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#Sommerkrimi mit Hintersinn: «Bretonischer Glanz» von Jean-Luc Bannalec

Publiziert am 16. Juli 2026 von Matthias Zehnder

Sommerzeit – Reisezeit – Lesezeit. In meiner literarischen Sommerserie stelle ich Ihnen jede Woche einen spannenden Krimi vor, der Sie an einen besonderen Ort entführt. Dabei erleben Sie Regionen, die wir sonst nur als Touristen kennen, aus der Perspektive der Einheimischen. Sechs Wochen, sechs Bücher, sechs Reiseziele – vom Mittelmeer bis an den Atlantik, von der einsamen Insel bis in den touristischen Hotspot. Heute geht es in die Bretagne. Hier lässt Jean-Luc Bannalec bereits zum 15. Mal Commissaire Georges Dupin in Sachen Mord ermitteln, und diesmal geht es dem koffeinsüchtigen Pariser Polizisten tüchtig an den Kragen. Eigentlich ist er ja Kommissar in Concarneau. Er wird nur nach Roscoff in den äussersten Norden der Bretagne gerufen, weil der zuständige Kommissar in Pension geht und dessen Nachfolgerin noch auf Martinique Urlaub macht. Roscoff ist berühmt für die rosa Zwiebeln und sein Krimifestival. Ausgerechnet auf dem Gelände dieses Krimifestivals ist eine junge Frau ermordet aufgefunden worden. In meinem 314. Buchtipp sage ich Ihnen, warum sich die literarische Reise in die Bretagne lohnt.

Commissaire Georges Dupin geniesst die Julisonne auf der Terrasse des Amiral in Concarneau und will gerade sein Tartare de Bœuf essen, als sein Handy klingelt. Der Anrufer ist Brioc Le Bloch, Kommissar aus Morlaix. Er steht unmittelbar vor seiner Pensionierung, doch er hat einen Mord an der Backe: Auf dem Gelände des Krimifestivals in Roscoff ist die Leiche einer jungen Frau aufgefunden worden. Unserem guten Kommissar gefällt es gar nicht, dass er sein Tartare stehen lassen und nach Roscoff fahren muss. Zumal Partnerin Claire hochschwanger ist.

Der Kniff mit der Pensionierung des Kommissars von Morlaix verschafft Dupin aber einen Grund, in Roscoff und damit weit ausserhalb seines angestammten Reviers zu ermitteln. Roscoff liegt zwar noch im Département Finistère, aber im äussersten Nordwesten Frankreichs an der Nordküste der Bretagne. Die Hafenstadt befindet sich auf einer Halbinsel am Ärmelkanal und der Bucht von Morlaix. Von Roscoff aus verkehren unter anderem Fähren nach Plymouth und Cork.

Kommissar Le Bloch sagt bei der Übergabe des Falls zu Dupin: «Roscoff liegt näher an Plymouth als an Rennes.» Das stimmt: Roscoff war jahrhundertelang ein Knotenpunkt zwischen zwei Kulturen. Im Roman erzählt eine Zwiebelbäuerin dem Kommissar, warum dabei auch Zwiebeln eine grosse Rolle spielen und was es mit den bretonischen Johnnys auf sich hat, jungen Männern aus armen Roscoffer Bauernfamilien, die seit dem frühen 19. Jahrhundert ihre Fahrräder mit Zwiebeln bepackten, mit der Fähre den Ärmelkanal überquerten, um in England von Tür zu Tür die Zwiebeln zu verkaufen:

«Die Engländer liebten die süßliche, hübsche französische Zwiebel. ‹Wenn du einen Zopf Zwiebeln in der Hand hast›, hieß es bald, ‹öffnet sich jede Tür.› Sogar die von Churchill, der die Roscoffer Zwiebel verehrte und sie persönlich an seiner Haustür in Empfang genommen haben soll.»
Corinne le Corre blickte in die Ferne.
«Das war der Anfang von allem. Der Johnny war geboren. Bald fuhren Dutzende junge Männer mit Fahrrädern durch die englischen Grafschaften, jeweils bis zu sechzig Kilo Zwiebeln an beiden Seiten des Lenkers. – Das goldene Zeitalter waren die Dreißigerjahre des 20. Jahrhunderts, da waren es tausendfünfhundert Johnnys, die sich in Kompanien organisiert auf den Weg machten, um das Königreich zu erobern. Bis nach Wales und hinauf zu den schottischen Shetlandinseln, alles mit dem Fahrrad! Die englische Presse sprach schon von den ‹neuen französischen Invasoren›.»

