Anna Kardos: «Lesen ist die einzige kulturelle Tätigkeit, bei der man das Tempo ganz und gar selber bestimmen kann.»

Publiziert am 20. Mai 2026 von Matthias Zehnder

Das 386. Fragebogeninterview, heute mit Anna Kardos, Kulturredaktorin der «NZZ am Sonntag». Sie hört schon vor dem ersten Cappuccino SRF2 und liest zum zweiten Cappuccino den «Tagi» und die NZZ, am liebsten auf Papier. Als sie vor 20 Jahren begann, als Musikkritikerin zu arbeiten, habe sie «in der Zentralbibliothek Zürich noch Partituren» kopiert. «Heute findet mein beruflicher Alltag weitgehend digital statt.» Ausser wenn sie zu grösseren Themen recherchiere: «Dann finde ich mich noch heute regelmässig in der ZB wieder.» Zu schaffen macht ihr die «zunehmende Ausrichtung danach, was geklickt wird». Das habe in den Medien «zu einer Verengung der journalistischen Bandbreite geführt – auch zu einer Entwertung von Kulturthemen». Sie sei sich als Redaktorin einer Wochenzeitung allerdings bewusst, dass sie «in der privilegierten Position» sei, «noch heute Themen vertiefen zu können und für das Schreiben genug Zeit zu haben. Das ist alles andere als selbstverständlich.» Besonders wichtig ist ihr das Lesen: «Lesen ist (neben dem Museumsbesuch) die einzige kulturelle Tätigkeit, bei der man das Tempo ganz und gar selber bestimmen kann.» Das sei «angesichts der Reizüberflutung heute ein unschätzbarer Wert». Von Hand schreibe sie kaum noch, sie verbringe aber einen beträchtlichen Teil ihres Lebens mit dem Schreiben von Listen: «Es gibt wenig so Befriedigendes, wie einen erledigten To-Do-Punkt von Hand durchzustreichen.»

Welches Medium darf bei Dir zum Frühstück nie fehlen?

Vor dem ersten Cappuccino SRF2 und beim zweiten Cappuccino «Tagi» und NZZ, am liebsten als Print.

Wie hältst Du es mit Facebook und Instagram, X, Bluesky, Threads und Mastodon, LinkedIn, YouTube und TikTok?

Gespalten. Privat versuche ich möglichst abstinent zu sein, professionell, sie möglichst stärker zu nutzen.

Wie hat sich Dein medialer Alltag seit Deinem Berufseinstieg verändert?

Stark. Ich habe vor 20 Jahren als Musikkritikerin begonnen und in der Zentralbibliothek Zürich noch Partituren kopiert. Heute findet mein beruflicher Alltag weitgehend digital statt. Ausser wenn ich zu grösseren Themen recherchiere. Dann finde ich mich noch heute regelmässig in der ZB wieder.

Wenn Du an die Medien in der Schweiz denkst – war früher alles besser oder schlechter?

Ich tue mich schwer mit pauschalen Aussagen wie «alles war besser». Die zunehmende Ausrichtung danach, was geklickt wird, hat allerdings zu einer Verengung der journalistischen Bandbreite geführt – auch zu einer Entwertung von Kulturthemen. Und als Redaktorin einer Wochenzeitung bin ich mir bewusst, dass ich in der privilegierten Position bin, noch heute Themen vertiefen zu können und für das Schreiben genug Zeit zu haben. Das ist alles andere als selbstverständlich.

Haben geschriebene Worte noch Zukunft?

Meinst Du die Frage ernst? Oder willst Du Dich etwa permanent von den Stimmen, Videos und Posts anderer Menschen zudröhnen lassen?

Was soll man heute unbedingt lesen?

Lesen ist (neben dem Museumsbesuch) die einzige kulturelle Tätigkeit, bei der man das Tempo ganz und gar selber bestimmen kann. Das ist angesichts der Reizüberflutung heute ein unschätzbarer Wert.

Kannst Du schlechte Bücher weglegen oder musst Du Bücher zu Ende lesen?

