Buchtipp
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Richtige Antworten aus falschen Gründen: «Das Pferd, das zu viel wusste» von Reto U. Schneider
Wer eine gescheite Antwort gibt, der muss gescheit sein. Ist ja logisch. Unter Menschen stimmt das auch (wenigstens meistens). Bei Tieren und Maschinen dagegen ist der Schluss ein Schuss in den Ofen. Das legendäre Beispiel dafür ist der «Kluge Hans», ein rechnendes Pferd, das 1904 Schlagzeilen machte. Der schwarze Hengst klopfte in einem Berliner Hinterhof mit einem Huf Rechenresultate, Uhrzeiten und den Geburtstag des Kaisers. Die Zeitungen überhäuften den «Klugen Hans» mit Bewunderung. Dreizehn Experten bescheinigten ihm, dass kein Trick im Spiel sei, und die «New York Times» meldete, das Pferd könne tatsächlich denken. Die «Berliner Morgenpost» schrieb prophetisch: «Dieses denkende Pferd wird den Männern der Wissenschaft noch genug zu denken geben.» So kam es auch, aber aus anderen Gründen. Denn der gute Hans konnte weder rechnen noch lesen. Der Hengst reagierte auf winzige, unbewusste Kopfbewegungen seiner Fragesteller. «Das Wunder von der Griebenowstraße bestand nicht darin, dass Hans denken konnte, sondern dass er ohne zu denken richtige Antworten gab», schreibt Reto U. Schneider in seinem klugen Buch über vermeintliche Klugheit. Er beschreibt die Geschichte dieses Irrtums und verfolgt dessen Spur über mehr als hundert Jahre: zu Ratten, die angeblich besonders klug waren, zu Schimpansen, die angeblich Gebärdensprache beherrschten, zu Joseph Weizenbaums Gesprächsprogramm ELIZA und schliesslich zu den grossen Sprachmodellen. 2004 hat er in seiner «NZZ Folio»-Rubrik «Das Experiment» erstmals über das Pferd geschrieben. 22 Jahre später schreibt er ohne Umschweife: «Ja, ChatGPT ist ein Pferd.»
Am 12. August 1904 drängten sich im Hof der Griebenowstrasse 10 im Norden Berlins rund fünfzig gut gekleidete Herrschaften. Der preussische Kultusminister Heinrich Konrad Studt war gekommen, samt Geheimräten und Offizieren. Bis in den fünften Stock hinauf hingen Kutscher, Näherinnen und Dienstmädchen an den Fenstern. Hengst Hans klopfte das Datum, las die Taschenuhr des Museumsdirektors ab und buchstabierte über eine Buchstabentabelle «brücke und weg vom feind besetzt». Den Offizieren war sofort klar, was so ein denkendes Pferd auf dem Schlachtfeld bedeuten würde. Sein Besitzer Wilhelm von Osten, ein pensionierter Lehrer und Sonderling, hatte das Pferd jahrelang unterrichtet wie früher seine Schüler, mit Wandtafel, Zählrahmen und Mohrrüben. Geld wollte er mit Hans nie verdienen. Er wollte die Anerkennung der Wissenschaft. Studt sagte nach der Vorführung bewundernd: «Der Mann wäre früher als Hexenmeister verbrannt worden.» Für Reto U. Schneider war der «Kluge Hans» keine blosse Zirkusnummer. Ein denkendes Pferd stellte «die gottgewollte Vormachtstellung des Menschen in Frage». Darwinisten feierten Hans als Beleg für den fliessenden Übergang vom Tier zum Menschen. Der Jesuit und Ameisenforscher Erich Wasmann, der im selben Sommer am Internationalen Zoologenkongress in Bern mit dem Zürcher Psychiater August Forel über die Tierseele stritt, hielt dagegen: «Das Geistesleben beginnt erst beim Menschen.» Hans nannte er ein «Reklamepferd». «Der Hof in der Griebenowstraße 10 geriet zum Schlachtfeld der Weltanschauungen», schreibt Reto U. Schneider.
