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Zweitausend Jahre Vaterschaft: «Männer, Väter, Patriarchen» von Augustine Sedgewick

Publiziert am 8. Juni 2026 von Matthias Zehnder

Sie wissen ja: «… Vater sein, dagegen sehr.» Heute gilt das umso mehr: Väter sind nicht mehr die distanzierten Familienoberhäupter und -ernährer, sondern nahbar, emotional und mitverantwortlich. Sie wickeln Babys, begleiten bei den Hausaufgaben und sind später beste Kumpels. Interessant daran ist, dass kaum ein anderes Lebewesen so präsente Väter hat. Auch «unsere nächsten Verwandten unter den Primaten unterscheiden sich in dieser Hinsicht offenbar auffallend von uns», schreibt Augustine Sedgewick, Historiker an der City University of New York in seinem Buch über Vaterschaft. Eine Vermutung: Schuld ist die Austrocknung der afrikanischen Savanne vor etwa fünf Millionen Jahren. Das hat zu einer Verknappung von Nahrungsmitteln geführt – und möglicherweise die männlichen Hominiden dazu veranlasst, sich an der Kinderbetreuung zu beteiligen, um im Gegenzug die Vorteile der Gruppenzugehörigkeit zu nutzen. In seinem Buch schildert Augustine Sedgewick, wie sich die Vaterschaft, von ihren frühesten nachweisbaren Anfängen in der Bronzezeit bis zu dem entwickelt hat, «was heute abwechselnd als ihr Ende gefeiert und beklagt» werde. Seine These: Vaterschaft ist keine biologische Konstante, sondern eine Institution, die seit der Antike durch Mythen, Machtansprüche und Erzählungen konstruiert und immer wieder neu verhandelt wurde. Ins Zentrum stellt er acht Männer: Platon und Aristoteles, Augustinus von Hippo, Heinrich VIII., Thomas Jefferson, Ralph Waldo Emerson, Charles Darwin, Sigmund Freud und schliesslich Bob Dylan. Jeder von ihnen steht für ein Vater-Konzept. Und jeder von ihnen hätte seufzen können: «… Vater sein, dagegen sehr.»

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Augustine Sedgewick beginnt sein Buch mit einer bezeichnenden Szene: In den späten 1950er Jahren lagen der Maler Norman Rockwell und mindestens zwei seiner Söhne gleichzeitig beim Psychoanalytiker Erik Erikson in Behandlung. Rockwell, dessen Bilder für die «Saturday Evening Post» das sentimentale Ideal von Heim und Familie verkörperten, und Erikson, der Erfinder des Begriffs «Identitätskrise», waren beide öffentliche Väterbilder. Im eigenen Haus waren sie selbst als Väter aber alles andere als das. Erikson selbst hatte seinen leiblichen Vater nie gekannt. Diese Spannung zwischen dem, was Väter repräsentieren, und dem, was sie tatsächlich sind, zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch.

In jedem Kapitel zeigt Augustine Sedgewick, wie ein einflussreicher Mann die Institution Vaterschaft zu seiner Zeit geprägt hat. Aristoteles definierte den Vater als den einzigen «wahren» Elternteil; der Samen des Mannes schaffe das Kind, die Mutter sei bloss sein Gefäss. Augustinus verlor seinen Sohn Adeodatus, zog danach die «Familie Gottes» (also das Kloster) der leiblichen Familie vor und prägte das christliche Konzept des Gottvaters, das alle weltlichen Väter beschämt. Der britische Renaissancekönig Heinrich VIII. erkannte seinen illegitimen Sohn Henry Fitzroy öffentlich als Herzog an, weil er keinen rechtmässigen Erben hatte, und liess die englische Kirche an dieser Erbfolgefrage zerbrechen. Thomas Jefferson schrieb «He who gives life gives liberty» in sein Familienwappen, propagierte die Freiheit jeder Generation und versklavte gleichzeitig mehr als sechshundert Menschen, darunter auch Sally Hemings, mit der er mindestens sechs Kinder hatte.

Das vielleicht erschütterndste Kapitel im Buch ist aber Charles Darwin gewidmet, dem Entdecker der Evolutionstheorie. Robert Darwin, sein Vater, hatte dem Jungen beschieden: «Du interessierst dich doch für nichts anderes als Schiessen, Hunde oder das Fangen von Ratten, du wirst nicht nur eine Schande für dich, sondern für deine ganze Familie sein.» Darwin selbst wurde als Vater das genaue Gegenteil: geduldig, zärtlich, beteiligt. Er beobachtete seine Kinder mit derselben wissenschaftlichen Aufmerksamkeit wie Tiere und führte Tagebücher über ihre Entwicklung. Dennoch enthielt Darwins Evolutionstheorie den Keim jener sozialdarwinistischen Rechtfertigungen patriarchaler Herrschaft, die er selbst abgelehnt hätte.

Zwei Entwicklungen haben, schreibt Augustine Sedgewick, die Institution Vaterschaft grundlegend verändert: DNA-Tests, die zum ersten Mal in der Geschichte biologische Vaterschaft zweifelsfrei festzustellen erlauben, und die wachsende Beteiligung von Vätern an der täglichen Kinderbetreuung. Beides untergräbt die Mythen, auf denen die Macht der Väter beruhte. «Jegliche Bemühungen», schreibt Sedgewick, «diese alten Vorstellungen und Modelle der Vaterschaft wieder in ihren alten Zustand zu versetzen, können absurd erscheinen, ja sogar parodistische Züge haben.»

Augustine Sedgewick schreibt nicht nur als Historiker, sondern auch als Vater. Sein Sohn wurde im Sommer 2017 geboren, in den Wochen von Charlottesville und #MeToo; er streift mit ihm in der Babytrage durch New York und liest dabei auf dem Handy die täglichen Berichte über sexuellen Missbrauch. Als er seinen Sohn fragte, wie ein Vater sein sollte, bekam er die Antwort: «lustig und gut im Umarmen». So wichtig sie für die Menschheit waren – mit diesem Massstab gemessen haben Platon, Jefferson und Freud wenig vorzuweisen.

Augustine Sedgewick: Männer, Väter, Patriarchen. Eine Geschichte von Liebe und Macht. Reclam Verlag, 362 Seiten, 40.90 Franken; ISBN 978-3-15-011486-5

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783150114865

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/

Basel, 08.06.2026, Matthias Zehnder

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