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Homo Faber in Derborence: «Tal der Schwalben» von Seraina Kobler

Publiziert am 14. Mai 2026 von Matthias Zehnder

Vor genau einem Jahr, am 28. Mai 2025, hat eine Schutt- und Eislawine Blatten im Lötschental unter sich begraben. Vom kleinen Nesthorn waren sechs Millionen Kubikmeter Gestein und drei Millionen Kubikmeter Eis des Birchgletschers zu Tal gestürzt. Die Ursachen dafür hängen mit der Klimaerwärmung zusammen. Dennoch ist es in der Schweiz erstaunlich still geblieben rund um den Bergsturz. Das ändert jetzt Seraina Kobler mit einem Roman, der in einer zukünftigen Schweiz spielt. In ihrer Geschichte ist die Schweiz zweigeteilt in die «Metropolitane», das Siedlungsgebiet, das aus den zusammengewachsenen Städten im Mittelland besteht, und das «Restland», dem hermetisch abgeriegelten Berggebiet, das aus Sicherheitsgründen zur Sperrzone erklärt worden ist. Im Zentrum der Geschichte steht Alesch. Er stammt aus Pradetta, einem Bergdorf, das, bedroht durch Bergstürze und die Interessen eines mächtigen Stromkonzerns, vor dem Untergang steht. Alesch forscht in Lausanne als Wissenschaftler an einer revolutionären Energietechnologie. Im Auftrag des Stromkonzerns reist er nach Pradetta. Da gerät er zwischen die Fronten von wissenschaftlichem Fortschritt, politischem Machtkalkül und der Verbundenheit zu seiner alpinen Heimat. In meinem 305. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, warum die Lektüre des Romans gerade jetzt ein packendes Erlebnis ist.

 

Sicher kennen Sie «Homo Faber» von Max Frisch, seinen Roman über den Ingenieur Walter Faber, der an Technik, Vernunft und Statistik glaubt und Gefühle, Zufälle oder Schicksal ablehnt. Vielleicht kennen Sie auch «Derborence», den Roman des Schweizer Schriftstellers Charles Ferdinand Ramuz aus dem Jahr 1934, der die historischen Bergstürze von Les Diablerets im Kanton Wallis verarbeitet. Man könnte diese beiden Romane als Vorläufer von «Tal der Schwalben» bezeichnen.

Im Unterschied zu «Derborence» und zum Bergsturz von Blatten ist es bei Seraina Kobler nicht nur die Natur, die die Berge für die Menschen unbewohnbar macht, sondern auch die Politik. Energie ist ein knappes Gut. Die Energiekonzerne der Schweiz haben zu einer einzigen, mächtigen Stromgesellschaft fusioniert. Chefin des Unternehmens ist Sofia Malitzky. Bei ihr laufen alle Fäden zusammen. Sie will mit allen Mitteln so viel Strom aus den Alpen quetschen, wie technisch möglich ist. Dazu soll die Volksinitiative «Stromexpress» der Stromgesellschaft praktisch staatliche Kompetenzen übertragen. Vor allem aber forschen Wissenschaftler im Auftrag der Stromgesellschaft an neuartigen Energietechnologien.

Einer dieser Wissenschaftler ist Alesch. Er ist Anfang dreissig und arbeitet als Forschungsleiter eines Hochschullabors am Genfersee, das an einer «subthermalen Fusion» arbeitet, eine Energietechnologie, die Teilchenbeschleuniger und tiefe Kühlung kombiniert. Er stammt ursprünglich aus dem Bergdorf Pradetta in der heutigen Sperrzone. Er ist als junger Mann ans andere Ende des Landes ausgewichen, nachdem ihm die Familie der damaligen Geliebten Annetta die Beziehung verunmöglicht hatte.

Alesch lebt also in Lausanne. Hier laufen gerade die Vorbereitungen für eine Landesausstellung im Stil von 1964. Auf dem See treiben schwimmende Inseln, am Himmel kreisen Zeppeline, an Land demonstriert das Volk gegen die Ausstellung.

Auf der Rue de Simplon riecht es nach Frühlingssonne und Tränengas. Die Schlange unter den gestreiften Markisen vor der Bäckerei ist an diesem Morgen gerade so lang, dass Alesch sich überwinden kann, sich anzustellen. Er schließt das Herrenrad an einen Laternenpfahl und stellt sich in den gezackten Schatten, den das Blätterkleid der Platanen auf den Asphalt wirft. Jemand spritzt mit einem Schlauch nasse Asche von den halb verkohlten Mülleimern. Menteurs, «Lügner», ist in fetten Großbuchstaben über die farbenfrohe Abbildung des Seeufers gesprüht worden, an dem in wenigen Tagen die neue Landesausstellung eröffnet werden soll. Das Plakat wie die Ausstellung selbst: eine stilistische Reminiszenz an die Sechzigerjahre des letzten Jahrhunderts. Denn je schwärzer die Zukunft, umso besser kann man sich in der Vergangenheit verkriechen. Oder in diesem Fall in einer Zukunft, wie man sie sich früher vorgestellt hat. Vielleicht nicht die originellste Idee, aber verlässlich. Zumindest in technologischer Hinsicht: einfachere Lösungen, einfachere Wartung, einfachere Reparatur. (Seite 17)

