Julian Reich: «Früher war mehr Zeit und mehr Papier.»
Das 399. Fragebogeninterview, heute mit Julian Reich, Redaktionsleiter von «Terra Grischuna» und KI-Beauftragter der «Südostschweiz». Er sagt, er lese die Tageszeitung, «teils aus Nostalgie, teils weil ich das abgeschlossene Format einer Zeitung mag, aber auch weil das Produzententeam schlicht einen guten Job macht.» Er habe sich zwar mal einen KI-Mediendigest eingerichtet, der ihm jeden Morgen eine Sprachnachricht mit den wichtigsten News aufs Handy schickte. «Das war fancy.» Aber im täglichen Gebrauch habe es sich nicht durchgesetzt. «Liquid Content klingt schon toll – aber offenbar ist mein Leben noch nicht so weit.» Überhaupt sei er früher «mehr News-Junkie» gewesen als heute. «Regelmässig las ich mich quer durch den deutschsprachigen Blätterwald. Der ist seither recht ausgedörrt, dafür gibts viele hübsche kleine Pflänzchen.» Es sei im Print halt so: Die Abonnent:innen «sterben weg und die Inserent:innen füllen lieber die Taschen der Tech-Bros.» Der Spardruck sei konstant, «was es nicht leicht macht, die Qualität zu halten». Gleichzeitig glaube er: «Die Zukunft als Medienmacher war nie spannender als heute.» Um die jungen Medienabstinenten mache er sich weniger Sorgen als um die «Älteren, die sich abwenden oder nie einen Zugang gefunden haben.» Er befürchte manchmal, dass «wir so weit auseinanderdriften, dass eine Verständigung über grundlegende Dinge irgendwann nicht mehr möglich» sei. Er ist aber überzeugt: «Das Bedürfnis nach wahren Geschichten verschwindet nicht. Und genau diese Geschichten erzählt Journalismus, wenn er gut ist.»
Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?
Zum Frühstück darf mir jedes Medium fehlen – ich unterhalte mich dabei lieber mit Menschen. Meist aber habe ich dann den «6iBrief» schon gelesen und ein paar weitere Newsletter überflogen. Dann kommen Webseite und E-Paper der «Südostschweiz», letzteres teils aus Nostalgie, teils weil ich das abgeschlossene Format einer Zeitung mag, aber auch weil das Produzententeam schlicht einen guten Job macht. Ich habe mir zwar mal einen KI-Mediendigest eingerichtet, der mir jeweils morgens eine Sprachnachricht mit den wichtigsten News aufs Handy schickt. Das war fancy. Aber im täglichen Gebrauch hat es sich nicht durchgesetzt. Liquid Content klingt schon toll – aber offenbar ist mein Leben noch nicht so weit.
Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?
Auf Facebook habe ich aus beruflichen Gründen noch einen Zombieaccount, ebenso auf Insta. Ich bin relativ abstinent, was Social Media anbelangt. Ausser auf LinkedIn, da scrolle ich immer wieder durch die Hot-Takes all der KI-Spezialisten, die wir neuerdings alle sein möchten. Ich poste auch hin und wieder etwas, kenne also den Dopaminrausch durchaus, wenn jemand einen meiner Beiträge liked. X hab ich schon länger gelöscht, die Alternativen habe ich mir nie ernsthaft angeschaut. Auf YouTube lande ich hin und wieder, weil es dort einfach sehr viel guten Content gibt. Bei TikTok habe ich reingeschaut, in ein schwarzes Loch für Zeit und Aufmerksamkeit gestarrt – und die App deinstalliert.
Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?
