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Diagnose einer digitalen Seuche: «Enshittification» von Cory Doctorow

Publiziert am 1. Juni 2026 von Matthias Zehnder

Cory Doctorow ist Schriftsteller, Science-Fiction-Autor und seit einem Vierteljahrhundert Internet-Aktivist. Er hat mit der Electronic Frontier Foundation gearbeitet, vor der UNO als Beobachter gedient und bei Parlamenten in den USA, Kanada, Europa und Grossbritannien Lobbyarbeit betrieben. 2022 prägte er den Begriff «Enshittification» für das, was alle längst spürten: das beschleunigte Verfaulen digitaler Plattformen. Die American Dialect Society kürte den Begriff 2023 zum Wort des Jahres, das australische Macquarie Dictionary folgte 2024. In diesem Buch legt Cory Doctorow auf fast 500 Seiten dar, wie Facebook, Amazon, der iPhone-App-Store und Twitter denselben Dreiphasen-Verfall durchlaufen haben; warum Wettbewerb, Regulierung, technische Selbsthilfe und Arbeitnehmerrechte die einzigen wirksamen Gegenkräfte sind, und was konkret geschehen müsste, um das Internet zu reparieren. Sein Ton ist dabei kämpferisch: Er schaut aus dezidiert linker Perspektive auf das Internet und die globalen Geschäfte damit.

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Das Modell, das dem Buch zugrunde liegt, lässt sich in vier Sätzen zusammenfassen. Doctorow formuliert es so: «Zuerst tun Plattformen ihren Nutzern etwas Gutes. Dann missbrauchen sie ihre Nutzer, um ihren Geschäftskunden etwas Gutes zu tun. Dann missbrauchen sie diese Geschäftskunden, um sich die ganze Wertschöpfung selbst wieder unter den Nagel zu reissen. Und schliesslich haben sie sich in einen riesigen Haufen Scheiße verwandelt.» Deshalb ziert das Titelbild des Buchs auch eine Art Kothaufen-Emoji in Farben, die an das Google-Logo erinnern.

Die Vorgehensweise, die Doctorow skizziert, lässt sich an Facebook besonders gut verfolgen. Als Mark Zuckerberg die Plattform 2006 für alle öffnete, versprach er einen personalisierten Feed, der ausschliesslich aus dem besteht, was die Nutzerinnen und Nutzer sehen wollten: keine Werbung, nur die Posts der Freunde. Wer noch bei MySpace war, bekam sogar einen Bot, der Nachrichten automatisch hinüber- und herübertrug. Das war Phase eins: Facebook subventionierte die Nutzererfahrung mit Investorengeld. In Phase zwei begannen Unternehmen zu zahlen, um im Facebook-Universum Reichweite zu kaufen. In Phase drei schöpfte Facebook auch von diesen Geschäftskunden ab: Sie mussten für dieselben Zielgruppen mehr zahlen, während der Feed mit bezahlten Inhalten vollgestopft wurde, die kaum jemand sehen wollte. Der einst nützliche Dienst war zur Werbeplattform geworden.

Amazon, der iPhone-App-Store, Twitter – das Muster, sagt Cory Doctorow, wiederholt sich. Und er insistiert: Das sei kein Naturgesetz. «Unternehmen enshittifizieren dann nicht, wenn sie nicht enshittifizieren können. Woraus folgt, dass Unternehmen dann anfangen zu enshittifizieren, wenn sie es können.» Das Buch kreist um die Frage, was die Unternehmen daran hindert – oder eben nicht.

In seiner Antwort skizziert Cory Doctorow vier Disziplinierungskräfte: Wettbewerb, Regulierung, technische Selbsthilfe (die Freiheit, Software so anzupassen, dass sie einem selbst nützt statt dem Anbieter) und die Macht der Tech-Belegschaften. Doctorow beschreibt, wie diese vier Kräfte in den letzten zwei Jahrzehnten systematisch geschwächt wurden. Er nennt Fusionen, ein laxes Kartellrecht, Urheberrechtsgesetze, die Interoperabilität de facto verbieten, und die Einschüchterung von Gewerkschaften. Der Enshittification-Hebel, schreibt er, klemmte früher. «Sobald der Wettbewerb und die Regulierung kastriert waren, sobald Interoperabilität zugunsten der ‹strafbaren Missachtung des Geschäftsmodells› verboten war, sobald die Beschäftigten in der Tech-Branche eingeschüchtert und prekarisiert waren, begann der Hebel allerdings so richtig zu flutschen.»

Cory Doctorow positioniert sich explizit links und misstraut dem Kapitalismus, noch mehr aber dem Technofeudalismus, den er als dessen schlechteste Variante identifiziert. Sein Buch ist zugleich Anklageschrift und politische Reparaturanleitung. Er empfiehlt, das Kartellrecht zu schärfen, ein Recht auf Reparatur durchzusetzen, Interoperabilität zu erzwingen und Tech-Gewerkschaften zu stärken. Die EU-Gesetze über digitale Märkte und digitale Dienste wertet er als vielversprechende Ansätze, schreibt aber auch, dass die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten die Enshittification auf politischer Ebene vollendet hat.

Cory Doctorow schreibt mit grossem Zorn und legt dabei die Präzision eines Aktivisten an den Tag, der seit 25 Jahren weiss, welche Hebel er in der Gesellschaft (und in den Medien) drücken muss. Dennoch (oder gerade deshalb) gibt sein Buch ganz schön zu denken.

Cory Doctorow: Enshittification. Wie Tech-Konzerne uns ausbeuten und was wir dagegen tun können. Aufbau, 477 Seiten, 34.90 Franken; ISBN 978-3-351-05143-3

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783351051433

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/

Basel, 01.06.2026, Matthias Zehnder

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