Alesch ist mittendrin und steht doch daneben. Er ist ein ehemaliger Bergler aus dem Restland. Mit dieser Vergangenheit wird Alesch konfrontiert, als er mit Professor Wolfheim in einem Grandhotel an einem Strombranchenkongress teilnimmt. An der Rezeption wird ihm anonym ein Umschlag übergeben: die abgerissene Hälfte einer Verlobungsanzeige aus Pradetta. «Seine» Annetta heiratet. Später erhält er ein zweites Päckchen: ein Halstuch aus Pradetta und Buchseiten mit der Sage vom unglücklichen Senn Alesch und seiner toten Geliebten Annetta.

Am Strombranchenkongress tritt auch Sofia Malitzky auf. Die Chefin der Metropolitan-Stromgesellschaft wirkt äusserlich zerbrechlich. Sie ist klein, trägt ein elfenbeinfarbenes Abendkleid und hat Chanel-Rot auf den Lippen. Sie hält die Festansprache und wirbt für ihren «Stromexpress», ein gewaltiges Ausbauprogramm der Wasserkraft in den Bergen, das nur noch durch eine Volksinitiative bewilligt werden muss. Die Art, wie sie spricht, kennen wir nur allzu gut.

Sie spricht von weiteren Ausbauplänen der Wasserkraft – der freundlichsten aller Energiegewinnungsmöglichkeiten – in einer bis auf den letzten Meter genutzten alpinen Brache. Viel zu lange habe niemand mehr in diesem Land eine richtige Vision gewagt. Ihr Blick hakt sich an zufällig ausgesuchten Gesichtern im Saal fest. «Das stimmt nicht!, werden Sie jetzt denken», fährt sie fort. «Und trotzdem ziehen auch Sie nur das in Betracht, was wahrscheinlich, was plausibel ist.» Ihre Stirn kräuselt sich. «Darum möchte ich Sie hier und heute einladen: Denken wir zusammen über unsere Zukunft nach. Es hat viel zu lange Stillstand geherrscht in diesem Land. Wie sollen wir leben? Mit welchen Mitteln schützen wir, was uns wichtig ist? Unser Stromexpress ist Antwort darauf. Dank ihm können wir den Ausbau neuer Technologien direkt und ohne Hindernisse vorantreiben und zu Wissenschaftspionieren werden. Wenn die in einigen Wochen anstehende Volksinitiative angenommen und unsere Arbeit in der Bundesverfassung verankert ist, steht uns nichts mehr im Wege. Ja, meine Damen und Herren, das ist eine Vision, die so gewaltig ist, dass sie über unsere eigenen vergänglichen Schicksale hinaus leuchten wird.» Anschwellender Applaus. Sie hebt ihr Glas. «Darauf trinken wir.» (Seite 61)

Am nächsten Morgen bestellt die Stromchefin Alesch auf ihre Suite. Sie macht ihm ein verführerisches Angebot: Er soll in sein Heimatdorf zurückkehren und die Bewohner von Pradetta überzeugen, ihr Land an die Stromgesellschaft abzutreten, damit das Tal definitiv geräumt werden kann. Als Entschädigung verspricht sie ihm dafür einen eigenen Lehrstuhl in Zürich.

Zurück in Lausanne wird ihm der Entscheid einfach gemacht: In seiner Abwesenheit ist sein Forschungsprojekt implodiert. Im Labor ist es zu einem Zwischenfall gekommen. Alesch wird beurlaubt und mit dem Vorwurf «mangelnder wissenschaftlicher Sorgfalt» aus dem Labor verbannt. Professor Wolfheim rät ihm, das Angebot der Stromchefin anzunehmen. Dieser Professor Wolfheim ist die Homo-Faber-Figur im Roman. Er steht für erbitterten Glauben an die Machbarkeit und an die Technik.

Also reist Alesch mit Sack und Pack und einigen Messgeräten nach Pradetta. Das ist gar nicht so einfach. An der Barrikade in Chur ist für reguläre Reisende Endstation. Alesch muss umsteigen in einen Sonderzug für das Personal der Stromgesellschaft. Der fährt auf einem versteckten Gleis.

