Melanie Pfändler: «Ich geniesse es, vom Radio überrascht zu werden.»
Das 404. Fragebogeninterview, heute mit Melanie Pfändler, Journalistin und Moderatorin auf SRF2 Kultur. Sie sagt, wenn sie in der Küche stehe, «schalte ich mein kleines DAB-Gerät ein und höre das ‹Rendez-vous› oder das ‹Echo der Zeit›.» Auch Abstimmungssonntage seien «ohne Live-Sendung im Radio undenkbar.» In Sachen Social Media auf dem Handy ist sie streng mit sich selbst: «In der Bemühung um einen möglichst bewussten Umgang mit diesen Plattformen hat sich für mich bewährt, sämtliche Sozialen Medien (und andere verführerische Apps) auf meinem Handy zu sperren und die Nutzung nur in bestimmten, kurzen Zeitfenstern zuzulassen.» Auf neue Ideen kommt sie durch andere Menschen: «Beim Aufschnappen von Gesprächsfetzen auf der Strasse oder dem Nach-Googeln der Buchrücken lesender Menschen im ÖV.» KI ist für sie «ein nützliches Werkzeug, in gewissen Bereichen sinnvoll anwendbar und es ist wichtig (und unumgänglich), dass wir uns damit auseinandersetzen.» Sie zieht aber klare Grenzen und mag «vielleicht genau deshalb Formate, die auf Begegnungen basieren – Interviews, Reportagen, … – so gern, weil sie das repräsentieren, was ich am Journalismus so schätze und hochhalte.»
Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?
Meine Tochter wird bald zwei Jahre alt. Die einzigen Medien, die ich vor dem Verabschieden in die Kita nutze, sind «Ich bin die kleine Ente» und «Kitzel den Kakadu».
Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?
Meine Instagram-Timeline besteht aus einem Mix aus News, Kochrezepten, Rosalía-Clips und Wandertipps in Galizien. Ich mag, dass ich dort auf Personen, Themen, Perspektiven stosse, die ich sonst nie entdecken würde – wie zum Beispiel Denise, the Heaven Receptionist, eine unheimlich lustige, rührende Figur, die von Taryn Delanie Smith geschaffen wurde und einen Umgang mit Verlust und Trauer zeigt, den ich so noch nie gesehen habe.
In der Bemühung um einen möglichst bewussten Umgang mit diesen Plattformen hat sich für mich bewährt, sämtliche Sozialen Medien (und andere verführerische Apps) auf meinem Handy zu sperren und die Nutzung nur in bestimmten, kurzen Zeitfenstern zuzulassen, wenn ich wirklich Lust drauf habe. Twitter mochte ich gern, X nutze ich gar nicht mehr – dafür LinkedIn seither häufiger. In Bluesky und Mastodon habe ich wohl zu wenig Zeit investiert, um rauszufinden, ob sie wirklich für mich taugen. YouTube fällt für mich in eine andere Kategorie. Das nutze ich stundenlang, oft im Hintergrund, um Musik zu hören – zum Beispiel die «Tiny Desks» von NPR oder die Live-Sessions von KEXP; aber auch für Reportagen, Comedy-Sets oder die unzähligen Interviewformate, darunter die Gespräche von Zane Lowe oder die charmanten «Chicken Shop Dates» von Amelia Dimoldenberg, die nun leider ein Ende finden.
Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?
Sehr stark und immer wieder aufs Neue, je nachdem, welche Funktion ich innehatte und auf welchen Themen mein Fokus lag. Während meiner Zeit als Auslandredaktorin bei Radio SRF las ich beispielsweise täglich mehrere spanische Zeitungen oder hörte am Morgen den BBC World Service. Als Produzentin beim «Club» rückte das politische und gesellschaftliche Geschehen in der Schweiz stärker in den Vordergrund. Und dann ist da natürlich die déformation professionelle, die wir wohl alle spüren: Wie ist ein Text aufgebaut? Wie gelingt es diesem Podcast, mich sofort reinzuziehen? Was war das bitte für ein toller Einstieg in dieses Interview? Solche Gedanken schwingen beim Hören, Schauen, Lesen immer mit.
Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?
Das wäre ja ganz, ganz traurig, wenn wir das so einfach beantworten könnten.
Haben geschriebene Worte noch Zukunft?
Aber natürlich.
Was soll man heute unbedingt lesen?
