Buchtipp
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Nachrichten aus einem zerrissenen Königreich: «Dear Britain» von Annette Dittert
Annette Dittert hat von 2008 bis Ende 2025 als Auslandskorrespondentin der ARD aus London berichtet. Sie ist ebenso bekannt für ihre farbenfrohen Outfits wie dafür, dass sie auf ihrem Hausboot «Emilia» lebt, das in einem Seitenkanal der Themse angedockt ist. Zehn Jahre nach dem Entscheid der Briten für den Brexit zieht Annette Dittert Bilanz. Ihr Fazit: Es steht schlecht um die alte Selbstsicherheit und gelassene Liberalität der Briten. Sechs Premierminister sind seit 2016 in die Downing Street ein- und wieder ausgezogen, einer (respektive: eine) davon nach nur fünfundvierzig Tagen. Die britische Wirtschaft hat – je nach Schätzung – vier bis acht Prozent ihres Bruttosozialprodukts verloren. Jedes dritte Kind gilt als armutsgefährdet. Sechzig Prozent der Briten halten den Brexit heute für einen Fehler, sprechen aber nicht gern darüber, weil niemand weiss, wie der angerichtete Schaden je wieder repariert werden soll. Das Chaos dieses letzten Jahrzehnts habe nicht nur mit dem Brexit zu tun. Der Austritt aus der EU habe aber die «Probleme Grossbritanniens verschärft wie ein besonders effektiver Brandbeschleuniger», schreibt Annette Dittert. In ihrem Buch hat sie Geschichten versammelt, mit denen sie zu verstehen versucht, in welche Richtung sich dieses Grossbritannien entwickelt. Sie fragt sich, was aus der berühmten, zähen Widerstandsfähigkeit der Briten geworden ist. Wie diese auf den ersten Blick seltsam archaische Demokratie funktioniert, die ihre Legitimität vor allem theatralischen Inszenierungen aus dem Feudalismus verdankt. Und natürlich geht es in ihrem Buch auch um die noch immer mächtige britische Monarchie. Der Liebe zu London tut das aber keinen Abbruch: Bei aller Kritik ist ihr Buch dennoch auch ein Liebesbrief an ihre Wahlheimat, wenn auch ein nachdenklicher.
Im Februar 2026 nimmt die britische Polizei den ehemaligen Prinzen Andrew in Gewahrsam – ein Vorgang, der wenige Jahre zuvor noch undenkbar gewesen wäre und der Grossbritannien wie ein Erdbeben trifft. Im Sommer desselben Jahres hängen plötzlich an Hunderten englischer Strassen schief geknotete St-George’s-Fahnen an den Laternenmasten, als hätten die Engländer sich heimlich darauf geeinigt, sich nicht mehr ganz sicher zu sein, wer sie eigentlich sind. Und am Strand von Whitstable, eine knappe Stunde östlich von London, hebt eine Aktivistin mit dem Gummistiefel die Eisenklappe eines Abwasserrohrs an und zeigt auf den braungrauen Strom, der sich ungeklärt ins Meer ergiesst – die «Shitpipes» einer privatisierten Wasserindustrie, die seit Margaret Thatchers Privatisierung 1989 mehr als achtzig Milliarden Pfund an Aktionäre ausgeschüttet, aber kaum etwas in die maroden Rohre investiert hat.
Es sind drei Bilder unter vielen, die Annette Dittert in ihrem Buch zu einem Befund zusammenfügt, der so unaufgeregt wie verstörend ist. Seit achtzehn Jahren lebt sie auf einem schmalen Kanalboot namens Emilia, das am Regent’s Canal in Little Venice vor Anker liegt. Im Sommer 2025 hat sie zusätzlich die britische Staatsbürgerschaft angenommen, samt Eid auf King Charles. «Dear Britain» ist deshalb eine Bestandsaufnahme von innen, geschrieben mit der Liebe einer Wahlbritin und der Distanz einer deutschen Beobachterin, die noch genug Verwunderung übrig hat für ihre eigenen Befunde.
Aus dieser doppelten Position sind elf Kapitel entstanden. Annette Dittert besucht Lady Brenda Hale, jene Richterin mit der grossen silbernen Spinnenbrosche, die 2019 Boris Johnsons illegale Auflösung des Parlaments per einstimmigem Urteil des Supreme Court zunichtemachte und damit, wie Annette Dittert nüchtern feststellt, «dort einsprang, wo eigentlich die Queen die Notbremse hätte ziehen müssen». Sie watet bei Ebbe mit der Londoner Mudlarkerin Liz durch den Themseschlamm auf der Suche nach Knochenknöpfen aus dem achtzehnten Jahrhundert. Sie fährt nach Burnley zu «Bishop» Mick, einem ehemaligen Drogendealer, der heute eine Freikirche leitet, in einem Wohnmobil auf einem Hügel über der Stadt schläft und nachts «über das, was ich selbst früher Leuten angetan habe», weint. Sie besucht Tanya Field, eine Tochter des Earl of Macclesfield, die als Sozialarbeiterin in einer Foodbank im Norden Oxfords arbeitet und erklärt: «Armut in Grossbritannien sieht heute völlig anders aus als noch bei Charles Dickens. Wer jetzt weit unten landet, versucht trotzdem, nach aussen hin irgendwie mitzuhalten. Vor allem, wenn es um Konsum und Statussymbole wie Fernseher oder das neueste iPhone geht.»
