zugrunde gerichtet; jedenfalls habe ich selten eine Frau von solcher Schönheit gesehen. Und nun dieser Schmerz, der mich quält und erfreut zugleich. Erinnerst du dich an die goldene Locke, die ich dir in Mailand zeigte? Hier habe ich die tote Dame quasi höchstpersönlich kennengelernt und sie wieder mit ihrem Haar vertraut gemacht. Sie ist genauso schön wie ihre Namensvetterin, und wir zwei vergnügen uns vor ihr mit großer Freude.»
«Byron war der Liebhaber einer früheren Gräfin Scacchi», erklärte Luca. «Derjenigen, die den Namen Lucrezia trug. Die goldene Locke wird noch immer in der Biblioteca Ambrosiana in Mailand aufbewahrt. Sie gehörte Lucrezia Borgia und war, wie er meint, so wundervoll, dass er ein paar Strähnen stahl. Einem Brief nach, den er später an Moore schrieb, sah er hier in Venedig ein geheim gehaltenes und äußerst erotisches Porträt von Lucrezia Borgia, im Schlafgemach des Palazzo der Scacchi. Byron sagt, er habe die Locke seiner Geliebten als Geschenk überlassen. Sie befestigte sie in einem kleinen Glasbehälter an dem Gemälde.»

(Seite 44)

Um dieses Porträt von Lucrezia Borgia dreht sich die folgende Rätseljad durch Venedig. Weil die Rätsel, die Lucia Scacchi hinterlassen hat, sie einmal rund um Venedig führen, erleben wir dabei wie nebenbei die unterschiedlichen Stadtteile und Seiten der Serenissima. David Hewson referiert dabei nicht einfach Kunstgeschichte, sondern macht die Stadt für uns sinnlich erlebbar.

Lizzie entschied sich für Ravioli mit Ricotta, Orangenschale und Safran. Ich blieb beim klassischen fegato, zarte Rinderleberstreifen auf weicher, frischer Polenta, weißer, wie es im Veneto üblich war. Helles Augusttageslicht verblasste zu sanftem Rosa, das Richtung Westen von den sich türmenden Wolken durchbrochen wurde, die ein Gewitter ankündigten. Alle paar Minuten kam der Kellner heraus, um in den Himmel zu schauen. Ich kannte dieses Ritual. Leute wie er konnten das venezianische Wetter deuten wie ein Kapitän das Meer. Würde er denken, der Wolkenbruch stünde kurz bevor, und mit ihm heftige Böen, dann würde er uns hineinbitten und die Schirme schließen, bevor sie über den Platz geweht würden. Wenn das Unwetter vorbei wäre – und das war gewöhnlich eine Sache von Minuten –, würde er zurückkommen und nachschauen, ob die Lage es erlaubte, uns wieder an unseren Tisch zu bringen. Jetzt aber noch nicht. In der zunehmenden Dämmerung eines milden Spätsommerabends, eine unberechenbare Brise um uns herum, aßen wir, tranken wir, und vor allem redeten wir. Das Thema Enzo Canale vermied ich. Stattdessen sprachen wir ausführlich über Lucia Scacchis merkwürdige Geschichte. Wie sie wohl zustande gekommen war. Was sie wirklich bedeutete.
(Seite 175)

Damit ist der Krimi von David Hewson nicht nur eine spannende Geschichte, sondern bietet auch wunderbare und neue Zugänge zur Stadt Venedig. Arnold Clover wird dabei klar, dass er die Stadt nicht von Aussen und damit mit den Augen eines Touristen betrachten darf:

Sie schob den Laptop zur Seite. «Ich geb’s auf. Ist in dieser Stadt irgendetwas einfach? Eindeutig?» Ja, dachte ich. Das meiste eigentlich. Vorausgesetzt, man betrachtete es richtig, durch das schiefe Prisma, das Venedig erforderte. Wir näherten uns Lucia Scacchis Rätseln aus der falschen Richtung. Als Außenstehende, gefangen in der Denkweise von Fremden. Es war kein Zufall, dass wir die Lösungen immer Venezianern zu verdanken hatten …
(Seite 199)

Arnold Clover lernt im Laufe der Geschichte, Venedig durch die Augen der Venezianer zu sehen – und wir natürlich mit ihm. Der Perspektivenwechsel lehrt ihn nicht nur, die Stadt neu zu sehen, sondern auch sich selbst:

«Weißt du», fuhr ich fort und suchte nach den richtigen Worten, «wir verbringen so viel Zeit unseres Lebens damit, uns auf etwas zu freuen. Auf das, was kommt. Was die Zukunft uns vielleicht bringt. Dann, wenn wir älter werden, ändert sich das. Wir blicken nicht mehr nach vorn, sondern beginnen zurückzuschauen. An dem Punkt bist du noch nicht. Noch lange nicht. Ich schon. Er verändert alles.»
(Seite 298)

In der Tat. David Hewson ist mit seinem Venedig-Krimi ein Buch gelungen, das auf wunderbare Weise die Waage hält zwischen einem spannenden Plot, interessanten historischen und kunsthistorischen Informationen und etwas, was ich geniessende Nachdenklichkeit nennen würde. Schön.

David Hewson: Das Borgia-Porträt. Ein Venedig-Krimi. , übersetzt von Birgit Salzmann. Folio, 304 Seiten, 31.90 Franken; ISBN 978-3-85256-927-7

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783852569277

Eine Übersicht über alle bisher erschienenen Buchtipps finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/

Basel, 23. Juli 2026, Matthias Zehnder

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