Sophie Reinhardt: «Wir brauchen eine Journalismusförderung.»
Das 382. Fragebogeninterview, heute mit Sophie Reinhardt, Redaktorin beim Berner Onlinemedium «Hauptstadt». Sie sagt, die ständigen Sparprogramme der Medienhäuser in den letzten Jahren hätten Spuren hinterlassen: «Das andauernde Sammeln für Abschiedsgeschenke an Kolleg:innen, die gehen, und die heutige Mittagskultur an der Mikrowelle – da gab es sicher rosigere Zeiten in den Redaktionen.» Trotzdem: «Für Frauen war früher sicher einiges schlechter; Vorkämpferinnen haben mir den Zugang zu den Redaktionstischen überhaupt erst erstritten.» Obwohl sie bei einem Onlinemedium arbeitet, sieht sie den Druck auf Gedrucktes mit Sorge: «Nachdem ‹20 Minuten› nun seine Printausgabe eingestellt hat, befürchte ich, dass sich dieser Trend fortsetzt.» Trotzdem findet sie nicht, dass die Schweiz eine Medienförderung braucht: «Wir brauchen eine Journalismusförderung. Eine, die den unabhängigen Journalismus ermöglicht, wie wir ihn als Gesellschaft wollen.» In der KI sieht sie keinen Ausweg: «Keine der wichtigen Aufgaben, die Journalismus tut, kann KI heute einfach so», sagt sie. «KI deckt nichts auf, KI konfrontiert niemanden mit Vorwürfen.» Zudem sei das, was die KI produziere, «oft erstaunlich fehleranfällig und mitunter schlicht falsch.» Sie ist zuversichtlich, dass Menschen weiterhin schreiben werden: «Ich wüsste nicht, was dagegenspricht. Wie sonst sollten wir Liebesbriefe formulieren? Per Sprachnachricht? Bitte nicht!»
Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?
Ich starte den Tag gerne mit den E-Paper der grossen Schweizer Titel: NZZ, «Der Bund», «Aargauer Zeitung» und, wenn es zeitlich noch reicht, auch dem «Blick». Am Donnerstag gehören auch die WOZ und die «Weltwoche» dazu.
Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?
In meinem Alltag spielen soziale Medien eine eher untergeordnete Rolle.
Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?
Erstaunlich wenig. Soziale Medien wie Twitter haben für mich an Bedeutung verloren – ich setze sie heute sparsamer ein. Als ich anfing, war Twitter das Lagerfeuer, um das sich die Branche versammelte, das ist vorbei. Ich nutze die Plattform heute kaum noch.
Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?
Für Frauen war früher sicher einiges schlechter; Vorkämpferinnen haben mir den Zugang zu den Redaktionstischen überhaupt erst erstritten. Aber ja: Die ständigen Sparprogramme der letzten Jahre, das andauernde Sammeln für Abschiedsgeschenke an Kolleg:innen, die gehen, und die heutige Mittagskultur an der Mikrowelle – da gab es sicher rosigere Zeiten in den Redaktionen.
Haben geschriebene Worte noch Zukunft?
Ich wüsste nicht, was dagegenspricht. Wie sonst sollten wir Liebesbriefe formulieren? Per Sprachnachricht? Bitte nicht!
Was soll man heute unbedingt lesen?
Immer mal wieder Lyrik.
Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?
Ich habe kein Problem damit, schlechte Bücher wegzulegen – die Frage ist eher, wohin damit.
Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?
Oft in Museen.
Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?
Nachdem «20 Minuten» nun seine Printausgabe eingestellt hat, befürchte ich, dass sich dieser Trend fortsetzt. Einige Titel werden sicher noch lange bestehen, aber für alle würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen.
Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?
Fake News sind eine ernsthafte Gefahr – für das Vertrauen in Medien und für die Demokratie. Je mehr Menschen Schwierigkeiten haben, zwischen Fakten und Fake zu unterscheiden, desto grösser wird das Problem. Unsere Aufgabe als Journalist:innen ist es, Fake News aufzudecken, klar abzugrenzen und für zuverlässige, wahrheitsgetreue Informationen zu stehen.
Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?
Live konsumiere ich überhaupt nichts davon.
Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?
Das «Echo der Zeit» gehört nach wie vor zu meinen Favoriten. Auch «Das Politikteil» höre ich regelmässig, und etwas weniger politisch ist «Tatort Kunst».
Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?
Das ist sicher keine gute Nachricht. Ich erlebe aber viele junge Menschen, die durchaus sehr interessiert sind am Weltgeschehen. Aber sie informieren sich wohl anders, als Generationen vor ihnen – da muss unsere Branche mehr leisten, um interessant für Junge zu werden.
