Sermîn Faki: «Ich lese die Zusammenfassung der ‹Arena› auf ‹watson› … sorry, Sandro.»
Das 398. Fragebogeninterview, heute mit Sermîn Faki, Nachrichtenchefin von CH Media. Sie sagt, als sie «die ersten Schritte im Journalismus machte, steckte das Internet in den Kinderschuhen.» Unser «aller medialer Alltag» lasse sich «gar nicht mehr mit damals vergleichen». Print und lineares Fernsehen seien viel wichtiger gewesen, «am Morgen blätterte man Zeitungen durch, am Abend gab es ‹Tagesschau› und ‹10 vor 10› mit Stefan Klapproth.» Und jeden Freitag «guckte ich selbstverständlich die ‹Arena›.» Heute lese sie «die Zusammenfassung der Sendung auf ‹watson› … sorry, Sandro.» Mit den sozialen Medien hadert sie: «Der Algorithmus sorgt ja dafür, dass ich immer schön mit dem bedient werde, was mich interessiert.» Sie findet es «erschreckend, wie viele Menschen nicht mehr unterscheiden können zwischen Information und Desinformation» – und mit KI werde das noch extremer. «Als Journalistinnen und Journalisten können wir wenig dagegen tun – ausser unseren Job mit grösster Sorgfalt zu machen.» Trotzdem: «KI hilft mir im Job und macht mich effizienter», findet sie. Nur das kritische Denken dürfe man der KI nicht überlassen. «Bestimmte Inhalte lassen sich automatisiert erstellen, jene von Bedeutung nicht.»
Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?
Ich zmörgele nur am Sonntag. Aber ich scanne täglich direkt nach dem Aufwachen «Schweiz heute», das neue nationale Portal von CH Media, den «Tagi», die NZZ, «Blick» und «20 Minuten» und höre im Bad Radio SRF 4 News. Lokal – ich lebe ja in Bern – informiere ich mich via «Hauptstadt».
Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?
Bei der Hälfte dieser Sozialen Medien habe ich einen Account, schaue aber eher unregelmässig rein. X, wo ich täglich war, als es noch Twitter hiess, scheint mir seine Bedeutung für die öffentliche Debatte – und damit für meinen Job – verloren zu haben. Am ehesten findet man mich auf Insta, als Zuschauerin. Bei LinkedIn würde ich auch posten, aber ich versuche seit Monaten erfolglos, mein Profil anzupassen – ich hab ein Problem mit einer veralteten E-Mail-Adresse …
Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?
Als ich die ersten Schritte im Journalismus machte, steckte das Internet, wie wir es heute kennen, noch in den Kinderschuhen. Insofern lässt sich unser aller medialer Alltag ja gar nicht mehr mit damals vergleichen. Print und lineares Fernsehen waren viel wichtiger, am Morgen blätterte man Zeitungen durch, am Abend gab es «Tagesschau» und «10 vor 10» mit Stefan Klapproth. Und jeden Freitag guckte ich selbstverständlich die «Arena». Heute lese ich die Zusammenfassung der Sendung auf «watson» … sorry, Sandro.
Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?
Weder noch. Klar gab es damals weniger schnell zusammengeschriebenes Kurzfutter. Aber die Medien waren viel braver, obrigkeitsgläubiger und staatstragender. Und es war viel schwieriger, an Informationen zu kommen. Heute nervt dafür die «PR-isierung» der Behörden- und Unternehmenskommunikation. Alles wird glattgebügelt – oftmals sind Antworten gar nicht mehr zu gebrauchen.
Haben geschriebene Worte noch Zukunft?
Wieso denn nicht? Lesen gehört zu den effizientesten Arten der Informationsbeschaffung. Und ist im besten Fall sogar vergnüglich.
Was soll man heute unbedingt lesen?
Unbedingt? Sollen? Gar nichts. Ich persönlich will einfach über die wichtigen Dinge informiert sein, die um mich herum und in der Welt passieren. Und ich lasse mich von Büchern oder Reportagen gern in andere Welten entführen. Das bereichert mich. Doch das von anderen zu erwarten, finde ich schwierig.
Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?
Kann ich gut weglegen.
Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?
Das kann fast überall vorkommen: in Zeitungen, Zeitschriften, Dokus, Filmen. Eine Ausnahme ist Social Media. Der Algorithmus sorgt ja dafür, dass ich immer schön mit dem bedient werde, was mich interessiert. Das ist eines der Dinge, die ich nicht mag an Instagram und Co.
Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?
Ich bin jetzt mal mutig und sage: 20 Jahre.
Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?
Sie sind beides. Es ist erschreckend, wie viele Menschen nicht mehr unterscheiden können zwischen Information und Desinformation – und mit KI wird das noch extremer werden. Als Journalistinnen und Journalisten können wir wenig dagegen tun – ausser unseren Job mit grösster Sorgfalt zu machen.
Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?
Live-TV schaue ich mittlerweile ausschliesslich für Skirennen und Fussball oder an einem regnerischen Sonntagnachmittag. Sonst alles on demand. Radio höre ich via App – dann fangen die Nachrichten an, wann ich will.
Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?
