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…Vater sein dagegen sehr: «Im Morgengrauen» von Marc Raabe

Publiziert am 11. Juni 2026 von Matthias Zehnder

Lügen, sagt man, haben kurze Beine. Aber manchmal haben sie verdammt viele Kinder. Aus einer Lüge in der Vergangenheit können in der Gegenwart gleich eine ganze Reihe Katastrophen werden. Genau das passiert Art Mayer, Ermittler beim BKA, dem Bundeskriminalamt in Berlin: Vor vielen Jahren, als Art Mayer noch ein Junge war, hat er sich in ein Mädchen verliebt, in Notwehr beinahe einen Mann getötet und die Sache zusammen mit einem Freund vertuscht. Jetzt ist dieser Freund der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, das Mädchen seine Ehefrau und der Kanzler ist verschwunden. Alle Hinweise deuten darauf hin, dass das Verschwinden des Kanzlers mit der Lüge von vor 24 Jahren zu tun hat. Schon in den ersten drei Bänden der Serie rund um Art Mayer hat das Geheimnis die Geschichte angetrieben wie ein unheimlicher Reaktor aus der Vergangenheit mit zu hoher Halbwertszeit. Im neuen Band kommt es zum Finale: Marc Raabe verknüpft die losen Enden zu einem packenden Thriller über Politik, Liebe, Ehrlichkeit und die Kraft, die es braucht, sich selbst die Wahrheit einzugestehen. Was das alles mit Linkin Park zu tun hat, das sage ich Ihnen diese Woche in meinem 309. Buchtipp.

 

Henrik Westphal ist der deutsche Bundeskanzler und er ist verschwunden. Einfach fort. Nein, das ist kein Spoiler, es ist nicht viel verraten, dass er tot ist: Wir erleben seien Tötung gleich zu Beginn des Buchs, nur sind wir uns da noch nicht ganz sicher, dass es sich beim Opfer tatsächlich um den Bundeskanzler handelt. So spektakulär der Mord am mächtigsten Mann der Republik ist, er steht nicht im Zentrum des neuen Romans von Marc Raabe. Der Roman kreist vielmehr um die Frage, was ein Vater ist. Ja: was, nicht wer. Das «wer» spielt schon auch eine Rolle: Wir wissen aus den drei bisherigen Bänden, dass Juli Westphal, die Frau des Kanzlers, eine Tochter hat, die sie unmittelbar nach der Geburt zur Adoption freigegeben hat. Weder die Mutter noch die Tochter wissen aber, wer der Vater ist: Henrik Westphal oder Art Mayer? Am Ende schafft ein DNA-Test Klarheit, aber das spielt keine grosse Rolle mehr. Am Ende geht es vielmehr darum, was ein Vater ist.

Aber von Anfang an. Art Mayer arbeitet als Ermittler beim BKA in Berlin. Er hat die Rolle eines Pflegevaters übernommen. Oder umgekehrt: Die achtjährige Milla, das Kind jener Nachbarin, die im ersten Band der Serie verschwunden ist, hat ihn zum Pflegevater ausgewählt. Die kleine Milla ist altklug, aber unscheinbar und doch steht sie im Zentrum des Romans: An ihr zeigt Art, was es bedeuten würde, ein Vater zu sein. Gemeinsam mit Kommissarin Nele Tschaikowski, seiner Ermittlungspartnerin, kümmert er sich rührend um Milla. Für Nele ist das manchmal schwierig: Sie hat schon mit der eigenen Familie, ihrem Mann Roman und dem kleinen Lasse, genug zu tun. Vor allem Roman macht ihr zu schaffen, weil der sich keine Kommissarin wünscht, sondern ein Heimchen am Herd. Pech gehabt, Roman.

Um es so richtig kompliziert zu machen, ist Arts alte Liebe zu Juli Westphal wieder aufgeflackert. Er kann sich nur mit Mühe beherrschen, sie nicht zu küssen, als sie sich im alten Kiosk treffen, wo sie schon als Jugendliche abgehängt haben. Was Juli nicht weiss: Art hat in einem der letzten Bücher ihre Tochter aufgestöbert. Leo weiss, dass Juli ihre Mutter ist, aber Juli weiss nichts von Leo – und beide wissen nicht, wer der Vater ist. Ich sage ja: Es ist kompliziert.