Im September 1904 prüfte eine Kommission von dreizehn Fachleuten das Pferd: Zoodirektor Ludwig Heck, Zirkusdirektor Paul Busch, Offiziere, Lehrer und als Vorsitzender Carl Stumpf, Direktor des Psychologischen Instituts der Berliner Universität. Reto U. Schneider hat nachgezählt. Fünf der dreizehn hatten sich bereits positiv über Hans geäussert, drei waren mit von Osten oder mit dessen Promoter befreundet, dem Grosswildjäger und Tierfotografen Carl Georg Schillings. Und einer hätte das Pferd am liebsten gleich gekauft. Am 12. September unterschrieben alle ein Gutachten, das besagte, Tricks seien «ganz und gar ausgeschlossen», ebenso unabsichtliche Zeichen «von der gegenwärtig bekannten Art». Die Zeitungen lasen daraus, was sie lesen wollten. Selbst die britische Fachzeitschrift «Nature» meldete, die Leistungen von Hans beruhten auf seinen geistigen Fähigkeiten. Die Gagenangebote schossen in die Höhe. Das Varieté Wintergarten bot 60’000 Mark für sechzig Auftritte. Doch Lehrer Wilhelm von Osten lehnte alle Angebote ab.
Schliesslich löste ein Student das Rätsel: Oskar Pfungst, Sohn eines Frankfurter Bankiers, war seit sieben Jahren an der Universität eingeschrieben und hatte noch keine einzige Prüfung abgelegt. Er war ein Pedant, der ständig alles kontrollierte. Reto U. Schneider vermutet, dass ihn gerade das zum richtigen Mann für das Entlarven der Klugheit dieses Pferdes machte. Im Oktober begann Oskar Pfungst im nasskalten Hof mit seinen Versuchen. Er liess von Osten verdeckt Karten mit Zahlen ziehen und dem Pferd zeigen, ohne dass einer der Anwesenden die Zahl kannte. Das Ergebnis war vernichtend. Kannten die Fragesteller die Zahl, klopfte Hans in 41 von 42 Fällen richtig. Kannten sie sie nicht, lag er bei 49 Versuchen nur viermal richtig. Mit grossen Scheuklappen versagte er ebenfalls. Hans konnte nicht rechnen. Er musste die Antwort sehen.
Aber was sah er? Oskar Pfungst beobachtete von Osten so lange, bis er es entdeckte. Nach der Frage beugte sich der alte Mann leicht vor. Das war für Hans das Zeichen, mit dem Klopfen zu beginnen. War die richtige Zahl erreicht, machte von Osten mit dem Kopf einen winzigen Ruck nach oben. Hans hörte auf. Oskar Pfungst schätzte die Bewegung auf einen Fünftelmillimeter. Das sind, rechnet Reto U. Schneider vor, zwei Haaresbreiten. Von Osten gab das Zeichen nicht bewusst. Oskar Pfungst spürte es an sich selbst: Je näher Hans der Zahl kam, desto stärker spannte sich sein Nacken, bis sich die Spannung mit einem «eigenartigen Gefühl der Befreiung oder Erleichterung» entlud. Bald konnte er aus dem Pferd jede beliebige Zahl herausholen, ohne ein Wort zu sagen. Im Labor schlüpfte er schliesslich selbst in die Rolle des Pferdes. Er klopfte mit der Hand auf den Tisch und erriet so bei 23 von 25 Versuchspersonen die Zahl, an die sie dachten. «Könnte man den klugen Hans über seine Tätigkeit befragen», schrieb Oskar Pfungst, «so würde er vermutlich antworten: ‹Sobald mein Herr sich bückt, beginne ich zu klopfen; sobald er sich bewegt, höre ich auf. Was mich zu meinen Bewegungen treibt, sind die Mohrrüben, was Hrn. v. O. zu den seinigen veranlasst, weiß ich nicht.›» Die Antworten des Pferdes seien «nicht aus dem Tiere heraus, sondern ins Tier hineingefragt worden».