Ich gehöre nicht zu jenen, die täglich Podcasts hören. Aber ich schätze «The Rest is Politics» mit Alistair Campbell und Rory Stewart. Und ich habe grossen Spass an den Gesprächen der Reihe «Missverstehen Sie mich richtig» mit den Moderatoren um Gregor Gysi und Kevin Kühnert. Die werden allerdings auf YouTube ausgestrahlt und sind drum keine echten Podcasts. Aber man muss ja nicht hingucken, sondern kann einfach zuhören.
Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?
Schön ist das nicht. Aber ich kenne auch 19-Jährige, die besser informiert sind, als ich es damals war. Und ich setze auf das Prinzip Hoffnung: dass einigen vielleicht mit Mitte 30, wenn sie sesshaft werden und eine Familie gründen, der Wert und Nutzen von Journalismus bewusst wird.
Über 85 Prozent der Schweizer Medienschaffenden nutzen KI-Tools in ihrem Arbeitsalltag – wie viel KI verträgt der Journalismus? Lässt sich Journalismus gar automatisieren?
In Bezug auf KI habe ich eine pragmatische Haltung: KI hilft mir im Job, macht mich effizienter. Nur das kritische Denken darf man nicht an sie delegieren. Bestimmte Inhalte lassen sich automatisiert erstellen, jene von Bedeutung nicht.
Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?
Sehen wir tot aus? Die Digitalisierung hat das Geschäftsmodell verändert, ja. Es ist anspruchsvoller geworden, ein Medienunternehmen zu führen – und in einem zu arbeiten. Befreit hat die Digitalisierung den Journalismus auch nicht, aber sie hat ihn vielfältiger gemacht.
Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?
Es sieht danach aus. Mir wäre es lieber, sie wäre nicht nötig.
Schreibst Du manchmal noch von Hand?
Notizen mache ich immer noch von Hand, ich bin einfach schneller. Meistens hab ich dann später aber Mühe, sie zu entziffern …
Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?
Aufmerksamkeitsökonomisch auf jeden Fall gut. Und vielleicht stärkt er sogar das Bewusstsein für demokratische Tugenden. Ansonsten kann ich einem unberechenbaren US-Präsidenten, der sich weder um Wahrheit noch um Gesetze schert, wenig abgewinnen.
Wem glaubst Du?
Jedem und niemandem.
Dein letztes Wort?
Muss ich nicht immer haben.
Sermîn Faki
Sermîn Faki studierte Politikwissenschaften, Zeitgeschichte, Islamwissenschaften und Angewandte Ethik in Potsdam, Berlin und Zürich. Ihre journalistische Laufbahn startete mit einem Praktikum beim «Werdenberger&Obertoggenburger» im St. Galler Rheintal. Später arbeitete sie als Redaktorin im Bundeshaus für die «Südostschweiz» und die «Zentralschweiz am Sonntag». Bis 2024 war sie sieben Jahre Politikchefin beim «Blick», bevor sie in ihre aktuelle Position als Nachrichtenchefin zu CH Media wechselte.
Basel, 12. August 2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
Bild: zvg
Seit Ende 2018 sind über 380 Fragebogeninterviews erschienen – eine alphabetische Liste mit allen Namen und Interviews gibt es hier: matthiaszehnder.ch/menschenmedien-die-uebersicht/
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Ein Kommentar zu "Sermîn Faki: «Ich lese die Zusammenfassung der ‹Arena› auf ‹watson› … sorry, Sandro.»"
Sermîn Faki empfinde ich nicht als Journalistin oder Publizistin, sondern als Propagandistin.
Vor und nach jeden Wahlen schreibt sie Kommentare oder gar Artikel. Jedesmal stramm contra SVP – egal in welchem Thema. Sei es bei den SERAFE-Gebühren-Minderung für und alle, sei es bei der 10-Mio-Einwohnende in der Schweiz sind genug, sei es bei der Neutralitätsinitiative und bei den kommenden „Rahmenverträgen“ ist die Sachlage für Sie auch klar.
Die Spur ist getrimmt, alles auf Linie, abgesprochen mit Patrick Müller und Inhaberfamilie.
Ich spüre dies bei jeder Zeile. Ich mag nicht mehr lesen. Und ich mag nicht mehr bezahlen dafür.
Gefährliche Linie: Der „Sonntags-Blick“ hatte sich mit seiner Linkslastigkeit vom zahlenden, eher ländlichen und bürgerlichen Publikum entfernt. Ein Chefredaktor nach dem andern Links, dazwischen noch ein teutonischer Chefredaktor – es waren Planeten, Welten zwischen Machern und Publikum….
Das Resultat ist bekannt: Der „Sonntags-Blick“ in seiner heutigen Form wird eingestellt, wird zum Anhängsel des „Samstag-Blicks“ oder wie es allenfalls heissen könnte „Blick am Wochenende“.
Man macht Zeitung für die Leserschaft, nicht für Ideologie, nicht für sich selbst. Im Falle des „SoBli“ reichte der Sportteil nicht mehr aus, die Felle zu retten.
Und jeden Tag starb ein Klientel weg (Überalterung), welches man nicht mehr am Sonntag zur Tanke schlurben sah und das Portemonnaie zu öffnen.
Aufpassen – Wanner-Group…. – den die SVP-Bürgerlichen Lesenden sind die zahlende Klientel. Von Brüssel (pro EU) kommt (noch….) kein Groschen für Eure treuen Schranzen-Dienste; wenigstens offiziell……. -empfinde ich…..