Ganz zu Beginn läuft im Radio «The Emptiness Machine» von Linkin-Park. Es ist der erste Song, den Linkin Park nach dem Tod von Chester Bennington mit Emily Armstrong aufgenommen hat, der neuen Lead-Sängerin. Im Song heisst es: «It’s been decided how we lose» – das Schicksal, sagt die Songzeile, steht schon fest: Es ist entschieden, wie wir verlieren werden. Dagegen stemmt sich Art mit voller Kraft. Auch, als er sich mit Kanzlergattin Juli Westphal im alten Kiosk trifft:

Jahrelanges aufgestautes Verlangen, all die Sehnsucht, die Unterbrechungen, die ungelebten Momente.
«Wir dürfen das nicht», flüsterte sie. «Nicht jetzt.»
Er nahm die Hände von ihren Wangen und umarmte sie, um ihrem Blick zu entkommen.
Sie stöhnte, drückte ihn an sich und ließ ihn schon nach ein paar Sekunden wieder los. Art trat einen Schritt von ihr zurück. Ein leises elektrisches Brummen ertönte, als die Kühltruhe wieder ansprang. Juli spürte die Vibration und wirkte irritiert. «Mein Gott», murmelte sie zerstreut, «warum denkt denn keiner daran, das Ding auszumachen?»
Sie glitt von der Truhe herunter, schien beinah froh über die Ablenkung, und zog den Stecker heraus. Das Brummen erstarb. Stattdessen klingelte erneut Arts Telefon. Er musste noch nicht einmal aufs Display schauen, um zu wissen, dass es wieder Buchwald war.
«Wir sollten los», sagte Juli und strich sich ordnend durch die Haare, obwohl es dort nichts zu ordnen gab.
«Ja. Sollten wir», sagte Art und drückte Buchwald weg. «Nacheinander, mit etwas Abstand. Ich geh zuerst.»
Juli nickte abwesend.
«Weiß jemand von der Sicherungsgruppe, dass du hier bist?»
«Nein. Niemand. Wie sagt man so schön? Dieses Treffen hat nie stattgefunden.»
«Ist das so?», fragte er.
«Du bist verletzt», stellte sie fest.
«Nein», log er. «Was ist, wenn es doch jemand mitbekommt?»
Sie zuckte mit den Achseln und seufzte. «Dann soll es vielleicht so sein.»
Als Art hinaus in den Schnee trat, hallte Julis letzter Satz in ihm nach. Sie hatte beinah geklungen, als hoffte sie darauf, mit ihm zusammen gesehen zu werden. War das ein gutes Zeichen? Oder einfach nur ein Zeichen von Erschöpfung und dem Wunsch danach, dass ihr das Schicksal die Entscheidung abnahm?
It’s been decided how we lose.
Wenn es nach ihm ging, dann konnte ihn das Schicksal mal kreuzweise. Er wollte nicht an Vorbestimmung glauben. Er wollte es verdammt noch mal selbst in der Hand haben. (Seite 45f.)

Art will sein Schicksal selbst in die Hand nehmen. Das rückt das zentrale Motiv, die Frage nach der Vaterschaft, in die Nähe von Ödipus, jener griechischen Tragödie, in der den Helden das prophezeite Schicksal genau deshalb ereilt, weil er ihm auszuweichen versucht.

Auch Henrik Westphal, der Bundeskanzler, stemmt sich gegen sein Schicksal. Er fühlt sich in seinem Amt zunehmend eingesperrt, empfindet das Leben als Kanzler als öde. Was macht ein Mann, wenn ihn sein Leben anödet? Richtig: Er sucht Abenteuer. Was als Bundeskanzler gar nicht so einfach ist, schliesslich wird der Mann rund um die Uhr geschützt. Henrik schafft es, sich hin und wieder kleine Momente der Freiheit zu verschaffen. Zum Beispiel geht er spät Abends einem Burgerladen, im «Burger Bro» in Kreuzberg, essen. Der Laden ist eigentlich schon zu, Henrik ist der einzige Gast, die Sicherungsleute warten vor der Tür. Bedient wird er von Kessy, einer jungen, blonden Frau.

Was dann passiert, erfahren wir von Videos, die Kessy später aufzeichnet. Erst hat sie Mitleid mit dem Kanzler, glaubt gar, einen guten Draht zu ihm zu haben. Dann bedrängt er sie in der Toilette, küsst sie sogar. Sie ist sich nicht sicher: War das jetzt eine versuchte Vergewaltigung oder hat sie das selbst gewollt? Wenig später wird Kessys Schwester entführt und sie wird erpresst. Der Entführer bringt Kessy dazu, sich noch einmal mit dem Kanzler im «Burger Bro» zu treffen und ihn zu seiner Vergangenheit zu befragen. Zu jenem Geheimnis, das der Kanzler mit Art Mayer teilt.

Langsam aber sicher eskaliert die Situation. Zumal sich in der Tiefkühltruhe im Kiosk, auf der eben noch Juli Westphal gesessen hat, Blutspuren finden. Das Blut des Kanzlers. Und die Fingerabdrücke von Art. Kein Wunder, rücken ihm seine Kollegen auf die Pelle. Und finden auch in seiner Wohnung Spuren, die darauf hindeuten, dass er den Kanzler umgebracht hat. Die Kollegen glauben gerne an einen Mord aus Eifersucht, das wäre so schön unpolitisch. Art weiss, dass ihm da jemand etwas unterschieben will. Und türmt. Was ihn erst recht verdächtig macht. Es ist eine verrückte Geschichte. Wie Kessy in einem ihrer Videos sagt:

Würde das einer schreiben, ich meine, als Geschichte oder so, ich würde es ihm – oder ihr – nicht abkaufen. Aber neben der Realität ist die Fiktion ein blasser Scheiß. (Seite 184)

Das Buch ist so direkt geschrieben, dass uns beim Lesen der Widerspruch gar nicht auffällt: Die Geschichte ist Fiktion, sie fühlt sich aber real an, weil die Figuren von Marc Raabe Ecken und Kanten haben und er ihre Geschichte nicht einfach erzählt, sondern seine Figuren diese Geschichte erleben lässt. Und wir schauen dabei zu und umfassen das Buch dabei so fest, dass wir weisse Knöchel kriegen.

