Judith Wittwer: «Heute gönnen wir uns kaum mehr Pausen.»

Publiziert am 26. August 2026 von Matthias Zehnder

Das 400. Fragebogeninterview, heute mit Judith Wittwer, Chefredakteurin der «Süddeutschen Zeitung» in München. Sie sagt, als sie im Sommer 2002 beim «Tages-Anzeiger» mit dem Volontariat begann, «drehte sich noch alles um die Zeitung. Spätestens mit dem Andruck war Feierabend.» Damit sei es vorbei: «Heute gönnen wir uns kaum mehr Pausen: Wir informieren uns und senden rund um die Uhr.» Mit ihrer hohen Handy-Bildschirmzeit sei sie «kein Vorbild für meine Teenager-Töchter». Sie ist deshalb sicher: «Die Zukunft der Tageszeitungen liegt im Digitalen.» Trotzdem werde die gedruckte Zeitung weiterleben, und zwar «noch länger, als viele erwarten. Weil viele Leser sie als Begleiterin durch ihren Alltag nicht missen möchten.» Neben dem Lesen gewinne das Hören und Sehen auch bei traditionsreichen Zeitungsmarken an Bedeutung. «Damals wie heute braucht es aber unabhängige Medien und Journalisten mit Rückgrat und Charakter», sagt sie. Denn die Krise der liberalen Demokratie sei auch eine Krise der unabhängigen Medien: Sie «kämpfen mit einer Gegenöffentlichkeit, die Zweifel sät, ob die Journalisten die Dinge wirklich so wiedergeben, wie die Menschen sie wahrnehmen.» Doch in «Zeiten von Desinformation und fundamentalen Umbrüchen» steige das Bedürfnis nach verlässlichen Informationen und Hintergründen. «Guter Journalismus basiert auf überprüfbaren Fakten und solidem Handwerk. Damals wie heute geht es um Aufklärung, Freiheit und Demokratie.» Deshalb setzt sie der KI klare Grenzen: KI könne als «Sparringpartner zur Themenfindung oder bei der Recherche» eingesetzt werden. «Sie darf aber nicht den Menschen im Schreibprozess ersetzen.»

Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?

Ich lese morgens alles, was ich nicht bereits am Vorabend lesen konnte: die neusten Berichte unserer US-Korrespondenten, die Nachtkritiken unserer Feuilletonisten, unseren Morgennewsletter, aber natürlich auch die Konkurrenz: «Spiegel», FAZ, NZZ, auch die Schlagzeilen der «Bild» und die «New York Times». Aus Zeitgründen lasse ich mir dabei auch vieles vorlesen. Text to Speech ist eine geniale Erfindung.

Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?

Am aktivsten bin ich inzwischen auf LinkedIn. Die Plattform ist heute weit mehr als ein Jobportal. Hier kann ich den SZ-Journalismus auch für Nicht-Abonnenten erlebbar machen. Von X haben wir uns verabschiedet. War Twitter früher für Journalisten und Politiker informativ und unterhaltend, ist Elon Musks Plattform heute meiner Meinung nach verloren. Bei Facebook, Insta, TikTok und Bluesky habe ich Accounts, bin aber mehr passive Nutzerin, dort lasse ich mich vor allem inspirieren. Threads und Mastodon nutze ich bisher nicht.

Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?

Als ich im Sommer 2002 beim «Tages-Anzeiger» mit dem Volontariat begann, drehte sich noch alles um die Zeitung. Spätestens mit dem Andruck war Feierabend. Heute gönnen wir uns kaum mehr Pausen: Wir informieren uns und senden rund um die Uhr. Mit meiner hohen Handy-Bildschirmzeit bin ich kein Vorbild für meine Teenager-Töchter.

Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?

Die Medienlandschaft war sicherlich vielfältiger. Die Werbegelder sprudelten und machten vieles einfacher. Der Journalismus war aber nicht unbedingt besser. Heute können wir zum Beispiel mithilfe neuer Technologien gigantische Datensätze auswerten. Mit Open Source Intelligence (OSINT) entstehen Visual Investigations. Neben dem Lesen gewinnt das Hören und Sehen auch bei traditionsreichen Zeitungsmarken wie der NZZ oder dem «Tagi» an Bedeutung. Damals wie heute braucht es aber unabhängige Medien und Journalisten mit Rückgrat und Charakter. Wir haben sie.

Haben geschriebene Worte noch Zukunft?