Damit war das Rätsel gelöst. Aber die Geschichte ist damit noch lange nicht zu Ende. Denn das eigentliche Versuchsobjekt war nicht das Pferd, sondern der Mensch. Oskar Pfungst ahnte es, als er schrieb, man habe «im Tiere gesucht, was man im Menschen hätte suchen müssen». Reto U. Schneider folgt dieser Spur in die USA der 1960er-Jahre. Der Psychologe Robert Rosenthal liess Studenten Ratten durch ein Labyrinth schicken und behauptete, die einen Tiere seien auf Intelligenz gezüchtet, die anderen auf Dummheit. In Wahrheit waren es gewöhnliche Laborratten mit zufällig verteilten Schildern. Trotzdem fanden die «klugen» Ratten schneller zum Futter. Aus dem «Klugen Hans» wurde so der Pygmalion-Effekt im Klassenzimmer: Der Effekt beschreibt den Einfluss der Lehrererwartung auf die Schülerleistung. Je mehr ein Lehrer von einem Schüler erwartet, desto eher ist er bereit, positiv mit dem Schüler umzugehen, Sinn in seine Antworten zu lesen und den Schüler zu fördern. Rosenthals Buch «Pygmalion in the Classroom» prägte die amerikanische Bildungsdebatte, allerdings auch deshalb, weil es eine politisch bequeme Erklärung für das Schulversagen ganzer Volksgruppen bot. Reto U. Schneider erzählt diese Geschichte mit kritischer Distanz. Die spektakulären IQ-Gewinne liessen sich nämlich nicht wiederholen. Der Bildungsforscher Lee J. Cronbach nannte das Buch «ein Meisterstück der Verwirrung» und schrieb, dem Autor sei selbst widerfahren, «was er als Voreingenommenheit des Experimentators bezeichnet».
In Basel hat die Geschichte ein eigenes Kapitel. Nach von Ostens Tod 1909 ging Hans an den Elberfelder Juwelier Karl Krall, der eine regelrechte Schule für Pferde einrichtete. Sein Star war der Araberhengst Muhamed, der angeblich Kubikwurzeln zog und mit dem Huf die Botschaft «ig dnkn ig bin» klopfte. Reto U. Schneider zitiert dazu Immanuel Kant: «Würde mein Pferd sagen: ‹Ich bin›, so würde ich sofort absteigen.» Der Basler Naturforscher Paul Sarasin liess sich überzeugen, nachdem Muhamed ihm die vierte Wurzel aus 3’418’801 korrekt mit 43 angegeben hatte. Er schrieb: «Ich habe an der Wiege eines Weltruhms gestanden.» Basel antwortete auf seine Weise: «Über Sarasin kursierten Spottgedichte und als ultimative Demütigung marschierte an Basels Fastnachtsumzug 1913 eine Gruppe Trommler in Pferdemasken und Schulranzen mit. Sie wurde angeführt von einem Tambourmajor im Tropenanzug, dessen Maske Sarasins Züge trug», erzählt Reto U. Schneider.
