Stefan Boss: «Leider ist die Aufmerksamkeit für journalistische Medien gesunken.»
Das 403. Fragebogeninterview, heute mit Stefan Boss, freischaffender Journalist in Basel. Er hat sein Frühstück «reserviert zum Nachdenken oder für Gespräche». Danach lese er jedoch «gerne zuerst den ‹Tages-Anzeiger›, obwohl ich in Basel wohne.» Das sei «eine alte Gewohnheit, seit Blocher nach der BaZ gegriffen hat.» Er sagt, früher seien die Medien besser gelesen worden. «Heute kann man – online – viel schneller reagieren und einen Text aktualisieren. Leider ist aber die Aufmerksamkeit für journalistische Medien gesunken.» Dass vor allem junge Menschen weniger journalistische Medien konsumieren, bezeichnet er als «schlecht für die Demokratie» und fordert, dass «in den Schulen deshalb journalistische Medien besser in den Unterricht integriert werden» sollten. Gegenüber der KI verhält er sich vorsichtig: «Als Freischaffender versuche ich, mich bewusst von KI abzuheben.»
Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?
Das Frühstück ist reserviert zum Nachdenken oder für Gespräche. Nachher lese ich jedoch gerne zuerst den «Tages-Anzeiger», obwohl ich in Basel wohne. Eine alte Gewohnheit, seit Blocher nach der BaZ gegriffen hat.
Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?
Am häufigsten nutze ich LinkedIn, es hat Twitter in gewisser Weise abgelöst. Den Rest brauche ich nur sporadisch.
Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?
In den neunziger Jahren stieg ich bei einer Lokalzeitung im Emmental ein. Damals hörte ich jeweils am nächsten Tag, wenn ein Artikel jemandem nicht gefiel. Die Reaktionen waren manchmal ruppig, oft aber auch ermunternd.
Seit neun Jahren bin ich nun selbständig. Ich schreibe vorwiegend über nationale oder länderübergreifende Themen wie die Klimakrise. Entsprechend gibt es weniger Reaktionen.
Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?
Weder noch. Früher wurden die Medien besser gelesen. Aber es gab auch schon Einflussnahme: Von Verlegern, Inserenten, Lobbys etc. Heute kann man – online – viel schneller reagieren und einen Text aktualisieren. Leider ist aber die Aufmerksamkeit für journalistische Medien gesunken.
Haben geschriebene Worte noch Zukunft?
Auf jeden Fall.
Was soll man heute unbedingt lesen?
Ausländische Medien, um einen anderen Blick zu gewinnen. Ich empfehle besonders «The Guardian» und «Le canard enchainé».
Zudem auch gute Literatur, diese inspiriert mich. Zum Beispiel die Bücher von Jurek Becker.
Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?
Heute kann ich sie problemlos weglegen. Früher habe ich sie eher zu Ende gelesen.
Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?
Bei Recherchen – und im Gespräch mit Freunden.
Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?
Zehn Jahre. Vor Jahren sagte ein Medienprofessor, noch zehn Jahre. Das war etwa im Jahr 2018. Ich gebe ihnen heute nochmals eine Dezennie.
Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?
Gefährlich.
Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?
Nach einem Arbeitstag am Computer setze ich mich gerne aufs Sofa und schaue live TV. Wenn ich etwas verpasse, nutze ich elektronische Medien zeitversetzt.
Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?
Bis vor kurzem «Beziehungskosmos». Nach meiner kürzlichen Trennung von meiner Frau brauche ich das nun nicht mehr, und ich habe auf Gabriel «Vetters Töne» umgestellt.
Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?
Das ist schlecht für die Demokratie. In den Schulen sollten deshalb journalistische Medien besser in den Unterricht integriert werden.
Über 85 Prozent der Schweizer Medienschaffenden nutzen KI-Tools in ihrem Arbeitsalltag – wie viel KI verträgt der Journalismus? Lässt sich Journalismus gar automatisieren?
Ich bin vorsichtig und finde: nicht zu viel. Als Freischaffender versuche ich, mich bewusst von KI abzuheben.
Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?
Weder noch (siehe Antwort 4).
Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?
Unbedingt. Dafür spricht zum Beispiel, dass immer weniger Menschen journalistische Medien nutzen.
Schreibst Du manchmal noch von Hand?
Ja, für private Aufzeichnungen und Gedankenspiele auf einer Zugfahrt. Zudem führe ich in losen Abständen ein Tagebuch – aus Karton und Papier.
Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?
Schlecht, auch wenn in den USA die Medien vielleicht kurzfristig wieder mehr Zulauf haben. Zudem gibt es auch in Europa zu viele Populisten.
Wem glaubst Du?
Der Klimawissenschaft.
Dein letztes Wort?
«Ich hoffe, Sie können lesen.» Das wollte der russische Dichter Josef Brodski (1940 – 1996) auf seinen Grabstein schreiben lassen.