Als ich vor bald 20 Jahren mein Praktikum beim «Bündner Tagblatt» begann, bekam ich noch zwei Zeitungen frei Haus geliefert, die ich im Zug zur Arbeit las. So wusste ich an der Redaktionssitzung schon mal, was am Vortag wichtig gewesen war. Überhaupt war früher mehr Zeit und mehr Papier. Und ich mehr News-Junkie als heute. Regelmässig las ich mich quer durch den deutschsprachigen Blätterwald. Der ist seither recht ausgedörrt, dafür gibts viele hübsche kleine Pflänzchen wie den «6iBrief» von Tsüri.ch oder die «Republik». Zugleich sind die globalen Medien wie «New York Times», «Washington Post» oder «Guardian» viel einfacher zugänglich, auch da lese ich gern mit. Oder den «Beobachter» online. Unter dem Strich: Heute machen die alten hiesigen Marken einen kleineren, Newsletter und Podcasts einen grösseren Teil meines Medienkonsums aus. Ah, und Netflix natürlich.
Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?
Ich kann mich nicht an gute Zeiten erinnern, irgendwie war immer Krise. Bezogen auf das Magazin «Terra Grischuna», das ich verantworte, waren die Budgets vor meiner Zeit sicher besser dotiert. Es ist wie überall im Print: Es sterben die Abonnent:innen weg und die Inserent:innen füllen lieber die Taschen der Tech-Bros. Der Spardruck ist konstant, was es nicht leicht macht, die Qualität zu halten. Gleichzeitig glaube ich: Die Zukunft als Medienmacher war nie spannender als heute.
Haben geschriebene Worte noch Zukunft?
Haben Hämmer noch Zukunft? Gewisse Erfindungen sind so gut, dass sie in fast unveränderter Form über Jahrtausende funktionieren. Wie der Hammer, die Schrift – oder das Buch.
Was soll man heute unbedingt lesen?
Während der Ferien habe ich in einem Airbnb ein tolles Buch gefunden: «The First Fifteen Lives of Harry August» von Claire North. Eine Groundhog-Day-Variation, aber grossartig. Von den Schweizern schätze ich Alex Capus sehr.
Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?
Kürzlich habe ich ein Buch zu Ende gelesen, gerade weil es so schlecht war. Ein wenig wie bei einem Unfall auf der Autobahn, ich musste einfach weiterlesen. Geschrieben hat es ein recht erfolgreicher Autor, und das hat mich daran erinnert, wie gross die Spannweite menschlicher Erfahrung sein kann: Was die einen verschlingen, sorgt bei anderen für Brechreiz. Ein seltsames Tier, dieser Mensch.
Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?
Von meiner Partnerin, die sich regelmässig für Themen begeistern kann, die mir zunächst wenig sagen: die Geologie des Alpsteins, die Vögel der Schweiz, Quantenphysik. Da fällt immer wieder etwas Kollateralwissen für mich ab. Aber auch Reisen hilft, wie erwähnt. Und Tageszeitungen.
Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?
Solange sie sich rechnen. Und wenn Medienmanager:innen etwas können, dann rechnen.
Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?
Fake News sind eine Gefahr für die Gesellschaft und es ist eine Aufgabe der Medien, sie aufzudecken. Ausser man lässt sich für Propaganda einspannen und wird zum Teil des Problems, auch das kann ein Geschäftsmodell sein.
Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?
Nur noch zu grossen Fussballspielen, alles andere passt nicht in meinen Tag. Ich kann mich an eine Zeit erinnern, in der man «Wetten, dass …?» und all die Lagerfeuersendungen geschaut hat, über die dann alle gesprochen haben. Aber vielleicht trügt die Erinnerung auch und das ist nur eine Erzählung über die gute alte Zeit.
Trotzdem bin ich sehr pro staatlich finanzierte Medien, nur finde ich eine Pro-Kopf-Gebühr wie die Serafe ungerecht. Für gewisse Einkommen sind auch 312 Franken eine massive Belastung, für andere ein Klacks. Und wieso kann man das nicht einfach auf die Steuerrechnung packen?
Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?