Bücher. Gedichte. Reportagen. Alles, was uns erlaubt, die Welt mit anderen Augen zu sehen.
Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?
Es braucht viel, bis ich ein Buch als «schlecht» bezeichnen würde. Zwar passiert es mir, dass ich keinen Sog verspüre, mich nicht mit den Charakteren anfreunden kann oder mir die Ruhe fehlt, um einzutauchen. Aber darüber nachzudenken, woran das liegt, mag ich auch. Darum: zu Ende lesen, mit ganz wenigen Ausnahmen.
Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?
Tatsächlich immer wieder auf Social Media. Manchmal dank des Algorithmus, der mir Lustiges, Neues, Inspirierendes in die Timeline spült; noch öfter dank der Posts der schlauen Leute, denen ich folge. Im grandiosen «Reportagen»-Magazin. Beim Aufschnappen von Gesprächsfetzen auf der Strasse oder dem Nach-Googeln der Buchrücken lesender Menschen im ÖV. Dank Buchempfehlungen von Menschen wie zum Beispiel meinem ehemaligen Gymilehrer, mit dem ich noch immer in Kontakt stehe und dank dem ich das «Das Evangelium der Aale» von Patrik Svensson gelesen habe. Haben Sie gewusst, dass sämtliche Aale der Welt in der Sargassosee im Atlantik geboren werden? Und dass es praktisch unmöglich ist, sie künstlich zu züchten? Ich auch nicht.
Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?
Einige wenige wohl noch sehr lang.
Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?
Sie sind eine grosse Gefahr, für unser gesamtes Zusammenleben. Von «Chance» zu sprechen hat für mich einen bitteren Beigeschmack. Dafür geht es um zu viel.
Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?
Beim linearen Radio – etwa SRF 2 Kultur – geniesse ich es, überrascht zu werden. Und wenn ich um 12:30 oder 18 Uhr in der Küche stehe, schalte ich mein kleines DAB-Gerät ein und höre das «Rendez-vous» oder das «Echo der Zeit». Auch Abstimmungssonntage ohne Live-Sendung im Radio: undenkbar. Meistens höre oder schaue ich aber doch gezielt bestimmte Sendungen zeitversetzt als Podcast oder Stream.
Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?
Auf dem Weg von der Kita zur Arbeit, im ÖV, beim Sport, beim Einkaufen, beim Kochen, Wäscheaufhängen, überall: Podcasts machen den allergrössten Anteil meiner Mediennutzung aus. Für News und Weltgeschehen höre ich die Informations-Sendungen von Radio SRF, sowie fast täglich «The Daily» der NY Times, dazu je nach Thema «NZZ Geopolitik», «NZZ Akzent» oder «Apropos».
Grundsätzlich mag ich ausführliche Interview-Formate unheimlich gern. Darum macht es mich so glücklich, mit «Musik für einen Gast» eine Sendung moderieren zu dürfen, die ich auch als Hörerin sehr schätze. Sonst: «Freiheit Deluxe» von Jagoda Marinić (die Gespräche führen kann wie kaum jemand sonst), die «Sternstunden», «Alles gesagt» und «Was machst du am Wochenende?» der «Zeit». Aus dem englischsprachigen Raum: «The Ezra Klein Show» und «The Interview» der NY Times und für die grossen Namen der Popkultur (und manchmal auch der Politik) «Call Her Daddy» von Alex Cooper und «On Purpose» von Jay Shetty. Und wenn wir schon bei der Popkultur sind: Dua Lipa führt sehr interessante Gespräche, etwa für ihren «Service 95 Book Club».
Aber die Liste ist wirklich unendlich, ich könnte einen eigenen Fragebogen damit füllen. Die vierzehn Staffeln von «Family Secrets» von Dani Shapiro habe ich zum Beispiel wenige Wochen nach dem Entdecken durchgebinged. Und dann natürlich aufwendige Produktionen wie die Reportagensendung «International» oder die «Alpha Boys»-Serie von SRF, erst kürzlich die «So long Covid»-Serie von Zita Bauer und Jan Zosso oder schon vor Längerem «Stolen: Surviving St. Michaels» der kanadischen Journalistin Connie Walker, das ich bis heute nicht aus dem Kopf bekomme.
Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?
Nichts Gutes. Sowohl die Folgen wie die Ursachen dieser Entwicklung bereiten mir grosse Sorgen.