Stefan Boss
Stefan Boss (*1966) ist freischaffender Journalist und lebt in Basel. Nach einem Studium in Geschichte, Philosophie und Russisch (lic. phil. hist.) begann er seine Laufbahn als Redaktor für eine Mitgliederzeitschrift einer NGO. Nach einer Anstellung beim «Burgdorfer Tagblatt» arbeitete er von 1999 bis 2011 als Politikredaktor bei der «Basler Zeitung» und machte auch Reportagen aus Russland, der Ukraine und anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Seit 2017 ist er selbständig, er schreibt unter anderem über Umwelt und Klima, Osteuropa sowie Gesundheitsthemen. Zu lesen ist er in verschiedenen Tageszeitungen, im «Magazin» und in Zeitschriften wie dem Pro Natura-Magazin und «Moneta». Daneben ist er auch als Moderator und Dozent (früher für die ZHAW) tätig.
Basel, 16. September 2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
Bild: Alexander Preobrajenski
Seit Ende 2018 sind über 400 Fragebogeninterviews erschienen – eine alphabetische Liste mit allen Namen und Interviews gibt es hier: matthiaszehnder.ch/menschenmedien-die-uebersicht/
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Ein Kommentar zu "Stefan Boss: «Leider ist die Aufmerksamkeit für journalistische Medien gesunken.»"
Immer einig mit dem Gesprächsgast? Fake-News sind gefährlich = Ja; doch sie kommen unbewusst (oder in D eher bewusst über die AfD) auch in „etablierten“ Medien vor. ARD, ZDF, „Der Spiegel“, „Stern“ usw…. meinend…
Gedruckte Zeitungen: Ja – hoffentlich noch eine Dezennies lang und mehr….
Und Ja, auch in Europa gibt es viele Populisten: Die Schlangenölverkäufer von den Linken (Wohngebäude enteignen, Gratis Wohnen, Gratis-ÖV, Gratis-Uni, Gratis-Tampons, Beihilfen für Freizeit, Mobilität, Arbeit und gar Ferien) – vom Finanzieren wird nicht gesprochen….
Noch ein Tipp: Sie müssen die „BaZ“ nicht mehr zur Seite legen, Blocher kaufte diese vor langer Zeit der edlen Basler „Daig“-Familie Hagemann für gutes Geld ab; stiess sie dann, auch schon etliche Jahr her, aber wieder ab. Von nun an gehört sie der „TX-Group“, welche eben auch ihren „Tages-Anzeiger“ rausbringt. Gehupft wie Gesprungen: Beide Blätter sind 1:1 identisch – sogar von der Seitengestaltung her und stramm auf linksliberalem Mainstream-Kurs…..
Ein Nein jedoch zur Medienförderung – trotz dem vehementen „Unbedingt“ des heutigen Gastes…. Doch er ist nicht der „Boss“ in der Sache. Herrlich – der Chef der grössten Schweizer Putzfirma verlangt „Staatliche Fördergelder für Putzfrauen“. Grund: Dann wird nicht so viel „Schwarz“ gearbeitet in dieser Branche…..
Die doch eher gut bis sehr gut betuchten Beanspruchenden von Putzfrauen werden fürs Bad- und Küchenputzen, fürs Gartenmachen und Autowaschen gefördert, während ich und die Menschen in den Kleinhüninger Einraumwohnungen ungefördert den Putzlappen selbst schwingen müssen….
Eine stupide Argumentation? Nicht unbedingt – denn die Medien-Argumente für den ewigen fördernden Honigtopf sind ebenso absurd. Es geht ums GELD – bei allen. Das dadurch aber die INHALTE besser werden steht auf einem anderen Stern. Ich beobachte dass ich die interessantesten Beiträge und Geschichten, Artikel und Texte auf NICHTgeförderten Magazinen, Journalen und Web-Seiten finde. In allen Bereichen. Mit Geld lässt sich keine Gesundheit kaufen, kein Liebesglück und kein Wetter. Für die Medien gilt genau das selbe….. (Ungefördert, Alternativ aber Spitze: vergl. Zeitpunkt.ch / Manova Magazin u.v.a.)
Und so lange die gierigen Eingnerfamilien Ringer, Wanner, Calcagni, Kaczynski, Kaestner, Landshoff, Schulthess, Supino + Coninx und ihre Erbengemeinschaften ihre Medien so darben lassen und selbst nur auf die höchste Dividende, welche an die Substanz geht auszahlen lassen wollen, wird es auch schwer werden, dem Volk diese „Honigtöpfe“ zu verkaufen….
„Ich hoffe Sie können lesen“ möchte ich jetzt nicht unbedingt auf meinem Grabstein, gilt aber nach wie gut + vor……