Annette Dittert nimmt sich für jedes dieser Porträts Zeit, und genau darin liegt die Stärke des Buches. Sie schreibt journalistisch genau, aber nie eilig; sie lässt die Szenen atmen und gibt ihren Gesprächspartnerinnen Raum, statt sie auf Thesen einzudampfen. Wenn Catherine Mayer, die kluge politische Journalistin und Charles-Biografin, auf ihrem grossen gelben Sofa in Holborn das verdeckte Netzwerk zwischen Buckingham Palace und Downing Street auseinandernimmt, dann sitzt man als Leserin im Loft mit dabei. Wenn Krimiautorin Julie Wassmer im Pub «The Old Neptune» in Whitstable aus ihrem inzwischen vierjährigen Rechnungsboykott gegen Southern Water erzählt, weiss man am Ende, dass es ihr nicht nur um die 1341 Pfund und 96 Pence geht, sondern um die Frage, warum die Briten nie eine Revolution gehabt haben. «Die Wurzel allen Übels in diesem Land liegt auf der Hand», sagt Julie Wassmer da. «Es hat nie einen klaren Bruch mit der Aristokratie und dem Feudalismus gegeben. Deshalb denken wir – anders als die Franzosen – heute immer noch, dass wir uns nicht wehren dürfen oder können gegen die da oben.»
Eindrücklich ist auch, wie Annette Dittert die Identitätskrise der Engländer historisch begründet. Der Historiker James Hawes, der sie mit seinem orangefarbenen Honda durch Bath chauffiert und unterwegs rote Ampeln überfährt, führt sie zurück bis ins Jahr 1066: Die normannische Eroberung habe einen Riss zwischen französisch sprechender Oberschicht und englisch sprechender Unterschicht geschlagen, der bis heute fortwirke. Bis ins achtzehnte Jahrhundert wurde im Gerichtswesen Französisch gesprochen, und noch immer treten Gesetze erst in Kraft, wenn der König sie mit der Formel «Le Roi le veult» auf normannischem Französisch unterzeichnet. «Letzten Endes leben wir dadurch bis heute in einer postkolonialen – oder von mir aus auch feudalistischen – Gesellschaft, die ihre Upperclass nie wirklich losgeworden ist», sagt James Hawes. Dass nur ein Prozent der englischen Bevölkerung mehr als fünfzig Prozent des Bodens besitzt und gerade einmal acht Prozent des Landes überhaupt öffentlich zugänglich sind, ist die direkte Folge davon.
Aus dieser tiefen historischen Schicht heraus erklärt Annette Dittert auch das gespenstische Phänomen jenes Sommers 2025, in dem überall im Land die St-George’s-Flaggen an Laternenmasten auftauchen. Der englische Nationalismus, der seit dem Ende des Empire keine Heimat mehr fand, sucht sich in der Sehnsucht nach Zugehörigkeit eine neue Bühne. Auf einer Demonstration des rechtsradikalen Tommy Robinson in London steht Annette Dittert im September 2025 vor einer grossen Leinwand, von der Elon Musk per Video in die Menge ruft: «Whether you choose violence or not, violence is coming to you. You either fight back or you die!» Die Antwort der Menge auf dem Trafalgar Square: tosender Applaus. Es sind solche Momente, in denen das Buch leise erschüttert.
«Dear Britain» bietet keine spektakulären Enthüllungen, sondern eine geduldige Spurensuche. Annette Dittert erzählt so von ihren Begegnungen, dass wir uns daraus selbst ein Bild zusammensetzen können. Sie wahrt dabei eine Haltung, die in deutschsprachigen Büchern über Grossbritannien selten ist: weder die zynische Häme über das angeblich verrückt gewordene Inselvolk noch die romantische Anglophilie der «Daily Telegraph»-Leserinnen. Sie bietet uns einen präzisen, oft melancholischen Blick auf ein Land, das sie liebt, ohne sich seine Probleme schönzureden.
Annette Dittert: Dear Britain. Auf der Suche nach der Seele Großbritanniens. DuMont Buchverlag, 256 Seiten, 34.90 Franken; ISBN 978-3-7558-0069-9
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783755800699
Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/
Basel, 18.05.2026, Matthias Zehnder
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