Und ob!

Was soll man heute unbedingt lesen?

Oh, so vieles! Neben Zeitungen unbedingt auch Bücher! Gerade habe ich auf Anregung von «Das Magazin» etwa die «Lebensansichten des Katers Murr» von E.T.A. Hoffmann gekauft. Es ist Lesegenuss pur, wie der Murr seine Biografie der Welt übergibt, «damit sie lerne, wie man sich zum großen Kater bildet.» Vielleicht sollten wir besonders in diesen wilden Zeiten wieder öfter die grossen Romantiker lesen.

Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?

Schlechte Bücher haben es nicht verdient, zu Ende gelesen zu werden.

Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?

Journalisten sind neugierige Wesen, sie entdecken überall Dinge, die sie interessieren.

Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?

Die Zukunft der Tageszeitungen liegt im Digitalen. Trotzdem lebt die gedruckte Zeitung weiter. Ich bin zuversichtlich, dass es sie noch länger geben wird, als viele erwarten. Weil viele Leser sie als Begleiterin durch ihren Alltag nicht missen möchten.

Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?

Die Krise der liberalen Demokratie ist auch eine Krise der unabhängigen Medien. Sie kämpfen mit einer Gegenöffentlichkeit, die Zweifel sät, ob die Journalisten die Dinge wirklich so wiedergeben, wie die Menschen sie wahrnehmen. Dennoch sehe ich vor allem die Chancen. In Zeiten von Desinformation und fundamentalen Umbrüchen steigt das Bedürfnis nach verlässlichen Informationen und Hintergründen. Guter Journalismus basiert auf überprüfbaren Fakten und solidem Handwerk. Damals wie heute geht es um Aufklärung, Freiheit und Demokratie.

Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?

TV und Radio schaue respektive höre ich kaum noch live. Ich schaue aber regelmässig in die Mediatheken und höre mir viele Sendungen zeitversetzt als Podcast an. Zum Beispiel das «Echo der Zeit».

Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?

Ja, siehe oben. Das Hören ergänzt das Lesen, bei der SZ haben wir deshalb zuletzt massiv und mit Erfolg in Podcasts investiert. Meine Lieblingspodcasts sind – neben unseren eigenen Formaten natürlich – «The Daily» und «The Interview» der NYT sowie aktuell «Machtwechsel» von Dagmar Rosenfeld und Robin Alexander.

Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?

Es zeigt, dass wir Medien uns mehr anstrengen müssen, um Junge für unabhängigen Journalismus zu begeistern. Bei der SZ haben wir deshalb eine U30-Initiative lanciert. Erste Erfahrungen mit neuen Formaten und Live-Veranstaltungen zeigen, dass sich Junge durchaus begeistern lassen – und nicht nur bereit sind, für ein Netflix- oder Spotify-Abo Geld auszugeben, sondern auch für klassische Medien.

Über 85 Prozent der Schweizer Medienschaffenden nutzen KI-Tools in ihrem Arbeitsalltag – wie viel KI verträgt der Journalismus? Lässt sich Journalismus gar automatisieren?

Die SZ steht für Autoren-Journalismus. KI setzen wir dort ein, wo sie den Journalismus sinnvoll unterstützt, zum Beispiel bei der Transkription von Interviews oder beim Redigieren. KI darf auch als Sparringpartner zur Themenfindung oder bei der Recherche eingesetzt werden. Sie darf aber nicht den Menschen im Schreibprozess ersetzen.

Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?

Weder noch. Ohne Zweifel fordert sie aber den Journalismus fundamental heraus.

Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?

Unabhängiger Journalismus ist wichtig für das Funktionieren einer Demokratie. Eine indirekte Medienförderung – etwa in der Zustellung von Zeitungen – kann die freie Presse unterstützen, ohne auf die Berichterstattung Einfluss zu nehmen. Ich unterstütze auch Überlegungen, die die Medienkompetenz von Jungen fördern. Kurz: Ich kann einer punktuellen Medienförderung in der Schweiz durchaus Gutes abgewinnen.

Schreibst Du manchmal noch von Hand?

Ja, täglich. Ich fülle ganze Moleskine-Bücher mit meinen Notizen und schreibe auch Briefe oder Karten. Nicht zu vergessen: die endlos langen To-Do-Listen.

Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?

Die Welt ist mit Trump noch lauter und unberechenbarer geworden. Kaum je waren aber unabhängige Medien so gefragt wie jetzt.

