Juan Riande: «Fake News machen guten Journalismus nicht überflüssig, sondern notwendiger.»

Publiziert am 15. April 2026 von Matthias Zehnder

Das 381. Fragebogeninterview, heute mit Juan Riande, Co-Präsident der Jungen Journalistinnen und Journalisten Schweiz. Als solcher macht er sich Sorgen um den Medienkonsum der jungen Menschen: «Wenn mehr als die Hälfte der jungen Generation gar keine Nachrichten mehr konsumiert, verlieren Medien nicht nur ihr zukünftiges Publikum –, die Gesellschaft verliert gleichzeitig die informierte Basis, auf der Demokratie funktioniert.» Er hört jeden Morgen «Espresso» von SRF, «da die Länge mit meinem Arbeitsweg übereinstimmt und ich die konstruktive Sendung mag.» Es ist einer von vielen Podcasts, die er hört. «Grundsätzlich höre ich fast den ganzen Tag Podcasts», sagt er. Weil er sich nicht für einen Lieblingspodcast entscheiden kann, hat er gleich eine ganze Empfehlungsliste dagelassen. Er ist überzeugt, dass Fake News «guten Journalismus nicht überflüssig machen, sondern notwendiger. Eigentlich sei das eine gute Ausgangsposition: «Für Medien, die konsequent faktenbasiert und unabhängig arbeiten, wäre es eine Chance, Publikum zu gewinnen.»

Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?

Ich esse selten Frühstück, dafür kann ich meistens etwas länger schlafen. Auf dem Weg zur Arbeit höre ich dann aber jeweils «Espresso» von SRF, da die Länge mit meinem Arbeitsweg übereinstimmt und ich die konstruktive Sendung mag.

Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?

Ich glaube ich bin sporadisch süchtig, aber von TikTok konnte ich bisher ablassen.

Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?

Mein Medienkonsum ist sicher gestiegen, da ich inzwischen viel mehr Formate kenne und schätze. Wenn ich frei habe, kann ich aber auch schlechter loslassen, da ich informiert bleiben sollte oder möchte.

Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?

Ich befürchte für diese Antwort bin ich zu jung, aber die letzten zehn Jahre würde ich als professioneller werdend bezeichnen. Trotz Spardruck.

Haben geschriebene Worte noch Zukunft?

Was soll sie denn davon abhalten, weiter zu existieren?

Was soll man heute unbedingt lesen?

Ich lese oft Bücher, von denen ich lernen kann oder die ich für die Arbeit brauche. Heute wäre das «How to Tell a Story» von The Moth. Wenn ich ehrlich bin, ist das aber schon seit drei Monaten mein stetiger Begleiter, der zu selten an die Sonne kommt.

Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?

Leider lese ich auch gute Bücher manchmal nicht zu Ende. Also ja, ich kann schlechte Bücher weglegen.

Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?

Von meinem Umfeld, von Podcasts oder Dokus und manchmal auch von Instagram.

Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?

Wenn meine Berechnungen stimmen, vermutlich bis 2035 oder 2040, aber ich hoffe, dass es Ausnahmen geben wird.

Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?

Fake News machen guten Journalismus nicht überflüssig, sondern notwendiger – und das ist eigentlich eine gute Ausgangsposition. Für Medien, die konsequent faktenbasiert und unabhängig arbeiten, wäre es eine Chance, Publikum zu gewinnen.

Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?

Live schaue ich eigentlich kein Fernsehen mehr und Radio auch eher selten. Ich gehöre zu der Generation, die streamt – Podcasts, YouTube und so weiter.

Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?

Ich höre sehr viele Podcasts, am meisten «Echo der Zeit» beim Einschlafen, aber auch andere Podcasts beim Arbeiten. Grundsätzlich höre ich fast den ganzen Tag Podcasts und ich nütze die Ausrede, dass ich mich nicht für einen entscheiden kann, für eine ganze Auflistung meiner liebsten: «Der Rest ist Geschichte» (Deutschlandfunk), «Kunstverbrechen» (ARD), «Woher weisst du das» («Die Zeit»), «Echo der Zeit» (SRF), «Espresso» (SRF), «Sternstunde Philosophie» (SRF), «News Plus» (SRF), «News Plus Hintergründe» (SRF), «Kontext» (SRF), «International» (SRF), «Crashkurs» (Deutschlandfunk), «Tagesgespräch» (SRF), «Apropos» (Tamedia), «NZZ Akzent» (NZZ), «NZZ Geopolitik» (NZZ), «NZZ Quantensprung» (NZZ), «Dritte Gewalt» («Republik»), «Sondersession» («Republik»), «der Fall» («Beobachter»), «Unter Verdacht» (Tamedia), «Alles klar Amerika?» (Tamedia), «Politbüro» (Tamedia), «Geschichte» (SRF), «Rendez-vous» (SRF), «Zimmer42» (SRF), «Aktenzeichen XY» (ZDF), «Wissenschaftsmagazin» (SRF), «Crime Time» (ARD), «Serienkiller» (BosePark).

Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?

Wenn mehr als die Hälfte der jungen Generation gar keine Nachrichten mehr konsumiert, verlieren Medien nicht nur ihr zukünftiges Publikum –, die Gesellschaft verliert gleichzeitig die informierte Basis, auf der Demokratie funktioniert.

Tamedia-VR-Präsident Pietro Supino geht davon aus, dass in zehn Jahren zwischen einem Viertel und einem Drittel der Artikel im «Tages-Anzeiger» von Robotern geschrieben werden. Lässt sich Journalismus automatisieren?

Supino glaubt auch, Print sei Zukunft. (Ich sage das als Privatperson.)

Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?

Ich bin überzeugt, dass mehr Möglichkeiten langfristig zu besseren Dingen führen, auch wenn es überfordern kann.

Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?

Wenn man Martin Andree glaubt, kann man nur ja sagen. Bis 2029 soll drei Viertel der traditionellen Werbung von Medien ins Internet und zu Big Tech wandern. Medienförderung wäre auch eine vertretbarere Lösung als Abhängigkeit von kurzlebigen Deals.

Schreibst Du manchmal noch von Hand?

Ja, aber ich habe mir gerade ein Tablet gekauft, das meine handgeschriebenen Notizen digitalisiert und archiviert. Aber mein «normales» Notizbuch ist genauso gut.

Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?

Kommt auf das Land an. Wirtschaftlich haben US-Medien während des Wahlkampfs von Trump profitiert. Doch langfristig hat er der Medienbranche mehr geschadet als genutzt. Trump hat das Misstrauen gegenüber etablierten Medien systematisch geschürt und man könnte noch tausend weitere schlimme Dinge aufzählen. Aber genau das will ich nicht. Denn ich glaube, das ist das eigentlich Gute an Trump für die Medien: Man musste lernen, damit umzugehen und diese Kompetenz wird vermutlich wieder einmal gebraucht werden

Wem glaubst Du?

Salvador Aatasoy mit ihm als Mentor erhielt ich die Best Note für meine Diplomarbeit 🙂

Dein letztes Wort?

Blablaba. (Ist das ein Wort?)


Juan Riande
Juan Riande (23) ist Co-Präsident der Jungen Journalistinnen und Journalisten Schweiz (JJS). Der selbstständige Filmemacher begann seine Laufbahn bei Radio 3FACH und leitete dort zuletzt ein 18-köpfiges Team. Später arbeitete er bei Tele 1, wo er im Zuge der Kündigungswelle 2024 branchenweit bekannt wurde. Seither engagiert er sich für bessere Bedingungen im Journalismus und lancierte eine Anlaufstelle für junge Medienschaffende in der Schweiz.
https://weicherkerl.ch/


Basel, 15.04.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

Bild: jonathanlabusch.com

Seit Ende 2018 sind über 350 Fragebogeninterviews erschienen – eine alphabetische Liste mit allen Namen und Interviews gibt es hier: https://www.matthiaszehnder.ch/aktuell/menschenmedien-die-uebersicht/

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Ein Kommentar zu "Juan Riande: «Fake News machen guten Journalismus nicht überflüssig, sondern notwendiger.»"

  1. Der „Weichkerl“ (Eigenaussage – vergl. seine Webseite) erfreut mich. Differenzierte Antwort zur Medienförderung (umideologisch im Gegenteil zu manchem SRG-Angestellten) und sogar zu D. Trump wird einem kein „Nein“ an den Kopf geschmettert, sondern mit Branchenwissen und Sachverstand geantwortet.
    Schade, das Hr. Riande nicht in unseren „Medien“ zu lesen ist und nicht veröffentlicht, es wäre bereichernd. Dafür hilft er dem Mediennachwuchs – auch gut.

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