Ja, viele. Mein absoluter Lieblingspodcast – neben «This American Life», «Hyperfixed», «Radiolab» und «Freakonomics» – ist «Heavyweight» von Jonathan Goldstein und Team. Das ist Humor und Tiefe und Literatur und Journalismus und einfach sehr grossartig. In Sachen KI mag ich den «KI Podcast» der ARD, «Hard Fork», «Media Copilot» und «Newsroom Robots». Ach, und die beiden Staffeln von «Shell Game» von Evan Ratliff. Wenn ich Lust auf einen Rant auf die KI-Branche habe, höre ich Ed Zitrons «Better Offline». Immer wieder gut für Autofahrten ist «Geschichten aus der Geschichte».
Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?
Ein Stück weit ist es doch normal, dass sich junge Menschen eher für anderes interessieren als für das Weltgeschehen oder die Gemeindeversammlung. Gewiss hat das Smartphone das noch verstärkt, weil es nun endlos viele Möglichkeiten gibt, unser Hirn zu beschäftigen, die nichts mit News zu tun haben. Das Grundmuster ist aber alt.
Mehr Sorgen als die 16- bis 29-Jährigen machen mir ohnehin die Älteren, die sich abwenden oder nie einen Zugang gefunden haben. Manchmal befürchte ich, dass wir so weit auseinanderdriften, dass eine Verständigung über grundlegende Dinge irgendwann nicht mehr möglich ist. Aber das ist ein Gefühl in düsteren Momenten, keine Analyse.
Wer die Jungen erreichen will, muss vermutlich bei den Strategien der sogenannten Creator Economy abschauen. Sprich menschlicher, nahbarer werden und vielleicht auch mal das eigene Gesicht in die Smartphone-Kamera halten, um zu erklären, was dies oder jenes mit dem Leben junger Menschen zu tun hat. Das braucht aber Überwindung, gerade für Leute wie mich, die es gewohnt sind, hinter dem Text zu verschwinden.
Nur glaube ich nicht, dass sich das Problem allein über das Format lösen lässt. Wovon ich überzeugt bin: Das Bedürfnis nach wahren Geschichten verschwindet nicht. Und genau diese Geschichten erzählt Journalismus, wenn er gut ist. Mir gefällt die Vorstellung von Medien als Kümmerer, als Problemlöser für eine Gemeinschaft, sei es eine Stadt oder eine Region. Wenn ich morgen ein Medium gründen könnte, würde ich einmal pro Woche das Problem einer einzelnen, echten Person lösen – und davon erzählen. Es ist die älteste Erzählung überhaupt: Problem, Widerstand, Lösung. Funktioniert auch morgen noch.
Über 85 Prozent der Schweizer Medienschaffenden nutzen KI-Tools in ihrem Arbeitsalltag – wie viel KI verträgt der Journalismus? Lässt sich Journalismus gar automatisieren?
Wie viel KI der Journalismus verträgt, ist vielleicht eher eine qualitative als eine quantitative Frage – also wie wir sie nutzen, nicht wie viel. Wer zum Beispiel KI-Agenten aufsetzt, um Primeurs anderer Redaktionen umzuschreiben und auf der eigenen Plattform zu veröffentlichen, sägt am Ast einer ganzen Branche. Dafür zahlt niemand, und Spass macht das auch nicht.
Gegenüber KI-generierten Inhalten kann und soll man skeptisch sein. Trotzdem sehe ich als Lokaljournalist durchaus ihren Platz: Das Umschreiben von Pressemitteilungen und die Transkription von Audio gehören zu den wenigen Anwendungsfällen, bei denen KI tatsächlich Zeit spart. Auch das Einholen von Feedback zu Texten oder von Vorschlägen für Titel sollte mittlerweile Standard sein: Claude ist mir dabei ein stets verfügbarer, durchaus fähiger Gegenleser.