Über 85 Prozent der Schweizer Medienschaffenden nutzen KI-Tools in ihrem Arbeitsalltag – wie viel KI verträgt der Journalismus? Lässt sich Journalismus gar automatisieren?
Nein, tut er nicht. KI ist ein nützliches Werkzeug, in gewissen Bereichen sinnvoll anwendbar und es ist wichtig (und unumgänglich), dass wir uns damit auseinandersetzen. Aber vielleicht mag ich genau deshalb Formate, die auf Begegnungen basieren – Interviews, Reportagen, … – so gern, weil sie das repräsentieren, was ich am Journalismus so schätze und hochhalte.
Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?
Da frage ich mich, wovon der Journalismus sich befreien muss. Auch hier: Wir sprechen von Werkzeugen. Wie wir sie einsetzen, liegt in unserer Verantwortung.
Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?
Ja.
Schreibst Du manchmal noch von Hand?
Ja und sehr gern. Aber meistens Briefe oder persönliche Notizen, kaum je etwas, das direkt mit Journalismus zusammenhängt.
Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?
Auch hier habe ich etwas Mühe mit dieser «gut»/«schlecht» Kategorisierung, sie greift für mich zu kurz. Generieren Trumps Aussagen und seine erratische Politik Klicks? Ja. Sollten wir daran messen, was «gut» für die Medien ist? Nein. Beleidigt und diffamiert er Journalist:innen und Medienhäuser? Ja. Arbeitet er aktiv daran, das Vertrauen in den Rechtsstaat und unabhängigen Journalismus zu untergraben? Ja. Gelingt ihm das? Vielleicht. Kann es umgekehrt dazu führen, dass sich wieder mehr Menschen bewusst werden, wie wichtig freie Medien für eine freie Gesellschaft sind? Hoffentlich.
Wem glaubst Du?
Uff. Journalistisch gesprochen natürlich verschiedenen, unabhängigen Quellen, die ihre Arbeit und ihre Verantwortung ernst nehmen (hoch leben die Korrespondent:innen-Netze!). Als Mensch hoffe ich, dass ich anderen grundsätzlich offen und vertrauensvoll begegne – bis jemand ein Verhalten zeigt, das mir nahelegt, vorsichtig zu sein.
Dein letztes Wort?
Danke an euch alle, die diese Arbeit mit Freude, Überzeugung und Neugierde machen. Sie ist wichtig und schön.
Melanie Pfändler
Melanie Pfändler moderiert die Gesprächssendung «Musik für einen Gast» auf SRF 2 Kultur. Davor arbeitete sie als Auslandredaktorin für Radio SRF, sowie als Produzentin der Fernsehsendung «Club». Sie hat an den Universitäten Zürich und Lausanne studiert und fand den Einstieg in den Journalismus beim Jugendonlinemagazin tink.ch, dem «Zürcher Oberland»-Ressort des «Tages-Anzeigers», mit einem Praktikum bei Radio Prag und der ersten festen Stelle bei Radio SRF 4 News.
Basel, 23. September 2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
Bild: Tatjana Rüegsegger
Seit Ende 2018 sind über 400 Fragebogeninterviews erschienen – eine alphabetische Liste mit allen Namen und Interviews gibt es hier: matthiaszehnder.ch/menschenmedien-die-uebersicht/
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2 Kommentare zu "Melanie Pfändler: «Ich geniesse es, vom Radio überrascht zu werden.»"
Eine seltene Spezies gibt heuer Antworten: Eine junge Frau – die es liebt – vom „Radio“ überrascht zu werden, eine welche „Radio“ hört, linear, welche exakt um 12.30 oder um 18.00 Uhr das „DAB+“-Radio anschaltet, um die Neuigkeiten der Welt zu hören – gibt es heut nicht mehr viel…
Noch seltener ist es, das „SRF2“ – mit einem strikten „Kultur“ im Namensanhang (damit man es weiss) anhört.
Die Hörerzahlen google ich jetzt nicht, ich weiss aber von den Mainstream-Medien, von Persönlich.com und sogar von linken Medien dass die Zahlen „massiv“ (das hiess es überall) abnahmen. Viele kennen die Sendungen wie „Musik für einen Gast“ oder „Sternstunden“ nicht mehr.