Bei schlechten Büchern kenne ich kein Erbarmen, dafür ist mir meine Lebenszeit zu kostbar. Anders sieht es mit den performativen Künsten aus: Da stehen Menschen auf der Bühne, die mit Herzblut und ihrer ganzen Person etwas aufführen. Selbst wenn das Ergebnis schlecht ist, ich bin noch nie aus einem Theater oder einem Konzert rausgelaufen.

Wo erfährst Du Dinge, von denen Du nicht gewusst hast, dass sie Dich interessieren?

Von meinen Kindern. Die sind auf TikTok und kriegen massenhaft Sachen mit, von denen ich keine Ahnung hatte, dass sie mich interessieren.

Wie lange gibt es noch gedruckte Tageszeitungen?

Ja, wo habe ich jetzt meine Kristallkugel, sie war doch grad noch hier… Im Ernst: Ich glaube, es wird noch lange gedruckte Zeitungen geben, allerdings nicht mehr täglich.

Sind Fake News eine Gefahr – oder eine Chance für die Medien?

Sie könnten für seriöse Medien zur Chance werden, wenn sich nicht bis dahin schon durch die vielen Fake News und die aktuelle Weltlage ein allgemeiner News-Absentismus breit gemacht hat.

Wie hältst Du es mit linearem (live) Radio und Fernsehen?

Regelmässig linear ferngesehen habe ich das letzte Mal als Jugendliche bei meinen Eltern. Dafür höre ich morgens und abends beim Kochen regelmässig SRF2, weil der Sender relevante Informationen für mich kuratiert und ich dankbar bin, dass ich nicht schon auf nüchternen Magen Rihannas «umbrella–ella-ella» anhören muss.

Hörst Du Podcasts? Hast Du einen Lieblingspodcast?

Der informelle Gesprächsstil von Podcasts macht mich ungeduldig, da sich die Essenz zwischen Belanglosigkeiten verliert. Ich persönlich mag das nicht so.

Was bedeutet es für die Medien (und die Gesellschaft), dass laut fög 56 % der 16- bis 29-Jährigen zu den News-Deprivierten gehören?

Dass junge Menschen viel weniger lesen, macht mir grosse Sorgen. Aber manche Dinge brauchen ganz einfach Zeit. Ich habe mit Zwanzig auch Sweet and Sour aus dem Take-away gegessen und fand es das höchste der Gefühle.

Über 85 Prozent der Schweizer Medienschaffenden nutzen KI-Tools in ihrem Arbeitsalltag, gleichzeitig wächst das Misstrauen gegenüber KI-generierten Inhalten. Wie viel KI verträgt der Journalismus? Lässt sich Journalismus gar automatisieren?

Das kommt darauf an, was man unter Journalismus versteht. Informationen schlüssig aneinanderreihen kann KI längst und wird das weiter perfektionieren. Aber ich bin überzeugt, dass eine tiefgreifendere Reflexion immer den Menschen brauchen wird. Weil nur ein Mensch zu einem menschlichen Erfahrungshorizont, zu Empathie und zu Emotionen fähig ist.

Führt die Digitalisierung zum Tod der Medien oder im Gegenteil zur Befreiung des Journalismus?

Zunächst zu einer Befreiung – heute steht uns beinahe die ganze Welt der Medien offen. Mit der grossartigen Gratis-App «Radio Garden» kann man beispielsweise auf der Weltkarte zu einem Punkt scrollen und das Radio hören, das dort gerade läuft. Es gibt nur ein Aber: Die App ist gratis. Und wenn niemand mehr für Inhalte zahlen mag, sieht es schnell sehr schwarz aus für die Medien.

Brauchen wir in der Schweiz eine Medienförderung?

Es wurden auch schon abwegigere Dinge gefördert als die Medien.

Schreibst Du manchmal noch von Hand?

Von Hand schreibe ich kaum noch längere Texte, notiere aber viel und ich verbringe einen beträchtlichen Teil meines Lebens mit Listen. Es gibt wenig so Befriedigendes, wie einen erledigten To-Do-Punkt von Hand durchzustreichen.

Ist (oder war) Donald Trump gut oder schlecht für die Medien?

Herr Trump kriegt von den Medien so viel Aufmerksamkeit, dass ich ihm nicht auch noch hier eine Antwort widme.