Besonders Art Mayer hat Kanten, die so scharf sind, dass sich auch mal verletzt, wer sich ihm zu unvorsichtig nähert. Er ist ein Eigenbrötler, sagt lieber ein Wort zu wenig als eins zu viel und schafft es immer wieder, sich as heiklen Situationen zu retten. Einmal nimmt er dabei sogar seine Diabetes-App zu Hilfe. Seine Freunde kennen auch sein grosses Herz. Zum Beispiel Nele, die grad Stress hat mit ihrem Mann Roman:

Sie stand mit hängenden Schultern vor ihm und versuchte zu lächeln, was ihr nicht gelang. «Keine Sorge», sagte sie und hob abwehrend die Hände, «ich weiß, dir geht’s beschissen. Ich reiß mich zusammen, okay?»
«Ist kein Wettbewerb», sagte Art, ging zu ihr und schloss sie in die Arme. Nele hielt sich an ihm fest, ihre Schultern bebten, dann atmete sie tief ein und aus. Nach einer Weile löste sie sich von ihm. «Danke.» Sie wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. «Wie kannst du nur manchmal so ein Arsch sein, und dann … so.» Art lächelte schief. «Ist ein Unterschied, ob ich es selbst verbockt habe oder jemand anders.» «Du meinst, wenn du es selbst verbockt hast, dann wirst du zum Arsch?» «Nein, wenn jemand anders es verbockt hat, dann bin ich nett.» (Seite 422)

Und die Sache mit der Vaterschaft? Spielt am Ende keine Rolle mehr. Art merkt, dass es nicht darauf ankommt, wer der Vater war, sondern darauf, wer es ist: Wer die Vaterrolle übernimmt. So, wie Art bei der kleinen Milla. Die schafft es im übrigen immer wieder, mit ihren altklugen Fragen den Erwachsenen ihre Masken vom Gesicht zu reissen. Das ist, gerade in einer Welt voll Politik und Lügen, gradezu wohltuend und macht die kleine Milla zum heimlichen Zentrum des Romans.

Marc Raabe ist mit «Im Morgengrauen» ein packender Abschluss der Art-Mayer-Serie gelungen. Sie können den Roman auch lesen, wenn sie die vorangegangenen Folgen nicht kennen. Kleine Warnung am Rande: Lesen Sie das Buch nicht vor dem Einschlafen. Beim Lesen fallen ihnen die Augen garantiert nicht zu.

«Im Morgengrauen» ist der vierte Teil der Serie von Marc Raabe rund um BKA-Ermittler Art Mayer. Begonnen hat es mit «Der Morgen», gefolgt von «Die Dämmerung» und «Die Nacht». Inhaltlich schliesst «Im Morgengrauen» die Serie vermutlich ab, zumindest was die Vergangenheit der Protagonisten angeht. Aber vielleicht findet Marc Raabe ja einen Weg, einen neue Geschichte rund um Art Mayer zu erzählen. Es wären da noch ein paar Enden offen …

Am Ende des Buchs läuft «The Emptiness Machine» von Linkin-Park wieder. Art hat sich gegen die Zeile «It’s been decided how we lose» gestemmt: Er hat nicht aufgegeben. Die Liedstrophe endet übrigens mit «I keep on lyin‘ to, I keep on lyin‘ to» – ich lüge immer weiter, ich lüge immer weiter. Auch dagegen stemmt sich Art. Er schweigt zwar manchmal immer noch zu lange, aber er will nicht mehr lügen. Schon deshalb ist klar, dass er nicht verloren hat. Und dann nimmt er einen Anruf entgegen. Es ist Milla. Sie fragt wegen «It’s been decided how we lose». Sie hat ChatGPT gefragt, die KI hat ihr den Satz übersetzt: «Es ist vorherbestimmt, wie wir verlieren». Das beschäftigt sie. Art antwortet ihr:

«Ist ’n cooler Songtext. Aber weißt du was? Er stimmt nicht. Wir entscheiden selbst, ob wir verlieren oder nicht. Und vor allem, wie.» (Seite 575)

Marc Raabe: Im Morgengrauen. Thriller. Ullstein, 576 Seiten, 26.50 Franken; ISBN 978-3-86493-365-3

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783864933653

Eine Übersicht über alle bisher erschienen Buchtipps finden Sie hier:

https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/buchtipps-uebersicht/

Basel, 11.06.2026, Matthias Zehnder

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