(Seite 72)

Die Geschichte gibt einen Eindruck davon, wie wichtig die Zwiebeln für Roscoff sind. Entsprechend ernst nimmt man im Städtchen die Ermordung der jungen Frau: Annic Philouze ist (oder war) eine streitbare Zwiebelbäuerin. Ihre Familie kultiviert den Hof seit dem frühen 18. Jahrhundert. Sie hat sich für den biodynamischen Landbau eingesetzt und war, wie es Tourismusdirektorin Paula Martin ausdrückt, eine «très écolo», eine Unbequeme auch für den Verband der Zwiebelbauern. Georges Dupin beginnt deshalb mit seinen Ermittlungen im Zwiebelmilieu.

Roscoff nimmt die Ermordung einer Zwiebelbäuerin so ernst, wie Bordeaux die Ermordung eines Winzers nehmen würde. Die Oignon de Roscoff trägt seit 2010 das AOP-Siegel, ist also eine Appellation d’Origine Protégée. Die Zwiebeln sind das rosarote Gold von Roscoff: Sie sind mild, süsslich, pikant und saftig zugleich; gekocht schmelzen sie auf der Zunge. Ihre rosarote Schale unterscheidet die Zwiebeln von Roscoff von jeder anderen Zwiebel. Diese Schale verleiht ihr einen charakteristischen Schimmer. Dieser Glanz ist ein Grund für den Titel des Romans.

Aber zum Zeitpunkt der Ermordung gibt es noch andere, die in Roscoff für viel Glanz sorgen: Das jährliche Krimifestival hat berühmte Autorinnen und Autoren in die Stadt gelockt. Das führt zu einigen lustigen Begegnungen zwischen dem Kommissar und den Krimischriftstellern. Denn Dupin hasst Literatur über Verbrechen. Er hasst, dass jemand einen Roman über einen «Commissaire Dupont» aus Concarneau schreiben will. Er mag keine Videokonferenzen, keine Präfektenberichte und schon gar keine Berichte über sich selbst.

Kadeg blickte ihn irritiert an. «Na, das ist doch mal was, oder, Monsieur le Commissaire? –Ein krimineller Mord auf einem Krimifestival!» Der Inspektor schien hellauf begeistert. Fast hätte Dupin den Fehler begangen, Kadegs Aussage zu kommentieren. Gab es nicht-kriminelle Morde? Und warum sollte er sich für einen Mord auf einem Krimifestival mehr interessieren als für einen Mord auf einem Musikfestival?
(Seite 22)

Weil es während des Krimifestivals in Roscoff nur so wimmelt von berühmten Krimiautorinnen und -autoren. Kadeg und Riwal, die beiden Assistenten von Dupin, kriegen schon weiche Knie, wenn sie die Namen der Stars nur hören, ganz zu schweigen davon, dass sie mit allen sprechen müssen. Kadegs Liebling ist Baptiste Renault, ein gefeierter französischer Krimiautor. Dann ist da Allyson Christic, eine berühmte britische Krimiautorin aus Devon. Sie hat bretonische Vorfahren und spricht perfekt Französisch. Besonders auf die Nerven geht Dupin Robert Rouxel. Er hat einen Roman über einen «Commissaire Jules Dupont» in Concarneau geschrieben und will jetzt, mit dem Segen des Präfekten, Dupin begleiten und eine True-Crime-Novel schreiben. Also genauso, wie wir das aus der TV-Serie «Castle» kennen, in der Krimi-Autor Richard Castle Kriminalpolizistin Kate Beckett begleitet.

Die Konstellation gibt Jean-Luc Bannalec die Möglichkeit, über seine eigene Zunft abzulästern und im Krimi über Krimis zu schreiben. Gegenüber der Engländerin Allyson Christic, einer resoluten, alten Dame, ist sogar der Kommissar freundlich:

Allyson Christic. Dupin kannte den Namen, natürlich, ihre Bücher lagen auf Claires Nachttisch. «Es ist mir eine Freude, Madame», hörte Dupin sich sagen. Als Ermittler für echte Verbrechen erschien es ihm abstrus, sich in seiner Freizeit mit erfundenen Verbrechen zu beschäftigen, aber Claire liebte Krimis. Vor allem liebte sie die Klassiker des Genres, die «klassischen Klassiker», wie sie es nannte: Simenon, Collins, Christie, Conan Doyle, Highsmith, Hammett … «Ich … Ich komme zu Ihnen hoch, Madame Christic.» Dupin wandte sich an die Hotelmanagerin. «Entschuldigen Sie mich, Madame – und vielen Dank schon mal.»
«Sehr gerne, wann immer wir Ihnen behilflich sein können, stehen wir zu Ihrer Verfügung. Sie haben meine Handynummer, ich bin Tag und Nacht für Sie erreichbar.»
Dupin nickte und ging auf die Treppe zu, die vom Strand auf die Terrasse führte. «Hotel Guests Only», stand auf einem übergroßen gelben Schild, das offenbar aus der Zeit stammte, in der Engländer in Roscoff noch ein und aus gegangen waren.
Dupin schätzte Madame Christic auf etwa achtzig, das funkelnde Feuer in ihren grünen Augen aber war das eines jungen Menschen.
«Enchanté», begrüßte sie ihn. «Commissaire Georges Dupin, Commissariat de Police de Concarneau», sagte sie, bevor er es tun konnte.
Riwal war mit der Autorin am Geländer der Terrasse stehen geblieben.
«Wenn ich richtig interpretiere, was ich über Sie in Artikeln im Internet gelesen habe», sie schmunzelte, «haben Sie sich als Ermittler auf außergewöhnliche Fälle spezialisiert.»
Dupin bemühte sich um ein Lächeln. «Ganz und gar nicht, Madame. Ich bearbeite ganz normale Fälle. Gewöhnliche Polizeiarbeit.»
Jetzt war es Riwal, der lächelte.
«Aber», Dupin kam gleich zur Sache, «lassen Sie uns über den gestrigen Abend und die junge Frau sprechen, die Sie gesehen haben, Annic Philouze. – War jemand bei ihr? Hat sie jemanden getroffen?»
Dupin hatte Notizheft und Stift aus der Hosentasche geholt.
«Ich habe niemanden gesehen. – Aber natürlich wird sie deswegen hier gewesen sein. Um jemanden zu treffen. Sie hatte hier eine Verabredung, warum sonst sollte sie nach dem Ende der Lesung herkommen? – Und natürlich denkt man sofort an einen Hotelgast oder einen Festivalbesucher», Madame Christic legte den Kopf schief, «dabei könnte es auch jemand gewesen sein, der weder Gast noch Besucher war und das Festivalgelände für die Verabredung mit seinem Opfer absichtlich gewählt hat, damit wir denken, es handele sich um einen Gast oder einen Besucher.»
Schon klang es nach einem Krimi.

(Seite 40)

Wie gesagt: Eine resolute, alte Dame. Dupin verfällt ihrem rustikalen Charme sofort. Den anderen Krimiautoren geht er dagegen aus dem Weg. Sie sind das pure Gegenteil des Kommissars: Sie wollen die Erzählung kontrollieren. Sie stellen die Handlung in den Dienst der Geschichte. Bei Dupin ist es umgekehrt: Er ist ein Handelnder, der das Schreiben verachtet. Das ist, neben viel Lokalkolorit und Zwiebeln, das eigentliche Thema des Romans: Die narrative Eitelkeit der Autoren steht gegen die antinarrative Praxis des Kommissars. Die damit verbundene Spannung ist es denn auch, was den Roman von einem normalen Serienkrimi unterscheidet.

Besonders Bauchschmerzen bereitet Dupin dieser Robert Rouxel, der Star-Autor, der sich Dupin an die Fersen heften will. Der Präfekt sieht darin natürlich eine wunderbare Gelegenheit für gute Presse und schimpft mit Dupin.