Selbst mithilfe der Anweisungen in seinen Unterlagen dauert es eine Weile, bis Alesch früh am nächsten Morgen das versteckte Gleis findet. Nichts ist angeschrieben, keine Hinweise. Außer vielleicht die schwer schnaubende Lok, deren Geruch nach Feuerrauch und Maschinenöl ihn schließlich zuverlässiger zum Ziel geführt hat als die Lageskizze der Stromgesellschaft. An der Schnauze wird gerade ein Pflug montiert zum Räumen von Schnee und Steinschutt. Schon seit einer ganzen Weile ist man dazu übergegangen, in gewissen Gebieten wieder dampfbetriebene Maschinen einzusetzen. Die Stromgesellschaft verfügt über ein eigenes Notlager an inländisch abgebauter Steinkohle. Offiziell, weil der Unterhalt der Versorgungsstrecken sonst zu teuer wäre, inoffiziell aber wohl eher, weil es dann keine Steuerung und keine Strommasten braucht, die sabotiert werden können. (Seite 114)

Nein, das ist kein verwunschenes Gleis 9 ¾ und der Zug fährt nicht ein magisches Land, sondern in die von Bergstürzen und Gletscherabbrüchen bedrohte Heimat von Alesch. Kurz vor dem Dorf entgeht der Zug nur knapp der Zerstörung durch einen Erdrutsch. Es ist ein erster Hinweis darauf, dass die Widerstandsbewegung «Resistenza» es in Pradetta nicht beim Verteilen von Flugblättern belässt.

Die Dörfler reagieren mit Misstrauen auf Alesch, mit versteckten und auch offenen Drohungen. Auf dem Friedhof begegnet er Annetta. Sie pflegt heimlich die Gräber der Familien, die weggezogen sind. Sie ist die einzige, die ihm freundlich begegnet. Alesch macht sich Sorgen über seine Messungen: Seine Instrumente zeigen heftige Anomalien. Magnetfelder, Temperatureinbrüche, Druckschwankungen, vor allem, wenn Wind vom Gletscher kommt. Die Daten erinnern ihn an Muster aus dem Hochschullabor.

Gemeinsam mit Annetta steigt Alesch auf den Arabrena-Gletscher, weil er die Quelle der Anomalien finden will. In einer Eishöhle schlagen die Messinstrumente auf Extremwerte aus. Alesch hört ein tiefes, maschinelles Brummen. Alesch ist dem Rätsel von Pradetta auf der Spur.

Seraina Kobler ist mit «Tal der Schwalben» ein spannender Roman gelungen, der frei zwischen Krimi, Steampunk-Science-Fiction, Polit-Groteske und Schweizer Roman oszilliert. Alesch ist ein durchaus klassischer Held auf der Suche nach seiner Identität. Er entwickelt sich vom desillusionierten Forschungsleiter und unfreiwilligen Werkzeug der Stromchefin zum aktiven Widerstandskämpfer, vom Auswanderer über den Heimkehrer zum Wanderer. Sein Schicksal bleibt offen. Darauf spielt auch der Titel des Romans an: Die Schwalben sind Zugvögel, die zwar immer zurückkehren, aber eben auch immer wieder fortziehen.

Stromchefin Malitzky ist in vielen Belangen seine Gegenspielerin. Sie ist die grosse Drahtzieherin, nicht nur politisch, sondern auch was den Plot angeht. Spannend ist, dass Seraina Kobler sie nicht als bösen Menschen zeichnet, sondern als disziplinierte, einsame Strategin, die ganz rational und wohl nach bestem Wissen Pläne entwickelt.

Während Malitzky ganz rational und machtgetrieben ist, entwickelt sich Annetta, die Jugendliebe von Alesch, zum emotionalen Herz der Geschichte. Die eigenwillige Frau pflegt heimlich die Gräber der Abgewanderten, unterstützt aber auch den Widerstand. Sie schafft es, zwischen den Fronten zu bleiben. Sie entscheidet sich, in Pradetta zu verweilen und so sich und ihrer Haltung treu zu bleiben.

Der Schlüsselsatz für die Steampunk-Zukunft, die Seraina Kobler zeichnet, steht schon ganz am Anfang: «Je schwärzer die Zukunft, umso besser kann man sich in der Vergangenheit verkriechen. Oder in diesem Fall in einer Zukunft, wie man sie sich früher vorgestellt hat. Vielleicht nicht die originellste Idee, aber verlässlich. Zumindest in technologischer Hinsicht: einfachere Lösungen, einfachere Wartung, einfachere Reparatur.» Ich lese das auch als ironisches Augenzwinkern der Autorin, denn uns Lesern gefällt genau deshalb die Welt, in der sie ihre Geschichte angesiedelt hat.

Seraina Kobler: Tal der Schwalben. Roman. Diogenes, 352 Seiten, 34 Franken; ISBN 978-3-257-07377-5

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783257073775

Eine Übersicht über alle bisher erschienen Buchtipps finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/

Basel, 14.05.2026, Matthias Zehnder

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