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Probebohrungen in die Gegenwart: «Die strauchelnde Welt» von Philipp Blom

Publiziert am 5. Oktober 2026 von Matthias Zehnder

In der Silvesternacht 1999/2000 stand Philipp Blom auf dem Dach eines Apartmenthauses in London, trank Champagner und blickte, wie die meisten Menschen im Westen, optimistisch in die Zukunft. Die Sowjetunion war zusammengebrochen, das Internet versprach Bildung für alle, die Märkte schienen den Frieden zu sichern. Doch das, was wir alle uns damals von der Zukunft versprachen, die heute schon Vergangenheit ist, das ist nicht eingetroffen. Philipp Blom, Historiker und Schriftsteller in Wien, fragt in seinem Buch über die Jahre 2001 bis 2014 deshalb, was aus diesem Optimismus geworden ist: «Was passierte mit dem globalen Sieg der liberalen, demokratischen Ordnung, die 1989 ausgerufen wurde?» Er hat keine systematische Darstellung vorgelegt, sondern «14 Probebohrungen», ein Kapitel pro Jahr, von der Ermordung des kongolesischen Präsidenten Laurent Kabila bis zum Abschuss von Flug MH17 über der Ostukraine. Sein Befund ist unbequem. Die liberale Ordnung zerbrach weder an einem Weltkrieg noch an einem Aufstand der Entrechteten. «Es war eine Revolution von oben.» Philipp Blom hat das Buch als Gegenstück zu seinem «Taumelnden Kontinent» über die Jahre 1900 bis 1914 angelegt. Es endet nicht zufällig 2014. Wer in jener Silvesternacht im Jahr 2000 vorausgesagt hätte, was gut zwei Jahrzehnte später Wirklichkeit ist, wäre «für wahnsinnig erklärt und ausgelacht worden». Dass etwa das «Land of the Free» von einem «Immobilienhai und TV-Entertainer» regiert würde, «der Kriege vom Zaun bricht, Zehntausende von Menschen kidnappen und deportieren lässt, sich selbst als Jesus darstellt». Undenkbar. Aber warum ist das heute unsere Realität?

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Philipp Blom erzählt diese Geschichte der ersten Jahre unseres Jahrtausends anhand von Geschichten. Wir begegnen kongolesischen Kindersoldaten und japanischen Nuklear-Ingenieuren, kolumbianischen Rebellen und griechischen Teenagern, Silicon-Valley-Milliardären und chinesischen Bauern, einem australischen Brandstifter, einem ungarischen Messias, einer pakistanischen Aktivistin, einem unglücklichen tunesischen Strassenhändler und ukrainischen Studentinnen. Der Kindersoldat ist Rachidi Mizele, jener 18-jährige Leibwächter, der im Januar 2001 seinen Präsidenten erschiesst. Der Strassenhändler ist Mohamed Bouazizi, dessen Selbstverbrennung in Sidi Bouzid 2010 den Arabischen Frühling auslöst. Die Aktivistin ist Malala Yousafzai. Ihnen stellt Philipp Blom Steve Jobs mit dem ersten iPhone gegenüber, Cyber-Whistleblower Edward Snowden in einem Hotelzimmer in Hongkong und George W. Bush vor dem Banner «Mission Accomplished». Den Westen rückt Philipp Blom dabei bewusst aus dem Mittelpunkt. 1989 ist für ihn nicht nur das Jahr des Mauerfalls, sondern auch das Jahr der Niederschlagung der Proteste in Peking und des sowjetischen Rückzugs aus Afghanistan. Für Islamisten war dieser Rückzug «der erste Sieg des politischen Islam auf dem Schlachtfeld der Moderne».