«Dass Sie tatsächlich willens sind, eine einmalige Chance zu vertun! Nur wegen Ihrer sturen Eitelkeit! Aber das werde ich nicht zulassen, Dupin!» «Bitte?» «Na, Robert Rouxel!» «Robert Rouxel?» «Der Starautor, der uns berühmt machen will.» «Was?» Dupin ahnte, wer es dem Präfekten gesteckt hatte, er würde ein ernstes Wort mit Kadeg sprechen. «Er lässt seine neue Krimireihe in Concarneau spielen! Und will mich und Sie zum Vorbild für seine Hauptfiguren machen! Ich muss Ihnen wohl nicht sagen, was das für eine großartige PR für uns wäre? Und das ganz umsonst! – Ich bestehe darauf, nein», er klang immer grimmiger, «ich befehle Ihnen, dass Sie sich eine Zeit lang von ihm begleiten lassen!»
«Mich begleiten lassen?» Vorhin war es noch um einen einmaligen Besuch im Kommissariat gegangen.
«Und das schon bei Ihrem aktuellen Fall! Ich meine, das ist doch ideal. Perfekt geradezu! Er ist vor Ort, Sie sind vor Ort, und es gibt einen interessanten Mord. Jetzt sogar zwei. – Wenn ich hier nicht gerade mit so ungemein wichtigen Dingen beschäftigt wäre, würde ich sofort selbst kommen, um die Sache in die Hand zu nehmen.»
«Wir befinden uns mitten in einer Ermittlung, Monsieur le Préfet, zwei junge Menschen wurden grausam ermordet und der Täter läuft frei herum.»
«Aber genau darum geht es doch, Dupin! Sie werden Rouxel vorführen, wie wir den Mörder hinter Gitter bringen!»
Dupin spürte heiße Wut in sich aufkommen. «Ich denke nicht, dass …» «Das ist nichts, wo es für Sie überhaupt etwas zu denken gäbe, Dupin! Das ist eine dienstliche Anweisung! Sie werden …» «Es tut mir leid, Monsieur le Préfet, da ruft gerade der Gerichtsmediziner an, das ist dringend, ich melde mich zurück.» Schon hatte Dupin aufgelegt. Es war die einzige Möglichkeit gewesen, eine fatale Eskalation zu vermeiden. Er atmete ein paarmal lang ein und aus, so wie Claire es ihm beigebracht hatte. «Nicht, dass du wieder strafversetzt wirst …», hatte sie einmal besorgt gesagt.

(Seite 96)

Die Zwiebeln sind im Roman übrigens kein zufälliges kulinarisches Accessoire. Sie bilden das eigentliche Rückgrat des Handlungsorts: das Motiv für alte Konflikte zwischen konventionellen und biodynamischen Erzeugern. Sie sind die Ursache für die Gründung einer Confrérie, der Anlass für ein Patronatssystem, in dem einzelne Männer über Macht und Netzwerke verfügen. Und natürlich ermöglicht das Zwiebelmilieu es Jean-Luc Bannalec, in den kulinarischen Spezialitäten von Roscoff zu schwelgen. Da sind etwa die berühmten «Oignons de Roscoff farcis aux châtaignes et à la pomme», in leicht gesalzener Butter gebratene Zwiebeln, die mit gehackten Esskastanien und Äpfeln gefüllt sind. Bestreut mit Semmelbrösel, Petersilie und Butterflöckchen, dazu ein paar Tropfen Cidre. Dupin liebt diese Mischung aus Herzhaftem und Süssem, und noch dazu Esskastanien in jeder Form.

Ein ähnlich präziser Volltreffer ist beim Kommissar die «Tarte Tatin aux Oignons de Roscoff au miel», in Honig karamellisierten Roscoff-Zwiebeln. Oder die «Crème d’Oignons de Roscoff au parmesan», Roscoffer Zwiebelsuppe mit Muskat und Thymian, das Cidre-Zwiebelkompott, Roscoff-Gulasch und Barschfilet auf einem Zwiebelbett und schliesslich der Höhepunkt: «Clafoutis d’Oignons de Roscoff mit Käse aus den Monts d’Arrée.» Herrlich.

Jean-Luc Bannalec belässt es aber nicht bei touristischen Höhepunkten. Bei den Celtic Ferries kommt es zu einem Arbeitskampf, weil eine wichtige Strecke einer anderen Fährgesellschaft zugesprochen wurde. Ein reicher Geschäftsmann kauft Land auf, weil er ein Luxushotel bauen will. Die einheimischen Bauern streiten darüber, ob die Zwiebeln weiterhin konventionell angebaut oder nach biodynamischem Landbau kultiviert werden sollen.

So tragen seine Krimis dazu bei, dass wir die Bretagne besser verstehen und nachvollziehen können, warum den Bretonen «Frankreich» immer noch suspekt ist (die Bretagne gehört «erst» seit 1532 zu Frankreich). Wir wissen, dass ein Bretone mit Butter kocht, nicht mit Olivenöl, und dass das Wetter in der Bretagne fünfmal am Tag schön wird. Aber das darf nur ein Bretone kommentieren.

Jean-Luc Bannalec: Bretonischer Glanz. Kommissar Dupins fünfzehnter Fall. . Kiepenheuer & Witsch, 320 Seiten, 26.50 Franken; ISBN 978-3-462-00603-2

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783462006032

Eine Übersicht über alle bisher erschienenen Buchtipps finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/

Basel, 16. Juli 2026, Matthias Zehnder

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