Wem glaubst Du?

Journalismus ist keine Glaubensfrage. Die Basis unserer Arbeit sind Fakten.

Dein letztes Wort?

Das letzte Wort? Das haben bei uns zuhause gerne unsere Töchter.


Judith Wittwer
Sie ist die erste Frau an der Spitze der «Süddeutschen Zeitung»: Judith Wittwer kam im Juli 2020 zur grössten abonnierten Tageszeitung Deutschlands und teilte sich die Führung zunächst mit Wolfgang Krach in einer Doppelspitze. Seit 2026 ist sie alleinige Chefredakteurin. Zuvor war die 48-jährige Schweizerin Chefredaktorin des «Tages-Anzeigers» in Zürich. Judith Wittwer studierte an der Universität St. Gallen (HSG) Internationale Beziehungen und absolvierte die Diplomausbildung an der Schweizer Journalistenschule MAZ. Ihre journalistische Karriere begann sie als Wirtschaftsredaktorin für Tamedia und Axel Springer mit Stationen als Agenturjournalistin für AP und als Wirtschaftskorrespondentin in Frankfurt am Main. Von 2021 bis 2025 war sie Mitglied der Jury des Egon-Erwin-Kisch-Preises. Judith Wittwer ist verheiratet und Mutter von zwei Töchtern.


Basel, 26. August 2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch
Bild: Jens Hartmann

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3 Kommentare zu "Judith Wittwer: «Heute gönnen wir uns kaum mehr Pausen.»"

  1. Zu den Bemerkungen „Unabhängiger Journalismus ist wichtig für das Funktionieren einer Demokratie.“ sowie zum Kampf „mit einer Gegenöffentlichkeit, die Zweifel sät, ob die Journalisten die Dinge wirklich so wiedergeben, wie die Menschen sie wahrnehmen.“ erlaube ich mir die Anmerkung, dass ich immer wieder erleb(t)e, wie beispielsweise normale Journalisten, Politiker oder Wissenschaftler – solange und wenn sie Karriere machen und/oder viel Geld verdienen wollen – nicht sagen oder schreiben, was sie denken und wissen. Mir selber wurde im Rahmen meiner universitären Ausbildung empfohlen, als Wissenschaftler keine Unwahrheiten zu sagen oder zu schreiben, die leicht als solche verifiziert werden können, aber zumindest öffentlich auch nicht Wahrheiten, die Mächtigen nicht passen.

    1. TREFFENDE WORTE VON U. KELLER
      Denn unabhängig heisst nicht immer Objektiv, heisst nicht immer Neutral.
      (Das „unabhängige“ Treiben ist vielen noch von der Corona-Zeit eingebrannt = und aufgearbeitet wird nix).
      Unabhängig….. Niemand ist dies in der heutigen Zeit noch im Leben…. Ein grosser Wort zur falschen Zeit im Heute….
      Da trau ich lieber noch „Hobby-Journalisten“ welche live und ungefiltert vor Ort sind oftmals mehr zu als dem ganzen ÖRR (Öffentlich-rechtlicher-„unabhängiger“-Rundfunk) über den Weg. So weit musste es kommen – die Jugend gibt mir recht. Auch „Sägen auf dem Ast auf welchem man sitzt“ genannt….
      Die ganze Journi-Branche stürzt vom hohen Ranking und Image in der Gesellschaft runter bis bald zum Schluss. Man denke an das Wort „Presse“ an der Windschutzscheibe der Autos – Tür und Tor wurden geöffnet…. Heute heisst es „hinten anstehen“. Die (zahlende) Kundschaft kommt zu erst…. Jeder der Beteiligten soll sich mal in die Höhle zurückziehen und nachdenken bzgl. wie, was und warum + drumherum….

  2. Wie es aussieht, wollen die Herren Keller und Zweidler, die bekanntlich über keinerlei journalistische Kompetenzen verfügen, ausgerechnet der Chefredaktorin der „Süddeutschen Zeitung“ erklären, was unabhängiger Journalismus ist. Das Mass aller Dinge sind, das erfahren wir in praktisch jedem Beitrag Zweidlers, Köppel, Somm, Millius, Reichelt – da bleibt „links“ davon genug Platz, dass man nebenbei noch einen ganzen Berufsstand („die Journi-Branche“) runtermachen kann. Sorry, ich finde das nicht nur anmassend, sondern schlicht lächerlich.

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