Wem glaubst Du?

Redaktionell kuratierten Medien. Und Menschen, von denen ich weiss, dass sie weder berechnend noch opportunistisch oder manipulativ sind.

Dein letztes Wort?

Man muss die Menschen nehmen, wie sie sind, es gibt keine anderen.


Anna Kardos
Anna Kardos wurde in Budapest geboren und kam als Kind mit ihren Eltern nach Zürich. Sie studierte zunächst an der Musikakademie Basel Geige und anschliessend an der Universität Zürich Neuere deutsche Literatur und Musikwissenschaft, daneben arbeitete sie in der Bibliothek der Museumsgesellschaft und im Literaturhaus Zürich. Ihre journalistische Tätigkeit begann sie 2007 beim «Tages-Anzeiger», beim «Züritipp» und bei SRF2 als regelmässige freie Mitarbeiterin im Bereich Kultur. 2012 wurde sie Literaturredaktorin bei CH Media. Seit 2020 ist Anna Kardos Kulturredaktorin der «NZZ am Sonntag», wo sie über Themen wie Theater, klassische Musik und Gesellschaft schreibt. Sie lebt mit ihren drei Kindern und ihrem Mann am Stadtrand von Zürich.


Basel, 20.05.2026, Matthias Zehnder mz@matthiaszehnder.ch

Bild: NZZ

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3 Kommentare zu "Anna Kardos: «Lesen ist die einzige kulturelle Tätigkeit, bei der man das Tempo ganz und gar selber bestimmen kann.»"

  1. Auf die Frage zur Medienförderung höre ich von Frau Kardos: „Es wurden auch schon „abwegigere“ Dinge gefördert“….
    Mein Gott: Das eigene Überhöhen und gleichzeitig das andere heruntertun.
    Wieviel mal habe ich das schon in meinem (längeren) Leben erfahren: Beim Job, in der eigenen Schulklasse, beim Elternabend unseres Kindes, im Vorstand, in Bewerbungsgesprächen, beim Chef-Postiton-ergattern….
    Als Leidtragender.
    Das sind verbale Ellenbogen. Schläge. Mitten rein.
    DAS ist abwegig.
    Pfui.
    Genau so geht die alte Kultur…. Das Erhaben-Sein. Das Besser sein. Das Elite-Dasein. Das Plus-Menschen-Fisten. SO EMPFINDE ICH BEIM LESEN.
    Nicht die feine englische Art.
    Doch verbessern kann man sich immer. Jeder ist Lernfähig. Die „Medienförderungs“-Fraktion wird SO aber sicher nicht sympathiefähiger…..
    Wünsche Fr. Kardos emphatische Jahre und alles Gute.

    1. Ach was, Herr Zweidler, da geht es doch nicht um Eliten gegen die Kleinen. Lassen Sie mal Ihre Emotionen beiseite und schauen Sie sich hier: https://www.data.finance.admin.ch/superset/dashboard/subventionen/ die Datenbank der Bundessubventionen an. Ein kleines Beispiel abwegiger Förderung: Der Bund subventioniert den Tabakanbau in der Schweiz jedes Jahr mit CHF 15 Millionen. Das würde ich als abwegiger bezeichnen als eine Förderung von Medien.

  2. Es gibt NZZ, Tagi, SRF 2, SRF 3….
    Sie sind auf dem strammen Weg (serbel, serbel)
    Es gibt Zeitpunkt.ch, Infosperber, InsideParadeplatz….
    Sie sind ab dem strammen Weg (abwegig)
    Sie auf fundamental anderen Wegen (abwegig?}.
    Es gibt Kantis, Gymis, Kantonsschulen, Primarschulen.
    Sie sind auf dem strammen (Holz-) Weg….
    Es gibt FGB, Steiner-Schulen, Lernort Boab, Freie Schule Biederthal, Freie Schule Arlesheim….
    Sie sind auf fundamental anderen Wegen (abwegig)
    Ich bin gerne abwegig.
    Ich bin auf dem eigenen Weg. Darf man das (noch). Auf welchem Weg sind Sie?
    Abwegig ist gut.

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