Über 85 Prozent der Schweizer Medienschaffenden nutzen KI-Tools in ihrem Arbeitsalltag, gleichzeitig wächst das Misstrauen gegenüber KI-generierten Inhalten. Wie viel KI verträgt der Journalismus? Lässt sich Journalismus gar automatisieren? *
Keine der wichtigen Aufgaben, die Journalismus tut, kann KI heute einfach so: KI deckt nichts auf, KI konfrontiert niemanden mit Vorwürfen. Was sie produziert, ist oft erstaunlich fehleranfällig und mitunter schlicht falsch. Der Begriff «Intelligenz» ist dafür grosszügig gewählt. Klar, es gibt tolle Tools, die helfen uns bei der Arbeit, aber die machen bisher keinen Journalismus.
Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?
Ich habe die Digitalisierung vor allem als Befreiung erlebt: Als Onlinejournalistin sind meine Texte nicht mehr an starre Spalten gebunden, ihre Länge hängt nicht vom Umfang der Printinserate ab, und fixe Deadlines gibt es nicht mehr.
Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?
Nein, wir brauchen eine Journalismusförderung. Eine, die den unabhängigen Journalismus ermöglicht, wie wir ihn als Gesellschaft wollen.
Schreibst Du manchmal noch von Hand?
Ich habe noch immer einen Brieffreund – wir leben inzwischen in der gleichen Stadt. Mehrheitlich schreiben wir Postkarten. Auch Notizen und Einkaufslisten schreibe ich von Hand und meine Termine trage ich in einer Papieragenda ein.
Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?
Mir fällt nichts ein, wofür Trump gut sein soll.
Wem glaubst Du?
Meinen Freundinnen und meist meinem Bauchgefühl.
Dein letztes Wort?
Danke, es war mir ein Vergnügen.
Sophie Reinhardt
Sophie Reinhardt (*1990) hat Politikwissenschaften an der Universität Zürich studiert. Auf der Lokalredaktion von «20 Minuten» in Bern ist die in den Journalismus eingestiegen. Danach hat sie als Lokalredaktorin beim «Bund» und im Politikteam des «Blick» gearbeitet. Heute ist sie Redaktorin beim Berner Onlinemedium «Hauptstadt». Zudem unterrichtet sie als Praxisdozentin am MaZ. Sophie Reinhardt lebt in Bern.
Basel, 22.04.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
Bild: Danielle Liniger
Seit Ende 2018 sind über 350 Fragebogeninterviews erschienen – eine alphabetische Liste mit allen Namen und Interviews gibt es hier: https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/menschenmedien-die-uebersicht/
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* Regelmässige Leserinnen und Leser des Fragebogeninterviews werden feststellen, dass wir diese Frage angepasst haben. Seit vielen Jahren lautete die Frage 14) Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino geht davon aus, dass in zehn Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Artikel im «Tages-Anzeiger» von Robotern geschrieben werden. Lässt sich Journalismus automatisieren? Das hat Pietro Supino in der «Samstagsrundschau» vom 17. März 2018 auf Radio SRF gesagt. (Siehe hier; Min. 20:21)
Seine Prophezeiung ist, wenn nicht eingetroffen, so doch überholt: Heute nutzen, nicht nur beim «Tagi», 85 Prozent der Schweizer Medienschaffenden KI-Tools in ihrem Arbeitsalltag. Aus Anlass der Aktualisierung dieser Frage haben wir Pietro Supino zum Fragebogeninterview eingeladen: Gerne hätten wir seine heutige Sicht zum Thema Automatisierung von Journalismus in Erfahrung gebrsacht. Leider hat er in seiner Agenda keinen Platz dafür gefunden …
Ein Kommentar zu "Sophie Reinhardt: «Wir brauchen eine Journalismusförderung.»"
„Die Hauptstadt“ – welche ein Titel: In der Schweiz gibt es keine Hauptstadt, Bern ist eine Bundesstadt. Noch sind wir dem Totalumbau a la EU nicht ganz erlegen. Obwohl dies das Fernziel vieler Linken und Grünen Parteien ist. „Die Hauptstadt“ ist diesem Parteienspekturm zuzuordnen, ergänzt durch das ideologische Trio „Tsüri“ (welches in die Schlagzeilen kam, da vermeintlich viele seiner Klicks aus Südamerika kamen (über die Hälfte) und so den Traffic hochschnellen liessen – der Verdacht auf gekaufte Klicks von Brasilianischen Klickfarmen liegt auf der Hand – wie mies) und dem Pendant aus Basel „Bajour“ – welches stramm schweizkritisch und EU-huldigend daherkommt, alles Rechts-Bürgerliche verteufelt und dank der Chefredakteurin Bullwinkel geblendet im Linken das Heil sucht.
Interessant ist der Gedanke von Fr. Reinhardt einer Journalismusförderung. Werden Journalisten gefördert produzieren sie guten Content welcher wiederum die Nutzungszahlen der Medien erhöht und diesen somit keine Geldkrücken in Form von unser aller Steuerlast nachgeschmissen werden muss.
Ich wiederhole mich: Die Junge Generation sieht den Förderungs-Kuchen anders (vgl. Vorwoche-Gast), welcher mir so zubereitet irgendwie besser mundet…..