Welche Ausnahmeerscheinung. Ist wohl auch ein wenig dem Arbeitgeber SRG-SRF geschuldet, wenn man Sendungen gerne hört, welche man gleich noch selbst moderiert. Stramme, linientreue SRG-Antworten auf Nummer sicher – so klingt es bei mir nach. Die Realität sieht ein wenig anders aus.
Schade auch, dass Fr. Pfändler bei der Frage zur Medienförderung nur mit einem kurzen, knappen „Ja“ antwortete. Die Begründung fehlt mir. Denn sonst kann ich mitteilen, dass der Chef der grössten Putzfirma auf die Frage „ob Putzfrauen subventioniert gehörten“ auch mit einem „Ja“ antwortete.
Die Begründung interessiert doch, auch wenn sie genau so stupid ist wie bei der Medienförderung…
Abschliessend stelle ich fest, wie sehr doch jeder in seiner Blase gefangen ist oder lebt. Fr. Pfändler konsultiert oft Medien, welche weit weg sind (The Daily aus New York, BBC World Service), es wimmelt nur so von angesächsischen Formaten ( «The Ezra Klein Show», «The Interview», «Call Her Daddy», «On Purpose», «Service 95 Book Club», «Stolen: Surviving St. Michaels», «Family Secrets», «Tiny Desks», Zane Lowe, «Chicken Shop Dates» usw. usw.)
Wo bleibt da die Verwurzelung welche in unserem Land den Meisten fehlt, bei Mitarbeitenden von SRG-SRF oft komplett aber um so wichtiger wär.
Schade – denn nur mit der hiesigen „NZZ“ (Geopolitik) / (Akzent) und den doch oft einseitigen SRG-Eigengewächse lässt sich das Realitäts-Vakuum nicht ausgleichen.
Auch ich lebe in meiner Blase – meine Sendegefässe wären wohl Fr. Pfändler fremd, aber ich versuche, und es muss weh tun, auch mal über den „Hag“ zu fressen…
Für SRG-SRF – Mitarbeitende ist das Existenziell, dann sähe das darbende SRG-Programm vielleicht auch mal ein bisschen anders aus…..
Ach herrje, SRG und SRF sind immer noch Herrn Zweidlers Lieblingsgegner… Frau Pfändler also „stramm“ und „linientreu“, das muss man wohl als „links“ verstehen, aber in Herrn Zweidlers Augen ist sie dann doch eine „Ausnahmeerscheinung“, die linear Radio hört. Das Rätsel, warum Frau Pfändler „Sendungen gerne hört, welche man gleich noch selbst moderiert“, löst sich ganz einfach, wenn man weiss, dass „Musik für einen Gast“ von mehreren Redaktorinnen und Redaktoren abwechselnd moderiert wird. Nun ja. und dann ist da die verflixte Medienförderung, die von Herrn Zweidler, wir wissen das aus seinen zahllosen Leserkommentaren, vehement abgelehnt wird, auch wenn er das hier nicht begründet.
Irgendwie hat diese Ablehnung, wenn ich mich an frühere Äusserungen von Herrn Zweidler richtig erinnere, damit zu tun, dass der Staat keinen Einfluss auf die redaktionelle Haltung „der Medien“ erhalten soll, was auch immer in der Schweiz damit gemeint sein soll – Vorbilder für staatlich gelenkte Medien finden wir anderswo. Dass die grossen Tech-Firmen millionenfach urheberrechtsgeschützte Texte unerlaubt abgreifen, um ihre KI-Modelle zu trainieren, ist jetzt wieder in Dokumenten zum Gerichtsverfahren der New York Times gegen OpenAI und Microsoft bestätigt worden; intern wird von Microsoft und OpenAI unumwunden eingestanden, dass fast niemand noch auf einen Link zu der Zeitung [NYT] klickt, wenn die KI zu nachrichtlichen Themen befragt wird (heise online, 18.09.2026, 07:13 Uhr). Das gilt genauso für Schweizer Medien: Abo-, Lizenz- und Werbeeinnahmen unserer Medien sind so stark zurückgegangen, dass ihre wirtschaftliche Grundlage bedroht ist. Das ist nicht „stupid“, wie es Herr Zweidler zu nennen beliebt, sondern tatsächlich eine Bedrohung für die Schweiz und unsere Demokratie. Was bei uns Medienförderung sein soll, wäre dann ja noch politisch, letztlich also im Parlament auszuhandeln.