Abgesehen davon ist KI jedoch kein Effizienztool. Richtig Spass macht und journalistisch sinnvoll ist etwas anderes: Mit KI-Tools Dinge tun, für die ich vorher vertiefte Programmierkenntnisse gebraucht hätte. Datensätze analysieren, Dashboards bauen, kleine vibe-gecodete HTML-Spiele und Tools, die Gerichtsurteile, Wetter- oder Verkehrsdaten auswerten, woraus sich Geschichten ergeben können. Das ist heute auch kleineren Lokalredaktionen möglich (und seien wir ehrlich: In der Schweiz machen wir doch eigentlich alle Lokaljournalismus).
Wozu KI wirklich taugt, zeigt sich auch bei den diesjährigen Pulitzer-Preis-Nominierten: Der Fokus ihres KI-Einsatzes lag auf Datenauswertung, Übersetzung und Validierung grosser Informationsmengen. Und sicher nicht auf automatisiertem Schreiben.
Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?
Puh, ich weiss nicht wirklich, was Digitalisierung hier bedeuten soll. Wenn ich es auf die Auswirkungen der künstlichen Intelligenz ummünze: Ich kann mir beide Welten vorstellen. Eine, in der wir von immer besser aussehendem aber stets schalem KI-Content überflutet werden und wie umgekehrte Zentauren – als Körper für KI-Hirne – durch die Gegend schlafwandeln; und eine, in der wir neue Formate, neue Recherchen, neue Ideen umsetzen, eine Welt, in der wir als Medien nicht einfach noch mehr Rauschen produzieren, sondern Orientierung in der Informationsflut anbieten. Ich möchte auf jeden Fall an der zweiten Welt mitarbeiten.
Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?
Ja. Als Sohn eines Bündner Bio-Bauern finde ich Subventionen nichts Verwerfliches.
Schreibst Du manchmal noch von Hand?
Kaum. Passwörter und Einkaufslisten. Manchmal einen kleinen Gruss an meine Liebste.
Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?
Trump ist schlecht für die Welt, die Medien sind Teil der Welt, also ist Trump schlecht für die Medien. Aber ich muss zugeben: Seit seiner ersten Wahl habe ich ein Abo der «New York Times».
Wem glaubst Du?
Ich bin für einen Journalisten vermutlich untypisch leichtgläubig. Ich hänge der Vorstellung an, dass die meisten Menschen es gut meinen. Auch wenn mich die Erfahrung immer wieder mal das Gegenteil lehrt.
Im Zweifelsfall höre ich auf meine Partnerin, sie liegt meistens richtig.
Dein letztes Wort?
Das nimmt mich auch wunder.
Zur Person:
Julian Reich (*1982) hat am Gymnasium in der Klosterschule Disentis die erste Schulzeitung seit Niklaus Meienbergs «Flamme» mitgegründet. Nach einem abgebrochenen Germanistik-Studium stieg er 2007 als Praktikant beim «Bündner Tagblatt» in den Journalismus ein. Er arbeitete als Kultur- und Lokalredaktor in verschiedenen Pensen für die Somedia-Zeitung, daneben betätigte er sich im Kulturmanagement. Seit 2018 leitet er das vor über 80 Jahren gegründete Magazin «Terra Grischuna», das ebenfalls zu Somedia gehört. Seit 2025 ist er in einem Teilpensum KI-Beauftragter für die Redaktionen der «Südostschweiz».
Julian Reich
Basel, 19. August 2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
Bild: Bruno Zürcher
Seit Ende 2018 sind über 380 Fragebogeninterviews erschienen – eine alphabetische Liste mit allen Namen und Interviews gibt es hier: matthiaszehnder.ch/menschenmedien-die-uebersicht/
Wenn Sie kein Fragebogeninterview verpassen möchten, abonnieren Sie meinen Newsletter:
- Das neue Fragebogeninterview
- Hinweis auf den Wochenkommentar
- Ein aktueller Sachbuchtipp
- Ein Roman-Tipp
Nur dank Ihrer Unterstützung ist das Fragebogeninterview möglich. Herzlichen Dank dafür!