Mit künstlicher Intelligenz hat das mehr zu tun, als man denkt. Ein neuronales Netz wird nicht programmiert, es lernt aus Beispielen. Wie es zu seinen Antworten kommt, weiss niemand so genau, auch seine Erbauer nicht. Das haben die Maschinen mit dem «Klugen Hans» gemeinsam: «Beide gaben richtige Antworten und bei beiden wussten die Experten nicht weshalb.» 2012 entdeckte der Google-Forscher Christian Szegedy, dass eine Bilderkennung eine Drei für eine Vier hielt, wenn er einzelne Bildpunkte unsichtbar veränderte. Später sah die KI in einem Schulbus einen afrikanischen Strauss. Eine KI, die auf Röntgenbildern Covid erkennen sollte, achtete in Wahrheit auf die Schrift, mit der ein Spital seine Bilder beschriftete, und darauf, wie hoch die Schultern im Bild lagen. Schwer Kranke werden anders geröntgt als Gesunde. Der Musikinformatiker Bob Sturm, mit dem das Buch beginnt, brachte es auf den Punkt: «Wir sind wie von Osten, der seine Algorithmen vorführt und alle staunen, aber hinter den Kulissen spielt sich etwas ganz anderes ab.» An der Universität Toronto heisst die Forschungsgruppe von Nicolas Papernot «Clever-Hans-Lab». «Auf diese Weise etablierte sich der kluge Hans als leicht verständliche Analogie für eines der größten Probleme der künstlichen Intelligenz», schreibt Reto U. Schneider.
Und ChatGPT? Ein Sprachmodell setzt einen angefangenen Text mit dem wahrscheinlichsten nächsten Wort fort, nichts weiter. Dass daraus eine solche Sprachgewalt entsteht, sei schwer zu glauben, schreibt Reto U. Schneider. «Doch so ist es.» Er erzählt vom Google-Ingenieur Blake Lemoine, der 2022 überzeugt war, das Sprachmodell LaMDA habe Empfindungen, und der dafür seine Stelle verlor. Wie Wilhelm von Osten hielt er die Protokolle seiner Gespräche für den Beweis. Und Reto U. Schneider zeigt, wo die Maschinen stolpern. Sie zählen die R in «Strawberry» falsch und empfehlen, die fünfzig Meter zur Waschanlage zu Fuss zu gehen, obwohl das Auto gewaschen werden soll. Er verteufelt die Sprachmodelle nicht. «Anders als Hans sind sie nützliche Pferde.» Aber: «Sie sind Sprachmaschinen, keine Wahrheitsmaschinen.» Er zitiert dazu den römischen KI-Forscher Walter Quattrociocchi: «Geschmeidigkeit ist keine Einsicht. Geläufigkeit ist kein Verständnis. Und Plausibilität ist keine Wahrheit.»
Hengst Hans bekam vom Rummel um seine angebliche Klugheit nichts mit. Er verbrachte seine besten Jahre in einem dunklen Stall in einem Berliner Hinterhof, kam mit Karl Krall nach Elberfeld und schliesslich auf das Gut einer Tierschützerin bei Düsseldorf. 1915 soll er im Alter von zwanzig Jahren gestorben sein. «Für den klugen Hans gab es keinen Nachruf, man kennt noch nicht einmal sein Todesdatum», schreibt Reto U. Schneider. Die Erkenntnisse aus dem Phänomen haben ihn überlebt. Zoodirektor Ludwig Heck, einer der dreizehn Experten von 1904, formulierte es 1912 so: «Am klugen Hans haben wir gelernt, dass bei Tieren geistige Leistungen möglich sind, welche äußerlich und scheinbar spezifisch menschlichen aufs Haar gleichen, innerlich und in Wirklichkeit aber auf ganz andere Weise zustande kommen.» Diesen Satz sollten Sie sich ausdrucken und über Ihren Computer hängen, oder wo immer Sie Ihre KI nutzen.
Kurz gesagt
Wir staunen heute über ChatGPT, wie die Berliner 1904 über den Hengst «Kluger Hans» staunten. Reto U. Schneider erzählt, wie ein Pferd Professoren narrte, weil es winzige Kopfbewegungen las, und was das über KI verrät. Dass etwas richtig antwortet, heisst nicht, dass es denkt. Das gilt für Pferde und für Maschinen gleichermassen.
Reto U. Schneider: Das Pferd, das zu viel wusste. Wie der kluge Hans zu Weltruhm kam und heute die KI entzaubert. Molden Verlag, 272 Seiten, 38.90 Franken; ISBN 978-3-222-15163-7
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783222151637
Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/
Basel, 12. Oktober 2026, Matthias Zehnder
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