Im Zentrum steht für Philipp Blom ein Missverständnis. Den Sieg von 1989 deuteten die Gewinner als Sieg des Marktes. Aus dem Liberalismus, einer reichen Denktradition von John Stuart Mill bis Hannah Arendt, wurde «eine Art Marktfundamentalismus»: der Neoliberalismus, «der weder neu ist noch eigentlich liberal». Mit dem Sieg verlor die liberale Welt zudem ihren Gegenspieler. Solange die Arbeiterinnen und Arbeiter auch den revolutionären Sozialismus wählen konnten, mussten Industriebosse und Politiker ihnen bessere Angebote machen, als der Sozialismus versprach. «Ohne den ideologischen Gegenspieler fiel diese Notwendigkeit weg.» Dazu kam die Energie. Die Schwerindustrie des 20. Jahrhunderts lief auf Kohle, die Arbeiter lebten zu Hunderttausenden neben den Bergwerken und konnten streiken. Eine globalisierte Wirtschaft, die von Erdöl angetrieben wird, braucht die Kumpel nicht mehr. Die ehemalige Arbeiterklasse blieb «in einem ökonomischen, aber auch kulturellen Niemandsland zurück». Und die Sozialdemokraten, allen voran Tony Blair und Gerhard Schröder, suchten ihre Wähler lieber im gebildeten Bürgertum der grossen Städte.

Wie das im Einzelnen aussah, zeigt Philipp Blom anhand des Jahres 2002. Am 1. Januar kamen in zwölf Ländern Europas die ersten Euro-Scheine aus den Geldautomaten. «Wie Spielgeld wirkten sie, Spielgeld einer enorm bemühten Gesellschaft und einer Kultur der Kompromisse.» Zum ersten Mal seit den frühesten griechischen Münzen trug Geld nicht mehr das Gesicht eines Herrschers. Um Streit über Nationalhelden zu vermeiden, zeigen die Scheine Brücken. Nur gibt es diese Brücken nicht. Jede echte Brücke hätte ein Land bevorzugt. Deshalb zeigt der 20-Euro-Schein keine deutsche, französische oder italienische Gotik, sondern neutrale Spitzbögen. Auf dem 200-Euro-Schein steht eine Stahlkonstruktion, die weder dem Jugendstil noch dem Liberty Style oder dem Modernismo zuzuordnen ist, «stattdessen eine Art Blumenspalier, das sich in keiner Weise festlegen wollte, um niemanden zu beleidigen». So wirkten die Scheine, schreibt Philipp Blom, «wie exakt das, was sie waren: eine Entscheidung per Komitee, ein kleinster gemeinsamer Nenner, eine gut gemeinte Abstraktion».

Für Philipp Blom ist das mehr als eine Gestaltungsfrage. Die Gründerväter Europas hatten klug gehandelt. Sie verwandelten politische Grundsatzfragen in praktische Probleme, die Expertinnen und Experten in Gremien lösen konnten. Das machte die Gemeinschaft robust. Aber es war «unübersehbar das Projekt einer administrativen Elite, die keine demokratische Legitimierung suchte», schreibt Philipp Blom. Es gab ein Europa, aber kaum jemanden, der sich emotional damit identifizierte. Der Euro machte dieses Dilemma sichtbar: «Währungen mit einer eigenen Geschichte, einer eigenen Kultur und einem eigenen Vokabular wurden einer administrativen Fiktion geopfert, mit Brücken, die nirgendwohin führten.» Ökonomen warnten schon damals. Länder wie Italien, Spanien und Griechenland hatten ihre Schulden bisher mit Abwertungen ausgeglichen. Im Korsett des Euro ging das nicht mehr. Der Markt werde das richten, antworteten die Befürworter. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz urteilte 2016: «Sie vertrauten auf die Märkte, verstanden jedoch nicht deren Grenzen und was erforderlich war, damit sie funktionieren konnten.»

Während Brüssel synthetische Brücken entwarf, entstand in Italien eine ganz andere Politik. Ihr Erfinder ist für Philipp Blom Silvio Berlusconi, der Immobilienunternehmer, der sich ein Medienimperium aufbaute und viermal an der Spitze der italienischen Regierung stand. Vor ihm hatte kein Besitzer eines grossen westlichen Medienkonzerns nach dem höchsten Regierungsamt gegriffen. Medienmächtige wie Axel Springer oder Rupert Murdoch zogen die Fäden im Hintergrund. «Berlusconi aber durchbrach diese gläserne Wand, indem er sein Medienimperium direkt zu seinem politischen Vorteil nutzte.» Er war kein Staatsmann, sondern ein Star. Richter und Staatsanwälte nannte er «geistig gestört» und «ein Krebsgeschwür», sich selbst «den Jesus Christus der Politik». Philipp Blom nennt ihn eine «geradezu prophetische Figur». Nur ein Jahrzehnt später bediente sich in New York ein anderer Immobilienmogul und Medienstar ähnlicher Methoden. Und schon 1993 hatte Silvio Berlusconi einen jungen Liberalen aus Ungarn zu einem Training des AC Milan eingeladen: Viktor Orbán, der 2014 den Aufbau eines «illiberalen Staates» verkünden sollte.

Den entscheidenden Bruch ortet Philipp Blom im Jahr 2008. Die Finanzmärkte erklärt er mit einem alten holländischen Witz. Zwei Händler verkaufen sich über Jahre gegenseitig eine Schiffsladung Sardinen, zu immer höheren Preisen. Eines Tages öffnen sie eine Dose. Der Inhalt ist längst verdorben. «Wir haben bis jetzt beide ausgezeichnet daran verdient, und wir machen einfach weiter», sagt der eine. Das eigentliche Problem im Jahr 2008 war nicht der Zusammenbruch der Finanzmärkte. Problematischer war, dass amerikanische Hausbesitzer und griechische Rentnerinnen dafür bestraft wurden. In New York wurde ein einziger Banker verurteilt, ein kleiner Trader. An der Wall Street zahlten sich die Banker schon 2012 wieder höhere Boni als je zuvor. Ausgerechnet Rahm Emanuel, damals Stabschef von Barack Obama und selbst ehemaliger Investmentbanker, zog 2024 eine bittere Bilanz: «Und so denken alle, es gäbe zwei Gesetzbücher. Es gibt ein Buch für die an der Spitze, und es gibt eine Reihe von Büchern, Pflichten und Gesetzen für alle anderen.»

Daraus entsteht die Demütigung. Für Philipp Blom ein Schlüsselbegriff. Den Verlierern der liberalen Weltrevolution hatte man Wohlstand versprochen. Wer es nicht schaffte, hatte nach dieser Logik auch moralisch versagt. «Noch nie waren Menschen so viele Versprechen gemacht worden – und noch nie so viele gebrochen. Demütigung aber war der neue Treibstoff der Politik. Sie befeuerte Annexionen und Invasionen, Revolutionen und Revolten, islamistische Attentate und populistische Triumphe.» 2014 annektierte Russland die Krim, ohne einen einzigen Schuss abzufeuern, fast genau hundert Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs. Philipp Blom erinnert an Christopher Clarks «Schlafwandler»: Die Eliten von 1914 taumelten in einen Krieg, den keiner von ihnen zu Ende gedacht hatte. Ob die Eliten von heute daraus gelernt haben, lässt er offen. «Es ist noch zu früh, eine Antwort darauf zu geben.»

Philipp Blom schreibt anschaulich und pointiert, gelegentlich auch polemisch. Die deutsche Reaktion auf die Krim-Annexion nennt er «die deutscheste aller Reaktionen: Ein Wald von erhobenen Zeigefingern schoss aus dem Boden». Im Epilog zieht er Bilanz. 2000 zählte die Forbes-Liste 470 Dollarmilliardäre, 2014 waren es 1645. Das Jahr 2010 war das globale Gipfeljahr der Demokratisierung, seither geht es abwärts. Die westlichen Eliten hätten sich in dieser Zeit «an den Rand des Abgrunds der eigenen Nutzlosigkeit manövriert». Politikerinnen wie Angela Merkel verkörperten das Versprechen, dass sich nichts ändern müsse. Philipp Blom hält dagegen: «Die Ferien von der Geschichte waren vorbei. Jetzt würde sich zeigen, wer die Stirn, das Hirn und das Herz hatte, dieser Zukunft zu begegnen.»

Kurz gesagt

Im Jahr 2000 dachten wir alle, die Geschichte sei vorbei. Doch dann kam es zu einer Reihe folgenschwerer Demütigungen. Der Wiener Historiker Philipp Blom zeigt, wie die liberale Welt zwischen 2001 und 2014 ins Straucheln kam. Nicht die Verlierer haben sie gestürzt, sondern die Sieger. Wir alle zahlen immer noch dafür.

Philipp Blom: Die strauchelnde Welt. Eine Globalgeschichte 2001-2014. Hanser, 400 Seiten, 42.50 Franken; ISBN 978-3-446-28446-3

Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783446284463

Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/

Basel, 5. Oktober 2026, Matthias Zehnder

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